Design vermittelt zwischen den Bedürfnissen der Lebenspraxis und den Möglichkeiten von Natur und Gesellschaft. Es verkörpert Erwartungen und geplante Veränderungen und die Notwendigkeit, sich im Grenzbereich zwischen dem Gegebenen, dem Gewünschten oder dem Erwarteten zu bewegen. Die Sprache des Designs beinhaltet Antizipationen und die Erwartung von Dauerhaftigkeit. Ästhetische Strukturierung, die in unserer Kultur verwurzelt ist und durch Technologie unterstützt wird, beeinflußt die Effizienz von Designobjekten. Die expliziten Erwartungen werden gegen die impliziten Antizipationen abgewogen. Diese ästhetische Dimension übersetzt aus den vielen Sprachen der Lebenspraxis in die Sprache des Designs und überträgt sie auf die vielfältigen Möglichkeiten, Produkte, Veranstaltungen, Materialien oder Interaktionen zu gestalten.
Man sollte den Prozeß des Designs aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven betrachten: von der ersten Skizze zu den vielen Varianten des Konzepts; eines ersetzt das andere; vielerlei Entscheidungen werden getroffen. Design ähnelt einem natürlichen Auswahlprozeß: eine Lösung hebt eine andere auf, in einem fortlaufenden Prozeß, bis schließlich ein relativ passendes Ergebnis vorliegt. Dies ist das memetische Prinzip, das erfolgreich in auf genetischen Algorithmen basierender Design-Software übersetzt wurde. Frei von jeglichen Regeln, wie sie die Schriftkultur fordert, und befreit von dualistischem Denken (der klaren Unterscheidung zwischen gut und böse, richtig und falsch) bewegt sich der Designer in einem Kontinuum von Antworten auf Fragen, die sich ihm während des Designprozesses stellen. Die Tatsache, daß verschiedene Lösungen miteinander konkurrieren, verleiht dem Design eine dramatische Note. Die prinzipielle Offenheit verweist auf prinzipielle Veränderung. Es besteht ein offenkundiger Unterschied zwischen dem Design in einem Kontext, der von einer Identität zwischen Körper und Maschine ausgeht, und dem Design im Bereich des digitalen menschlichen Klonens. Design im Bereich der Neurobionik und des Cyberbody konnte nur aus dem pragmatischen Kontext jenseits der Schriftkultur entstehen.
Und dennoch, wenn man die Wahl hätte zwischen einer Greek TempleSchreibmaschine aus dem Jahr 1890 und einem handelsüblichen Textverarbeitungssystem, inkompetent entworfen und in eine billige Plastikumhüllung gesteckt, wäre die Entscheidung nicht leicht. Das erstere ist ein Gegenstand von ausgemachter Schönheit, das ein Ideal zum Vorschein bringt, dem wir nicht mehr folgen können. Seine Einzigartigkeit machte ihn unerschwinglich für viele, die ihn benötigt hätten. Hinter oder in einem Textverarbeitungssystem stehen wie hinter jedem digitalen Verarbeitungssystem standardisierte Komponenten. Die ganze Maschine ist ein Ensemble aus Modulen. Ein Programm ist die Urform für alle existierenden Textverarbeitungsprogramme. Der Rest ist schmückendes Beiwerk. Hier liegt der Kern des Problems: maximale Effizienz zu erreichen auf der Erkenntnis, daß Rohstoffe und Energie allein bedeutungslos sind, wenn nicht das schöpferische, auf die Selbstkonstituierung ausgerichtete Bewußtsein (Mind) etwas aus ihnen macht.
Design erscheint bisweilen als der Sündenbock für Verschwendung und für Geringschätzung gegenüber der Umwelt oder für mangelnde Anteilnahme am Schicksal derer, deren Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzt werden. Daß die Menschen geradezu süchtig nach den Designerobjekten werden—nach Fernsehen, elektronischen Geräten, Designermode, Designerdrogen—wird dabei oft vergessen. Oder aber das Design wird idealisiert, weil es die Effizienz der Lebenspraxis steigert oder weil es unserer Sucht nach Mehr zu einem niedrigeren Preis ein Qualitätsbewußtsein entgegensetzt. Aber nicht die Handlung, sondern die handelnden Menschen verleihen der Kritik oder der Idealisierung Bedeutung. Damit sind wir bei der Person des Designers und seinem Selbstverständnis jenseits der Schriftkultur.
