Die spezifischen Erwartungen der Schriftkultur bestätigen die mit ihren Merkmalen assoziierten Werte. Politik, Ideale der Aufklärung und die Industrielle Revolution können nicht getrennt voneinander gesehen werden. Erwartungen der Beständigkeit, Universalität, Vernunft, Demokratie und Stabilität waren alle Bestandteil der politischen Erfahrung. Die Schriftkultur förderte neue Formen des politischen Aktivismus und ließ neue Institutionen entstehen. Das Bewußtsein von Grenzen zwischen Kulturen und Sprachen nahm zu. Der Zentralismus setzte sich durch, und Hierarchien—zurückhaltend oder heimtückisch—wurden mit Hilfe des mächtigen Instruments der Sprache etabliert. In diesem Kontext umriß die politische Erfahrung ihren eigenen Bereich und ihre eigenen Effektivitätskriterien, die sich von denen in den alten Stadtstaaten oder des Feudalismus unterschieden. Der Berufspolitiker trat an die Stelle ererbter Macht. Die Politik öffnete sich der Bevölkerung und bestätigte Toleranz, Achtung vor der Person und die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Politische Funktionen wurden designiert und politische Institutionen gebildet. Regeln für deren gutes Funktionieren wurden schriftlich fixiert. Das Bündnis zwischen Politik und Schriftkultur sollte sich schließlich in eine inzestuöse Liebe verwandeln; doch bevor das geschah, mußten sich politische Erfahrungen in den damaligen Revolutionen zunächst endgültig emanzipieren.

Diese Errungenschaften gebührend zu würdigen, war nicht leicht. Sie wurden auch getrübt durch die aus früheren politischen Zusammenhängen übernommenen Vorurteile (bezüglich Geschlecht, Rasse, Religion und Eigentum). Wir müssen aber anerkennen, daß die politische Praxis eine entscheidende Rolle dabei spielte, die Effizienz eines pragmatischen Rahmens zu erhöhen, der die Schriftkultur endgültig etablierte. Damals wurden die Bildung und der Zugang zu ihr in ihrer politischen Bedeutung erkannt und in Einklang mit den Effizienzerwartungen verfolgt, die zur Industriellen Revolution führten. Der Prozeß war alles andere als universell. Die westliche Welt übernahm hier die Vorreiterrolle. Ihre politischen Institutionen förderten Investitionen aller Art, und Erziehung und Bildung waren solche Investitionen.

Politische Institutionen spiegeln die Lebenspraxis des Bürgers wider und zugleich ihre Lebens- und Arbeitserfahrungen. Während der Begriff Analphabetentum wohl zum ersten Mal 1876 in einem englischen Text auftauchte, betraf dieses Phänomen 1880 nur ein Prozent der deutschen Bevölkerung. Mit "Heil dem König, heil dem Staat / Wo man gute Schulen hat!" ließ man König und Staat hochleben. Damals erfand Thomas Alva Edison die Glühbirne (1879) Alexander Graham Bell das Telefon (1876 patentiert), Nikolaus Otto den Viertaktverbrennungsmotor (1876) und Nikola Tesla den Wechselstromgenerator (1884). Aber Leo Tolstoi wußte, als er Krieg und Frieden schrieb, daß nur ein Prozent aller Russen lesen konnte. In vielen anderen Teilen der Welt sah es nicht viel besser aus. Es war eine Zeit, in der die Alphabetisierung buchstäblich ein Instrument der politischen Diskriminierung war. Auf die Ungebildeten, die Analphabeten, blickte man verächtlich herab, ebenso wie auf Frauen (einigen wurde Lesen, Bildung und Studium untersagt) und Nationen, die als unwissend und moralisch minderwertig galten (Rußland gehörte dazu).

Die zunehmende Bedeutung der Wissenschaft und der Gebrauch effektiver technischer Mittel, die sich in der Beherrschung der Natur zeigten, beeinflußten das politische Wesen der Staaten und die Beziehungen zwischen den Nationen. Rationalität war die Grundlage der Legalität; der Staat bekam Priorität vor den Individuen—ein unmittelbarer Ausdruck seiner schriftkulturellen Anlagen. Regeln galten für alle gleich (es wurde in ein effektives "Alle sind gleich" übersetzt, was sich allerdings von den leeren Formeln populistischer Bewegungen unterschied). Die Rationalität leitete sich aus der Schriftkultur ab. Effektiv zu sein hieß, die zu beherrschen, die weniger effektiv waren (Bürger, Gemeinschaften, Nationen).

