Ähnlich stellt sich die soziale Tradition Deutschlands dar. Bei der Regelung der sozialen Aspekte des Daseins gilt Deutschland in vielerlei Hinsicht dem Rest der Welt als Beispiel. Die sozialen Leistungen sind vermutlich die besten in der westlichen Welt. Bildung und Ausbildung genießen selbst in wirtschaftlichen Krisenzeiten absolute Priorität und werden gänzlich durch den Steuerzahler finanziert. Lebensqualität, wie sie sich im Lebensstandard, im Reisen, im Gesundheitswesen, in der Länge der Urlaubszeit und im Bildungsangebot ausdrückt, ist ein Grundrecht geworden. Doch zeichnet sich mittlerweile ab, daß Deutschland diesen beneidenswerten Status nur auf Kosten anderer erhalten kann, es sei denn, neue, innovative Impulse würden die Effizienz durch andere Faktoren als nur durch Größenordnungen erhöhen. Eine schmerzliche Alternative wird darin liegen, einige der hart erarbeiteten Leistungen gegen neue Möglichkeiten einzutauschen.

Die erste Option—auf Kosten anderer zu leben—hätte nur kurzfristig Chancen. In weniger als einer Generation wird sich zeigen, daß man für die Erhaltung des hohen Lebensstandards in einigen Ländern (Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden) nicht mehr einfach andere zahlen lassen kann. Hierbei wird der politische Zusammenschluß Europas eine große Rolle spielen. Niemand kann ernsthaft davon ausgehen, daß es möglich ist, die großen Unterschiede zwischen den deutschen Leistungen im Sozial- und Gesundheitswesen und denen in anderen europäischen Ländern beibehalten zu können. Um aber die anderen Länder zu einem vergleichbaren Standard zu führen, müßten Mittel aufgebracht werden, die schlichtweg nicht zur Verfügung stehen. Das würde bedeuten, daß der allgemeine Lebensstandard zum Zweck der allgemeinen Angleichung in Deutschland gesenkt werden muß. Die zweite Option—technologische Innovationen, die die deutsche Führungsrolle in diesem Bereich stärken—würde sich ebenfalls nicht sehr lange auswirken. Die Wissensverbreitung in einer global vernetzten Welt wird sich noch schneller als bisher vollziehen, so daß auch Führungskonzepte in innovativen Bereichen jeweils sehr viel kürzer existieren werden. Also sind gesellschaftliche Reformen—unsere dritte Option—angezeigt, so schwer diese Medizin auch zu schlucken ist. Diese werden sich vermutlich durch eine gewisse Absenkung des Lebensstandards durchsetzen lassen. Dafür aber werden neue Möglichkeiten entstehen, und das Leben wird sich weniger als Umsetzung von Vorschriften und mehr als Entfaltung der Verschiedenheiten, die uns als Individuen definieren, darstellen.

Gibt es Grund zur Besorgnis? Zwischen 1970 und heute ist das Geldvermögen der privaten deutschen Haushalte von 524 Milliarden DM auf 5344 Milliarden DM angestiegen (Immobilien und Betriebsvermögen nicht eingerechnet). Das heißt, daß jeder deutsche Haushalt durchschnittlich 150000 DM besitzt. Wenn unter den heutigen Bedingungen erhöhter wirtschaftlicher Effektivität diese enormen Summen nicht aktiviert werden, dann sind sie bald weniger wert als all die Nullen, die man zum Schreiben dieser Zahlen benötigt. Jenseits der Schriftkultur etabliert sich ein Bereich der Mitbeteiligung und Mitbestimmung, der allein soziale Gleichheit und Qualitätsmaßstäbe garantiert.

In den vergangenen Jahren hat der Druck des Marktes zu Reformen geführt, die in der Gesellschaft Zweifel an der Globalität (als könnte man sich ihr entziehen) haben aufkommen lassen, weil man sie für einige der verlorenen Sozialleistungen verantwortlich macht. Im gleichen Zug wurden Wettbewerb, Marktwirtschaft und sogar die nach dem Zweiten Weltkrieg erworbene Toleranz gegenüber Fremden in Zweifel gezogen. "Deutschland ist kein Einwanderungsland" ist nicht nur der Kampfruf einer kleinen reaktionären Minderheit, sondern eine durchaus verbreitete Einstellung—sind die Grünen hier eine Ausnahme?—, mit der man die Fremden zum Sündenbock für alle möglichen politischen Probleme erklärt. Das Fremde wird in Deutschland nur unter spezifisch deutschen Gesichtspunkten akzeptiert: als Urlaubsrefugium (Mallorca, Tunesien, die Dominikanische Republik, Türkei), wo man seine Sorgen für einen Augenblick vergessen kann; als billiges Reiseziel für Arbeitslose oder für diejenigen, die ihre Autos billiger als in Deutschland kaufen möchten; oder als Ort (Polen, Rumänien, die Tschechische Republik), an dem Personen mit kleineren Pensionsansprüchen besser als zu Hause leben können. Die Einsicht, daß die Welt jenseits der Schriftkultur eine integrierte Welt ist, stellt sich nur in Ausnahmefällen ein, ungeachtet der Bedeutung, die diesem Thema im offiziellen politischen Diskurs beigemessen wird. Daß Deutschland wie alle anderen Länder in Zukunft höhere Einwanderungszahlen zu verzeichnen haben wird, ist nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit. Ohne Einwanderung würde Deutschland zu einem geistigen Mikrokosmos zusammenschrumpfen, dem die wiederbelebenden Impulse fremder Kulturen fehlen; abgesehen davon, daß es nicht genügend qualifiziert ausgebildete junge Menschen in allen Arbeitsbereichen hätte. Jenseits der Schriftkultur ergibt sich Dynamik aus Unterschieden, nicht aus Uniformität.