Designer beherrschen bestimmte Bereiche der visuellen Welt. Einige visualisieren Sprache: Schriftdesigner, Graphiker, Buchdrucker; andere entwerfen im dreidimensionalen Raum als Produktdesigner, Architekten oder Ingenieure. Für wieder andere ist Design etwas Dynamisches—Mode wird erst durch ihre Träger lebendig; Gärten durchlaufen jahreszeitliche Veränderungen, Jahr um Jahr; mit Spielzeug wird gespielt, und Animation ist Design mit einer eigenen Seele (anima). Die große Vielfalt von Gestaltungsmöglichkeiten ist nur wenigen Prinzipien unterworfen. Es gelten Unverfälschtheit, Folgerichtigkeit und Harmonie, Zweckdienlichkeit und natürlich ästhetische Qualität. Aber wenn man Design in seiner Gesamtheit untersuchen wollte, würde man zuallererst feststellen, daß es kein Alphabet, keine Richtlinie für richtiges Design und keine allgemein gültigen Bewertungskriterien gibt. Schriftkultur funktioniert von oben nach unten (Lexik, Grammatik und Phonetik liegen fest und sind zu befolgen). Design wählt die umgekehrte Richtung, aus dem konkreten Zusammenhang heraus hin zu neuen Antworten, so daß der Erfahrungsschatz ständig erweitert wird und unerschöpflich scheint.
Die Menschen wollen, daß ihre Umwelt (Kleidung, Schuhe, Möbel, Schmuck, Parfüme, Inneneinrichtung, Spiele, Landschaft) so gestaltet wird, daß sie im Einklang mit ihrem eigenen Design steht. Wie im Prozeß des Designs gibt es auch hier Modelle: Prominente, entworfen für den öffentlichen Konsum. Darüber hinaus versucht man, sein Leben als Design, als eine Folge von gestalteten Ereignissen, zu leben: Geburt, Taufe, Erstkommunion, Examina (an verschiedenen Punkten einer durchgestalteten Ausbildung), Verlobung, Hochzeit, Geburtstage, Beförderungen, Pensionierung, Beerdigungen und Kriege. Als gestaltete Erfahrung mit einer Vielzahl von Vermittlungen kann das Leben sehr effizient, muß aber (was die Qualität betrifft) nicht gleichzeitig ertragreich sein. Das gilt für jegliche Designtätigkeit—Produkte, Materialien, Veranstaltungen. Sie schaffen neuen Komfort, aber sie nehmen dem Menschen auch einige der Herausforderungen, anhand derer er seine Persönlichkeit entfaltet.
Die Beziehung zwischen Herausforderungen—Bedürfnisse zu befriedigen und immer höheren Erwartungen zu entsprechen—und der Entfaltung der Persönlichkeit ist kompliziert. Jede Tätigkeit weist neue Aspekte eines Individuums auf. Die Persönlichkeit vereint alle diese Aspekte und bringt sie gemeinsam mit biologischen und kulturellen Merkmalen in die nicht endenden Begegnungen mit neuen Situationen und Menschen ein. Jenseits der Schriftkultur wird der Schwerpunkt vom Außergewöhnlichen auf das Durchschnittliche verlagert, so daß Erwartungen entstehen, die sich jeder leisten kann. Das befördert den ständigen Wunsch nach Neuem, fördert aber nicht gerade das Außergewöhnliche. Meistens tritt der Designer im gestalteten Produkt, Material oder Ereignis gar nicht in Erscheinung (nicht einmal sein Name). Es interessiert niemanden, wer den Walkman, den Computer, die Bodenstation oder neue Materialien entworfen hat, welcher Designer die Designerjeans, Designerkleider, Designerbrillen, Designerturnschuhe, die Pauschalreisen oder die Olympischen Spiele entworfen hat. Es interessiert niemanden, wer die Internetseite gestaltet hat, ob sie nun Schauplatz zahlreicher Interaktionen oder nur Selbstdarstellung ist. Namen werden verkauft und aufgedruckt, allein wegen ihres Wiedererkennungswertes. Es interessiert niemanden, ob die Person hinter dem Namen wirklich existiert, solange sich der Name gut vermarkten läßt auf einem Markt, auf dem die gleiche Tasche, die gleiche Uhr, der gleiche Turnschuh oder die gleiche Brille unter verschiedenen Markennamen verkauft werden.
