Häufig spiegeln auch die Prüfungsstrukturen diese Misere wider. Die in den Vereinigten Staaten weitverbreiteten Testverfahren zur Leistungsüberprüfung von Studierenden gründen auf einer Dichotomie, die den Studenten dazu anleitet, auf bestimmte Fragen zu reagieren, statt ihn in seiner kreativen Leistungsfähigkeit zu fördern. Also werden—auch in den Erwartungen der Studierenden—Lehre und Lernen auf das Abschlußexamen abgestellt, nicht auf den Gegenstand. Kein Wunder, daß die wirklich guten Studenten frustriert sind und das Gefühl haben, sich nicht entfalten zu können. Die kreative Neugier, die mit 14 Jahren noch gut ausgebildet war, wird durch die bürokratischen Tests eher abgestumpft, die im übrigen meist nur wegen ihrer niedrigen Kosten durchgeführt werden. Dennoch wirken sie sich nachhaltig auf die Strukturen der Lehre und des Lernens aus. Die eigentlichen Schlüsselaktivitäten—sich auf neue Situationen einstellen zu können und sie kreativ vorherzusehen—werden indes durch solche Strukturen konterkariert.

Die geringste Lehrqualität findet sich heute im Grundstudium der Universität, welches weitgehend von Assistenten und Lehrpersonen vergleichbaren Status durchgeführt wird, während die Professoren ihre Zeit darauf verwenden, Drittmittel für ihre Forschung anzuwerben. Auch diese Tatsache ist darauf zurückzuführen, daß wir bislang weder willens noch in der Lage waren, unsere Bildungsstrukturen an die neuen Lebensumstände anzupassen, die einen von uns selbst verursachten Bedarf an erhöhter Effizienz beinhalten. Im übrigen trägt auch die alleinige Orientierung an den Abschlußzensuren als Leistungsindikator zur Beibehaltung der Unterrichtsstrukturen bei. Denn damit wird gerade das, was die Qualität der Ausbildung negativ beeinflußt, zum einzigen Maßstab gemacht. Es ist daher wohl kein Zufall, daß das in den Vereinigten Staaten am meisten nachgefragte Buch über die Universitäten—die heutigen Erziehungsfabriken—eine Anleitung zum erfolgreichen Täuschen in Prüfungen ist.

In den vergangenen Jahren hat man verschiedentlich die Bildungssysteme der Vereinigten Staaten und Japans oder westeuropäischer Länder und die jeweiligen Absolventenleistungen miteinander verglichen. Dabei traten einige bemerkenswerte Erkenntnisse zutage. So verbringen die japanischen Studierenden etwa genausoviel Zeit vor dem Fernsehapparat wie die amerikanischen Studenten, hingegen wird unterschiedlich viel Zeit für die Lektüre aufgebracht. Japaner lesen doppelt soviel wie amerikanische Studenten, Japaner verwenden auch etwa die doppelte Zeit für ihre Vor- und Nachbereitung zu Hause, entsprechend weniger Zeit steht für Unterhaltung zur Verfügung. Ist also Japan ein Modell für unser Bildungssystem? Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß japanische Studierende bei allen naturwissenschaftlichen Tests hervorragend abschneiden, müßte die Antwort positiv ausfallen. Wenn wir aber die allgemeine Leistungsfähigkeit, das kreative Potential, vergleichen, ist die Lage schon etwas zurückhaltender zu beurteilen und erklärt teilweise die Japankrise. Bei allen Nachteilen zeigt sich nämlich, daß die Studierenden in den Vereinigten Staaten auf die pragmatischen Erfordernisse der Berufswelt besser vorbereitet werden. Das mag an der Dynamik des Landes, nicht unbedingt am Bildungssystem liegen. Insgesamt gilt doch wohl, daß die relative Freiheit von Regulierungen, die Fähigkeit, sich an veränderte Situationen anzupassen, und die Innovationsbereitschaft die Vereinigten Staaten flexibler machen für die Bildungsmöglichkeiten, die sich uns heute bieten.

Der Preis, den die Vereinigten Staaten für den Bildungskompromiß zu zahlen haben, ist allerdings sehr hoch. Als japanische Unternehmen damit begannen, die ersten amerikanischen Universitäten aufzukaufen und damit vor dem Bankrott zu retten, wurde die Höhe dieses Preises allen deutlich. Die amerikanischen Universitäten konnten auf diese Weise der Rigidität ihres eigenen Bildungssystems entgehen, welches anerkanntermaßen am wenigsten geeignet war, sich auf diese veränderte Dynamik einzustellen. Urplötzlich wurde die weltweite Amerikanisierung durch eine Japanisierung ersetzt. Doch bei genauerem Hinsehen erweist sich wohl auch hier, daß Japan versucht, sich von den drastischen Anforderungen einer Schriftkultur zu befreien, die innerhalb des traditionellen japanischen Wertesystems die notwendige Anpassung an die neue Zeit nachhaltig behindert. Natürlich ist mangels ausreichender Kenntnisse des japanischen Bildungssystems bei solchen Beurteilungen Vorsicht geboten, dennoch zeichnet sich ein entsprechender Trend ab. Die Folgen dieses Trends sind selbstredend.