Den fundamentalen pragmatischen Zusammenhang von Arbeit und Leben in einer integrierten Welt, deren Sprache die Sprache des Konsums ist, hat man in Deutschland nie wirklich verstanden. Deutschlands führende Denker widmen sich nahezu ausschließlich der Vergangenheit und warten mit immer neuen Auslegungen von ihr auf. Wenn Reformen (von denen die meisten ohnehin nur akute Brandherde löschen statt neue Wege aufzuzeigen) durchgesetzt werden müssen—wie im Fall der Lohnfortzahlung oder von Rationalisierungsmaßnahmen in der Wirtschaft—schallt der Ruf "Wir wollen keine amerikanischen Verhältnisse." Als hätten die Krisen, die die Probleme in der Stahlindustrie, in der Automobilindustrie oder in der Chemie- und Pharmaindustrie hervorgerufen haben, nichts mit den Problemen zu tun, die auch in Amerika und in allen anderen Ländern zu Krisen und zu erhöhtem Wettbewerb, und im übrigen zu erhöhter Wettbewerbsfähigkeit, geführt haben. Wenn die Deutschen ihren Lebensstandard erhalten wollen, müssen sie wie alle anderen Staaten Alternativen finden. Stagnation ist keine Alternative, sondern eine Sackgasse. Manteltarifverträge zum Beispiel, die einer Welt, die immer differenzierter wird, Uniformität aufzwingen wollen, helfen nicht weiter. Viele andere Probleme, die sich aus der festen Bindung an die Tradition ergeben, bedürfen innovativer Alternativen. Zu lange hat man in Deutschland aus Selbstzufriedenheit und Mittelmäßigkeit zukunftsgerichtete Initiativen und Erneuerungsimpulse verworfen.

Ein besonders auffälliges Beispiel ist der Zustand des deutschen Universitätssystems. Einst gab die deutsche Universität das Muster für viele andere Länder ab und zog Studenten aus aller Welt an. Heute ist das Universitätssystem vornehmlich damit beschäftigt, allen, die es wollen, einen freien Zugang zu einer mittelmäßigen Bildung und Ausbildung zu gewähren. Viele Universitäten kämpfen ums Überleben, obwohl Deutschland auf dem Papier die höchsten Studentenzahlen der ganzen Welt hat. Die derzeitigen Finanzprobleme machen sich hier besonders bemerkbar: überall fehlt es an Geld, verbeamtete Professoren kosten mehr, als sich die Gesellschaft leisten kann; die auf eine illustre Geschichte zurückgehenden Studienpläne wurden in fast keinem Fall auf die neue Lebenspraxis ausgerichtet. Die kostbare Bildung, eine Errungenschaft, auf die Deutschland so stolz blickt, ist sehr kostspielig geworden. Unter dem Druck der Verhältnisse werden Reformen in Angriff genommen—für das Jahr 2006. Niemand fragt dabei, ob unter den gegebenen Umständen des technologischen Fortschritts und der rasanten wissenschaftlichen Entwicklung im Jahr 2006 die Universitäten überhaupt noch die richtigen Institutionen für Bildung und Ausbildung sind. Wenn neue Universitäten und Fachhochschulen gegründet werden, geschieht dies immer noch nach dem mittelalterlichen Modell, das sich an einem einige Jahrhunderte alten Bildungsideal orientiert, aber die heute erforderliche Effizienz eher verhindert. Spektabilitäten und Magnifizenzen, von denen einige als Hochschullehrer versagt haben, produzieren Unmengen von beschriebenem Papier, die viel Mittelmaß erkennen und jegliche bildungspolitische Perspektive vermissen lassen. Sofern die Studienpläne in Einzelheiten verändert werden, dauert es Jahre, bis sie durch die universitären Gremien gelaufen und von den Ministerien genehmigt worden sind. Die universitätsinterne Mittelverteilung orientiert sich ebenfalls nicht an zukünftigen Bedürfnissen. Den Rektoren und Kanzlern stehen Dienstwagen mit Chauffeur zur Verfügung, während es in einigen Unterrichtsräumen selbst an Tafeln fehlt, von den neuen Multimedien und den wissenschaftlichen Netzwerken gar nicht zu reden. Wettbewerb unter den Professoren ist oft nicht ein Wettbewerb um bessere Arbeits- und Forschungsbedingungen, sondern um höhere Institutshaushalte oder Gehälter. All diese Regeln und Strukturen haben sich aus der sogenannten Autonomie der Hochschulen ergeben. Strukturreformen mit Blick auf die heute notwendigen interdisziplinären Forschungszentren und eine entsprechend neu orientierte akademische Lehre werden durch diese Verhältnisse schwer, bisweilen sogar unmöglich gemacht. An deutschen Universitäten gilt noch immer als höchstes Prinzip: Stecke dein Gebiet ab, wahre deinen Besitzstand! Und das in einer Zeit, in der in sich geschlossene, autonome Wissenschaftseinrichtungen kaum noch irgendwelche relevanten Forschungstätigkeiten durchführen können.

