In der virtuellen Welt ist die Sequentialität der Schriftsprache durch den besonderen Konfigurationskontext aufgehoben. Gegenseitige Beziehungen zwischen Objekten sind nicht mehr linear, da ihre Beschreibung nicht mehr auf dem reduktionistischen Ansatz beruht. Es handelt sich hier um ein Universum, das bewußt vage bleibt und auf eine Logik der Vagheit zurückgreift. Im virtuellen Raum beziehen sich Selbstkonstituierung und persönliche Identifikation nicht mehr auf kulturelle Bezugspunkte, die schriftkultureller Art sind, sondern auf eine sich verändernde Selbstreferenz. Die Begriffe sind wir selber. Versuche, herauszufinden, wie sich ein Mensch ohne Sprache entwickelt, könnten durchgespielt werden als Erfahrung eines Menschen, dessen Verstand eine Art tabula rasa im Virtuellen ist. Daß dieses Experiment sich aus der Praxis des Designs ergibt und nicht aus einem biologischen Zufall (ein Kind, das unter Tieren aufwächst und keine Sprache und Zivilisationsformen entwickelt), ist hier in sofern relevant, als daß das Fehlen von Sprache nur mit Blick auf Folgen für die Lebenspraxis untersucht werden kann.
Im Grunde genommen ist die gesamte Praxis des Designs virtueller Natur. Von den vielen entworfenen Bildern des Designers werden nur wenige Wirklichkeit. Was dem einen oder anderen Bild zur Umsetzung verhilft, ergibt sich aus konzeptuellen Abhängigkeiten innerhalb bestimmter pragmatischer Gegebenheiten. Das Betrachten fliegender Vögel führt nicht gleich zum Design eines Flugzeugs und das Betrachten von Fischen nicht gleich zum Entwurf eines U-Boots. Gewiß sind viele Formen des Designs aus dem Wissen entstanden, daß wir in der Begegnung mit der Natur erwerben. Aber sehr viel mehr ergeben sich aus dem Menschen selbst. Kein Vorbild in der Natur könnte zum Computer hinführen oder gar zur Entwicklung von Molekülen, Materialien und Maschinen, die sich selber reparieren, oder zu virtuellen Welten, in denen man komplizierte Fähigkeiten erwirbt und erprobt. Das Design jenseits der Schriftkultur greift hauptsächlich auf die kognitiven Ressourcen des Menschen zurück. Nahezu jede Erfahrung und Tätigkeit in diesem neuen pragmatischen Umfeld ist auf den Computer bezogen und durch ihn verbreitet.
Das Design als Hauptfaktor des Wandels, der von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft führte, hat eine Differenzierung der Ausdrucksund Kommunikationsmittel bewirkt und unsere Einstellung gegenüber der Rolle der Repräsentation und gegenüber Werten beeinflußt. Schnelle und vielfältige Datenverarbeitung unterstützt die Entwicklung elektronischer Datenspeicherung und elektronischer Recherche, die die Printmedien ergänzen und schrittweise ersetzen. Wenn im gesellschaftlichen Leben Repräsentation durch individuelle Tätigkeit und durch die Militanz von Interessengruppen ersetzt wird, dann diffundiert Politik in das Privatleben oder wird von Interessengruppen vereinnahmt, die sich der Lösung kurzfristiger, sich stetig verändernder Probleme widmen. Das in der Schriftkultur verankerte Autoritätsdenken geht in eine schillernde Autorität der individuellen Entscheidung über.
Eine Welt des Designs, in dem alles dem Design unterliegt—Gegenstände, Umwelt, Materialien, Nachrichten und Bilder (einschließlich der Bilder, die wir von uns selbst machen)—, ist eine Welt mit vielen Möglichkeiten, aber wenig Sinn für Werte. In dieser Welt hat man die Freiheit, zu wählen und Dinge ad infinitum neu zu gestalten. Alles, was unter diesen pragmatischen Bedingungen entsteht, verkörpert Erwartungen, die wir mit einer Lebensform jenseits der Schriftkultur verbinden. Nicht mehr der Gegenstand dominiert. Der beeindruckende mechanische Maschinenpark der Industriegesellschaft ist heute schon Museum. Im Gegensatz dazu sind die neuen Gegenstände idiotensicher (wohlwollender heißt das "benutzerfreundlich") und darin vielleicht Ausdruck einer allgemeinen Permissivität, die keinen disziplinierten und beherrschten Umgang mit Produkten mehr kennt.
