Menschenrechte, die aus natürlichen Zyklen abgeleitet wurden, sind etwas anderes als politische Rechte und Verantwortlichkeiten, die sich aus einem maschinellen Fortschrittsmodell herleiten lassen. Aber beide Quellen unterscheiden sich vom politischen Status der Menschen, die im neuen pragmatischen Rahmen globaler Netzwerke und extremer Aufgabenverteilung eingebunden sind. Man könnte sagen, daß die großen politischen Dokumente der Vergangenheit als Reaktion auf einen unhaltbaren Zustand, nicht aber in Antizipation neuer Möglichkeiten und Erwartungen verfaßt wurden. Diese Dokumente versuchen, in einer Welt relativ autonomer Einheiten—der Nationalstaaten—die widerstreitenden Kräfte, die eher um Ressourcen und Produktivkräfte als um Märkte kämpften, zu vereinigen, zu homogenisieren und zu integrieren. Die darin ausgedrückten Werte sind die Werte der Schriftkultur, für die die aus der Schriftkultur erwachsenen Ideologien eintraten.
Aber vielleicht dokumentieren diese Texte auch noch etwas anderes, z. B. moralische Maßstäbe, die wir im Laufe der vergangenen 200 Jahre offenbar verloren haben; oder kulturelle Maßstäbe für die Gesellschaft und für ihre Politiker, Maßstäbe, die heute kaum noch gelten. Wenn dem so wäre, dann ist der Preis für höhere politische Effizienz der Verlust jeglicher Maßstäbe und der gegenwärtig zu verzeichnende beklagenswerte intellektuelle Zustand der Politik. Die fehlende Wechselbeziehung zwischen der politischen Praxis und ihrer Sprache rührt vom pragmatischen Kontext her, der sich im Zustand der Sprache spiegelt. Während das wirkliche Leben von vielen Sprachen gestaltet wird, dominiert in der Politik immer noch das Ideal der einen Schriftkultur, der einen daraus hervorgegangenen Sprache. Ihre Regeln werden auf Interaktionen und Evaluationen angewendet, die nicht auf die Selbstkonstituierung durch Sprache reduziert werden können.
Politisches Handeln folgt im großen und ganzen Mustern, die für die Schriftkultur charakteristisch sind, obwohl es sich selbst nichtsprachlicher Zeichensysteme bedient: Bilder, Filme oder Videos, neue Netzwerktechniken mit schnellem Informationsaustausch. Die früheren Erwartungen, daß Politiker die Maßstäbe der Schriftkultur erfüllen, werden auf neue politische und praktische Erfahrungen übertragen. Dabei liegen die praktischen Erfahrungen fast aller Menschen heute in Gebieten, in denen die Vergangenheit kaum noch eine Rolle spielt. Die von der Industriegesellschaft entwickelten politischen Prinzipien gestalten noch heute unsere Institutionen und Gesetze, die weitgehend mit ihrem eigenen Erhalt beschäftigt sind.
Weil sich die Bürger heute nicht um ihre eigene Freiheit sorgen müssen, nehmen sie sie als selbstverständlich hin und entziehen sich ihrer staatsbürgerlichen Verantwortung. Sie erwarten von ihren Politikern, daß diese an ihrer Stelle gebildet sind. So kommt es dazu, daß wir einerseits ein politisches Leben erwarten, das sich an Homogenität und einer deterministischen Sicht der sozialen Welt orientiert; andererseits aber zur Bewältigung der Probleme politisches Spezialistentum und Mittel und Methoden fordern, die für heterogene und nicht-deterministische politische Prozesse charakteristisch sind. Diesem Konflikt begegnen wir mit einer Denkhaltung, die das Problem deshalb nicht lösen wird, weil sie das Problem ist.
Die Koordination des politischen Handelns durch schriftkulturelle Sprache und Methoden und die Dynamik einer neuen politischen Praxis jenseits der Schriftkultur passen einfach nicht zusammen. Also scheint es, als würden Institutionen, Normen und Regelungen ein Eigenleben annehmen und ihre eigenen Werte und Erwartungen perpetuieren. Die ihnen eigene Dynamik ist von der Dynamik des politischen Lebens und vom neuen pragmatischen Kontext abgekoppelt. Die unglaubliche Menge geschriebener Sprache (Reden, Artikel, Formulare, Verträge, Regelungen, Gesetze, Abhandlungen) kontrastiert zu den rapiden Veränderungen, die fast jeden politischen Text überflüssig machen, bevor er in den Printmedien oder in den flüchtigen Bits und Bytes der elektronischen Datenverarbeitung erscheint.
