Die in diesen Leistungen zutage tretende naturwissenschaftliche und humanistische Erneuerung gab den eigentlichen Anschub für die industrielle Revolution. Der Wandel von der Agrarwirtschaft als Ausdruck einer relativ begrenzten Bevölkerungs- und Arbeitsskala zu industrieller Produktion erhöhte die Effizienz in einer Größenordnung, die die in jener Zeit erreichte kritische Masse der Menschheitsentwicklung widerspiegelt.
Die verlorene Balance
In der Industriegesellschaft lief die Naturwissenschaft der Philosophie den Rang ab. Aus einer ursprünglich sehr elitären, von den Hütern der Schriftkultur (der Religion) kontrollierten Tätigkeit wurde ein fest in der Gesellschaft verwurzeltes Denk- und Arbeitsprinzip. Die Philosophie nahm eine gegenteilige Entwicklung; sie opferte ihren Status als allgemeine Instanz des Fragens und der wissenschaftlichen Neugier und wurde zum Privileg einiger weniger, die sich die geistige Anschauung der Welt leisten konnten. Die Rationalität der Naturwissenschaften fand eine allgemeine Umsetzung in Technik und Technologie und erreichte mit Nahrungsmittelverarbeitung und Massenproduktion von Nahrung, mit den modernen Transportmitteln (Auto und Flugzeug), dem allgemeinen Wohnungsbau und der Verwendung von Strom als effizienter Energiequelle ihren Höhepunkt.
Einstein hat eine gewagte Hypothese aufgestellt: "Die Tragödie des modernen Menschen liegt darin, daß er Existenzbedingungen geschaffen hat, für die er selbst nach seiner phylogenetischen Entwicklung gar nicht geeignet ist." Die verlorene Balance zwischen Rationalität und Vernunft zeigt sich am deutlichsten in all den Folgen der Industriellen Revolution, die zum zügellosen Kapitalismus des 19. und 20. Jahrhunderts geführt haben. Erschöpfender Abbau von Rohmaterialien, Luft- und Wasserverschmutzung, Erosion von fruchtbarem Acker- und Weideland und geistige und körperliche Belastung des Menschen gehören zu den unmittelbaren Auswirkungen dieses Ungleichgewichts.
Diese Folgen allein würden indes nicht ausreichen, um die Vorherrschaft der Schriftkultur in der Wissenschaft in Frage zu stellen. Die eigentliche Infragestellung erfolgt durch die neue Skala der Menschheit, für die sich das Modell der industriellen Revolution und der Schriftkultur als unzureichend erwiesen hat. Die Effizienzerwartungen in ganz neuen Größenordnungen erfordern eine ganz neue Dynamik, neue Vermittlungsformen und -instanzen und damit verbundene Prinzipien der Nicht-Linearität, der Vagheit und Nicht-Determiniertheit. Die Naturwissenschaft und deren Formen der philosophischen Selbstreflexion haben schon heute Wissensbereiche erschlossen, die jenseits der von der Schriftkultur gezogenen Grenze liegen. Die frühen Erfolge in der Mikrophysik führten zur Entwicklung relativ rudimentärer Waffensysteme: als Antwort auf die erste substantielle technologische Herausforderung nicht-schriftkultureller Art. Mittlerweile ist deutlich geworden, daß wir eine neue Physik, eine neue Chemie und viele andere, erst jenseits der Schriftkultur konstituierte Wissenschaftsdisziplinen mit systemischem Fokus benötigen. Die erwähnten Wissenschaftsbereiche deuten bereits an, wie und in welche Richtung sich die Naturwissenschaften entwickeln werden; zugleich lassen sie eine neue Epistemologie erkennen, die neue Erklärungsmodelle der Welt hervorbringt und auf ihre Angemessenheit und Kohärenz überprüft. Für die wissenschaftliche Praxis spielen dabei kognitive Ressourcen, die nicht mehr durch das empirische Prinzip der Beobachtung eingeschränkt sind, eine besondere Rolle. Epistemologisch zweifelsfrei ist dabei die Tatsache, daß nahezu alle neuen Wissenschaftsformen ein Interesse am Lebendigen zeigen. Bei diesen neuen Wissenschaften, die allesamt auch philosophische Implikationen aufweisen, handelt es sich um computationale Biophysik, Biochemie, Molekularbiologie, Genetik, Medizin und um die Erforschung der Mikro- und Nanowelt.
