Bevor wir uns diesen anderen Definitionen des Denkens und des Verhältnisses von Rationalität und Vernunft zuwenden, wollen wir einige Merkmale des zeitgenössischen Denkens, besonders in Wissenschaft und Philosophie betrachten. Im Vergleich zu vergangenen Lebensumständen ist der Anteil der Sprache im Arbeits- und gesellschaftlichen Leben zurückgegangen. Wenn sich unser Denken nur in der Sprache vollziehen würde, hieße das, daß auch der Anteil des Denkens abgenommen hat. Nur wenige würden dieser These zustimmen. Der Rest an Sprache, der in unserem Zusammenleben und im beruflichen Miteinander geblieben ist, bringt lediglich die Segmentierung unseres Lebens und unserer Interaktionsformen zum Ausdruck. Dieser Rest an Sprache, dessen Beherrschung eine weitere Bildung oder schriftkulturelle Fertigkeit voraussetzt, besteht aus gesellschaftlichen Allgemeinplätzen und eignet sich in keiner Weise als Medium für das Denken. Parallel zu der abnehmenden Bedeutung der natürlichen Sprache gewannen die Sprachen der Wissenschaft und Technologie in dem Maße an Vielfalt und Bedeutung, in dem die Erwartungen an wissenschaftliche und technologische Effizienz stiegen. Im begrenzten Umfeld der natürlichen Sprachverwendung wurden die Ausdrücke, die die Menschen für das alltägliche Funktionieren benötigen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse nach Vielfalt und Veränderung in unseren gegenseitigen Beziehungen hervorgebracht. Es sind weitgehend Sprachkonserven mit begrenzter Funktion, die aus vorangegangenen Situationen ungeachtet der sie hervorbringenden Umstände übernommen wurden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ein schriftunkundiger, ja analphabetischer Nachbar niemals auffallen würde; denn alles, worin er uns gegenübertritt, kommt ohne Bildung und weitgehend ohne Schrift aus: Autofahren, Wäschewaschen, Kochen, Bankgeschäfte, Telefonieren, Fernsehen, Einbindung in das Internet. Mit ein wenig Übung kann man all diesen Tätigkeiten nachgehen, ohne durch ein Bildungshandicap oder gar durch Analphabetismus aufzufallen. Die neuen Geräte, die neuen Stoffe, die neuen Nahrungsmittel und Arzneien, die eher im Grenzgebiet der Wissenschaft als in unserem Lebens- und Arbeitsmittelpunkt angesiedelt sind, werden die Möglichkeiten von und den Bedarf an Zivilisationsformen, die von mehr als einer Ausdrucks- und Kommunikationsform gelenkt sind, noch erhöhen.

In einer Welt, in der hochspezialisierte Tätigkeiten vorherrschen, führen auch Ungebildete oder Analphabeten im Sinne der Schriftkultur ein unbemerktes und reibungsloses Dasein, ohne ihr eigenes Leben oder die Effizienz des Systems zu beeinträchtigen. Auch hat sich ihre Rolle verändert. Denn auch eine analphabetische Rationalität ist zielorientiert, sie drückt sich lediglich mit anderen Mitteln aus. Auch sie formuliert Aussagen über das zukünftige Verhalten von Systemen, die von hochspezialisierten, extrem funktionsorientierten Sprachen betrieben werden und deren Betrieb nicht von der Bildung ihres Betreibers abhängt. Wissenschaftliche Bildung ist entweder in Fähigkeiten zu lokalisieren, die man durch Ausbildung und Einübung erwerben kann, oder aber in die Systeme eingebaut, die von Menschen betrieben werden, die weniger über deren Funktionsweisen wissen als die Maschinen selbst.

Falscher Sprachgebrauch, nachlässige Formulierungen und fehlerhafte Grammatik, Alltagsfloskeln und die Unfähigkeit oder der Unwille, ein Gespräch zu führen, sagen noch immer etwas über das Denken aus, wenn auch vielleicht etwas anderes, Unerwartetes: z. B., daß Denkformen, die auf nichtsprachlichen Zeichensystemen beruhen, effektiver und hinsichtlich der vor uns liegenden Probleme zeitgemäßer sind; vielleicht auch, daß sich das, was sich in einem Zeichensystem als angemessen und effektiv erweist, nicht mit dem gleichen Ergebnis in einen anderen lebenspraktischen Zusammenhang übertragen läßt. Die Naturwissenschaften jedenfalls versuchen sich weitgehend von den Ungenauigkeiten, Mehrdeutigkeiten und stereotypisierenden Floskeln der Sprache zu befreien; im großen und ganzen trifft dies auch für die moderne Philosophie zu, obwohl ihr keine vergleichbaren Alternativen zur Verfügung stehen. Die Aufgabe der Naturwissenschaften und in eingeschränkterem Maße auch der Philosophie liegt heute darin, Sprache(n) zu finden, die Phänomene wie Kontinuität, Vagheit und Unbestimmtheitsrelationen behandeln können.

