In diesem Zusammenhang drängt sich eine alte Frage auf: Gibt es eine universelle Logik jenseits der Unterschiede in den Sprachen und in den biologischen Merkmalen, jenseits aller Unterschiede zwischen den Menschen? Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt. Aus unserer Perspektive ist sie eindeutig zu verneinen. Wir heben ja gerade Unterschiede hervor, eben weil sie sich auf unterschiedliche Formen der Logik erstrecken, welche sich wiederum aus unterschiedlichen praktischen Erfahrungen ergeben. Aber die Antwort fällt möglicherweise angemessener aus, wenn wir uns vor Augen halten, daß die Hauptsprachsysteme unserer Welt unterschiedliche logische Mechanismen verkörpern, die sich auf die Koordinierungsfunktion der Sprache auswirken.
Wir müssen diese logischen Systeme kurz betrachten, weil sie auch die Bedingungen erhellen, die die Schriftkultur notwendig gemacht hat und unter neuen pragmatischen Bedingungen weniger notwendig, wenn nicht gar überflüssig, macht. Vor allem müssen wir fragen, ob in einer globalen Welt vereinheitlichende Kräfte oder heterogene und diversifizierende Kräfte, wie sie in den verschiedenen Schriftkulturen und den daran gebundenen logischen Formen verkörpert sind, wirksam werden. Aristoteles gilt gemeinhin als Begründer der im westlichen Sprachsystem angelegten Logik. Die griechische Schrift bot das geeignete Medium für seine Logik der richtigen Schlußfolgerung aus in Sätzen ausgedrückten Prämissen. Die Schriftkultur wurde das Haus dieser Logik und verlieh ihr zugleich eine Gültigkeit und eine Dauerhaftigkeit, die sie noch heute unantastbar macht. In den östlichen Sprachsystemen finden sich ähnlich bedeutende Beiträge in den philosophischen Hauptschriften des alten China und des alten Japan sowie in Hindu-Texten. Anstelle eines zwangsläufig oberflächlichen Überblicks möchte ich ein Zitat des Fung Yu Lan zum Wesen der chinesischen Philosophie (das zugleich repräsentativ für den gesamten Fernen Osten ist) heranziehen: "Philosophie darf nicht nur Gegenstand der Erkenntnis sein, sondern muß auch Gegenstand der Erfahrung werden." Aus der Begründung der chinesischen Philosophie in der Erfahrung ergeben sich nicht nur die Unterschiede zur indischen Philosophie, sondern auch zu den philosophischen Prinzipien der westlichen Welt.
Die in den indoeuropäischen Sprachen zum Ausdruck kommende Logik gründet auf einer Unterscheidung zwischen Gegenstand und Handlung, die sich sprachsystematisch in den Kategorien von Substantiv und Verb ausdrückt. Über 2000 Jahre lang hat diese Logik die Struktur der Gesellschaft bzw., wie Aristoteles sagen würde, der Polis beherrscht und gestützt. Aristoteles definierte den Menschen als gesellschaftliches Wesen, als zoon politikon, und seine Logik ist der Versuch, jene kognitive Struktur herauszuarbeiten, die den richtigen Schluß aus in Sätzen ausgedrückten Prämissen erlaubt. Er versuchte dabei, die Logik so unabhängig wie möglich von der verwendeten bzw. von der jeweiligen in anderen Lebensgemeinschaften gesprochenen Sprache zu sehen. Ganz ähnliche Ziele verfolgen diejenigen, die heute formale Sprachen entwerfen.