Man muß dies im Zusammenhang der allgemeinen Beziehungslosigkeit sehen. Nur wenige Menschen wollen wirklich wissen, wer ihre Nachbarn oder Mitarbeiter sind, und noch weniger, wer all die anderen Namenlosen sind, die an dem gewünschten Überfluß oder an der ökologischen Selbstzerstörung teilhaben. Die Schriftlosigkeit bereitet diesen durch die Schriftkultur bestimmten verschwommenen menschlichen Beziehungen ein Ende. Alle Mittel, durch die wir die neuen praktischen Erfahrungen vollziehen werden, binden uns in die Transparenz der Schriftlosigkeit ein. Daraus ergibt sich eine vollständigere Integration des einzelnen in die gemeinsamen Informationsdatenbanken, die das Profil unserer kommerziellen Demokratie zeichnen. Mit jedem Schritt heraus aus dem privaten Bereich—um unseren Arzt oder Anwalt aufzusuchen, um ein Paar Schuhe zu kaufen, ein Haus zu bauen, eine Reise anzutreten, im Internet nach Informationen zu suchen—werden wir transparenter, wird unser Leben zunehmend Teil des öffentlichen Lebens. Aber Transparenz im Wettbewerbsleben (Wirtschaft, Politik oder Wissen) bringt die Menschen nicht unbedingt näher zusammen. Wann immer wir neue Möglichkeiten feiern, sollten wir nicht vergessen, was mit ihnen verloren geht.
Virtuelles Design
Design ist das Arbeiten mit und Bearbeiten von Zeichen. Es vollzieht sich in einem experimentellen Kontext, der sich vom Gegenstand, von Unmittelbarkeit und Ko-Präsenz entfernt hat. Manche glauben, Design habe sich vom Realen entfernt, dabei sind Zeichen so real wie nur irgend etwas. Wenn der Designer seinen Bereich bis in die äußersten Grenzen auslotet, dann bewegt er sich in einer unglaublich reichen Phantasiewelt. Man kann eine Unterwasserstadt entwerfen, ein kugelförmiges Haus, das man von Ort zu Ort rollen kann, alle möglichen Apparate, Textilien so dünn wie Gedanken oder so dick wie Baumrinde oder Gummireifen. Man kann einen Computer entwerfen, den man in die Kleidung integriert, neue intelligente Materialien, sogar neue Menschen. Hat sich die Vorstellungskraft einmal neuen menschlichen Unternehmungen geöffnet—dem Leben auf dem Meeresboden, dem Tragen ungewöhnlicher Textilfasern, der Kommunikation mittels der Kleidung, die man trägt, Begegnungen mit neuen gentechnisch entwickelten Menschen—dann ist der virtuelle Raum als Spielwiese offen. Ob der virtuelle Raum nun durch Zeichnungen, Diagramme, Bild- und Geräuschkollagen, künstliche Träume, Happenings oder digitale Verkörperung der virtuellen Realität erschlossen wird, in jedem Fall ist er nicht mehr gebunden an die Zwänge der Schriftkultur und beinhaltet neue, vor allem synästhetische Sprache. Wenn also Design ein Zeichen ist, das auf die praktische menschliche Erfahrung gerichtet ist, dann geht die Gestaltung des virtuellen Raums einen Schritt weiter, in die Welt des Meta-Zeichens. Diese Überlegungen richten sich auf eine Welt, in der sich der Mensch von den charakteristischen Strukturen der Schriftkultur befreit hat.