Die hochspezialisierten Lebensformen basieren nicht mehr vornehmlich auf individuellem Wissen, sondern auf Individuen, die sich als Informationsschnittpunkte, bzw. Knoten, verstehen. Wenn die Notwendigkeit zu individuellem, selbständigem Denken abnimmt, dann entspricht dies der extremen Segmentierung unserer Arbeitswelt und dem Umstand, daß die aus dieser segmentierten Arbeit hervorgegangenen Teilbeiträge technologisch erfolgreich zusammengeführt werden könnten. Für unser Privatleben und alles, was wir für unseren Lebensunterhalt tun (Ernährung, Erholung, Unterhaltung), gilt das Gleiche. Unser Denken beschränkt sich auf das Auswählen: aus vorgefertigten Menüs, aus Konfektionsware, aus Fertigbauteilen, aus Waschprogrammen. Aber die Gegenstände unseres täglichen Gebrauchs verkörpern die Intelligenz eines anderen. Das verdinglichte Denken, das in die Genmanipulation, in Materialien und Maschinen eingegangen ist, schränkt das originale, tatsächliche Denken des einzelnen ein. Der heutige Mensch bindet sich in das Informationsnetzwerk ein und verbringt den weitaus größten Teil seines Lebens damit, Informationen zu verarbeiten: Anweisungen für Tätigkeiten, die das gewünschte Ergebnis zeitigen. Man könnte sagen, die Menschen verlassen sich auf lebendige Maschinen, die sich dem Benutzer anpassen, sich eigenständig auf veränderte Bedingungen umstellen und sich selbst reparieren. Rationalität ist zunehmend in diese Technologie integriert und damit aus dem Prozeß der individuellen Selbstkonstituierung wegrationalisiert. Die Folgen können immens sein, aber sie werden gefährlicher, je weniger wir über sie nachdenken oder uns ihrer bewußt sind.

Vergangenheit und Gegenwart haben auf dieser Ebene der Technologie keine gegenseitige Anbindung mehr. Der einzelne braucht nicht mehr zu denken, muß sich in dieses Programm, das eine Rationalität mit allerhöchster Effizienz und Vernunft verkörpert, einfügen. Niemand braucht mehr zu wissen, wie die Dinge unseres alltäglichen Lebens hergestellt werden und wodurch ihre Qualität garantiert ist. Nicht der Prozeß der Herstellung ist wichtig, sondern allein das Ergebnis. Effizienz ist vorrangig gegenüber individuellem Know-how. Das Denken ist dem Denken entfremdet in dem Sinne, daß jegliches Denken, also jegliche Rationalität, außerhalb der Selbstkonstituierung des einzelnen liegt. Es scheint, als führen dieses veräußerte Denken und diese veräußerte Rationalität ein Eigenleben. Memetische Mechanismen belegen diesen Prozeß.

In diesem unserem Stadium jenseits der Schriftkultur ziehen wir nicht nur aus der erhöhten Effizienz unseren Nutzen, wir erleben auch, wie das neue pragmatische Instrumentarium eigene, sich selbst erneuernde Antriebskräfte entwickelt. Es scheint bisweilen so, als würden nicht die Menschen um erhöhte Kreativität und Produktivität ringen, sondern als würden sich Wohlstand und Überfluß als gegebene Größen in unserem Leben um die Erfüllung der Effizienzerwartungen in unserer global angelegten Skala kümmern. Mit der technologischen Entwicklung und wissenschaftlichen Erneuerung Schritt zu halten, wird zum Selbstzweck, der irgendwie von menschlicher Vernunft abgekoppelt wurde. Die verwirrende Rationalität unbegrenzter Wahlmöglichkeit geht einher mit der Erkenntnis, daß Wertoptionen vollends verschwunden sind und kein Raum mehr bleibt für vernunftgelenktes Nachdenken. In der Folge werden die sozialen und politischen Aspekte des Daseins kurzgeschlossen, besonders diejenigen, die den Status von Wissenschaft und Philosophie betreffen. Wissenschaftliche Forschung wird oft daraufhin befragt, ob ihre Ziele überhaupt sinnvoll sind. Noch vor 15 Jahren war die Hälfte der Amerikaner der Meinung, daß Wissenschaft und Technik die vielfältigen Probleme der Gesellschaft nicht nur nicht lösen können, sondern dafür verantwortlich sind. Die Balance ist verloren gegangen, aber die Denkhaltungen derer, die den Zielen und Werten der Schriftkultur verpflichtet bleiben, haben sich deshalb nicht geändert. Sie widersetzen sich den Natur- und Geisteswissenschaften, statt sie als notwendige, wenn auch in sich widersprüchliche Einheiten aufzufassen. Und in Europa, wo man den Entwicklungen in den neuen Wissenschaften eher hinterherläuft, zeigt man sich noch zurückhaltender. Skepsis ist gesund und notwendig, aber sie hat auch ihren Preis.