Neben der sprachlichen Behausung der aristotelischen Logik gab es ein anderes Sprachsystem, in dem das Verb (das sich auf die Handlung bezieht) im Objekt assimiliert war, nämlich Chinesisch und Japanisch. Jede Handlung wurde substantivisch ausgedrückt (das Jagen, Rennen, Sprechen), so daß auf diese Weise ein nicht-prädikativer Sprachmodus entstand. Eine aristotelische Konstruktion sieht folgendermaßen aus: Falls a gleich b ist (der Himmel ist bedeckt), und falls b gleich c ist (das, was ihn bedeckt, sind Wolken), dann ist auch a gleich c (ein bewölkter Himmel). Nicht-prädikative Konstruktionen kommen nicht zu derartigen Schlußfolgerungen, sondern gehen von einer Bedingung in die andere über wie etwa in der folgenden Weise: bedeckt sein, Bedeckung in Wolkenform, Bewölkung assoziiert Regen, Regen… Es handelt sich hierbei also um nach hinten offene Verknüpfungen im status nascendi. Wir sehen, daß die aristotelische Logik die Wahrheit des Schlusses aus der Wahrheit ihrer Prämissen entwickelt und dies auf eine formale Relation gründet, die von beiden unabhängig ist. In einer nicht-prädikativen Logik verweist die Sprache lediglich auf mögliche Relationsketten, wobei sie implizit anerkennt, daß gleichzeitig auch andere möglich wären. Direktes Wissen wird hier nicht abgeleitet, und ebenso wenig werden die Schlußfolgerungen einem formalen Test auf ihre Wahrheit oder Unwahrheit unterzogen. Der abstrakten und formalen Darstellung der Schlußfolgerung auf Wissen stellt dieses Logikmodell eine konkrete und natürliche Form der Darstellung gegenüber, in welcher Unterschiede bezüglich der Qualität wichtiger sind als Quantitätsunterschiede.
Aus unseren Ausführungen über die Natur der ideographischen Schrift dürfte hervorgehen, daß sich eine derartige Schrift nicht für jene Art des logischen Denkens eignet, wie es von Aristoteles und seinen Nachfolgern entwickelt wurde und das seinen Höhepunkt im westlichen Wissenschaftsverständnis und im westlichen Wertesystem fand. Die Entdeckung fernöstlicher Darstellungsformen und der aus den ganz anderen Denkweisen hervorgehenden Philosophie sowie das zunehmende Interesse an den diesen Kulturen eigenen und unserer Kultur fremden Subtilitäten hat zu mancherlei Versuchen geführt, die Grenzen zwischen diesen beiden fundamental verschiedenen Sprachkulturen zu überwinden. Sollte dies gelingen, so würde unsere Sprache und damit unser intellektuelles und emotionales Leben um Dimensionen angereichert, die den Strukturen unseres westlichen Existenzrahmens diametral entgegengesetzt sind.
Wir wählen hierfür als Beispiel die Logik des Abhängigkeitsverhältnisses. Ausgedrückt im japanischen Konzept des amé umfaßt es ein ganzes Beziehungsgefüge und eine daraus abgeleitete Logik des Handels, unterschiedliche Denkmodi und unterschiedliche Wertesysteme. Die uns bekannten, immer wiederkehrenden Mißverständnisse zwischen der westlichen Welt und Japan (aber auch anderen, in gleicher Weise geprägten asiatischen Ländern) lassen sich teilweise darauf zurückführen. Grob vereinfacht könnte man z. B. sagen, daß es sich auch im Verhältnis zwischen einem Unternehmen und seinen Angestellten ausdrückt: Wenn beide Seiten dieses Prinzip akzeptieren (was sie auch tun, weil das Prinzip des amé im Leben dieser Menschen struktural verankert ist), ergibt sich für beide Vertragspartner daraus die Verpflichtung zur bedingungslosen Treue. Amé kann sich allerdings auch auf die gegenseitigen Beziehungen innerhalb einer Familie (einschließlich aller Vorurteile) oder auf die Beziehungen zwischen Freunden beziehen. Dieser Begriff bezeichnet eine praktische Erfahrung, die weit über die genannten Beispiele hinausgeht: Sie konstituiert einen Handlungsrahmen, der nicht nur bestimmte (logisch gerechtfertigte) Entscheidungen ermöglicht, sondern den Kontext für das Denken, Fühlen, Handeln und Bewerten der in diesen Rahmen eingebundenen Menschen abgibt. Er betrifft das Verhältnis zur Sprache ebenso wie das Bildungssystem, die diese Form der Abhängigkeit als eine logische Form verinnerlicht hat, die über jegliche Individualität Priorität gewinnt. Die einzige Möglichkeit, die Logik des amé in unsere Logik zu integrieren—sofern wir dies für richtig und für möglich hielten—läge darin, die in diesem Prinzip zum Ausdruck gebrachte praktische Erfahrung nachzuvollziehen. So scheint amé auf Grenzen in unserer Sprache hinzuweisen, tatsächlich aber offenbart sie Grenzen in unseren Formen der Selbstkonstituierung, Grenzen bezüglich der Formen, mit denen wir unsere gegenseitigen Beziehungen als Teil unserer Erfahrung definieren.