Die Wirtschaft hat sich einer tiefgreifenden Umstrukturierung unterzogen oder steht davor. Personalabbau in großem Umfang, flachere Hierarchien und reibungslose Qualitätskontrolle haben die wirtschaftliche Leistung beeinflußt. Aber sehr wenig davon hat die sakrosankten staatlichen Institutionen berührt. In den USA belaufen sich die Ausgaben von 40 Ministerien, 135 Bundesbehörden, die über ein Zivilpersonal von 2,1 Millionen und ein Militärpersonal von 1,9 Millionen Menschen verfügen, auf 1,5 Billionen Dollar pro Jahr. Allein die Kosten für das Umsetzen von Regeln und Anordnungen betragen über 250 Milliarden Dollar jährlich. Um die Steuergesetze erfüllen zu können, müssen Unternehmen und Einzelpersonen fast denselben Geldbetrag aufwenden. Wenn die Wirtschaft so ineffizient wie die Politik wäre, stünden wir vor einer Krise globalen Ausmaßes, deren Konsequenzen niemand absehen kann. In den europäischen Staaten, besonders in Deutschland und Frankreich, sind die entsprechenden Ausgaben—relativ—noch höher.
In den Augen mancher Bürger müßte heute daher eine Unabhängigkeitserklärung mit der folgenden Zeile beginnen: "Uns platzt der Kragen—wir nehmen es nicht länger hin." Aber auch das würde nicht heißen, daß sie wählen gehen. Wenn fünfmal mehr Menschen die vulgäre amerikanische Fernsehserie Married with Children anschauen als sich an den amerikanischen Wahlen beteiligen, wird klar, wie sehr Moral und intellektuelle Qualität von Politikern und Bürgern einander entsprechen. So zynisch diese Bemerkung klingt, sie stellt nur fest, daß das politische Handeln jenseits der Schriftkultur und die politischen Urteilskriterien nicht mehr den politischen Erfahrungen der Schriftkultur folgen.
Ein Staat, der allein auf einer durch Schriftkultur und Sprache genährten Politik beruht, ist auch in der Sprache ge- und befangen. Die in der Sprache ausgedrückten Erfahrungen sind ihrem Wesen nach nicht zwangsläufig demokratisch. Das gilt z. B. für unsere Bezeichnungen von Geschlecht, Rasse, gesellschaftlichem Status, Raum, Zeit, Religion, Kunst und Sport. Wenn sie erst einmal in die Sprache eingegangen sind, leben sie einfach fort und beeinflussen jedes politische Handeln. Die Sprache ist nicht neutral, und noch weniger ist es die schriftkulturelle Praxis. Minderheitengruppen haben völlig zu Recht darauf hingewiesen. Zwar verhindert Schriftkultur nicht jeglichen Wandel; sie läßt Wandel im schriftkulturellen Bereich zu, solange sie auf den praktischen schriftkulturellen Erfahrungen beruhen. Aber wenn die Schriftkultur selbst in Frage gestellt wird, wie es heute zunehmend geschieht, widersetzt sie sich diesem Wandel.
Wenn die Formulierung Verfall der moralischen Werte bedeutet, daß die Politik die Erwartungen der Wähler nicht erfüllt, dann wären die schlimmsten Befürchtungen gerechtfertigt; denn Politiker sind nicht besser und nicht schlechter als ihre Wähler. Aber heute führt nicht mehr die individuelle Leistung zu Erfolg oder Mißlingen. Integrationsformen schaffen neue Formen von Kooperation und Wettbewerb. Solche Prozesse werden von effizienteren Mitteln, d. h. von Aufgabenteilung, Parallelität und gegenseitiger Überprüfung, von Kooperation über Netzwerke, automatischen Planungs- und Managementverfahren usw. betrieben. Sie stehen im Einklang mit den neuen Motivationen. Wenn die romantische Vorstellung, daß die Besten unsere Führer werden, wirklich zuträfe, hätten wir allen Grund, uns über unsere Dummheit zu wundern. Aber tatsächlich ist es irrelevant, wer die politische Führung hat. Der neue Effizienzgrad und das neue erworbene Recht auf Wohlstand verweisen auf eine politische Praxis, die von pragmatischen Kräften gesteuert ist. Solche Kräfte sind vor Ort am Werke und ergeben nur in einem Kontext direkter Effizienz Sinn. Wir sollten sie nicht nur als selbstverständlich ansehen, sondern auch zu verstehen versuchen, wie sie arbeiten und wie man sie lenken kann.
Die Krabben haben pfeifen gelernt