Wissenschaft und Philosophie—mehr Fragen als Antworten

In einigen führenden Wissenschaftsbereichen werden Forschungsergebnisse ausgetauscht, sobald sie vorliegen. Der geradezu behäbige Prozeß der Drucklegung und des vorausgehenden Begutachtungssystems wollen nicht so recht in dieses Bild passen. Auf den Web-Seiten einiger Forschungseinrichtungen tritt an die Stelle des Begutachtungsverfahrens, das von geriatrischen Hierarchien beherrscht wird, der direkte Austausch zwischen den wirklichen Leistungsträgern in der Forschung: Bahnbrechende Hypothesen werden diskutiert, kritisiert, weiterentwikkelt. Die Kommunikationsmedien sind Instrument und zugleich Vermittler vieler Forschungsprojekte. Bilder, Daten und Simulationen als Teil der Arbeit sind allgemein zugänglich und in Formaten verfügbar, die sofort weiterverarbeitet oder in technologische Testverfahren überführt werden können.

Der neue Rahmen wissenschaftlicher Arbeit wirft natürlich eine Reihe von Fragen und Problemen auf, von denen nicht zuletzt die des geistigen Eigentums und der wissenschaftlichen Seriosität dringend einer Lösung bedürfen. Dennoch hat sich das allgemeine Umfeld von Forschung und Wissensvermittlung nachhaltig geändert, und die meisten Wissenschaftler wissen, daß die traditionellen, aus der Schriftkultur erwachsenen Modelle keine ausreichende Antwort darauf darstellen. So schön die durch die Technologie des Industriezeitalters verkörperte Forschung ist, trägt sie doch wenig oder gar nichts zum wissenschaftlichen Fortschritt in der Nanotechnologie, der Bioinformatik, der Flüssigkeitsdynamik oder anderen Grenzbereichen moderner Forschung bei. Genexpression und Proteinsynthese sind—gemessen an Arbeitsaufwand und Ergebnissen—Jahrhunderte weiter als alles, was in der Vergangenheit je erforscht wurde. Wenn man die ständig neu entstehenden Wissenschaftsdisziplinen hinzuzählt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschheit sich jenseits der Schriftkultur neu erfindet.

Der folgende Überblick vermittelt einen Eindruck vom Umbruch in den Wissenschaften, vom Gegensatz zwischen den fast schon plumpen wissenschaftlichen Bemühungen einer durch Maschinenverarbeitung gekennzeichneten Ära und der wissenschaftlichen Ebene der atomaren und subatomaren Reorganisation.

Identische Komponenten können in unterschiedlicher Anordnung einmal als Graphit oder Diamanten, ein anderes Mal als Sand oder Silikon für Chips Gestalt annehmen. Die Liste dieser Möglichkeiten verweist auf eine Wirklichkeit, die unvorstellbare Folgen für uns haben wird, die aber fast täglich durch eine nicht endende Serie neuer Entdeckung bestätigt wird. Leben auf dem Mars, molekulare Selbstorganisation, Proteinfaltung, Abbildung mit atomarer Auflösung, Nanowerkstoffe mit unvorhersehbaren Eigenschaften, Fortschritte in der Neurologie—diese Auflistung sieht aus wie eine Sammlung reißerischer Schriftentitel, spiegelt aber eine Wissenschaftswirklichkeit wider, die beständig durch neue und noch kreativere Untersuchungen weiterentwickelt wird. Deshalb hat es gar keinen Sinn, das gesamte Spektrum neuer Forschungsansätze aufzulisten. Wir wollen statt dessen die Gesamtentwicklung unter einem dynamischen Gesichtspunkt verfolgen. Vor allem möchte ich dabei den Eindruck vermeiden, die Wissenschaft als die eigentliche Antriebskraft des Umbruchs hinzustellen, als könnten die ihr zugrundeliegenden Motivationen und Mittel Richtung und Zweck der Menschheit definieren.

