Jeder, der ein wenig mit der Geschichte der Logik vertraut ist, wird hier an Levy-Bruhls umstrittenes Gesetz der Mitbeteiligung denken, das von der folgenden Annahme ausgeht: "In den kollektiven Darstellungen einer primitiven Mentalität können Gegenstände, Lebewesen und Phänomene auf eine Weise, die wir nicht begreifen können, gleichzeitig sie selbst und etwas anderes sein." Die relativ undifferenzierte, synkretistische Erfahrung, die den Anfangsstadien Notation und Schrift zugrunde lag, kannte offenbar vielfältige, uns ungewöhnlich erscheinende Verbindungen. Bei der Erforschung der von primitiven Stämmen hervorgebrachten Produkte hat sich gezeigt, daß einerseits das visuelle Denken vorherrscht, und andererseits die Funktionsweise des Menschen in einem Zusammenhang gedacht wird, den wir heute multivalente Logik nennen würden.

Obwohl die Welt von non A in ferner Zukunft liegt, beschreibt sie doch eine Logik, die wir mit einem lange zurückliegenden Stadium der menschlichen Entwicklung verbinden. Aus der Anthropologie wissen wir, daß es noch heute in den Regenwäldern des Amazonas und in entlegenen Eskimo-Gebieten Stämme gibt, deren Angehörige sich nicht nur als sie selbst begreifen, sondern zugleich als etwas anderes, als Vogel, Pflanze oder als vergangenes Ereignis. Hierbei handelt es sich nicht nur um eine andere Sprachverwendung, sondern um eine andere Form der Identitätsbildung. In diesem pragmatischen Zusammenhang übersteigt der logische Schluß die Grenzen, die ihm die aristotelische Logik mit ihrem Dualismus von wahr und falsch setzt. Möglicherweise ist der Begriff der multivalenten Logik eine gute Bezeichnung für diese Art von Schlußfolgerung; er liefert indes keine Erklärung dafür, warum die Selbstkonstituierung auf solche Mechanismen zurückgreift und wie sie funktionieren. Selbst wenn wir eine Antwort darauf finden würden, müßten wir uns doch fragen—da sich unsere Selbstsetzung nach einer anderen Logik vollzieht—, welche Beziehung zwischen der Spracherfahrung und dem logischen Rahmen jener Menschen besteht, die in der non-A-Welt vergangener Zeiten lebten. Der in solchen Stämmen vorherrschende Umgang mit Bildern erklärt, warum es ein logisches Kontinuum anstelle der scharfen Trennung zwischen wahr und falsch, gegenwärtig und abwesend gibt. Mehrwertige Logik in den verschiedensten Ausprägungen und pragmatischen Zusammenhängen wurde zurückgedrängt, als Sprache ihre schriftliche, auf einem Alphabet basierende Form annahm und das Denken sich in schriftlichen Ausdrücken stabilisierte. Die Bewußtmachung von Verbindungen, die dezidiert in die Erfahrung eingebunden sind und in einem Korpus intelligiblen Wissens quantifiziert werden, klären den logischen Horizont. Mit der Unterdrückung einer multivalenten Logik wurden Einheiten nur als das konstituiert, als das sie die Erfahrung erscheinen ließ, und nicht mehr als viele Dinge gleichzeitig.

Der Wechsel von der Mündlichkeit zur praktischen Erfahrung der geschriebenen Sprache wirkte sich auf viele Aspekte der menschlichen Interaktion aus. Die Schrift brachte einen Referenzrahmen mit sich, Möglichkeiten des Vergleichs und der Bewertung, und damit überhaupt eine Vorstellung von Wert, als Ergebnis einer Wahl unter einer begrenzten Anzahl von Optionen. Mündlichkeit wurde von denen kontrolliert, die sie ausübten. Die durch Zeichen auf einer beschriebenen Oberfläche stabilisierte Schrift ermöglichte eine neue, analytische Form des Fragens. Im Verlauf der Zeit ergaben sich in der geschriebenen Sprache eine Reihe von Assoziationen, einige aus dem visuellen Aspekt der Schrift, andere aus bestimmten Schriftmustern, Wiederholungsformen und ähnlichem. Schrift regte zum Vergleich von Erfahrungen der Selbstkonstituierung an, indem sie den Vergleich verschiedener Aufzeichnungen ermöglichte. Die Erwartung, daß alles Aufgezeichnete akkurat aufgezeichnet ist, ist der Schrifterfahrung implizit. Die skeletthafte Form der Anfänge der Schrift bot sichtbare Verbindungen, die innerhalb der Mündlichkeit verblaßten.