Die politische Institution ist eine Maschine; eine von vielen im pragmatischen Rahmen der Industriellen Revolution. Sie machte immer nur eine Sache zu einer Zeit, und ein Teil der Maschine mußte nicht unbedingt wissen, was der andere gerade tat. Zwischen Input und Output wurde Energie verbraucht, und was herauskam—politische Entscheidungen, Sozialpolitik, Vorschriften—war die Massenproduktion von etwas, worüber die Gesellschaft verhandeln konnte: Schmieren vermindert Reibung. Parteien wurden gebildet, politische Programme formuliert und der Zugang zur Macht für viele geöffnet. Zwei Voraussetzungen galten: Die Menschen sollten in der Lage sein, ihre Meinung über Themen des öffentlichen Interesses zu formulieren, und sie sollten in der Lage sein, den politischen Prozeß zu überwachen, womit sie die Verantwortung für ihre politischen Rechte übernahmen. Diese zwei Voraussetzungen führten zu einem Verständnis von Demokratie und Freiheit, das schließlich die Grundlage der liberalen Demokratie wurde. Sie bestätigten auch die schriftkulturellen Erwartungen, daß Demokratie und Freiheit—wie die Schriftkultur selbst—universell und ewig sind.

Diese Politik schlug sich mit ihren eigenen Waffen. Diktaturen (linke und rechte), Nationalismus, Rassismus, Kolonialismus, katastrophale Kriege und die gleichmachende Mittelmäßigkeit der Bürokratie haben die großen Hoffnungen vom Höhepunkt des schriftkulturell inspirierten politischen Handelns auf den Tiefpunkt der heutigen zynischen Indifferenz gebracht. Statt der Partizipation der Menschen am politischen Prozeß und statt Mitverantwortung sehen wir den korrupten Sozialstaat mit der allgegenwärtigen hedonistischen Hingabe an Spaß und Unterhaltung. Die Komplexität der politischen Erfahrung verhindert sogar die symbolische Partizipation der Menschen an der Regierung. Freiwillige Arbeit und Wahlen, ein Recht, für das die Menschen mit einer Leidenschaft gekämpft haben, die nur noch durch ihre jetzige Gleichgültigkeit übertroffen wird, haben ihre Bedeutung verloren. Es fehlt das Feedback, das die Motivation zur politischen Mitverantwortung stärken könnte. Und offenbar hat die Forderung von Gleichheit und Freiheit einen so kleinen gemeinsamen Nenner gefunden, daß die Politik nur noch Mittelmäßigkeit verwalten, nicht aber Exzellenz fördern kann. Von allen Funktionen der nationalen Einheit als Verkörperung der politischen Selbstkonstituierung ist scheinbar nur noch die Funktion der Umverteilung erhalten geblieben.

Individuelle Freiheit, für die im Zeichen der Schriftkultur hart gekämpft wurde, zeigt sich bestenfalls konformistisch und opportunistisch. Es ist fraglich, ob der verlorene Gemeinsinn ein fairer Preis für das Recht auf Individualität ist. Millionen von Menschen, die sich vom politischen Diskurs des Hasses haben verführen lassen (im Faschismus, Kommunismus und Nationalismus und durch Rassismus und Fanatismus), haben ihre hart erkämpften Rechte verschwendet, als sie anderen Eigentum, Meinungs-, Glaubens- und sonstige Freiheiten, Würde und schließlich das Leben nahmen. Nach Auschwitz sollte die Politik nicht noch einmal eine Instanz der Schikane und geistiger und moralischer Verzerrung werden. Doch sie wurde es. Und wir alle wissen, mit welchem Opportunismus wir die heutigen Tragödien (Hunger, Unterdrückung, Krankheit, Umweltkatastrophen) durch das politische Entertainment vereinnahmen lassen.

Im Zusammenhang der Skala, die die Schriftkultur kennzeichnete, entwikkelte sich der Gedanke des Nationalstaats. Auch heute versuchen selbst die Nationen, die die politische Integration betreiben, sich als autarke Einheiten zu festigen. Vielleicht werden nationale Grenzen weniger scharf bewacht, aber sie werden als durch die Schriftkultur definierte Grenzen aufrecht erhalten. Wenn Autarkie unerreichbar ist, liegt die Antwort in Expansion. Ideologische, rassenspezifische, wirtschaftliche und andere Argumente werden vorgebracht, um die Politik im Krieg mit anderen Mitteln fortzusetzen. Die zwei Weltkriege haben die auf Schriftkultur basierende Politik auf den Höhepunkt getrieben. Der Kalte Krieg (die erste globale Schlacht) hat diese Politik zu ihrer letzten Krise, jedoch noch nicht ihrem Ende gebracht.

Politische Sprachen

Die praktische politische Erfahrung artikuliert sich im Instrument der Sprache. Vollzieht man vergangene politische Erfahrungen nach, rekonstruiert man auch ihre Sprache(n). Diese Aufgabe ist fast unlösbar, weil die Politik mit jedem Aspekt des menschlichen Lebens verbunden ist: mit Arbeit, Eigentum, Familie, Geschlecht, Religion, Erziehung und Ausbildung, Ethik und Kunst. Die Vielfalt der politischen Erfahrungen entspricht der Vielfalt der pragmatischen Umstände, in denen Menschen ihre Identität finden.