Unter den pragmatischen Umständen jenseits der Schriftkultur ist die Erwartung, daß eine Wahl einstimmig oder mehrheitlich ausgeht, völlig unwesentlich. Wahlergebnisse sind ein ebenso guter Indikator für den Zustand einer Gesellschaft wie Seismographen es für die Gefahr eines Erdbebens sind. Am Wahltag sind die Ergebnisse bekannt, nachdem die ersten repräsentativen Stichproben genommen wurden. Eigentlich sind die Ergebnisse schon vor der Wahl bekannt. Die verfügbaren technischen Mittel würden es ermöglichen, daß die, die wählen wollen—und die wissen, warum sie wählen—dies ohne größere Umstände am Telefon tun könnten. Auch die allgemein verbreitete Verkabelung mit einem für das Wahlergebnis ausgerüsteten Zentralrechner könnte diesen Zweck erfüllen. Aber das würde nur einen Teil der Frage beantworten. Der zweite Teil bezieht sich darauf, was sie wählen sollen. Die politische Praxis bietet keine aufregenden Wahlmöglichkeiten mehr. Das auf Schriftkultur beruhende politische Handeln ist undurchsichtig, fast unergründlich. Also sieht sich der Bürger nicht zum Engagement veranlaßt und nicht die Notwendigkeit, sein Engagement durch den Urnengang auszudrücken. Als ich den Text dieses Buches für die Veröffentlichung revidierte, gab es noch einen dritten Aspekt: die Annahme nämlich, daß Wählen eine Partizipation an der demokratischen Macht ist. Aber niemand, der sich der Dynamik der heutigen Lebensumstände bewußt ist, wird den Begriff der Mehrheit mit Demokratie gleichsetzen.
Unter den heutigen Arbeitsumständen kann kein Präsident, egal wie mächtig er ist oder zu sein glaubt, und keine zentrale Regierung auf die Ereignisse Einfluß nehmen, die für den Bürger wirklich wesentlich sind. Jenseits der Schriftkultur werden Alternativen zu Zentralismus, Hierarchie, Sequentialität und Determinismus in der Politik erwartet. Vor allem benötigen wir Alternativen zu dualistischen Strukturen, ob im Zweiparteiensystem, der Gewaltenteilung zwischen Legislative und Exekutive oder dem Gegensatz zwischen Gesetzestreue und Illegalität. Dies führt zu einer weit gestreuten Verteilung politischer Ausgaben in Verbindung mit einer Politik, die Vorteile aus den neuen strukturalen Bedingungen der Arbeits- und Lebenswelt zieht. Selbstbestimmung wird zu den zentralen politischen Werten zählen. Schnellere Lebensrhythmen, Globalität und die neuen Skalen—in Politik und in der Lebenswelt allgemein—sprechen gegen die schriftkulturelle Erwartung, daß Politik ein stabilisierender Faktor der menschlichen Praxis sei. Wenn die Politik ihrer Aufgabe gerecht werden will, sollte sie die Umstände für bessere Verhandlungen und Interaktionen zwischen den Menschen schaffen. Nur so kann man den Bürgern, die ihren Sinn für politische Verantwortung und sogar ihren Glauben an Recht und Ordnung verloren haben, neue politische Zuversicht geben.
In dieser global vernetzten Welt, in der die Skala von größter Wichtigkeit ist, muß die Politik zwischen den vielen Ebenen vermitteln, auf denen Menschen an dieser Globalität teilhaben. In diesem Zusammenhang ist die Regelung von Gütern und Rechten ein wichtiger politischer Bereich. Hier muß die Politik meinungs- und wertebildend wirken. Zum Beispiel liegt die wirkliche Macht der Informationsverarbeitung in der Interaktion derer, die Zugriff darauf haben. Man sollte nicht gezwungen sein, Regeln, die aus dem feudalen Besitz von Sprache oder aus dem industriellen Besitz von Maschinen stammen, auf den freien Zugang zu Informationen oder zu Netzwerken anzuwenden, die die gemeinschaftliche kreative Arbeit erleichtern. Die politische Herausforderung liegt darin, das transparenteste Umfeld zu liefern, ohne die Einheit der Interaktion zu beeinträchtigen. Angesichts des vielfältigen Selbstregelungsbedarfs in diesem neuen Bereich muß sich auch die Legislative neu orientieren und von ihren alten Denkstrukturen befreien.