Logik ist, sehr allgemein definiert, die Disziplin der Zusammenhänge—"Wenn das eine, dann das andere." Diese Denkfigur kann auf vielfältige Weise ausgedrückt werden, formale Ausdrücke eingeschlossen. Die in der Mündlichkeit gegebenen Zusammenhänge waren spontan. Mit der Schrift gingen die Stabilisierung der Erfahrung und ein methodisches Versprechen einher. Die Methode besteht in den Schlußfolgerungen, die sich aus den Verknüpfungen ergeben. Das besagt nichts anderes, als daß die der Mündlichkeit innewohnende Logik eine natürliche Logik ist, die natürliche Zusammenhänge wiedergibt, welche von den sich in der Schrift niederschlagenden Verknüpfungen unterschieden sind. Die Schrift liefert gewissermaßen das Röntgenbild eines nur schwer faßbaren Erfahrungsschatzes, in dessen Tiefen sich Verknüpfungen und ihre praktischen Implikationen abzuzeichnen begannen.

Das Bewußtsein von Zeit und Raum wird relativ langsam gewonnen. Dementsprechend drückt es sich aus als ein allmählich sich einstellendes Bewußtsein davon, wie Zeit und Raum das Ergebnis praktischer Tätigkeiten beeinflussen. Wie die Zeichen ist auch die Logik in der Praxis menschlicher Selbstkonstituierung verwurzelt und entwickelt sich sehr wahrscheinlich gemeinsam mit ihnen. Gemeinsame Gegenwärtigkeit, d. h. Ko-Präsenz dessen, was unterschiedlich oder ähnlich ist, Inkompatibilitäten, Ausschließungen und ähnliche Zeit- oder Raumsituationen werden von Handlungen, Gegenständen und Personen losgelöst und bilden eine wohl definierte Erfahrungsschicht. Aus einfacheren Konfigurationen oder Verknüpfungssequenzen ergeben sich Mechanismen der Schlußfolgerung, die man aus Gegenständen, Handlungen, Personen, Situationen usw. ableitet. Zur Festmachung solcher Schlußfolgerungen eignet sich die Schrift sehr viel besser als Rituale oder mündliche Ausdrücke, womit allerdings nicht gesagt ist, daß sie damit auch die gemeinsame Teilhabe an diesen Schlußfolgerungen erleichtert. Was an Breite gewonnen wird, geht an Tiefe verloren.

Die Lebenspraxis wird damit nicht nur effektiver, sondern auch komplexer. An die Stelle physischer Leistungen treten zunehmend kognitive Leistungen. Komplexere Erkenntnis und Erfahrung ergeben sich aus erweiterten Handlungsradien und können nur noch in der skeletthaften, abstrakten Form der Verschriftlichung vermittelt werden; damit verliert die Erfahrung die reichhaltigen individuellen Merkmale derer, die sich in ihr identifizieren. Aus dem Verknüpfungsreichtum ergibt sich Handlungslogik. Der Akzent liegt dabei auf Zeit und Raum, bzw. auf dem, was wir rückblickend Bezüge, bzw. Referenz nennen. In dem Maße, in dem die Schrift die in der Zeit verlaufenden Ausdrucks- und Kommunikationsmittel (vor allem Rituale) ersetzt, verliert auch die zeitliche Logik an Bedeutung. Mit der Veränderung des pragmatischen Horizonts knüpft die Schriftkultur in Verbindung mit der ihr innewohnenden Logik ihr unsichtbares Netz, ihre eigene Metrik. Alles, was nicht in irgendeiner Weise auf diese schriftkulturelle Selbsterzeugung des Menschen bezogen ist, bleibt außerhalb unserer Verstehensmöglichkeiten. Die Sprache der Schriftkultur erweist sich als eine reduktionistische Maschine, mittels derer wir der Welt aus der Perspektive unserer eigenen Erfahrungen begegnen. Sobald wir uns bewußt werden, daß es andere Erfahrungen gibt oder daß sie doch möglich sind, versuchen wir, sie zu verstehen; wir wissen aber, daß wir dadurch, daß wir sie in unsere eigene Spracherfahrung einbinden, die Bedingungen ignorieren, unter denen sie gewonnen wurden. Mündliche Erziehung beruhte auf der zusammenhängenden Einheit von Eltern und Kind, und Erinnerung, d. h. Erfahrung, wurde auf unmittelbarem Wege übertragen. Die Schriftkultur setzte an die Stelle dieser zusammenhängenden Einheit die Mittel, Diskontinuitäten und Unterschiede zu erkennen und festzumachen. In irgendeiner Form der Aufzeichnung speicherte sie alles, was sich auf die gesamte menschliche Erfahrung bezog. Aber mit der Aufzeichnung stellte sie auch eine neue Form der Erfahrung mit eigenen Werten dar.

