Wir alle kennen Versuche, Sprache so kontextfrei wie möglich zu verwenden—die Verallgemeinerungen jeglicher Demagogie (liberaler, konservativer, linker oder rechter, religiöser oder emanzipierter) können als Beispiel dienen; aber auch die vielen Formen des Lesens der Zukunft aus Glaskugeln, Handflächen, Tarotkarten, die in den vergangenen Jahren vor dem Hintergrund zunehmender Illiteralität entstanden sind. Nichts davon ist neu; neu ist nur, daß dieser Markt voller Unbestimmtheit und Ambiguität, der abweichende Funktionsweisen der Sprache erkennen läßt, in voller Blüte steht. Dies alles sind Symptome für eine Veränderung unserer Lebenspraxis, wie sie im vorliegenden Buch dargelegt ist.
Wir müssen allerdings die Veränderungen der Sprachfunktionen noch genauer erläutern. Wir wissen heute, daß die ältesten überlieferten Höhlenzeichnungen indexikalische Hinweiszeichen aus einem mündlichen Kontext, und weniger Darstellungen von Jagdszenen sind (wenn sie auch oft so interpretiert werden). Sie zeugen mehr von denen, die sie gezeichnet haben, als von dem, was gezeichnet ist. Die überholte Schriftlichkeit mystifizierter Botschaften fungiert auf ähnliche Weise. Sie sagt mehr aus über ihre Verfasser als über ihren Gegenstand, ob dieser nun Geschichte, Soziologie oder Anthropologie ist. Die gestiegene mündliche und visuelle, technologisch optimierte Kommunikation nun definiert die jenseits der Schriftkultur liegende neue kognitive Dimension des Menschen. Der Übergang vom Sprechen zum Schreiben entspricht dem Übergang von einer pragmatisch-affektiven Lebenspraxis zu einer pragmatisch-rationalen Ebene mit linearen Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer Umwelt. Sie vollzieht sich im Zusammenhang der Evolution vom Synkretistischen zum Analytischen. Der neuerliche Übergang von Schriftkultur zu einer Vielzahl von Alphabetismen wiederum entspricht einer Lebenspraxis, die sich durch nicht-lineare Beziehungen auszeichnet und die einer fortschreitenden Entwicklung vom Analytischen zum Synkretistischen entspringt. Diese Bemerkungen beziehen sich auf die europäischen Kulturen und ihre Ableger. Die ostasiatischen Sprachen weisen eine Tendenz zum Aufzeigen statt zum Erklären auf. Die analytische Struktur des logischen Denkens (die wir später eingehender erörtern) wird in der Satzstruktur der Sprache gebildet, die in diesen beiden Kulturbereichen grundlegend anders ist. Die imperative Energie des Ausdrucksvorgangs verleiht z. B. der chinesischen Sprache einen permanenten Hervorbringungscharakter (Sprechen im Vollzug, im Entstehen). Die hervorgehobene Rolle dieses Vorgangs in der asiatischen Kultur spiegelt sich in der zentralen Position des Verbs. Die Anordnung der Satzteile um das Verb herum lenkt das Denken auf die Beziehung zwischen Bedingung und Bedingtem.
Die für den europäischen Kulturkreis charakteristische Form der Logik (unter dem deutlichen Einfluß der klassischen griechischen Philosophie) spiegelt sich in der hervorgehobenen Position des Substantivs. Es ist freier und stabiler als das Verb und kann Identität, Invarianz und das Allgemeine wiedergeben. Die auf dieser Voraussetzung gründende Logik sucht die Einheit zwischen Spezies und Genus. Die Schrift der europäischen Kulturen und die ideographische Schrift des Orients haben beide auf ihre Weise Logik, Rhetorik, Heuristik und Dialektik zu definieren versucht. Aus historischer Sicht sind sie komplementär. Mit Blick auf die Geschichte des Wissen und auf die Geschichte als solche könnte man sagen, daß das europäische Abendland Wissen und Weltkontrolle, der Orient Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle erlangt haben. Es wäre utopisch (und mit vielfältigen historischen, sozialen, ideologischen und politischen Implikationen verbunden), sich eine Welt vorzustellen, die beides harmonisch vereinigt. Voraussetzung hierfür wäre im übrigen, daß sich der jeweilige Status der Schriftkultur in beiden Kulturkreisen veränderte. Eben solche Veränderungen in Richtung auf eine Konvergenz der Sprachen in den erwähnten Kulturkreisen können wir indes derzeit beobachten.
Schriftlichkeit ist nicht nur ein Instrument der Vermittlung zwischen Kulturen, sie zieht auch Grenzen. Das gilt für westliche und fernöstliche Kulturen (und alle anderen) gleichermaßen. So hält Japan zum Beispiel trotz der spektakulären Leistungen bei der Aneignung und Fortentwicklung neuer Technologien innerhalb seiner Grenzen an einem Rahmen fest, der seiner traditionellen Schriftkultur und Bildung entspricht. Außerhalb seiner Grenzen kann es sich auf andere Schriftkulturen und Bildungsformen hervorragend einstellen. Auf andere Weise trifft dies auch auf China zu. Innerhalb seiner Grenzen baut es ein internes Netzwerk auf (Intranet), ohne dies jedoch an das allumfassende Netz (Internet) ganz anzubinden, das uns in einigen Bereichen die Erfahrung der Globalität eröffnet.