Quo vadis, Wissenschaft?

Entdeckung und Erklärung sind die beiden Ebenen, auf denen das Verhältnis von Sprache und Wissenschaft relevant wird. Wir sollten vorausschicken, daß Schriftkultur und Schriftlichkeit niemals als Mittel wissenschaftlicher Forschung und auch Sprache nicht als Werkzeug für Entdeckungen angesehen wurden. Man behauptete lediglich, daß die Sprache den ersten Zugang zur Wissenschaft und damit das Fortführen wissenschaftlicher Arbeit im wesentlichen ermöglicht. Diese Behauptung traf in der Vergangenheit auch zu, solange sich wissenschaftliches Arbeiten im homogenen kognitiven Umfeld allgemeingültiger Raum- und Zeitdarstellungen abspielte. Mit der Veränderung dieses Umfelds stand dessen Ratio neuen Entdeckungen und den Erklärungen bereits gefundener Entdeckungen im Wege. Neben vielen anderen Codes greift die Wissenschaft heute vornehmlich auf symbolisches Denken zurück, wie es in Mathematik, Logik, Genetik, Informatik usw. verbreitet ist. Wissenschaft als zentralistisch organisierte Institution macht heute neuen wissenschaftlichen Arbeitsweisen Platz, die oft völlig unabhängig voneinander existieren und so der Skala des jeweiligen Interessensphänomens gerechter werden. Diese Unabhängigkeit und das Gespür für die veränderte Skala ergibt sich aus den unterschiedlichen Forschungsgegenständen der Spezialdisziplinen, aus unterschiedlichen Forschungsperspektiven und Fragestellungen sowie aus unterschiedlichen Zeichensystemen, die als effizientes Forschungsinstrument oder aber als Medium für effiziente Erklärungsmodelle bereitstehen.

Platon hatte bekanntlich ausreichende mathematische Kenntnisse als die Voraussetzung für die Zulassung zur Akademie erklärt. Heute würden die Hüter der Wissenschaften Logik, bzw. die Beherrschung von künstlichen Sprachen wie etwa Programmiersprachen, fordern, wobei diese ja selbst wiederum ständig optimiert, differenziert und durch Erwartung einer erhöhten computationalen Effizienz verändert werden. Zur Zeit des "Redners" Sokrates galt die Sprache als Grundlage und Konstituens von Städten, Gesetzen und Künsten. Zur Zeit des römischen Dichters Lukrez wurde Physik in Versen abgefaßt (7000 Hexameter legten die epikureische Atomtheorie dar). Galilei bevorzugte den Dialog in seiner italienischen Umgangssprache, damit seine Zeitgenossen die Entdeckungen der Physik und Astronomie verstehen konnten. Bei Newton wurde die Sprache durch Formeln und Gleichungen ersetzt, die seitdem das Vokabular der Physik ausmachten. Ähnliche Entwicklungen können wir in den Wissenschaftsgeschichten Chinas, Indiens oder des Nahen Osten verfolgen. Wenn also heute neue visuelle oder multimediale Sprachen entwickelt werden, dann entspricht dies unserer veränderten, auf eben diesen Phänomenen beruhenden Lebenspraxis. Sie führen zu noch mehr Arbeitsteilung, Vermittlung und neuen Interaktionsformen; sie führen hin zu einer Lebenspraxis, die eher intensional als extensional ist.

Raum und Zeit: befreite Geiseln