Umbruch verlangt Umdenken

Angenommen, wir befinden uns tatsächlich jenseits der Schriftkultur, was heißt das für Deutschland? Das heißt—und zwar nicht nur für Deutschland—, daß wir alle umdenken müssen. Das klingt sehr einfach, ist aber tatsächlich das schwierigste Ziel, das man sich selbst setzen oder von anderen erwarten kann. Aber ohne Umdenken können wir den Umbruch, der sich in der ganzen Welt vollzieht und unter dem Deutschland mehr zu leiden scheint als andere Länder, weder verstehen noch in den Griff bekommen.

Outsourcing ist ein probates Mittel, wenn es um Produktion oder Dienstleistungen geht, nicht aber, wenn wir über unsere Lage nachdenken müssen. Auf allen Ebenen der Gesellschaft sind die Menschen darauf versessen, viel Geld für ein gutes öffentliches Image zu bezahlen. Wie andere Länder auch, ist Deutschland geradezu zwanghaft davon besessen, ein positives öffentliches Bild abzugeben. Oft ist das Erscheinungsbild wichtiger als die Substanz. Weil etwas gut aussieht, sind wir versucht, das Nachdenken zu verdrängen. So akzeptieren wir bereitwillig die ererbten veralteten Strukturen. Gibt es für die Projektion eines guten Image eine bessere Methode, als die Maschine der schriftkulturellen Praxis gründlich zu überholen und zur Höchstleistung zu bringen? Schließlich ist das Geld, das dafür ausgegeben wird, nicht das Geld derer, die es ausgeben. Berater und Redenschreiber arbeiten keineswegs im Verborgenen und streichen hohe Profite ein, selbst in Notzeiten. Diese Imagefabrikanten haben letztendlich nichts anderes zu tun, als mit Variationen der ausgedienten Schriftkultur, deren Ende dieses Buch ausgiebig diskutiert hat, ihr eigenes Dasein zu rechtfertigen. Besser wäre es, sie würden die Entwicklungsschübe erkennen, die ihre Funktion und die Funktion derer, die sie angestellt haben, überflüssig, wenn nicht gar kontraproduktiv machen. Der letzte Wahlkampf in Deutschland ist ein gutes Beispiel für die hier beschriebene Situation. Aber während die Deutschen noch auf die Errungenschaften ihrer Vergangenheit blicken—auf ihre Sozialprogramme, ihre Kunst, ihre Forschung, ihre Wissenschaft und ihre Gelehrsamkeit—, hat die Zukunft längst begonnen. Diese Zukunft fordert Lösungen, die in den Formeln der Vergangenheit nicht zu finden sind.

Wen immer der geneigte Leser bei der letzten Bundestagswahl gewählt hat, die Chancen, daß er sehr schnell enttäuscht sein wird, sind nicht gering. Es ist eine traurige Wahrheit, daß es keine Rolle spielte, wem man seine Stimme gab, weil eine wirkliche Alternative nicht zur Wahl stand. Diese Aussage betrifft Wahlen schlechthin. Ich wage eine solche unbequeme, aber keineswegs seltene Auffassung, weil die Politik, so wie sie überall auf der Welt und besonders in Deutschland betrieben wird, Ausdruck von Erwartungen und Werten ist, die aus der Schriftkultur hervorgegangen sind. Sie ist nicht auf die neue Lebensund Arbeitspraxis der Menschen zugeschnitten. Diese Politik ist schon seit jeher zutiefst opportunistisch. In Zeiten des Wachstums und des Wohlstands konnte sie ihren Einfluß erweitern und praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens ergreifen. In den Jahren des Wirtschaftswunders konnte Deutschland es sich leisten, den Einfluß der Politik so weit auszudehnen, daß sie jeden Aspekt des Lebens erfaßte und regelte: Handelsgesetze (bis hin zu den Öffnungszeiten der Geschäfte), öffentliche Einrichtungen, Parks, Kinderspielplätze, Ruhestand, Autofahren, Heiraten und alles andere nur Denkbare. Auch die Vereinigten Staaten greifen regulierend in das Sexualleben, in die Kinderrechte, in den Umgang mit der Umwelt, die Lehrergewerkschaften, das Internet, den elektronischen Handel und in die Privatsphäre ein. Wirtschaftlicher Erfolg scheint der Politik die Wege zu ebnen, um auf alle Lebensbereiche zugreifen zu können. In Krisenzeiten allerdings zieht sich die Politik der Schriftkultur zurück. Auf alle Schwierigkeiten—hohe Arbeitslosigkeit im heutigen Deutschland, zunehmende Fremdenfeindlichkeit, mangelnde Motivation der Staatsbürger, um nur drei zu nennen—, die sie durch den politischen und sozialen Widerstand gegenüber den Kräften des Umbruchs selbst erzeugt hat, reagiert die Politik mit dem gleichen Lösungsmodell: Wir haben ein Problem. Schuld hat (natürlich) ein anderer, die Opposition, die Fremden, die Globalität unseres Lebens. Also soll auch ein anderer die Lösung suchen oder durch sein Verschwinden das Problem eliminieren.