Die Ereignisse werden nur dann einen positiven Verlauf nehmen, wenn sie die politische Erfahrung individueller Machtzuweisung erlaubt. Natürlich bergen eine größere Auswahl und breitere Möglichkeiten spezifische Risiken in sich. Hacking ist keineswegs neu. Der deutsche Kriegskode wurde geknackt, und viele Länder sind sehr darauf bedacht, Hackern von Rang Ehre zu erweisen: Wissenschaftlern, die das Geheimnis genetischer Kodes knacken, oder Spionen, die hinter Geheimnisse des Feindes kommen. Aus einer schriftkulturellen politischen Perspektive kann man Hacking—eine sehr eigene Form individueller Selbstkonstituierung—als kriminell bezeichnen. Im neuen pragmatischen Rahmen jenseits der Schriftkultur ist Hacking in einem Bereich angesiedelt, dessen Eckpunkte aus Kreativität, Protest, Erfindungsgeist, Nichtkonformität und krimineller Energie bestehen. Die geeignete Antwort auf Hacker wäre kein Strafenkatalog mittelalterlicher oder industrieller Prägung, sondern Transparenz, die auf lange Sicht mögliche kriminelle Motive unterminiert. Eine Gesellschaft, die Kreativität sanktioniert, auch wenn diese auf falsche Gebiete gelenkt ist, bestraft sich letztlich selbst. Wer an seinem Terminal für ein Unternehmen arbeitet, das in der ganzen Welt produziert und soziale und wirtschaftliche Programme fördert, die Bürgern vieler Kulturen, unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher Rassen, politischer Überzeugungen, sexueller Neigungen, unterschiedlicher Geschichte und unterschiedlicher Erwartungen zugute kommen, nimmt an der Weltpolitik mehr und entscheidender teil, als all die Behörden und Bürokraten, die für Aufgaben bezahlt werden, die sie nicht effektiv erfüllen können. Wiederum ist es der pragmatische Rahmen, der uns zu Bürgern unseres kleinen Dorfes oder unserer kleinen Stadt macht, der uns alle, auch die Internetbürger, in die globale Welt integriert.
Die Justiz beurteilen
Diese kleine Abschweifung in der Diskussion über die Politik kann damit gerechtfertigt werden, daß Gerechtigkeit eine Frage sowohl von Politik als auch von Recht ist. Die Anwendung der Gesetze ist die Ausübung von Politik in kleinem Stil. Politisches Handeln, das an eine neue Auffassung von Recht und Justiz gebunden war, welche sich an der industriellen Arbeitswelt orientierte, setzte nicht nur fest, daß alle (oder fast alle) vor dem Gesetz gleich sind, sondern auch, daß die Justiz ihren eigenen unabhängigen Weg geht. Auch das Rechtssystem unterlag dem historischen Wandel. Früher lag das Recht in der Verfügungsgewalt der Herrschenden. Noch heute ist ein Gouverneur oder Präsident in einigen Fällen die höchste Appellationsinstanz. Wie die Politik beruht das Recht auf der Rhetorik, auf der Sprache als Vermittlungsmechanismus.