Die Schriftkultur mit ihren strukturalen Merkmalen ist für diese neuen Erfahrungen weder die geeignete Form noch der geeignete Wissensspeicher oder auch nur ein effizientes Evaluationsinstrument. Als eine unter vielen anderen Alphabetismen behält sie ihren Bereich, für den sie angemessen ist und in dem sie die an sie gerichteten Effizienzerwartungen erfüllt. Der in der Ausdifferenzierung in viele Alphabetismen zum Ausdruck kommende Umbruch vollzieht sich als Konflikt zwischen Mitteln von nur begrenzter Effizienz und neuen Mitteln, die den Problemen enorm gestiegener Bevölkerungszahlen und dem neuen Anspruch auf Wohlstand und sogar Überfluß eher gerecht werden. Aus fast allen neuen Wissenschaftsdisziplinen entwickeln sich neue Technologien. Einige davon kennen wir bereits: Wir wissen, daß Taschenrechner, hitze- und kältebeständige Gewebe und neue Werkstoffe zu erschwinglichen Preisen die Nebenprodukte großer wissenschaftlicher Projekte (Raumforschung, Genforschung, Biophysik) sind. An andere beginnen wir uns zu gewöhnen: intelligente Stoffe, die ihre Struktur selbständig verändern können, und selbstorganisierende Stoffe.
Gedanken über das Denken
Nach weit verbreiteter Auffassung ist—wie weiter oben schon ausgeführt—das Denken an die Sprache gebunden, also ist die Sprache das Medium des Denkens. Andere (und hier beruft man sich immer wieder auf Einstein) behaupten demgegenüber, ihr Denken würde sich in Bildern, Geräuschen oder einer Mischung aus verschiedenen Sinneseindrücken vollziehen. Bis heute ist ungeklärt, ob dies eine metaphorische Umschreibung oder eine Tatsache ist. Das gleiche gilt aber auch für die Sprache. Daß wir unsere Gedanken sprachlich ausdrükken, und zwar durchaus mit Mühen und meist ungenügend, muß nicht heißen, daß wir nur in der Sprache denken. Die Tatsache, daß die Sprache ein Medium der Erklärung und Interpretation ist, Schlußfolgerungen, Ableitungen und gelegentlich hypothetisches Denken (sogenannte Abduktionen) ermöglicht, ist kein Beleg dafür, daß sie das einzige Medium dafür ist. Naturwissenschaftler denken in der Sprache mathematischer oder logischer Formeln oder in neueren Programmiersprachen, ohne sie deshalb zur alltäglichen Verständigung oder für Gedichte oder Liebesbriefe zu verwenden.
Die Schriftkultur gründet den Primat der allgemeinen Bildung auf die Überzeugung, daß das Denken sprachlicher Natur sei. Dementsprechend ist eine gute Sprachbeherrschung, wie sie in den Regeln der Schriftkultur kodifiziert ist, Voraussetzung für erfolgreiches Denken. Abgesehen davon, daß dies ein Zirkelschluß ist, der die Voraussetzung zum Ergebnis macht, hätten Wissenschaft und Philosophie dieser kühnen Annahme so manches entgegenzusetzen. Sie ist niemals bewiesen worden, und angesichts der Verbindungen zwischen allen Zeichen, die am Denkprozeß beteiligt sind, ist sie wohl auch nicht zu beweisen. Bilder lassen Wörter assoziieren, aber andere Sinneseindrücke tun dies auch. Worte wiederum rufen Bilder, Musik und ähnliches hervor. Die integrative Natur des Denkens ist vermutlich durch freiwillige Entscheidungsmechanismen oder durch genetische Mechanismen bestimmt, die so strukturiert sind, daß sie ein bestimmtes Zeichensystem (Sprache, die Formelsprache der Mathematik, Diagramme) als vorherrschend anerkennen, ohne dabei Denkweisen auszuschließen, die nicht auf diesen Voraussetzungen beruhen.
Das Verständnis von Denken als sprachlichem Denken hat zu bestimmten Formen der Lebenspraxis geführt, die nur unter dieser Voraussetzung entstehen konnten. Wir können Denken aber auch anders definieren, was wiederum zu anderen notwendigen und nützlichen Denkweisen führen kann oder bereits geführt hat. In diesem Zusammenhang stellt sich besonders eine Frage: Müssen wir denkende Maschinen—d. h. Programme, die vollkommen autonom solche Operationen durchführen, die wir üblicherweise mit menschlichem Denken verbinden—deshalb von der Diskussion ausnehmen, weil sie keine schriftkulturelle Bildung besitzen? Viele wissenschaftliche Versuche wären unter solchen Voraussetzungen gar nicht erst auf den Weg gebracht worden, dazu gehören vor allem die vielen neuen Entwicklungen von intelligenten, selbstregenerierenden Werkstoffen. Diese wissenschaftlichen Disziplinen, die auf ungewohnten Denk- und Arbeitsweisen beruhen, welche relativ unabhängig von Sprache, Bildung und Schriftkultur funktionieren, haben zu anderen, komplementären Definitionen von Denken und Rationalität geführt. Indem man Denken mit anderen menschlichen Regungen—mit Emotionen, Humor, Ästhetik oder der Fähigkeit, Gedanken durch verschiedene Medien, Sinne oder Sprachen zu projizieren—zusammen sieht, wird man vermutlich zu noch kühneren wissenschaftlichen Ansätzen und Fragestellungen gelangen.