Die Industriegesellschaft konnte sich nach diesem Modell einrichten, denn es entsprach der Schriftkultur und ihren Merkmalen. Wenn ein Gerät nicht funktioniert, läßt man es von einem Fachmann reparieren. Und Familie, Bildung, Gesundheitssystem erfüllen innerhalb der Schriftkultur die gleichen Funktionen wie Maschinen und werden entsprechend behandelt. Die grundlegende Schwäche dieses Modells ist das reaktive Prinzip: Wenn etwas kaputt geht, muß es repariert werden. Jetzt reparieren wir gerade die Bildung, das Gesundheitssystem, das Familienleben—freilich per Dekret, von oben herab! Auch die "Fortschrittsmaschine" lief im Industriezeitalter reibungslos, solange die grundlegenden politischen Voraussetzungen, die sich in der Form der Nationalstaaten und des internationalen Handels ausdrückten, der Skala der Bevölkerung entsprachen. Heute aber geht dieses reaktive Modell an den Problemen vorbei. An der politisch nicht gerade weitsichtig vollzogenen Vereinigung der beiden Teile Deutschlands läßt sich dies gut demonstrieren. Fest steht, daß Westdeutschland zusammen mit dem Rest der Welt auf den Zusammenbruch des kommunistischen Systems nicht vorbereitet war und die Gründe dafür bis heute nicht verstanden hat. Als Antwort auf diese Entwicklung wurden zwei Einheiten, die einerseits einiges gemeinsam, andererseits sich aber stark auseinanderentwickelt hatten, zusammengefügt, und zwar nach dem überholten Modell des Nationalstaats, nicht mit Blick auf die Bedürfnisse der weltweit operierenden neuen Dynamik, deren wesentlicher Teil Differenz und Differenzierung ist. Die Entscheidung der deutschen Politiker, die aus rein ideologischen Gründen von den Alliierten unterstützt wurden, führen zurück in das Industriezeitalter und zu den Merkmalen der Schriftkultur. Symptomatisch ist zuallererst, daß das Regierungszentrum mit enormem Aufwand nach Berlin zurückverlegt wurde: ein Monument deutscher Einheit aus einer Zeit, die hundert Jahre zurückliegt. Andere Einrichtungen folgten diesem Beispiel. Niemand begreift oder will begreifen, daß in unserer heutigen Zeit Standpunktfragen irrelevant sind. Statt die Vorteile eines effektiven verteilten Modells zu nutzen, das eine Infrastruktur fördern könnte, die vielleicht nicht der Regierung und der Politik, aber dafür um so mehr der Wirtschaft von Nutzen gewesen wäre, verankerte sich Deutschland in den völlig ineffizienten zentralistischen und hierarchischen Strukturen der Vergangenheit. Trotz aller äußeren Anzeichen der Modernisierung wurde der Osten dieses Landes in die Weimarer Zeit zurückversetzt: Die vergangenheitsorientierten Politiker waren mehr daran interessiert, ihre Machtpositionen zu sichern als das enorme kreative Potential des neuen Marktes freizusetzen, der durch die schnelle Einführung der D-Mark so billig akquiriert worden war. Das Geld floß in Beton und Ziegelsteine, nicht in die kognitiven Ressourcen und nicht in die Interaktionsnetzwerke. Bürger aus beiden Teilen Deutschlands sind mit der jetzigen Situation unzufrieden.

