Der Einfluß neuer praktischer Erfahrungen der Selbstkonstituierung über digitale Netzwerke hat diese Erfahrungen schon zu Alternativen gemacht, ungeachtet dessen, wie begrenzt die Einbindung eines Individuums in sie ist. Aus der Interaktion im einzig uns bekannten unzensierten Medium gewinnt eine andere politische Erfahrung an Gestalt. Hier zählen nicht anonyme Wähler, die zu Mehrheiten ohne sonderliche Wirkung zusammengeschlossen werden, sondern Individuen, die bereit sind, sich an konkreten Entscheidungen zu beteiligen und in den von ihnen gebildeten virtuellen Wahlgemeinschaften an der politischen Maschinerie teilhaben, die den nächsten bedeutungslosen Präsidenten hervorbringt. Das führt zu einer anderen politischen Dynamik, die sich auf das Individuum konzentriert, zu effizienteren Formen praktischer politischer Tätigkeit. Es gibt in dieser Hinsicht keine Wunder zu vermelden. Aber zweifellos darf das Internet den Fehlschlag des Versuchs von 1991, die politische Uhr in Rußland zurückzudrehen, und einen Einfluß auf Ereignisse in China, Osteuropa und Südamerika für sich verbuchen.
Wie ist es dazu gekommen?
Rückblickend können menschliche Beziehungen durch die ablesbaren Wiederholungsmuster beschrieben werden. Unterschiede in den Erfahrungen der Selbstkonstituierung treten unter dem Druck höherer Effizienzerwartungen auf. Beziehungen mit einer politischen Komponente, also mit gemeinsamen Anstrengungen und mit gemeinsamem Ertrag und gemeinsamer Verantwortung, sind seit der synkretistischen Phase der menschlichen Tätigkeit belegt. In dem durch Unmittelbarkeit gekennzeichneten synkretistischen pragmatischen Handlungsrahmen gibt es keine politische Dimension. Die politische Identität beginnt—wie jede andere Form der menschlichen Selbstkonstituierung—mit dem Bezug auf die Natur: Die Stärksten, die Schnellsten, die Reaktionsstärksten werden als Führer anerkannt. Die Mächtigsten sind erfolgreich für sich selbst. Dieser Erfolg überträgt sich auf das Überleben: mehr Nahrung, mehr Nachkommen, Unverwüstlichkeit, die Fähigkeit, Gefahren zu entkommen. Sobald man das Natürliche vermenschlichte, wurden die Qualitäten, die einige Individuen vor anderen auszeichneten, im Bereich der Natur und der menschlichen Natur anerkannt. Als Stammeshäuptlinge, geistige Führer oder Priester übernahmen sie politische Funktionen und bestätigten die Gründe, die ihnen ihre Autorität verliehen hatten. Mit der Zeit verloren natürliche Qualitäten ihre bestimmende Rolle. Die spezifischen menschlichen Merkmale, vor allem intellektuelle Qualitäten, kommunikative Fähigkeiten, Management- und Planungsfertigkeiten wurden immer wichtiger. Moderne Politiklehrbücher gehen auf die natürlichen Fertigkeiten gar nicht mehr ein, sondern konzentrieren sich auf die Regierungskunst oder -wissenschaft, auf politische Gerissenheit und List.
Die Veränderungen von den partizipatorischen Formen des politischen Lebens, in dem Solidarität wichtiger ist als Unterschiede zwischen den Menschen, zu den für unsere heutige Zeit charakteristischen Formen der persönlichen und politischen Abgrenzung voneinander, haben stattgefunden, weil die menschliche Praxis sie notwendig machte.
Die Politik war und ist nicht das passive Ergebnis dieser Veränderungen: Einige hat sie gefördert, andere bekämpft. Der Überlebenstrieb hinter den partizipatorischen Formen wurde ständig neu definiert und führte zu einer anderen Art der Bestätigung: nicht nur besser sein als die anderen Gattungen, sondern besser als unsere Vorgänger, besser als andere. Der Wettbewerb verlagerte sich vom natürlichen Umfeld—Mensch gegen Natur—in den menschlichen Bereich. Sobald der Vergleich mit anderen oder die Beurteilung durch andere etabliert waren, entstand eine Hierarchie. Die schriftlich festgehaltene Hierarchie wurde mit dem Entstehen von Notationssystemen und mehr noch mit dem Beginn der Schrift eine wichtige Erfahrungskomponente, eines ihrer strukturierenden Elemente. Die am Hier und Jetzt orientierte Unmittelbarkeit wurde ersetzt durch einen sich über Generationen hinweg erstreckenden und zwischen verschiedenen Gesellschaften abspielenden Handlungsraum.
Denn solange das menschliche Handeln relativ homogen war, bestand keine Notwendigkeit zum politischen Delegieren oder zur Verdinglichung politischer Ziele in Regeln und Organisationen. Mit der Diversifikation von Aufgaben wurde Integration erforderlich, zu der Riten, Mythen, Religion, Verteilen von Pflichten und Führungsstrukturen beitrugen. Die Menschen brachten nicht nur mehr von ihrer Vergangenheit in heute praktische Erfahrungen ein, sondern sie begannen auch, ihre Bemühungen aufzuzeichnen und deren Angemessenheit zu bewerten, und damit auch die Angemessenheit ihrer eigenen Politik. Die auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gerichtete Aufmerksamkeit gestattete es ihnen, sich der Unterschiede zwischen pragmatischen und politischen Erfahrungen und allen anderen Erfahrungen (Magie, Mythos, Religion) bewußt zu werden. Unter den Voraussetzungen einer zentralisierten, synkretistischen Autorität war dies ein schwieriges Unterfangen. Das Natürliche, Magische, Religiöse, Logische, Wirtschaftliche und Politische gingen ineinander über. Praktische Erwartungen erwiesen sich als das eigentlich kritische Moment. Das Anflehen unbekannter Mächte um Regen, Jagderfolg oder Fruchtbarkeit unterschied sich von den Erwartungen, die hinsichtlich der Einheit von Arbeit und Leben artikuliert wurden. Zunächst waren diese Erwartungen unterschiedlich und ungenau. Sie wurden zunehmend präziser, es entstand ein Verantwortungsgefühl, das auf greifbaren Ergebnissen und Vergleichen beruhte.