Die hierarchische Organisation, mit der man sich im Westen den ehemaligen wirtschaftlichen Erfolg Japans zu erklären versuchte, ist letztlich auf die Einheit semmai-kohai, d. h. senior-junior, zurückzuführen. Diese Unterscheidung entspricht einer spezifischen Logik und Ethik, die vom Vorrang des Alten über das Junge ausgehen und die pragmatischer Natur sind. Anerkannt werden damit Erfahrung und Leistung, die im Japanischen in den Kategorien kyu, d. i. Tüchtigkeit und Geübtheit, und dau, etwa Erfahrung, ausgedrückt werden. Diese Systematik wirkt sich auf das Wirtschaftsleben, auf Kalligraphie, japanischen Ringkampf (sumo), Blumenschmuck (ikebana) und die gesellschaftliche Ordnung aus. Auch dieses System ist von der Dynamik der gegenwärtigen Veränderungen nicht unberührt geblieben.
Mit Blick auf die Leistungen der Sprache müssen wir feststellen, daß Nationalsprachen zur Abkapselung führen, angenommene Sprachen hingegen—hier besonders Englisch—als Bindeglied zur übrigen Welt dienen können. Auch die japanische Gesellschaft sieht sich einer zunehmend global organisierten Welt gegenüber und damit der Notwendigkeit ausgesetzt, neue, dieser globalen Welt angemessene Ausdrucks-, Kommunikations- und Bedeutungsmittel zu entwickeln. Einerseits zeigt sich Japan als eine an den Vorurteilen der Schriftkultur und traditionellen Bildung ausgerichtete Gesellschaft, streng hierarchisch organisiert, frauen- und fremdenfeindlich, dogmatisch; andererseits, trotz der gegenwärtigen Krise in Japan, beweist es eine erstaunliche Fähigkeit, sich auf die veränderten Bedingungen der Lebenspraxis und der Selbstsetzung als Japaner und zugleich als integrierte Mitglieder der Weltgemeinschaft einzurichten. Folglich entwickeln sich auch in dieser so homogenen Kultur neue Formen der Schriftlichkeit und Bildung, die wir im übrigen auch in China, Korea, Indonesien und den arabischen Ländern feststellen können. Und dieser Prozeß weitet sich allmählich, wenn auch langsamer als von einigen erwartet, auf die afrikanischen und südamerikanischen Länder aus.
Die globale Wirtschaft erfordert neue Beziehungsformen zwischen den Staaten und Kulturen, und diese Beziehungsformen müssen der Dynamik der neuen Lebenspraxis angemessen sein. Die zwanghafte Suche nach Identität, die sich in den multikulturellen Tendenzen unserer Tage ausdrückt, wird in der Vergangenheit keine hinreichenden Argumente finden. Den besten Beleg hierfür liefern die Aktivisten dieser Bewegung mit ihren Fehldarstellungen von historischen Ereignissen, Fakten und Zahlen. Multikulturalität entspricht der Dynamik, die sich jenseits der Schriftkultur entwickelt: sie verlagert den Akzent von der Einmaligkeit und Universalität einer einzig vorherrschenden Kultur und Kulturform auf eine Pluralität, die keine ethnische Gruppe, keinen Lebensstil, keine Kultur ausgrenzt. Wer Multikulturalität heute als eine Frage der Rasse oder Feminismus als eine Frage des Geschlechts (vor dem Hintergrund der Geschichte) behandelt, wird keine wirksame Strategie für diejenigen entwickeln können, deren Andersartigkeit heute anerkannt ist. Andersartigkeit bringt andere Fähigkeiten mit sich und andere Wege, die jeweilige Identität zur Geltung zu bringen. Die Vergangenheit ist unbedeutend geworden; die Zukunft hat uns zu beschäftigen.
Kapitel 5:
Sprache und Logik
Etwa zu der Zeit, in der Computer zum alltäglichen Bestandteil unseres Lebens wurden, entwarf ein relativ unbekannter Science-Fiction-Autor eine utopische Welt, die er non A (A) nennt. Sie ist auf unserem Planeten im Jahr 2560 angesiedelt, und non A bezeichnet eine Form der nicht-aristotelischen Logik, die in ein Computerspiel eingebettet ist, das die Welt beherrscht. Gilbert Gosseyn (im Englischen Go Sane ausgesprochen, was im Deutschen soviel wie "werde gesund", "werde vernünftig" heißt), der Protagonist dieser Welt, entdeckt plötzlich, daß er mehr ist als nur eine Person.