Bildung und Effizienz in Sportarten, die körperliche Kraft und Schnelligkeit voraussetzen, sind nicht unbedingt deckungsgleich. Man vergleiche etwa American football, Basketball oder Baseball mit Langstreckenlauf, Schwimmen oder dem exotischen Bogenschießen. Das klingt nach Klischee und Vorurteil. Aber es geht uns weder um das Klischee des ungebildeten Muskelprotzes noch um das des Adligen, der sein Latein ebenso gut beherrscht wie sein Pferd. Es geht um das sportliche Umfeld im allgemeinen. Für das verbreitete Bild des zwar körperlich außergewöhnlich, geistig aber weniger leistungsstarken Athleten gibt es zwar genügend Gegenbeispiele, sie stellen aber wohl dennoch eher die Ausnahme dar. Das liegt nicht daran, daß körperliche und geistige Leistungsfähigkeit einander ausschließen, sondern daß die hohen Effizienzerwartungen es nahezu unmöglich machen, in beiden Bereichen mit gleicher Intensität zu arbeiten und entsprechende Leistungen zu erzielen. Jede Form von Spezialisierung, auch und gerade im Sport, erfordert eine Konzentration von Energie und Talent auf die eine Sache. Jede Entscheidung hat ihren Preis.

Sportliche Höchstleistung setzt zwar nicht unbedingt hohe Bildung voraus, wohl aber eine Kenntnis der Sprache des Sports. Hochleistung und hohe Effizienz gründen auf einem bestimmten Typus hochspezialisierter Kenntnisse und einer speziellen Sprache: genaue Kenntnis des menschlichen Körpers, Ernährungswissenschaft, Physik, Chemie, Biologie und Psychologie spielen zusammen. Und eine jede einzelne Sportart hat sozusagen ihre eigene Wissenschaft entwickelt, die das Wissen aus vielen anderen Wissensbereichen zusammenträgt und zu neuem Spezialwissen fügt. Mit der zunehmenden Spezialisierung hat der Sport seinen Charakter als gemeinschaftliche Tätigkeit verloren. Man braucht nur das Basketballspiel von Jugendlichen auf unseren Straßen und Plätzen zu beobachten und deren Freude am Spiel und an der Bewegung mit dem professionellen Basketball zu vergleichen. Letzteres besteht aus einem Team von jeweils nur auf bestimmten Positionen hochspezialisierten Experten, deren Leistung in hohem Grad vorhersagbar, begrenzt programmierbar und nur in sehr begrenztem Maße wirklich originell ist. Die nötigen Koordinierungsmaßnahmen werden durch die natürliche Sprache erleichtert; aber die Effizienzerwartung geht über die in der Sprache konstituierte und durch die Sprache kommunizierte Erfahrung weit hinaus. Jeder Aspekt des Spiels ist in Diagrammen und Statistiken notiert; jeder Gegner minutiös auf Videoband analysiert; ständig werden neue Strategien entwickelt und taktische Spielzüge eingeübt. Am Ende eines Spiels wird diese spezielle Sprache zum eigentlichen Zweck: In den letzten 30 Sekunden ist jede Bewegung und jedes Abspiel kalkuliert, jedes Foul (und die dadurch gewonnene oder verstrichene Zeit) eingeplant.

Eine nicht geringe Rolle im Hintergrund spielt dabei die Technologie, die dem Zuschauer oft gar nicht zu Bewußtsein kommt. Sie hat mit Schriftkultur meist gar nichts mehr zu tun. Aber die Aufzeichnung und Auswertung von Bewegungsmustern, die zur Höchstleistung führen, und die ständige Optimierung dieser Muster und Erprobung oder Simulation neuer Abläufe, meist individuell auf einen bestimmten Sportler und seine persönlichen Daten zugeschnitten, gehören heute zum Alltag des Leistungssports. Oft genug werden dabei Grenzen überschritten, Regeln sehr großzügig interpretiert und die Siege durch Mittel erstrebt, die mit den hehren Idealen von Fairneß und Chancengleichheit nur noch wenig zu tun haben.