Die deutsche Universität ist vermutlich mehr als alle anderen Bereiche der Gesellschaft auf die (sehr glorreiche) Vergangenheit fixiert. Entsprechend fehlt den Studierenden die nötige, auf zukünftigen Erfolg ausgerichtete Motivation. So schaffen sie sich Lebensbedingungen, in welchen das Studium im Vergleich zu den anderen Lebenserwartungen eine relativ marginale Rolle spielt. Studenten machen Urlaub unabhängig von den Vorlesungszeiten. Ihre Nebentätigkeit ist ihnen oft wichtiger als Seminare und wissenschaftlichen Projekte; denn wissenschaftliche Leistung ergibt sich kaum noch aus dem Bedürfnis nach wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern aus der Notwendigkeit, Scheine zu sammeln. Wo sollten sie auch diese Leistungsqualität suchen und finden? Sicher nicht bei den Professoren, die nur auftauchen, wenn ihre anderen Verpflichtungen es ihnen erlauben, oder bei denen, die ihre intellektuelle Entwicklung mit der Verbeamtung beendet haben. Die politischen Aktivitäten der Studierenden richten sich ebenfalls auf Fragen des Lebensstandards, nicht auf ungenügende Lehrpläne, sondern auf Sozialleistungen wie BAFöG, das Recht auf unbegrenztes Studium, Preisermäßigungen aller Art, freien Zugang zum Internet und billiges Mensaessen.

Jede Verallgemeinerung ist falsch und gefährlich, und es hilft auch nicht viel weiter, immer nur mit dem Finger auf die derzeitigen Symptome zu zeigen. Ich verfolge hier lediglich die Absicht, das offen auszusprechen, was viele Kollegen untereinander diskutieren und in Privatgesprächen bestätigen. Sie tun nichts dagegen, weil sie befürchten, daß man dagegen nichts mehr tun kann. Natürlich gibt es noch immer diejenigen, die unter großen persönlichen Opfern hochkarätige Forschung betreiben, mit Kollegen aus anderen Disziplinen erfolgreich zusammenarbeiten und ihre Studierenden motivieren. Es wäre unfair, das nicht festzustellen. Es ist allerdings auch kontraproduktiv, die erheblichen Probleme des deutschen Universitätssystems hinter den Erfolgsmeldungen zu verstecken: das würde den Zynismus in der akademischen Welt nur erhöhen.

Ein wichtiger Schritt bei der Reform des deutschen Universitätssystems bestünde darin, daß sich die Universitäten ernsthaft um eine Öffnung für alternative Ausdrucks- und Kommunikationsmittel bemühen. Des weiteren müßten ihre Entscheidungsstrukturen dezentralisiert und der Verwaltungsapparat insgesamt eingeschränkt werden. Wichtiger als neue Hochschulbauten sind Netzwerke für wissenschaftliche Interaktion; wichtiger als neue Studien- und Prüfungsordnungen wären Überlegungen, wie man die universitäre Ausbildung auf die zukünftigen Bedürfnisse der Gesellschaft ausrichten könnte. Statt Uniformität müßten das Außergewöhnliche, das Unterschiedliche, das Innovative gefördert werden, auch und gerade im Bereich der unterschiedlichen Intelligenzen und Veranlagungen. Jegliche Form von geistiger Kreativität in eine uniforme Bildung zu zwängen, hieße die von der Schriftkultur propagierte Demokratie falsch zu interpretieren.

In vielerlei Hinsicht ähnelt die Situation in Deutschland dem, was ich in der englischen Fassung des vorliegenden Buches ausführlicher als Asienkrise dargestellt habe. Es wäre schön, wenn eine europäische Krise, die ganz wesentlich von der Art und Weise abhängt, wie Deutschland (aber nicht nur!) mit seinen Problemen umgeht, durch die weitsichtigen Handlungen derer vermieden würde, die etwas bewirken könnten.