„Und Bela starb?“

— Sie starb; nur quälte sie sich lange und wir quälten uns mit ihr ganz gehörig ab. Gegen zehn Uhr des Abends kam sie wieder zu sich; wir saßen an ihrem Bette; so wie sie nur die Augen aufschlug, fing sie an Petschorin zu rufen. — „Ich bin hier, neben Dir, meine Dschánetschka (was bei uns etwa „Seelchen, Herzchen“ heißen würde), erwiederte er, indem er ihre Hand ergriff. — „Ich sterbe!“ sagte sie. — Wir suchten sie zu beruhigen und sagten ihr, daß der Arzt versprochen habe sie unbedingt zu heilen. Sie schüttelte das Köpfchen und drehte sich nach der Wand; sie wollte nicht sterben! . . .

— In der Nacht fing sie an zu phantasiren; ihr Kopf brannte; über ihren ganzen Körper lief bisweilen ein Fieberschauer: sie sprach unzusammenhängende Reden von ihrem Vater, ihrem Bruder; sie wollte in die Berge zurück, in die Heimath . . . Dann sprach sie auch von Petschorin, gab ihm verschiedene zärtliche Benennungen oder warf ihm vor, daß er seine Dschánetschka aufgehört habe zu lieben . . . Er hörte ihr schweigend zu, sein Haupt auf die Hände gestützt; indessen bemerkte ich die ganze Zeit über in seinen Augenwimpern auch nicht eine Thräne; konnte er in der That nicht weinen oder beherrschte er sich dermaßen — ich weiß es nicht; was mich anbetrifft, so habe ich mein ganzes Leben lang nicht etwas Jammervolleres gesehen.

Gegen Morgen ließ das Phantasiren nach; wohl eine Stunde lang lag sie unbeweglich, bleich, und so abgemattet, daß man kaum bemerken konnte, ob sie athmete; dann wurde ihr wohler und sie fing an zu sprechen; aber was meinen Sie wohl, wovon? . . . Ein solcher Einfall konnte auch nur einem Sterbenden kommen! . . . Sie fing an sich zu bekümmern, daß sie keine Christin sei und daß in jener Welt ihre Seele mit der des Grigorii Alexandrowitsch nicht zusammenkommen, daß im Paradiese ein anderes Weib seine Genossin sein werde. — Da kam mir der Gedanke ein, sie vor dem Tode noch zu taufen; sie blickte mich mit Unentschlossenheit an und konnte lange kein Wort hervorbringen; endlich antwortete sie, daß sie in dem Glauben sterben wolle, in welchem sie geboren worden war. So verging ein ganzer Tag. Wie hatte sie sich während dieses einen Tages verändert! Die blassen Wangen waren eingefallen, die Augen waren groß geworden; die Lippen brannten. Sie fühlte eine innere Hitze, als ob in ihrer Brust ein glühendes Eisen läge.

— Die zweite Nacht brach ein; wir schlossen kein Auge und wichen nicht von ihrem Bette. Sie litt fürchterlich und stöhnte, — und so oft der Schmerz nur ein Bischen nachließ, bemühte sie sich, Grigorii Alexandrowitsch zu überzeugen, daß es besser mit ihr gehe, suchte ihn zu bereden sich schlafen zu legen, küßte seine Hand und verwandte kein Auge von ihm. Vor Tagesanbruch begann sie die Todesqualen zu fühlen; sie fing an sich herumzuwerfen, und riß den Verband auf, so daß das Blut von Neuem floß. — Nachdem man ihr die Wunde wieder verbunden hatte, wurde sie für ein Weilchen ruhig und bat Petschorin sie zu küssen. Er kniete vor ihr Bett nieder, hob ihren Kopf mit dem Kissen etwas in die Höhe und drückte seinen Mund an ihre erkaltenden Lippen; sie umwand seinen Hals fest mit ihren zitternden Armen, als ob sie ihm in diesem Kusse ihre ganze Seele übergeben wollte . . . Nein, sie hat wohl daran gethan zu sterben! Was wäre wohl aus ihr geworden, wenn Grigorii Alexandrowitsch sie verlassen hätte? Und das wäre früher oder später doch der Fall gewesen . . .

— Die Hälfte des andern Tages war sie still, schweigsam und folgsam, wie sehr sie auch unser Arzt mit Umschlägen und Mixturen quälte. „Aber ich bitte Sie!“ sagte ich zu ihm: „Sie sagten doch selbst, daß sie unbedingt sterben muß, wozu denn also alle diese Präparate?“ — „Ja, es ist doch besser, Maksim Maksimitsch,“ erwiederte er, „des ruhigen Gewissens wegen!“ — Ein schönes Gewissen!

Nach zwölf Uhr fing sie an einen brennenden Durst zu fühlen. Wir öffneten das Fenster, allein auf dem Hofe war es noch heißer als im Zimmer; man stellte Eis um’s Bett — es wollte nichts helfen. Ich wußte, daß dieser unerträgliche Durst ein Zeichen des sich nähernden Endes war und sagte es Petschorin. —

„Wasser, Wasser!“ sprach sie mit heiserer Stimme, indem sie sich im Bett erhob.

— Er wurde bleich wie ein Betttuch, ergriff ein Glas, schenkte ein und reichte ihr. Ich hielt mir die Hände vor die Augen und sagte leise ein Gebet her, ich erinnere mich nicht mehr, welches . . . Ja, mein Herr, ich habe so manchen in den Hospitälern und auf dem Schlachtfelde sterben sehen, es war aber immer nicht das, durchaus nicht das! . . Nun muß ich gestehen, daß mich noch Eins betrübt: sie erinnerte sich vor dem Tode meiner nicht ein einziges Mal; und doch habe ich sie wie ein Vater geliebt . . . Nun, Gott sei ihr gnädig! . . . Und die Wahrheit zu gestehen: Was konnte ich ihr auch sein, daß sie meiner vor dem Tode gedachte?

— Kaum hatte sie das Wasser ausgetrunken, so wurde ihr leichter; drei Minuten später war sie eine Leiche. Man hielt einen Spiegel an die Lippen — er blieb rein! . . . Ich führte Petschorin aus dem Zimmer und wir gingen auf dem Festungswalle auf und ab; lange gingen wir mit auf dem Rücken überschlagenen Armen neben einander auf und ab und sprachen kein Wort; sein Gesicht drückte nichts Besonderes aus und das ging mir nahe: ich an seiner Stelle wäre vor Herzeleid gestorben. — Endlich setzte er sich auf die Erde in den Schatten und fing an mit einem Stöckchen in den Sand zu malen. Ich wollte ihn, wissen Sie, bloß des Anstands wegen, trösten, und fing an zu sprechen: er hob den Kopf in die Höhe und lächelte . . . . Mir lief ein kalter Schauer über die Haut vor solchem Lächeln . . . So ging ich denn das Grab zu bestellen.