Der Vielzahl der praktischen Erfahrungen entspricht die Vielzahl der politischen Sprachen. Es gibt wohl so viele politische Sprachen, wie es Formen der Selbstkonstituierung in einer Gesellschaft gibt. Aber vor dem Hintergrund dieser Vielfalt steht die Erwartung, daß Wort und Tat übereinstimmen oder daß sie zumindest nicht zu weit auseinander liegen.
Die Vielfalt der politischen Sprachen erweiterte sich erneut, als die Sprachen des politischen Bewußtseins hinzukamen. Wo Werte das Endziel der Politik waren, wurde der Wert der politischen Erfahrung selbst ein Thema. Viele politische Projekte wurden auf dieser selbstreflexiven Ebene verfolgt: Neue Formen der menschlichen Zusammenarbeit und der politischen Organisation, Überlegungen zu Erziehung und Bildung, Vorurteile, Emanzipation und Justiz. Dies erklärt auch, warum sich in der Reihenfolge der praktischen politischen Erfahrungen die Erwartungen nicht gegenseitig aufhoben. Sie akkumulierten vielmehr als Ausdruck eines Ideals, wobei sie sich immer vom jeweils letzten erreichten Ziel fortbewegten. Ohne ein Verständnis für diesen Zusammenhang kann man die innere Dynamik politischer Veränderungen nicht erklären.
Politik jenseits der Schriftkultur kommt nicht aus heiterem Himmel. Sie beinhaltet Erwartungen, die unter verschiedenen pragmatischen Umständen entstanden sind, und sie muß sich Herausforderungen stellen—die wichtigste Herausforderung ist die in der neuen Skala der menschlichen Erfahrung erwartete Effizienz—für die die traditionellen Mittel und Strukturen nicht angemessen sind. Politische Diskontinuität zu akzeptieren oder gar zu verstehen, war schon immer schwer. Revolutionen werden erst gefeiert, wenn sie stattgefunden haben und wenn die neuen Verhältnisse Stabilität suggerieren.
Kann Schriftlichkeit zum Scheitern der Politik führen?
Viel ist darüber geschrieben worden, daß die Sprache der Politik und die politische Realität auseinander klaffen. Das Mißtrauen der Menschen gegenüber der Politik hat einen Höhepunkt erreicht. Rolle und Bedeutung der politischen Führer und Institutionen haben sich offenbar verändert. Die Fähigsten sind nicht unbedingt an der Politik beteiligt. Ihre Selbstkonstituierung vollzieht sich in praktischen Erfahrungen, die lohnender und anspruchsvoller sind als politische Tätigkeit. Politische Institutionen repräsentieren nicht mehr die politischen Vertragspartner, sondern betreiben ihr eigenes Überleben. Die Justiz führt ein eigenes Leben, sie kümmert sich—wie die Öffentlichkeit glaubt—im Namen der Bürgerrechte mehr um die Kriminellen als um die Gerechtigkeit. Steuern stützen extravagante Regierungen und die gesellschaftliche Umverteilung von Reichtum; darin spiegelt sich aber eher ein Schuldkomplex bezüglich vergangener Ungerechtigkeiten als wahre gesellschaftliche Solidarität wider. Statt menschliche Beziehungen zu fördern und die Zukunft in Angriff zu nehmen, flicken sie immer noch die Vergangenheit. Jeder beklagt sich. Aber immer weniger sind bereit, etwas zu tun, weil individuelle Teilhabe und Engagement in der gegebenen politischen Struktur zu nichts führen.
Die meisten Menschen schauen auf eine frühere politische Erfahrung zurück und interpretieren die Vergangenheit im Lichte der Bücher, die sie gelesen haben. Sie sehen nicht, daß der Komplexität der heutigen menschlichen Erfahrung nicht mit den Lösungen von gestern beizukommen ist. Auch die Verfassung der Vereinigten Staaten und die Erklärung der Menschenrechte spiegeln das Denken und den Stil der Schriftkultur wider. Ähnliche Dokumente gibt es in Lateinamerika, Europa, Indien und Japan. Sie sind so nutzlos, wie Geschichte nur sein kann, wenn neue Umstände der menschlichen Selbstkonstituierung sich von den Erfahrungen unterscheiden, die sich in diesen Dokumenten ausdrücken. Revisionismus hilft nicht weiter. Der neue weite Kontext braucht keine hehren Prinzipien, sondern dynamische politische Strukturen und Verfahren. Wenn die Welt sich als eine allseits verknüpfte neu erfindet, hat sie sich von engen Vorschriften und traditionellen Bedeutungen befreit.
Obwohl die Zahl der neu entstehenden Länder immer größer wird (und es ist offen, wieviel hinzukommen), wissen wir von keinem politischen Dokument, das der Unabhängigkeitserklärung, der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte oder dem Kommunistischen Manifest vergleichbar ist. Der Grund hierfür liegt in der Tatsache, daß die Schriftkultur heute eine unangemessene Grundlage für Politik ist. Unsere Kultur ist keine Kultur der Ideen mehr, seien sie religiös oder weltlich. Sie wird von Prozessen, Methoden und Erfindungen gekennzeichnet, die in vielen Zeichensystemen ausgedrückt werden, die eine andere Dynamik als die der Sprache der Schriftkultur besitzen. Die Ideen der Schriftkultur wenden sich an Intellekt, Seele und Gemüt.
Sehr wohl dürfen wir in dieser Zeit des Umbruchs aber Maßnahmen erwarten, die die ungehinderte Interaktion auf dem Markt und in anderen Bereichen menschlicher Selbstkonstituierung (Religion, Bildung, Familie) garantieren. Stetige Globalisierung heißt, daß Stabilität nationaler Wirtschaftssysteme und nationaler Bildungs-, Sport- oder Kunstsysteme genauso bedeutungslos ist wie nationale Grenzen und die theatralischen Inszenierungen der Diplomatie und der internationalen Beziehungen.
Die Dynamik des Umbruchs zeigt sich auch in dem Bestreben vieler Länder, in die globale Wirtschaft integriert zu werden und sich dennoch einen Hauch nationaler Identität zu bewahren oder zu schaffen. Staatliche Souveränität in Form von nationaler Autonomie des Handels, im Finanzwesen oder der Industrie ist eine Illusion. Selbstbestimmung, die immer zu Lasten irgendeiner anderen ethnischen Gruppe geht, erinnert an primitive Stammestriebe. Die Grundstruktur der Schriftkultur spiegelt sich in nationalen Bewegungen und in ihren dualistischen Wertesystemen wider. Die einfache Logik von Gut und Böse, die in einem Vagheitskontext schwerer zu definieren, aber dennoch richtungsweisend ist, bestimmt Koalitionsbildungen, unsere Richtlinien im Umgang mit Migrationsbewegungen und die Verteidigung unserer nationalen Interessen, obwohl ein jeder Integration und freien Markt fordert.
Gleichwohl ist auch die Sprache der heutigen Politik vom heutigen pragmatischen Rahmen geformt. Die Freiheit, die zu propagieren sie vorgibt, ist die der kommerziellen Demokratie: gleiches Recht auf Konsum ist die politische Errungenschaft der jüngeren Geschichte. Die Tatsache, daß die Staaten der Europäischen Union ihre Marktsouveränität aufgegeben haben, bestätigt unsere These. Daß sie immer noch eigene diplomatische Vertretungen und eine eigene Verteidigungs- und Einwanderungspolitik betreiben, bezeugt nur den Konflikt zwischen der Politik der Schriftkultur und einer Politik jenseits davon.