Das Design wirkt sich auch auf unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit und Fakten aus, indem es das Imaginäre, das Virtuelle und das Meta-Zeichen in den Vordergrund treten läßt. Fakten werden durch ihre Darstellungen und durch Darstellung der Darstellungen ersetzt, und zwar in unendlicher Kette solange, bis das eigentliche Objekt in Vergessenheit geraten ist. Die positivistische Haltung gegenüber der Welt und der Erfahrung wird durch einen Rahmen relativistischer Interaktionen ersetzt, die von Bildern und Geräuschen (auch von Lärm) beherrscht werden. Bildtechnologien öffnen jedem den Zugang zum Zeichnen, so wie die Schrift jedem zugänglich war, der in ihr erzogen wurde. Der Photoapparat, der mit Hilfe von Licht auf Film malt, die elektronische Kamera, die Fernsehkamera, der Scanner und der Digitizer sind alles Zeichenmittel und Mittel für die Herstellung und Verarbeitung von Bildern in jeder nur denkbaren Hinsicht. Eine Tonkomponente kann problemlos hinzugefügt werden und die Ausdruckskraft der Bilder erhöhen. Und Interaktivität als Teil der Designpraxis garantiert die neue Dimension der permanenten Veränderbarkeit. Natürlich verwendet auch die Schriftkultur das Design, um ihr eigenes Programm zu festigen. Weniger offensichtlich ist, daß sich dabei die schriftkulturelle Praxis selbst verändert. Die Schriftkultur ist bekanntlich jene Zivilisationsform, die mit der Entwicklung der Schrift auch das eine BUCH schrieb, welches in der Folge wechselnder pragmatischer Kontexte vielfältigen Interpretationen unterzogen wurde. Aber eine Schriftkultur, die sich den Mitteln einer Zivilisation jenseits der Schriftkultur überläßt, insbesondere denen des Designs, führt zu einer Vielzahl, einer unendlichen Zahl von Büchern, die sich an individuelle Leser oder kleine Gruppen von Lesern richten, deren Interpretation möglicherweise darin besteht, daß man sie ungelesen ins Buchregal stellt. Von dieser Situation mögen wir heute noch weit entfernt sein, aber die Dynamik der derzeitigen Veränderungen weist in eben diese Richtung.
Im Internet nähern wir uns einer qualitativ anderen Form menschlicher Interaktion. Design ist auf mannigfaltige Weise darin eingebunden: DFÜProtokolle, Hypertext, Layout von Text und Bild, multimediale Strukturen. Aber kein einzelner Designer, keine Firma (nicht einmal die Institution der nationalen Verteidigung, die die Vernetzung nachhaltig unterstützt) kann für sich beanspruchen, dieses neue Medium entworfen und gestaltet zu haben. Viele haben, oft unbewußt, dazu beigetragen mit ihren Entwürfen, die sich ohne das bewußte Wollen ihrer Autoren in das Große und Ganze einfügten, dessen Aussehen und Funktionieren (oder Scheitern) niemand vorhersagen konnte. Alle diese Bilder veränderten sich jährlich, stündlich und werden sich auch in absehbarer und vermutlich unabsehbarer Zukunft verändern.
Nehmen wir beispielsweise DFÜ- (Datenfernübertragungs-) Protokolle. Sie sind das Gegenprinzip zur Schriftkultur. Ein richtig geschriebenes Wort wird zerlegt, in einzelne Pakete aufgeteilt, die einen einzigen Buchstaben (oder nur einen Teil davon) transportieren. Diese Pakete erhalten Informationen über den Zielort, aber nicht über den einzuschlagenden Weg. Wenn diese Pakete ihren jeweils eigenen Weg genommen haben, werden sie am Zielort wieder zusammengesetzt. Um jedoch wieder ein vollständiges Wort zu ergeben, müssen sie je nach Beschaffenheit weiter verarbeitet werden. Das hat gar nichts mehr mit dem Zentralismus und der Sequentialität der Schriftkultur zu tun, und im übrigen wird jede Art von Information—Bilder, Töne oder Bewegungen—auf die gleiche Weise behandelt. Viele andere Merkmale einer von Schriftkultur beherrschten Pragmatik erübrigen sich in dieser Welt dynamischer Verknüpfung auf ähnliche Weise: die formalen Sprachregeln, Determinismus, dualistische Logik. Verteilte Ressourcen führen zu verteilten Aktivitäten. Ein unvorstellbarer Parallelismus sichert die Vitalität einer exponentiell steigenden Zahl und Art von Transaktionen. Das Design wird wie alle anderen Formen der Praxis global.
Natürlich stehen wir erst am Anfang. Verkehrs-, Kommunikations- und Energieversorgungsnetzwerke wurden entwickelt, lange bevor es Computer und digitale Datenverarbeitung gab. Doch in einer Welt, in der die Bedeutung der kognitiven Ressourcen des Menschen alle anderen Ressourcen in den Schatten stellt und in der wir den globalen Effizienzerwartungen der Menschheit entsprechen müssen, ist die Vernetzung von Gehirnen nicht mehr nur ein evolutionärer Aspekt des Designs, sondern ein revolutionärer Schritt. Alle oben genannten Netzwerke können zu einem einzigen, allumfassenden Netzwerk der Menschheit zusammengefaßt werden. Ihr Potential, das über die Funktion als Transportmittel für Nachrichten, Elektrizität, Gas oder Personen hinausgeht, wird nicht einmal im Ansatz ausgeschöpft. Die integrative Kraft des Designs wird dem Begriff der Konvergenz, die sich heute auf die Integration von Telekommunikation, Medien und Computern bezieht, eine Dimension verleihen, die diese Komponenten weit übersteigt. Der Netizen—der Bürger (Citizen) der digital vernetzten Welt—ist das Ergebnis unserer Selbstkonstituierung in einer Praxis, die auf einem qualitativ neuen Verständnis von Design beruht.
Kapitel 5:
Politik: So viel Anfang war noch nie