Jenseits der Schriftkultur beginnt das Reich der Proaktivität. Proaktiv denken heißt zunächst einmal zu verstehen, daß alle gegenwärtig wirksamen Prozesse—ob sie nun Individuen, Wirtschaftsunternehmen, die Bildung, Handel, Kunst, Ethik oder Einwanderung betreffen—notwendigerweise kürzer sind als die Wirkprozesse der Vergangenheit. Parallel dazu sind die Erneuerungszyklen—für ein stark exportorientiertes Land lebenswichtig—kürzer. Vor allem aber heißt es, daß Zentralismus und Hierarchie, auf die offenbar jeder in diesem Lande setzt, die Effektivität des Staates und damit die Effektivität aller wichtigen Tätigkeiten—von risikofreudigen Individuen, Unternehmen und selbst Regierungsstellen—einschränken. Verschlankte Entscheidungsabläufe (lean management) und Aufgabenverteilung werden zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren—und nicht nur deshalb, weil die USA und England hier schon weiter sind als Deutschland. Das neue Denken muß sich aus der Einsicht ergeben, daß der Umbruch notwendig ist und daß im Zuge dieses Umbruchs eine nationalistische Mentalität abgelegt werden muß. Weil dies eine große historische Chance ist, könnte Deutschland wie kein anderes Land ein Beispiel setzen. Doch wenn es diese Gelegenheit verstreichen läßt, wird es vermutlich einen sehr hohen Preis dafür bezahlen müssen.

Nur wenn sich Deutschland auf allen Ebenen—auf lokaler, staatlicher und nationaler Ebene—von den Normen und Zwängen seines traditionellen Systems, aus Verordnungen und Regulierungen befreit, kann aus den guten Vorsätzen mehr werden als nur vorübergehender Erfolg. Ein proaktives politisches Klima und ein in Verordnungen und Regulierungen stagnierender Geist schließen sich gegenseitig aus. Im übrigen hat sich gezeigt, daß insbesondere im Bereich der Kommunalpolitik, hier wieder besonders bei der Förderung von Existenzgründungen, gute Vorsätze zu nachweisbaren Erfolgen geführt haben. Manch ein Gemeinderat mußte sich dabei um alte Gesetze herummogeln, um Existenzgründungen im Bereich der Telekommunikation oder der Dienstleistungsangebote im Internet fördern zu können. Hierbei waren die Anreize, die man für Existenzgründungen geboten hatte, besonders attraktiv. Sie reichen indes keineswegs aus. Die meisten Existenzneugründungen beruhen noch immer auf Eigeninitiative ohne jegliche öffentliche Hilfe. Auch hier gilt die alte Erfahrung: Je lauter und öfter eine Erfolgsgeschichte wiederholt wird, desto eklatanter sind die insgesamt mageren Ergebnisse, die damit beschönigt werden sollen. Jeder, der sich mit den neuen bürokratischen Mechanismen, die solche Initiativen fördern sollen, etwas auskennt, weiß, wie wenig von der gesamten Investitionssumme tatsächlich für Innovationen aufgewendet wurde. Es fehlt nicht an Geld, sondern an Transparenz. Die bei weitem meisten Gelder fließen noch immer in den Wasserkopf der Schriftkultur: in die semantischen Spielchen demagogischer Argumentation und Rechtfertigung. Die riesigen Plakate, mit denen der Weg in die Selbständigkeit angepriesen wird, kosten weitaus mehr als das, was die jungen Menschen als Starthilfe benötigen würden.

Deutschlands Modernisierungsversuche werden auch dadurch behindert, daß es für jeden Schritt, den es in Sachen Deregulierung nach vorne macht, hinsichtlich der Bürokratisierung der europäischen Verhältnisse zwei Schritte zurückgeht. Die schwerfällige Bürokratie der europäischen Behörden bedürfte dringend einer Neustrukturierung, die der neuen Pragmatik entspricht. Diese aber von denen zu erwarten, die zu dieser Bürokratie gehören und von ihr profitieren, wäre naiv. Sie denken nur in Vor-Schriften, die ihnen Sicherheit, Ordnung und Fortschritt zu versprechen scheinen, selbst wenn der Preis dafür eine hohe Arbeitslosigkeit ist. Man kann nur hoffen, daß die Europäer selbst, wenn sie sich in ihrem neuen Haus erst einmal eingerichtet haben, die Initiative ergreifen und Alternativen entwickeln werden. Diese müßten dann sehr viel stärker auf Dezentralisierung, auf lokale Autonomie, also auf kleine, sich selbst organisierende Kernzentren setzen, ausgerichtet am föderalistischen Vorbild der USA oder, wenn dieses Beispiel in Europa nicht willkommen sein sollte, an der Schweiz. Und dann wird man sehen, woher die richtungsweisenden Ideen kommen: von den Unternehmern, die auf der lokalen Ebene um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen, sich aber der globalen Dimension ihrer Tätigkeit vollkommen bewußt sind; von den Intellektuellen in ihren behaglichen akademischen Schutzhüllen; oder von den Politikern. Eine besondere Rolle werden die Gewerkschaften spielen, die in der Vergangenheit ein wesentlicher Veränderungsfaktor gewesen sind, heute aber aus einer kurzsichtigen Politik heraus eher einen konservativen Kurs betreiben. Kein status quo kann den Interessen derer nützen, die sich in den Gewerkschaften repräsentiert sehen, sondern nur wirksame Veränderungen, die die einzelnen stärken. Heute verhindern die Gewerkschaften die Einführung neuer Technologien oder erschweren sie zumindest. Schon morgen werden sie vielleicht erkennen, daß der Preis für diese kurzsichtige Politik sehr hoch ist: daß sie nämlich niemand mehr haben will.

