Zum Glücke waren unsere Pferde in Folge der unglücklichen Jagd nicht abgemattet; sie rissen sich unter dem Sattel dahin und wir kamen mit jedem Augenblicke näher und näher . . . und endlich erkannte ich den Kasbitsch, nur konnte ich nicht recht unterscheiden, was er da vor sich hielt. Ich hatte Petschorin gerade eingeholt und schrie ihm zu: „Es ist Kasbitsch!“ Er blickte mich an, nickte mit dem Kopfe und schlug sein Pferd mit der Peitsche.

— Endlich hatten wir uns ihm auf Büchsenschußweite genähert; war nun sein Pferd bereits abgequält, oder war es schlechter als die unsrigen, genug, es wollte nicht mehr recht vorwärts. Ich glaube, daß er sich in dieser Minute seines Karagös erinnerte.

— Ich sehe, daß Petschorin im Galopp sein Gewehr anlegt! „Schießen Sie nicht!“ schrie ich ihm zu: „bewahren Sie den Schuß, wir holen ihn auch so ein.“ — So ist aber die Jugend! immer entbrennt sie zur Unzeit . . . . Der Schuß ging doch los und die Kugel zerschmetterte ein Hinterbein des Pferdes; dieses machte in der Wuth des Schmerzes noch ein Stücker zehn Sprünge, stolperte dann und fiel auf ein Knie. Kasbitsch sprang herunter, und dann sahen wir, daß er in seinen Armen ein Frauenzimmer hielt, das in einen Schleier gehüllt war . . . Es war Bela . . . Die arme Bela! . . . Er rief uns etwas in seiner Sprache zu und zückte den Dolch auf sie . . . Da galt kein Zögern: ich schoß nun auf gut Glück mein Gewehr ab; die Kugel mag ihm wohl in die Schulter gegangen sein, denn er ließ sogleich den Arm sinken . . . Als der Dampf sich verzogen hatte, lag auf dem Boden das verwundete Pferd und neben ihm Bela; Kasbitsch aber, der sein Gewehr weggeworfen hatte, kletterte wie eine Katze an den Gebüschen den Felsen entlang: ich hätte ihn gern da weggeblasen — allein es fehlte an einem fertigen Schusse! Wir sprangen von den Pferden und eilten zu Bela heran. Die Arme, sie lag unbeweglich und das Blut floß stromweis aus einer Wunde . . . So ein Bösewicht: hätte er ihr noch wenigstens in’s Herz gestoßen, — nun, wenn es einmal sein sollte, so wäre es doch mit Einem Male mit ihr ausgewesen, aber so in den Rücken . . . ein rechter Räuberstoß! Sie war ohne Bewußtsein. Wir rissen den Schleier ab und verbanden die Wunde so fest wir konnten; vergebens küßte Petschorin ihre kalten Lippen — nichts konnte sie zu sich bringen.

— Petschorin stieg zu Pferde; ich hob sie von der Erde empor und setzte sie so gut es gehen wollte zu ihm auf den Sattel; er umfaßte sie mit einem Arme, und wir kehrten zurück. Nach einem minutenlangen Schweigen sagte Grigorii Alexandrowitsch zu mir: „Hören Sie, Maksim Maksimitsch, auf diese Weise bringen wir sie nicht lebendig nach Hause.“ — Das ist auch wahr! sagte ich, und wir jagten was die Pferde nur laufen konnten. An dem Festungsthore erwartete uns eine Menge Volkes; wir trugen nun die Verwundete vorsichtig zu Petschorin und schickten nach dem Doktor. Ob er gleich betrunken war, so kam er doch, besichtigte die Wunde und erklärte, daß sie länger als einen Tag nicht leben könne . . . er irrte sich aber . . .

„So wurde sie wieder hergestellt?“ fragte ich den Stabskapitain, indem ich ihn am Arme faßte und mich unwillkührlich freute.

— Nein, antwortete er; der Doktor irrte sich nur insofern, als sie noch zwei Tage lebte.

„So erklären Sie mit nur, auf welche Weise Kasbitsch sich ihrer bemächtigt hatte.“

— Das war so zugegangen: trotz Petschorins Verbotes war sie aus der Festung nach dem Flüßchen gegangen. Es war auch, wissen Sie, sehr heiß; sie hatte sich auf einen Stein gesetzt und die Füße ins Wasser gehalten. Da kam Kasbitsch herangeschlichen, — schlug seine Krallen in sie, hielt ihr den Mund zu und schleppte sie in das Dickicht, woselbst er auf sein Pferd sprang und Reißaus nahm! Unterdessen hatte sie doch zu schreien vermocht; die Wachen machten Lärm, schossen, verfehlten ihn aber — und so waren wir denn dazu gekommen.

„Ja, warum wollte Kasbitsch sie denn eigentlich entführen?“

— Aber ich bitte Sie! diese Tscherkessen sind ein weltbekanntes Spitzbubenvolk: was schlecht verwahrt liegt, können sie nicht liegen lassen; so manches nutzt ihnen gar nichts, sie stehlen’s doch . . . hierin bitte ich sie zu entschuldigen! Nun und außerdem gefiel sie ihm ja schon längst.