Welche Alternativen?

Bevor wir uns mit Alternativen beschäftigen, sollten wir uns vergegenwärtigen, daß wir mit den gegebenen technischen Möglichkeiten jede Information und jeden Informationstyp an jede denkbare Adresse vermitteln können. Im Gegensatz zur global agierenden Wirtschaft und der Vernetzung von Geschäften und Märkten führen unsere Schulen und Universitäten inhaltlich und organisatorisch ein Leben jenseits der Wirklichkeit; sie sind fast so anachronistisch wie die Schlösser und Paläste, die wir heute mit der Macht und den Aufgaben des Adels assoziieren, bzw. so anachronistisch, wie heute die riesigen Stahlfabriken als Sinnbild für Industrie oder die Städte als Sinnbild für gesellschaftliches Leben. Für die Aufrechterhaltung ausgedienter Strukturen und Haltungen und für Investitionen in feudale Universitätsstrukturen gibt es keine Rechtfertigung mehr. Statt dessen müssen wir unser Augenmerk auf die Dynamik individueller Selbstkonstituierung und auf den pragmatischen Horizont unserer aller Zukunft legen.

Das alte Bildungssystem in den Vereinigten Staaten oder irgendwo anders auf der Welt zu reformieren und auszubauen würde mehr kosten, als ein neues aufzubauen. In einem solchen neuen Bildungssystem müßte ein angemessenes Klima und müßten angemessene Strukturen für Interaktionen geschaffen werden, die die Fortschritte in den Kommunikationstechnologien und im interaktiven Lernen in vollem Umfang nutzen. Dafür müssen wir gar nicht das Internet oder das World Wide Web idealisieren. Aber wenn unsere Zukunft zunehmend durch kommerzielle Erwartungen und weniger durch pädagogische Bedürfnisse bestimmt wird, dann sollte sich niemand überrascht zeigen, wenn das erzieherische Potential der pädagogischen Bedürfnisse erst spät Früchte trägt.

Menschen bringen unterschiedliche Begabungen mit und entwickeln sich daher mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und in verschiedene Richtungen. Die Unterschiede zwischen jedem Einzelnen von uns sind so groß, daß die Hauptaufgabe der Erziehung nicht darin bestehen kann, aufgrund eines falschen Demokratieverständnisses Unterschiede einzuebnen, sondern sie vielmehr zu betonen und zu verstärken. Nur dies gibt einem Jedem die Chance, sich gemäß seiner eigenen Möglichkeiten zu entwickeln. Die Inhalte unserer Erziehung und Bildung, welche wir als einen immerwährenden Prozeß auffassen sollten, müssen die menschliche Erfahrung und die Mittel sein, diese Erfahrung zu schaffen und zu verstehen. An die Stelle der einen beherrschenden Sprache mit den ihr eingebauten Erwartungen, welche der Mehrheit der Studenten zunehmend als weltfremd erscheinen, muß die Fähigkeit treten, mit vielen unterschiedlichen Zeichensystemen, mit vielen Sprachen umzugehen, sich in ihnen auszudrücken, sie an die jeweiligen Umstände anzupassen und darauf anzuwenden und diese Erfahrung mit anderen zu teilen. Nun könnte man dem entgegenhalten, daß man das vor nicht allzu langer Zeit mit der modernen Mathematik versucht hat, mit dem Ergebnis, daß niemand die moderne Mathematik verstanden hat und gleichzeitig die Kenntnisse in der traditionellen Mathematik zurückgegangen sind. Darin liegt gewiß etwas Wahres. Richtig aber ist, daß die mathematisch begabten Schüler keine Probleme mit der neuen Mathematik hatten. Nur diejenigen, die unter dem Einfluß schriftkulturellen Denkens standen, hatten mit Problemen zu kämpfen. Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu können, ist doch das Grundbedürfnis klar: Wir müssen den Geist offen halten, soviel Wissen wie möglich akkumulieren, aber uns auch von nutzlosem Ballast trennen können, sofern neue Erfahrungen eine Öffnung für neue Inhalte und eine Loslösung von Althergebrachtem verlangen. Einige Studenten werden sich (in der Mathematik und in verwandten Fächern) vornehmlich auf visuelle Zeichensysteme konzentrieren, andere auf Laute und Klänge, wieder andere auf Wörter, auf Rhythmen oder auf irgendeine der Formen, in denen sich menschliche Intelligenz ausdrückt. Die interaktiven Multimedien sind nur einige der verfügbaren Medien. Andere Möglichkeiten zeichnen sich ab. Das Gleiche gilt für das Internet. Wir brauchen einen allgemeinen Rahmen, in dem sich jeder Einzelne nach seinen individuellen Bedürfnissen die Lernangebote auswählt und sie in dem Maße verfolgt, wie seine eigene Lebens- und Berufspraxis dies erfordert und anerkennt. Dafür reicht Schriftkultur und schriftkulturelle Bildung längst nicht mehr aus. Hinzutreten müssen mathematische Bildung, biologische, chemische, technische Literalität, ebenso wie das visuelle Denken und der visuelle Ausdruck. Entscheidend wird auch die Verknüpfung zwischen solchen Fächern werden, die traditionellerweise ein isoliertes Dasein führten. In dieser interdisziplinären Verknüpfung liegt ein enormes Kreativitätspotential.