Loslösung von der Schriftkultur heißt vor allem, daß wir uns auf ein proaktives Denken, auf Deregulierung, Dezentralismus und die Abschaffung von Entscheidungshierarchien einlassen. Proaktives Denken beinhaltet die Bereitschaft zum Experiment, zum Verlassen alter, eingetretener Pfade und zum Beschreiten neuer Wege. Obwohl in Deutschland große Summen für die Forschung ausgegeben werden, die vor allem in die hervorragenden Max-Planck-Institute und die von der DFG finanzierten Forschungsprojekte fließen, hat es lange Zeit keine ausreichenden Rahmenbedingungen für neue Technologien wie Biogenetik, künstliche Intelligenz (KI), künstliches Leben (ALife) und modernes wissenschaftliches Rechnen (advanced scientific computation) gegeben. Die Hochleistungsforschung im Bereich der traditionellen Wissenschaften und Technologiebereiche war und ist ausgezeichnet. Viele Ergebnisse im Bereich der Lasertechnologie, der Hochgeschwindigkeitstelekommunikation, alternativer Energiequellen (um nur einige wenige zu nennen) sind aber im Ausland, von deutschen oder ausländischen Unternehmen, praktisch umgesetzt worden, weil in Deutschland die Voraussetzungen hierfür fehlten! Das ist das direkte Ergebnis einer Fixierung auf Tradition, Kontinuität, Vergangenheit und der mangelnden Bereitschaft, sich auf radikal neue pragmatische Rahmenbedingungen einzulassen. Kultur als Stagnationsfaktor ist jedoch eine falsch verstandene Kultur.

Während also Deutschland seine Vergangenheit erfolgreich exportiert, werden alle zukunftsorientierten Technologien importiert. Ich rede hier nicht von billigem Benzin oder Heizöl. Hinsichtlich einiger wissenschaftlicher Entwicklungen hat sich die bundesdeutsche Regierung geradezu als Zensurinstanz erwiesen. Offenbar unter dem Eindruck einer Vergangenheit, die niemand vergessen will und vergessen sollte, wurde es vermieden, das Wort Genetik direkt zu verwenden. Ironischerweise erinnert mich das daran, daß während meiner Studienzeit in einem kommunistischen Land das Wort Genetik (zusammen mit dem Wort Computer) verboten war. Die Folge einer solchen Einstellung aber ist, daß die Deutschen, die sich des unstrittigen Gefahrenpotentials der Genetik bewußt sind, nunmehr im Ausland darin investieren. Deutsche Firmen unterstützen amerikanische Universitäten mit Forschungsgeldern, weil ihre eigenen Universitäten ihre wissenschaftlichen Möglichkeiten nicht wahrnehmen. Jetzt sucht man in Deutschland verzweifelt den Anschluß in einem zukunftsträchtigen Wissenschaftsbereich, der in der Kultur jenseits der Schriftkultur von zentraler Bedeutung ist. Mittlerweile sind neue Gesetze verabschiedet worden, die den Anschluß an die wissenschaftliche Entwicklung erleichtern sollen. Das Problem liegt aber nicht so sehr im Bereich der Technologie, in dem Deutschland immer noch führend ist, es ist ein Mentalitätsproblem. Neue Gesetze ändern keine Mentalität und stellen nie die ausreichende Antwort auf das dar, was zu unternehmen ist.