Im übrigen gilt natürlich in umgekehrter Richtung genau das Gleiche. Auch hier ergab sich aus der Erkenntnis dieser Grenzen ein stark gewachsenes Interesse an der westlichen Kultur und der Wunsch, sich einiges davon in Vokabular und Verhalten anzueignen. Eine wiederum andere Faszination übte die indische Welt über den in den vedischen Texten ausgedrückten Mystizismus und allgemein über die nachdrückliche Beschäftigung mit den Daseinsbedingungen des Menschen aus. Das hat bekanntlich dazu geführt, daß viele Menschen unseres Kulturkreises in jener Kultur eine Alternative suchen zu dem, was sie als überkonditionierte Existenzform, als Leistungs- und Konkurrenzdruck empfinden. Der bewußte Ausstieg aus der Schriftkultur und überhaupt aus der Kultur, die Suche nach Befreiung (mukti), der Ausstieg aus einer auf Nützlichkeit und Logik ausgerichteten Welt ist auch heute für viele "Aussteiger" ein erstrebenswertes Ziel. (Dieser Aussteiger muß dabei die von ihm bewunderte alternative Existenzform keineswegs wirklich verstanden und vollkommen angenommen haben; in vielen Fällen kopiert man lediglich einen Lebensstil und gibt sich einem exotischen Eskapismus hin; junge Israeli dürften hierfür ein geeignetes Beispiel sein).
Kurz: Aus der Entwicklung von Sprache und Logik innerhalb der vielen uns bekannten Kulturen können wir die sehr komplexe Beziehung ablesen zwischen dem, wer wir sind und was wir sind: zwischen unserer Sprache und der Logik, die die Sprache ermöglicht und später verkörpert. Jäger in europäischen Ländern und Jäger in fernöstlichen Ländern, in Afrika, Indien und Papua, Sammler, Fischer, Landwirte—sie alle entwickeln eine je unterschiedliche Beziehung zu ihrer Umwelt und zu den Führungsgestalten in ihrer jeweiligen Lebensgemeinschaft. Die Art und Weise, in der ihre relativ einfachen Erfahrungen in Sprache und andere Ausdrucksformen gekleidet sind, spielt eine wichtige Rolle für die Art und Weise, wie gemeinschaftliche Erfahrung, Religion, Kunst, die Errichtung eines Wertesystems, später Erziehung und Identitätswahrung organisiert sind. Es gibt allerdings auch etwas ihnen allen Gemeinsames, und das bezieht sich in aller Regel auf jene Beziehungen, die sich im Arbeitsprozeß abspielen und die sich auf die Effizienz auswirken. Diese Gemeinsamkeiten sind entscheidend für unser Verständnis der Rolle, die die Sprache und die Logik in den verschiedenen Stadien der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung gespielt haben und heute spielen.
Die Pluralität intellektueller Strukturen
Angesichts der Bedeutung, die die Skala bei der Selbstkonstituierung des Menschen durch Sprache spielt, liegt es nahe zu fragen, inwieweit auch die Logik durch die Skala beeinflußt ist. Auf den ersten Blick hat Logik mit Skala nichts zu tun. Schlüsse bleiben gültig unabhängig davon, wie viele Menschen sie gezogen bzw. nachvollzogen haben. Das ist aber nur die universalistische Sehweise. Wenn wir die Herausbildung von Logik betrachten und sie auf die praktische menschliche Erfahrung zurückführen, welche sich aus dem Bewußtsein von Verknüpfungen ergibt, dann ist es nicht mehr so sicher, ob Logik wirklich von Skala unabhängig ist. Einige Erfahrungen wären tatsächlich ohne das Erreichen einer kritischen Masse gar nicht möglich gewesen, und die Beziehung zwischen einfach und komplex ist nicht nur rein progressiver Art. Sie ist eine multivalente Relation, natürlich auch mit zuwachsenden Elementen.