Die atomistische Betreibung isolierter Unterrichtsgegenstände muß einer ganzheitlichen Perspektive weichen, die die einzelnen Fächer zur Totalität der Wirklichkeit und damit zueinander in Beziehung bringt. Effektive Instrumente der Vermittlung zwischen diesen einzelnen Bereichen wird die Effizienz der Arbeit erhöhen, die notwendige Integration bewerkstelligen und zwischen den arbeitsteiligen Wissensformen unserer praktischen Erfahrungen vermitteln. Im Zentrum unserer Bildungserfahrungen muß die Zusammenarbeit stehen, die sich an gemeinsamen Interessens- und Erfahrungsbereichen zu bewähren hat. Erziehung und Bildung müssen darauf abzielen, solche Erfahrungen auszutauschen und zu teilen. Gemeinsames kollaboratives Lernen kann die Vielfalt unterschiedlicher Interessen zu einem Brennpunkt vereinen. Dieser Ansatz weist viele Dimensionen auf: das gemeinsam gesuchte Wissen, die Erfahrung von der Vielfalt der Perspektiven und Anwendungen, das Bewußtsein von Interaktion, die Fähigkeiten zur Interkommunikation und vieles mehr. Die nach wie vor entscheidende Motivation für individuelle Leistung und individuellen Lohn wird ergänzt durch die kollaborative Erfahrung des gemeinsamen effizienten Strebens nach Leistung und Erkenntnis. In einer Zeit, in der die Begrenztheit der Ressourcen offenkundig wird und die Erwartungen dennoch exponentiell ansteigen, sind solche Erziehungsformen lebenswichtig. Dieses neue Bildungsmodell, das Individualität und Differenz in die kollaborative Erfahrung einbindet, würde im übrigen einen neuen ethischen Rahmen schaffen, den wir heute dringend benötigen. Darin wäre Konkurrenz keineswegs ausgeschlossen, aber an die Stelle des Konfliktes—der sich heute darin äußert, daß Studenten Seiten aus den Lehrbüchern herausreißen, damit ihre Kommilitonen benachteiligt sind—könnte ein allgemeines Klima der Kooperation zum gegenseitigen Vorteil treten. Wie weit sind wir von diesem Ziel entfernt?

Jacques Barzun, ganz gewiß ein Verfechter schriftkultureller Bildung, hat unserem Ausbildungssystem vorgehalten, daß es "natürliche Intelligenz nicht ausreichend" entwickele: "Wir wollten den idealen Bürger, den toleranten Nachbarn, das Engagement für den weltweiten Frieden, heile Familien mit glücklichen Familienmitgliedern schaffen, die im Sexual- und im Autoverkehr gleichermaßen erfahren sind." Daran ist natürlich überhaupt nichts auszusetzen, aber als Erziehungsziele gehen sie doch am Wesentlichen vorbei. Bürgerlichkeit bedeutet in der heutigen Gesellschaft etwas anderes als früher. Toleranz muß sich heute auf eine andere Weise als früher zeigen, z. B. in der Anerkennung und Integration von Alterität und Komplementarität. Ja, und auch Frieden bedeutet heute angesichts der vielen lokalen Konfliktherde überall auf der Welt etwas anderes. Und was Familie, Sexualität und Autokultur betrifft, so dürfte hier unsere Erziehung am deutlichsten versagt haben. Die Faktoren, die das zeitgenössische Familienleben ausmachen, finden in unseren Bildungsangeboten kaum Beachtung. Mit der Sexualität steht es nicht besser. Auf die Degradierung der Sexualbeziehungen hat unser Bildungssystem keine bessere Antwort zu bieten als die kostenlose Verteilung von Kondomen an den Schulen, was dann großartig Sexualerziehung genannt wird. Und die versierten Autofahrer haben offenbar niemals die kritischen Stimmen gehört, die sich über die Energieverschwendung Gedanken machen. Mit Wohlwollen betrachten wir, wie viele Schüler und Studenten mit eigenen Autos oder den Autos ihrer Eltern zur Schule oder zur Universität fahren, statt zu begreifen, daß auch die Ausbildung dezentralisiert werden und—warum denn nicht—die heutigen Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion besser genutzt werden müßten. Die jugendlichen Anhänger der Grünen, die sich heute gegen den Energieverbrauch stark machen, sind vermutlich dem Erziehungssystem weit voraus, müssen es aber dennoch durchlaufen. Und schließlich müßte unsere Erziehung auch die anderen Veränderungen zur Kenntnis nehmen, die mit dem Ende der Schriftkultur einhergehen, die Veränderungen im Status der Familie, der Religion, der Rechtsprechung und des Regierungssystems.