Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, wie notwendig eine proaktive Haltung ist. Und hier, das sei noch einmal in aller Deutlichkeit festgestellt, muß das Bildungssystem als wichtige Quelle der Erneuerung eine Führungsrolle übernehmen und darf sich nicht mit der Rolle eines passiven Zeugen der Stagnation begnügen. Deregulierung, Dezentralisierung und eine Befreiung von hierarchischen Strukturen wären die Stützpfeiler eines zukunftsweisenden politischen Konzepts. Viele deutsche Unternehmen haben kompetitive Methoden wie Aufgabenverteilung und parallele Arbeitsabläufe bereits umgesetzt. Die Anbindung an Netzwerke wird gerade vollzogen. In den Betrieben und den Entwicklungsabteilungen der großen Unternehmen wird die Schriftkultur zunehmend durch eine Kultur des Visuellen und durch Multimedien ersetzt. Viele Studierende, die in diesem Bereich viel weiter sind als ihre Professoren, übernehmen die Rolle von Lehrenden und füllen das Ausbildungsvakuum im Bereich der neuen Technologien. Noch wichtiger jedoch wäre es zu erkennen, daß sich die Dynamik des Umbruchs aus kleineren, selbstorganisierenden Zellen ergibt.

Manche studentischen Versuche, die Herdenmentalität des Bildungssystems (und der deutschen Gesellschaft) zu überwinden und nach Bildungsalternativen zu suchen, sind geradezu aufregend. Statt in überfüllten Hörsälen Vorlesungen zu lauschen, die der Professor zum soundsovielten Male wiederholt, erforschen sie das World Wide Web, studieren im Ausland, kümmern sich in der studentischen Selbstverwaltung um Räume und Ausrüstung, ohne sich dabei groß um die vorgeschriebenen bürokratischen Wege zu scheren. Das sind solche selbstorganisierenden Zellen, aus denen die späteren neuen Kleinunternehmen hervorgehen oder aus denen sich möglicherweise Alternativen zu dem Monstrum entwickeln, das wir Universität nennen. Diese kleinen innovativen Unternehmen im Umfeld der Universitäten halten die Beziehungen zur Universität aufrecht, ermöglichen Wissenstransfer und auch eine stärker an der Wirklichkeit ausgerichtete Ausbildung.

Ein deutscher Politiker, der gern im Rampenlicht steht, hat vorgeschlagen, die Universitäten zu verkaufen, weil sie vom Staat nicht mehr zu finanzieren sind. Das könnte ein erster Schritt sein, die verbürokratisierte Verwaltung zum Sonderpreis anzubieten. Damit wäre eine wichtige Voraussetzung zur Konstituierung von selbstorganisierenden Zentren innerhalb des Universitätssystems geschaffen, die zu einer wirklichen Autonomie der Hochschulen führen könnte. Solche selbstorganisierenden Zellen entstehen überall, wo die Bedingungen für einen Wandel von denen, die die gegenwärtige Dynamik verstanden und Initiativen ergriffen haben, geschaffen werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist Jenoptik, ein Unternehmen, das gerade an die Börse gegangen ist, nachdem es die traditionellen Produktionsweisen, die den früheren Ruhm begründet hatten, durch neue Produkte und Produktionsformen ersetzt hat. Hier werden auch neue Formen der Mitarbeitermotivierung erprobt, in Form von Aktienanrechten, die den Bedingungen eines wettbewerbsorientierten Marktes viel angemessener sind als die mächtigen Tarifverträge zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ähnliche Beispiele, auch wenn sie leider eher selten sind, wird der Leser selber kennen. So wichtig Stabilität in den Augen von Pädagogen, Wissenschaftlern, Gelehrten und vor allem Verwaltungsangestellten auch sein mag, Formen der Selbstorganisation sind kennzeichnend für ein dynamisches System, nicht für schale Stabilität oder Egoismus. "Il faut laissez faire les hommes.": Diese Feststellung Colberts aus dem 17. Jahrhundert hat Bismarck überdauert, nicht, weil die den Deutschen so lieb gewordenen Tugenden von Ordnung und Disziplin schlecht sind, sondern weil sich jenseits der Schriftkultur ein Bereich entfaltet, in dem sich die erfolgreiche menschliche Selbstkonstituierung ausschließlich auf menschliche Ressourcen gründet. Die Fähigkeit zum Umdenken ist eine solche Ressource.

Literaturhinweise

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