Schon immer hat der Sport die gesetzten Grenzen getestet. Einmal gebrochene Regeln konnten ihrerseits zur neuen Regel werden. Von außen herangetragene Elemente (mystische, vom Aberglauben geleitete, medizinische, technische und psychologische) sollten die Leistung erhöhen. Das Problem des Doping ist unter diesem allgemeinen Effizienzgedanken vor dem Hintergrund der allgemein abnehmenden schriftkulturellen Bildung zu sehen. Die Sprachen der Stimulanzien, Strategien und Technologien gehören zusammen, auch wenn einige mehr, andere weniger unmoralisch und gefährlich sind. Und da die Drogen immer raffinierter und entsprechend schwieriger nachweisbar werden, läßt sich gar nicht mehr genau sagen, welches Ergebnis auf rein sportliche Leistung und welches auf Biochemie zurückzuführen ist.

Nicht nur die ehemaligen totalitären Staaten des Ostblocks haben die Gruselgeschichten des Medikamentenmißbrauchs geschrieben. Auch die kommerzielle Demokratie mit ihren materiellen Verlockungen veranlaßt viele Sportler, die Leistungsfähigkeit des Körpers bis zur Selbstzerstörung voranzutreiben. Zu den gebrochenen Rekorden bei den Olympischen Spielen in Atlanta gehört auch die Zahl der Dopingkontrollen (fast 20% aller aktiven Teilnehmer).

Von allen Sportarten ist der American Football wohl die erste postmoderne Sportart, die sich im Verlauf der Zeit konsequent an die neuen Erfordernisse angepaßt hat. Wenngleich die Sprache dieser Sportart vermutlich nur einem Eingeweihten verständlich ist, sei das Phänomen hier kurz resümiert. Wie keine andere hat sie hochgradige Spezialisierung, Vermittlung, eine völlig neue Dynamik und eine ganz eigene Sprache entwickelt. Neben den 22 Positionen und den besonderen Formationen für bestimmte Spielphasen und Spielzüge wird jede der zahlreichen Funktionen innerhalb und außerhalb der Mannschaft von speziellen Arbeitsteams unterstützt: Besitzer, Manager, Trainer, Trainerassistenten und Betreuer, Spielerbeobachter und Spielervermittler, Ärzte und Berater. Die Regeln und das Grundrepertoire an Abläufen sind nicht sehr umfangreich. Sie folgen wie in vielen anderen Spielformen schriftkulturellen Prinzipien: in ihrer totalitären und zentralistischen Anlage, in der Befolgung eines bestimmten Regelwerks und damit in ihrer Sequentialität. Verbale und numerische Signale, Farbkodes u. ä. gehören zum Zeichencharakter des Spiels, das dem nicht Eingeweihten als reine, nach privaten Kodes ablaufende Komödie erscheinen muß, was durch die merkwürdige Ausrüstung der Spieler gewiß noch erhöht wird. Die Entwicklung von einer Collegesportart traditionell englischer Prägung zu dieser zeitgenössischen amerikanischen Variante läßt sich nachvollziehen. Im Vordergrund standen ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr das Spiel und die Erfahrung des gemeinsamen Spielens, sondern der unbedingte Wunsch nach Sieg. Der erhöhte Effizienzbedarf erforderte effizientere Spielmaschinen, die sich auf eine begrenzte Auswahl von Spielfunktionen beschränkten, diese perfektionierten und nur für diese Aufgaben eingesetzt wurden. Das Spiel gewann einen Konfigurationscharakter, spielt sich auf mehreren Ebenen ab, verteilt die Aufgaben nach einem strengen Schema und kann auf ein kompliziertes Kommunikationsnetzwerk zurückgreifen, das das Zusammenspiel der Funktionen sichert. Die offene Gewalt ist im Gegensatz zur inszenierten Clownerie des Wrestling authentisch und spiegelt für viele das Konkurrenzgefühl und die Feindseligkeit der heutigen Gesellschaft wider. Alle Schreckgespenster des modernen Sports sind hier vereinigt: Gewalt, Verletzung, Anabolika, Drogen, illegales Geld—und Statistiken. Der Geist dieser Sportart überträgt sich zunehmend auf andere Sportarten und andere Lebensbereiche in Politik und Geschäftswelt. Beim Baseball sind Statistiken sogar noch wichtiger. Sie begleiten nahezu jede einzelne Bewegung des Spiels und verleihen ihr eine Bedeutung, die dem Zuschauer ansonsten entgehen würde.