Während die Selbstkonstituierung die Projektion individueller Merkmale (biologischer, kultureller Art) auf eine gegebene praktische Erfahrung darstellt, ist die politische Praxis zu einem großen Teil eine Projektion von Erwartungen. In jedem entscheidenden Zeitpunkt der praktischen Erfahrung wird die vorherige Erwartung weitergegeben, wenn neue Erwartungen aufkommen. Entsprechend wird erwartet, daß eine politische Führergestalt tatsächlich oder kraft ihrer Autorität natürliche Qualitäten, kognitive und kommunikative Fähigkeiten (Rhetorik) sowie andere Vorzüge aufweist. Wenn diese Erwartungen in spezifische Funktionen (Stammeshäuptling, Richter, Heerführer, gewählter Gesetzgeber oder herausgehobenes Mitglied der Exekutive) und in politische Institutionen übergehen, ist die Projektion nicht mehr die eines Individuums, sondern die Projektion der den ausgesprochenen Zielen, Mitteln und Werten verpflichteten Gesellschaft. Ob tatsächlich jeder Stammesführer der Schnellste, jeder Richter der Objektivste, jeder Heerführer der Tapferste oder jeder Gesetzgeber der Klügste war, wurde nach ihrer politischen Anerkennung fast irrelevant. Dieser Aspekt wird im Kontext der Schriftkultur bedeutsam. Er wird entscheidend im Übergang vom pragmatischen Rahmen der Schriftkultur zu einem pragmatischen Rahmen, in dem die Merkmale der Schriftkultur nur hinderlich sind.
Politische Institutionen, die in den Voraussetzungen der Schriftkultur fest verankert sind, debattieren immer noch darüber, ob Telekommunikation akzeptabel und Telehandel sicher sei oder ob Telebanking im nationalen Interesse liege. Während diese Debatten andauern und antiquierte Steuergesetze gelten, greifen die neuen praktischen Erfahrungen in der globalen Wirtschaft. Sich ausweitende Netzwerke verändern das Wesen der menschlichen Transaktionen z. B. dahingehend, daß immer weniger Menschen wählen, weil sie wissen, daß die Funktion dieser Wahlen—nämlich eine (Aus-) Wahl zu treffen—politisch bedeutungslos ist. Die Politik muß den Individuen nähergebracht werden, und diese Notwendigkeit kann nur in Strukturen verwirklicht werden, die dem Individuum mehr Macht statt einer sinnleeren Repräsentation geben.
Politische Tätigkeit schuf Normen, Institutionen, Werte und gesellschaftliches Bewußtsein. Niemand kann behaupten, daß Politik eine harmonisierende Tätigkeit ist; das Zusammenleben mit anderen, das Eingehen von Verträgen und das begrenzte Verfolgen individueller Ziele bedeutet, im ständigen Kompromiß zu leben. Politische Erfahrungen schaffen in unterschiedlichem Ausmaß Fähigkeiten, Kompromissen Leben und Legitimität zu verleihen. Die Sprache ist das Blut, das durch die Adern des zoon politikon fließt. Wenn sie von der Schrift gezähmt ist, steckt diese Sprache ein sehr genaues Gebiet des politischen Lebens ab. Der Herzschlag des gebildeten zoon politikon entspricht einem Lebens- und Arbeitsrhythmus, der von der Schriftkultur gesteuert wird. Der beschleunigte Rhythmus, der in einer neuen Erfahrungsskala notwendig wurde, erfordert die Befreiung der politischen Sprache von der Schriftkultur und die Partizipation vieler Spezialsprachen an der politischen Erfahrung.
Es wird kaum überraschen, daß von Politikern durch die Generationen hindurch hohe Sprachfertigkeiten erwartet wurden, auch dann, wenn sich der Status der Sprache veränderte. Ungeachtet der einer bestimmten Sprache eigenen Möglichkeiten und der spezifischen Form der politischen Praxis ist der effektive Gebrauch wirkmächtiger Ausdrucks- und Kommunikationsmittel unabdingbar. Sogar schriftunkundige Könige oder Kaiser galten im Vergleich zu denen, die schriftkundig waren, als die besseren Autoren. Sie diktierten gewöhnlich einem Schreiber, der den Eindruck weitergab, daß die Herrscher übersetzten, was ihnen höhere Mächte eingaben. Bestimmte Bücher wurden politischen Führern zugeschrieben; Siege in Kriegen wurden ihnen genauso zugeschrieben wie den militärischen Führern. Gesetzbücher trugen ihren Namen, und sogar Wunder wurden ihnen zugeschrieben, wenn sich die Politik mit Magie und Religion verband (wobei sie oft das eine gegen das andere ausspielte). All dies und vieles mehr sind Projektionen von Erwartungen.