Was in unserem Zusammenhang interessiert, ist der Wandel der im Rahmen der Schriftkultur ausgearbeiteten Gesetzeskodizes und der Rechtspraxis der Schriftkultur. Die Institution der Justiz und die Rechtsberufe verkörpern Gerechtigkeitserwartungen im Rahmen einer bestimmten Lebenspraxis. Neue Länder wurden entdeckt, neues Eigentum wurde geschaffen, und Maschinen und Menschen ermöglichten eine höhere Produktivität. Die Menschen kämpften um Rechte, der Zugang zur Bildung wurde geöffnet, und die Welt wurde ein Ort neuer Transaktionen, für die das Bodenrecht, das in Anlehnung an das Naturrecht entstand, nicht mehr ausreichte. In diesem Zusammenhang erhob sich die Frage nach dem Wesen der menschlichen Rechte und Verpflichtungen. Im selben Zusammenhang begann aber auch die Sprache der Rechtspraxis sich auf das heutige Juristenchinesisch hin zu entwickeln, das kein normaler Mensch versteht, weil keiner es verstehen soll. Das lag in der Natur der Sprache, war aber auch beabsichtigt. Um mit der Ambiguität der Sprache fertig zu werden, suchten die Juristen möglichst präzise Begriffe und unzweideutige Formulierungen.
Die problematische Lage der Justiz zeigt sich daran, daß sie im Bereich der politischen Praxis entwickelt wurde, nun jedoch politisch unabhängig sein muß. Die Göttin mit den verbundenen Augen, die die Waage der Gerechtigkeit hält, soll objektiv und gerecht sein. Die Trennung von Judikative und Exekutive ist wohl die höchste Errungenschaft des politischen Systems der Schriftkultur. Aber es ist zugleich das Gebiet, in dem sich mit Blick auf die veränderte Lebenspraxis jenseits der Schriftkultur ein Wandel von entscheidender Bedeutung vollzieht. Vor allem gilt es, auch für diejenigen ein gerechtes System zu schaffen, die sich weniger in dem durch die Subjektivität der Machthaber abgesteckten Bereich und mehr im Bereich der Informationsverarbeitung zu Hause fühlen. Justitia mit den verbundenen Augen benutzt schon jetzt Röntgenstrahlen, um Klagen und Gegenklagen abzuwägen. Modellierungen, Simulationen, Aussagen von Genexperten und vieles mehr gehören bereits zum juristischen Alltag. Der Kontext dieser Veränderungen wirft ein Licht auf ihre politische Bedeutung. Wenn die Praxis von Politik und Justiz total getrennt wäre, würde die Effizienz beider darunter leiden.
Die Politik förderte veränderte Einstellungen zu Demokratie, Bürgerrechten, politischer Macht und sozialer Sicherung. Sie entmystifizierte die Herkunft, Funktion und Rolle des Eigentums und förderte eine relativere Sicht dieser Dinge sowie die Etablierung allgemeingültiger Werte. Daher sollte die Justiz, die die Rechte der einzelnen schützen soll, sich in Fragen der Gerechtigkeit nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufriedengeben. Wenn man dieses Ideal an der juristischen Praxis mißt, ist dies fast schon ein masochistisches Unterfangen. Die stetig und rasch zunehmenden Interaktionen über Marktmechanismen wurden von Konfliktmomenten und Verhandlungserwartungen begleitet. Ohne jeden Zweifel wird die wichtigste Vermittlungsfunktion heutzutage von Juristen ausgeübt.
Aufgrund der ihr eigenen Dynamik erfaßt die juristische Praxis jede Art der allgemeinen Lebenspraxis, von multinationalen Geschäften bis hin zu individuellen Beziehungen. In jüngster Zeit sucht sie ihren Platz in der Welt der neuen Medien, in der das Copyright und der Konflikt zwischen privatem Recht und öffentlichem Zugang der Lösung bedürfen. Man kann also nicht sagen, daß das Recht im Gegensatz zur Politik nicht proaktiv ist. Das Problem dabei ist, daß es in den Kontext der Schriftkultur eingebunden bleibt, und zwar so, daß die Form wichtiger als der Inhalt wird und am Wesentlichen vorbei zielt. Früher war Latein die Rechtssprache und erinnert daran, wo die Rechtspraxis der westlichen Welt ihren Ursprung hat. Heute können nur wenige Rechtsanwälte Latein. Aber ihre eigene Sprache beherrschen sie vorzüglich.