Der Zusammenhang zwischen dieser neuen Dynamik des Sports und der allgemeinen neuen Dynamik des menschlichen Daseins ist offensichtlich. Größere Schnelligkeit, kürzere Zweikämpfe und kürzere Aktionsphasen machen Sportereignisse in unserer heutigen Gesellschaft besser vermarktbar. Je genauer die einzelne Ausführung, desto weniger ausdrucksstark wird sie. Niemand war beim Eiskunstlaufen mehr an den Pflichtfiguren interessiert, also wurden sie abgeschafft. Aber die Kür wird von einem Millionenpublikum bewundert und gerät immer mehr zu einer Showveranstaltung. Je ausdauernder die Leistung, desto geringer die Attraktivität. Eine rasante kurze Abfahrt ist allemal aufregender als ein Langstreckenereignis. All dies ist ganz entschieden ein Kennzeichen unseres neuen Lebens jenseits der Schriftkultur. Niemand will mehr lernen, wie er die gleichen Leistungen erbringen könnte; Wissen und Lernen sind irrelevant geworden. Was zählt, ist die Leistung und das Spektakel, und das bringt die Preise ein, von denen die Sieger der antiken Olympiade, die auf ihre Weise auch verwöhnt wurden, nicht einmal träumen konnten. "Winner take all"—der Sieger bekommt alles: Das ist das vorherrschende Gesetz, demzufolge nicht mehr die Freude am Wettkampf, sondern der Sieg einziger Zweck ist.

Die Folge dieser Effizienzerwartung ist nicht nur ein relativ ungebildeter Sportler, sondern auch eine diskriminierende Vorauswahl. In den USA werden die Volkssportarten Football und Basketball von schwarzen Athleten beherrscht. Wenn man im Sport dieselben Gleichheitsprinzipien wie in anderen Lebensbereichen anwenden würde, verlöre er an Attraktivität. Das führt ironischerweise dazu, daß in den USA die schwarzen Afroamerikaner die Rolle des Entertainer für die weiße Bevölkerung spielen. Abgesehen von den enormen Verdienstmöglichkeiten im Profisport führt die Leistungsbesessenheit dazu, daß ein bestimmter, wichtiger Teil der Bevölkerung den Unterhalter für die restliche Bevölkerung spielt. Schwarze beherrschen auch die besten BasketballLigen der restlichen Welt. In der ehemaligen Sowjetunion rekrutierten sich die Teilnehmer an den Olympischen Winterspielen weitgehend aus der sibirischen Bevölkerung, für die das Skilaufen eine alltägliche Lebensform ist. In ganz Europa holen die führenden Fußballvereine (und sogar Nationalmannschaften) ihre Spieler aus Spanien, Italien, Afrika und Südamerika. Denn Effizienz ist leichter mit denen zu erreichen, die die besseren körperlichen Voraussetzungen für ein bestimmtes Spiel mitbringen, als mit denen, die man auf traditionelle Art über den Breitensport an eine bestimmte Sportart heranführt.

Die Zuschauer von Sportveranstaltungen sind durch die vermittelnde Tätigkeit des Fernsehens in ihren Erwartungshaltungen weitgehend homogenisiert. Der Sprache des Sports bedingungslos ausgesetzt, erleben sie das Ereignis und dessen Interpretationen gleichzeitig. Selbst die Mechanismen der Bedeutungszuweisung sind rationalisiert, Schriftkultur spielt bei ihrer Vermittlung keine sonderliche Rolle, eigenes Nachdenken erübrigt sich.

Diese Veränderungen im Sport—oder in anderen ähnlich veränderten Lebensbereichen—einfach nur zu beklagen, würde nicht sehr weit führen. Gewiß sind die großen Athleten des heutigen Sports schriftkulturell ungebildet (um nicht zu sagen Analphabeten). Dennoch bemühen sich angesehene Colleges in den USA um sportbegabte Studierende ausschließlich um deren sportlicher Leistungsfähigkeit willen. Diese heben zwar nicht das akademische Niveau der Bildungseinrichtung, wohl aber deren Marktwert. Bildung ist für sportliche Höchstleistungen nicht nur unnötig, sondern vielleicht sogar hinderlich. Hochleistungssportler leben aus dem Koffer—in Flugzeug, Hotel oder Trainingslager—, finden kaum Zeit für ihre Bildung oder auch nur ein eigenes Privatleben. Ihre begrenzte Sprache reicht oft nicht einmal aus, ihre Frustration zu artikulieren, wenn das erstrebte Leistungsziel einmal nicht erreicht wurde. Sie lesen nicht, sie schreiben nicht, selbst die Schecks werden von anderen gezeichnet.