Rationalität, Vernunft und die Skala der Dinge

Die aufgewiesene Dynamik des Umbruchs in Wissenschaft und Philosophie steht im Zusammenhang mit der zugrundeliegenden Struktur jener Lebenspraxis, die die Abkehr von der Schriftkultur herbeigeführt hat. Beide weisen eine Rationalität auf, die die praktischen Erfahrungen zu überzeugenden Schlußfolgerungen (gelegentlich auch logische Schlüsse genannt) und zu Aussagen über zukünftige Ereignisse (in Natur und Gesellschaft), bis hin zu deren Beeinflussung und Kontrolle führt. Rationalität hängt insofern mit Effizienz zusammen, als sie bei der Auswahl der Mittel zur Erreichung bestimmter Zwecke mitwirkt oder bei der Abwägung der Voraussetzungen, die zu bestimmten Handlungsweisen führt. Rationalität ist zielorientiert. Vernunft dagegen ist wertorientiert; sie begleitet den Menschen bei der Entfaltung seiner Identität unter dem Gesichtspunkt der Angemessenheit. Rationalität und Vernunft bedingen sich gegenseitig. An den Achsen richtig und falsch, gut und schlecht wird menschliches Handeln und Empfinden in der unter dem Schutz der Schriftkultur entworfenen Matrix von Leben und Arbeit dargestellt.

Der Prozeß, in dem Rationalität und Vernunft zu Merkmalen der menschlichen Selbstkonstituierung werden, ist lang und mühsam. Menschen, die sich in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen bestimmen, gehen ein Netz von Abhängigkeiten und Verbindungen ein. In einer begrenzten Skala des Daseins finden Vernunft und Rationalität zusammen. Sie entwickelten sich jedoch bald schon unabhängig voneinander, bereits in den frühen Siedlungs- und Bewirtschaftungsformen wurde man sich der Unterschiede in den Zielen und Mitteln beider Prinzipien bewußt, bis dann in der Kulturphase, in der Werkzeuge und andere Gegenstände hergestellt wurden, Vernunft und Rationalität getrennte Wege einschlugen. Mit dem Aufkommen der Wissenschaften schließlich gerieten beide nicht selten in Konflikt miteinander: Manches kann richtig, muß aber nicht gleichzeitig gut sein. Es gibt eine Rationalität (zielorientiert auf Vermehrung von Besitz und Vermeidung von Verlust gerichtet), die sich den Anschein der Vernunft gibt—Handlungen zur Unterstützung jener Kräfte, die Natur und Materie unter Kontrolle bringen. Parallel zur Wissenschaft manifestierten sich Magie und Aberglaube—Alchemie, Astrologie, Zahlenmystik—mit dem Ziel, den sich nach den Maßstäben des Guten entfaltenden Menschen mit der ihn behausenden Welt zu versöhnen.

In einigen Kulturkreisen förderte die Rationalität einen Hang, die Natur zu bearbeiten, zu verändern und letztendlich zu beherrschen—also: die Natur einem gewünschten Ordnungsprinzip zu unterwerfen. Die Vernunft hingegen suchte nach praktischen Möglichkeiten, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu harmonisieren.

Die Schrift diente beiden. In ihr wurde Sprache zu einer Gußform für neue Erfahrungen, einem Hort für Wissen und einem wirksamen Instrument zur Evaluation und Selbstevaluation. Fast alle auf die Schrift hinführenden menschlichen Leistungen ergaben sich aus den schriftlichen Formen der Identitätskonstituierung. Die wissenschaftliche Revolution und die Neubestimmung der Geisteswissenschaften (besonders der Philosophie) im 16. und 17. Jahrhundert sind fest in der Lebenspraxis verwurzelt, die notwendig zur Schrift hinführte. Diese Entwicklung wird üblicherweise mit drei Errungenschaften verknüpft: 1. der Entstehung eines neuen Weltbildes, das sich wissenschaftlich in der heliozentrischen Astronomie und philosophisch als radikal verändertes, diesseitsorientiertes Menschenbild äußerte; 2. der mathematischen Beschreibung von Bewegung; 3. einer neuen Begrifflichkeit für die Mechanik.