Mit dem Einbruche der Dämmerung befahl ich meinem Kosaken, den Thee, wenn auch kalt, anzusetzen, steckte ein Licht an, setzte mich an den Tisch und rauchte gemüthlich mein Reisepfeifchen. Ich hatte bereits mein zweites Glas Thee ausgetrunken, als plötzlich die Thüre knarrte und das leichte Rauschen eines Kleides und flüchtiger Tritte in meiner Nähe hörbar ward; ich fuhr zusammen und sah mich um, — siehe da, meine Undine. Sie setzte sich leise und lautlos mir gegenüber und heftete ihre Augen auf mich, und — ich weiß nicht recht warum — ihr Blick kam mir wunderbar zärtlich vor; er erinnerte mich an einen jener Blicke, welche in früheren Jahren so eigenmächtig mit meinem Leben gespielt hatten. —

Sie schien eine Frage von mit zu erwarten, allein ich schwieg, von einer unerklärlichen Aufregung überwältigt. Ihr Gesicht war von einer Todtenblässe überzogen, welche die innere Aufregung nur zu sehr verrieth; ihre Hand fuhr ohne Zweck auf dem Tische herum, und ich bemerkte ein leichtes Zittern an ihr; ihr Busen wogte bald hoch auf, bald schien sie wieder den Athem an sich zu halten. Diese Komödie fing an mir lästig zu werden, und ich war so eben im Begriff, dies Schweigen auf die allerprosaischste Weise von der Welt zu unterbrechen — nämlich, ihr eine Tasse Thee anzubieten — als sie plötzlich aufsprang, meinen Hals mit ihren Armen umwand, und ein feuchter, feuriger Kuß auf meinen Lippen wiederklang. Es wurde mir ganz düster vor den Augen, mein Kopf fing an sich zu drehen und ich drückte sie in meiner Umarmung mit aller Gewalt der jugendlichen Leidenschaft; aber sie schlüpfte mir wie eine Schlange aus den Armen und raunte mir ins Ohr: „Heute Nacht, wenn alles schläft, komm nach dem Ufer,“ und fuhr wie ein Blitz aus dem Zimmer. Auf dem Flure rannte sie die Theekanne und das Licht um, die beide auf dem Fußboden standen. „Was für ein Höllenmädel!“ schrie der Kosak, der darauf gerechnet hatte, sich an den Ueberbleibseln des Thee’s gütlich zu thun, und sich nun auf seine Streu hinstreckte. Jetzt erst kam ich wieder zu mir.

Nach ungefähr zwei Stunden, als alles im Hafen still geworden war, weckte ich meinen Kosaken auf: „Wenn Du einen Pistolenschuß hörst,“ sagte ich zu ihm, „so kommst Du nach dem Ufer!“ Er riß die Augen auf und antwortete mechanisch: „Sehr wohl, Ew. Gnaden.“ — Ich steckte die Pistole in den Gurt und ging. Sie erwartete mich bereits am Rande der Abfahrt; ihre Kleidung war mehr als leicht, ein kleines Tuch umwand ihre schlanke Taille anstatt einer Schärpe.

„Folgen Sie mir!“ sagte sie, indem sie mich bei der Hand faßte; — wir stiegen das Ufer hinab. Ich begreife nicht, wie ich nicht den Hals dabei gebrochen; unten angekommen, wandten wir uns rechts, und schlugen denselben Weg ein, auf welchem ich unlängst dem Blinden gefolgt war. Der Mond war noch nicht aufgegangen; nur zwei Sternchen schimmerten wie zwei rettende Leuchtthürme am dunkeln Himmelsgewölbe. Schwerfällige Wellen rollten in abgemessenen Distanzen hintereinander her, hoben aber kaum den einzigen Nachen in die Höhe, der am Ufer festgebunden lag.

„Laß uns in den Nachen gehen,“ begann meine Gefährtin. Ich schwankte — ich bin kein Liebhaber von sentimentalen Spazierfahrten auf dem Meere; indessen war es jetzt nicht mehr Zeit davon abzustehen. Sie sprang in den Nachen, ich hinter ihr drein, und ehe ich mich dessen versah, bemerkte ich, daß wir schwimmen.

— Was soll denn das heißen? sagte ich ärgerlich.

„Das soll heißen,“ antwortete sie, mich auf die Bank drängend, und meine Taille mit den Armen umwindend, „das soll heißen, daß ich Dich so lieb habe . . .“ Und ihre Wangen preßten die meinigen und ich fühlte ihren glühenden Athem über mein Gesicht dahinstreifen. Auf einmal plumpst etwas ins Wasser; ich streife nach meinem Gürtel — die Pistole ist fort. O, da stahl sich ein fürchterlicher Verdacht in meine Seele und das Blut peitschte mir nach dem Kopfe! Ich blicke rund um — schon sind wir gegen vierhundert Fuß vom Ufer ab, und schwimmen kann ich nicht! Ich versuche es sie von mir zurückzustoßen, sie aber hat sich wie, eine Katze an meine Kleider festgeklammert; plötzlich stieß mich ein heftiger Stoß fast über Bord. Der Nachen fing an zu schaukeln, ich brachte ihn aber wieder ins Gleichgewicht, und nun begann zwischen uns ein verzweifelter Kampf; die Wuth verlieh mir zwar Kräfte, allein ich bemerkte sehr bald, daß ich meinem Gegner an Gewandtheit weit nachstand . . .

— Was willst Du doch von mir? schrie ich sie endlich an, und drückte ihre kleinen Hände mit ungeheurer Gewalt zusammen; ihre Finger krachten, sie gab aber keinen Laut von sich; ihre Schlangennatur hielt diese Probe aus.

„Du hast gesehen,“ entgegnete sie, „und Du willst angeben!“ und mit einer übernatürlichen Anstrengung riß sie mich am Bord zu Boden; wir schwebten Beide bis an die Hüften aus dem Nachen; ihre Haare berührten das Wasser: der Augenblick war entscheidend. Ich stemmte mich mit dem Knie fest gegen den Boden, ergriff sie mit der einen Hand bei den Haaren, mit der andern bei der Gurgel; da ließ sie meine Kleider los, und in demselben Augenblick stürzte ich sie auch ins Meer.

Es war bereits ziemlich dunkel geworden. Ihr Kopf tauchte noch einigemal aus den schäumenden Wellen hervor und dann war nichts mehr zu sehen . . .