Wir haben behauptet, Schriftlichkeit sei eine reduktionistische Maschine; sie reduziert Sprache auf einen Korpus von allgemein akzeptierten Weisen des Redens, Aufzeichnens und Lesens, die zwei Arten von Regeln entsprechen mußten: solchen der Zusammenhänge (Logik) und solchen der Grammatik. Im Rückblick auf diese Entwicklung können wir verstehen, inwiefern die Schrift die Erfahrung menschlicher Selbstkonstituierung durch Sprache beeinflußt hat. Insofern teilen wir auch nicht die Meinung derer, die in der Nachfolge des jungen Wittgenstein eine der Sprache immanente Logik für gegeben halten und ihre Aufgabe darin sehen, das ans Licht zu bringen, was die Sprachzeichen verbergen. Sprache besitzt keine innere Logik; jede praktische Erfahrung bezieht Logik und kontaminiert alle menschlichen Ausdrucksmittel durch die Schlußfolgerung aus dem, was möglich ist, auf das, was nötig ist.

Logiken hinter der Logik

Die im Sprachgebrauch angelegte Koordinationsleistung hat sich im Verlauf der Sprachverwendung fortentwickelt. Unverändert blieb allerdings die Struktur der Koordinationsmechanismen. Logik, wie wir sie heute kennen, also eine Disziplin, die durch den schriftlichen Gebrauch der Sprache legitimiert ist, beschäftigt sich mit den strukturalen Aspekten verschiedener Sprachen. Wenn wir den Koordinationsmechanismus von Schrift und Schriftkultur, der die Logik mit einbezieht, auf diese aber nicht allein reduzierbar ist, begreifen, können wir auch besser verstehen, wie und warum sich jene Bedingungen herausgebildet haben, die zur Schriftkultur führten. Dieser Koordinationsmechanismus bestand aus Regeln für den korrekten Sprachgebrauch (Grammatik), aus der Bewußtwerdung der für die Lebenspraxis spezifischen Zusammenhänge (Logik), aus Überredungsmitteln (Rhetorik), der Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Optionen, Erfindungskunst (Heuristik) und der Argumentation (Dialektik). In ihrer Gesamtheit lassen sie erkennen, wie komplex der Vorgang der Selbstkonstituierung ist; einzeln betrachtet erhellen sie die fragmentierten Erfahrungsbereiche des Sprachgebrauchs, nämlich Rationalität, Überzeugung, Auswahl, Handeln und Glauben. Jedem (relativ) normalen Geschehensablauf liegt eine Logik zugrunde, ebenso jeder Krise, wenn wir den Begriff der Logik so weit fassen wollen, daß er die rationale Beschreibung und Erklärung der Faktoren, die zu einer Krise geführt haben, mit einschließt. Und dieser Logik wiederum liegen andere Formen der Logik zugrunde. Die Logik der Religion, die Logik der Kunst, der Moral, der Wissenschaft, der Logik selbst, die Logik der Schriftkultur: allesamt Beispiele für die vielfältigen Interessensgegenstände des Menschen, anhand derer er die jeweilige Logik dem Test der Vollständigkeit (bezieht sie sich auf alles?), der Folgerichtigkeit (ist sie widersprüchlich?) und bisweilen der Transitivität unterzieht.

Unabhängig vom Gegenstand (Religion, Kunst, Ethik, eine exakte Wissenschaft, Schriftkultur usw.) richten die Menschen die jeweilige Logik als Netzwerk gegenseitiger Beziehungen und funktionaler Abhängigkeiten ein, anhand dessen man die (religiöse, künstlerische, ethische usw.) Wahrheit zu ergründen sucht. Diese Logik, die ihren Ursprung in der anfänglichen Bewußtheit von Zusammenhängen hatte, entwickelte sich zu einem formalen System, von dem manche Philosophen und Psychologen noch immer glauben, daß es in irgendeiner Weise dem Gehirn (oder dem Geist) zugehörig ist und dessen korrekte Funktionsweise garantiert. Erfolgreiches Handeln wurde in diesem Zusammenhang als Ergebnis der Logik interpretiert, hard-wired, d. h. fest verdrahtet, als Bestandteil der biologischen Anlage. Andere Forscher begreifen Logik als Produkt unserer Erfahrung, besonders unseres Denkens, das sich auf unsere Selbstsetzung in der natürlichen und der von uns geschaffenen Welt bezieht. Als Regelwerk und Kriterienraster bezieht sich Logik auf Sprache, aber es gibt auch eine Logik der menschlichen Handlungen, eine Logik der Kunst, der Moral usw., die jeweils durch Regeln beschrieben werden, mit deren Hilfe wir Unwidersprüchlichkeit erzielen, Integrität bewahren, Kausalzusammenhänge erkennen und andere wichtige kognitive Operationen wie Hypothesenbildung und Schlußfolgerungen durchführen können.