Ich kehrte nach Hause zurück. Auf dem Flure flackerte das aufgebrannte Licht auf einem hölzernen Teller und mein Kosak lag, trotz meines Befehles, im tiefsten Schlafe, mit beiden Händen das Gewehr haltend. Ich ließ ihn zufrieden, nahm das Licht und ging in das Zimmer. O weh! Meine Schatulle, meine Schaschka mit silberner Einfassung, ein Dagestaner-Dolch — das Geschenk eines Freundes — alles war verschwunden. Jetzt errieth ich wohl, was das für Sachen gewesen waren, die der verwünschte Blinde da herangeschleppt hatte. Obgleich ich nun meinen Kosaken mit einem ziemlich unsanften Stoße aufweckte und ihn tüchtig ausschalt, so war doch nichts mehr zu machen! Und wäre es nicht lächerlich gewesen, mich bei der Behörde zu beschweren, daß ein Blinder mich bestohlen und ein achtzehnjähriges Mädchen mich fast ertränkt hätte? Gott sei Dank, daß sich des Morgens Gelegenheit fand abzureisen und ich dies Nest verlassen konnte. Was aus der Alten und dem Blinden geworden ist, weiß ich nicht. Was gehn denn mich auch die Freuden und Leiden der Menschen an — mich, einen herumwandernden Offizier und noch dazu mit einem Passe in Kronsangelegenheiten! . . .

Die Fürstin Mary.

Dost thou drink tears, that thou provok’st such weeping?

Shakspeare, Venus and Adonis, Stanza 156.

11. Mai.

Gestern kam ich in Pätigorsk an und miethete ein Quartier am Ende der Stadt, auf einer sehr hochgelegenen Stelle, am Fuße des Máschuk, so daß während eines Ungewitters die Wolken sich bis auf mein Dach senken werden. Heut um fünf Uhr Morgens, als ich das Fenster öffnete, füllte sich mein Zimmer mit dem Dufte der Blumen an, welche in einem bescheidenen Vordergärtchen wachsen. Die Zweige der blühenden Süßkirsche schauen mir ins Fenster und der Wind überschüttet bisweilen meinen Schreibtisch mit ihren weißen Blüthenblättern. Von drei Seiten habe ich eine wunderschöne Aussicht. Gegen Westen liegt der fünfkuppige Beschtu im Blauen, wie „die letzte Wolke eines zerstobenen Sturmes“ gegen Norden erhebt sich der Máschuk, wie eine verbrämte Persermütze, und verdeckt diesen ganzen Theil des Himmelsgewölbes. Heiterer ist die Aussicht gegen Osten: unten, vor mir, liegt ein buntes reinliches, neues Städtchen, sprudeln die Heilquellen, rauscht die vielsprachige Menge, — und dort, weiterhin, thürmen sich die Berge, immer blauer und nebeliger, zum Amphitheater empor, und am Rande des Horizontes zieht sich die silberne Kette der Schneegipfel hin, mit dem Kasbek anfangend und mit dem zweikuppigen Elborus endigend. — — — In solchem Lande lebt’s sich heiter! Ein gewisses beruhigendes Trostgefühl ist durch alle meine Adern ergossen. Die Luft ist rein und frisch, wie der Kuß eines Kindes; die Sonne strahlend, der Himmel blau — wessen, so scheint es, bedarf man hier noch mehr? Wozu hier noch Leidenschaften, Wünsche, Bedauern? . . . Indessen ist es Zeit. Ich muß nun nach der Elisabethquelle gehen; man sagte mir, daß sich dort des Morgens die ganze Brunnengesellschaft versammelte.

Als ich mich in die Mitte der Stadt begab, ging ich auf den Boulevards umher, wo ich einige traurige Gruppen langsam den Berg hinaufsteigen sah; es waren meistentheils die Familien von Steppen-Gutsbesitzern; dies war leicht zu errathen an den abgetragenen altmodischen Ueberröcken der Herren und den geschmacklosen Kleidungen der Frauen und Töchter. Es war zu sehen, daß sie alle jungen Badegäste schon kannten, da sie mit zärtlicher Neugierde nach mir blickten: die Petersburger Form meines Waffenrockes führte sie irre; als sie indessen die Epauletten eines Armeeoffiziers an mir wahrnahmen, wandten sie sich unwillig von mir.

Die Frauen der Gegend selbst, so zu sagen die Brunnenwirthinnen, waren herablassender; sie haben Lorgnetten und richten ihre Aufmerksamkeit weniger auf die Uniform; sie sind bereits gewohnt, im Kaukasus unter einem nummerirten Knopfe ein feuriges Herz, und unter der weißen Mütze einen gebildeten Verstand anzutreffen. Diese Damen sind sehr gütig und sind es lange! Jedes Jahr werden ihre Verehrer durch Neue abgelöst und hierin liegt vielleicht das Geheimniß ihrer unerschöpflichen Liebenswürdigkeit. Als ich auf einem engen Pfade zur Elisabethquelle hinanstieg, überholte ich eine Menge Civil- und Militairpersonen, welche, wie ich später erfuhr, eine besondere Klasse von Leuten unter denen bilden, die auf eine Wirkung des Brunnens hoffen. Sie trinken — nur kein Wasser, gehn wenig spazieren, machen nur im Vorübergehen den Damen die Cour, spielen und klagen über Langeweile. Sie sind Stutzer und nehmen, so oft sie ihre umflochtenen Gläser in den Sauerbrunnen tauchen, eine akademische Stellung an; die Civilpersonen tragen hellblaue Halstücher, die Militairs lassen aus den Kragen die Vatermörder hervorgucken. Sie affektiren eine tiefe Verachtung gegen die Damen aus der Provinz und seufzen nach den aristokratischen Salons der Residenzen, wo sie nicht zugelassen werden.

Endlich bin ich am Brunnen . . . Auf einem Plätzchen unweit des Brunnens steht ein Häuschen mit einem rothen Dache über dem Becken; etwas weiter befindet sich eine Gallerie zum Spazierengehen während des Regens. Mehre verwundete Offiziere saßen auf einer Bank, ihre Krücken zusammenhaltend, blaß und traurig. Einige Damen gingen mit raschen Schritten auf und nieder, in Erwartung der Wirksamkeit des Wassers. Unter ihnen befanden sich zwei bis drei recht artige Gesichter. Aus den Nebenalleen, welche den Abhang des Máschuk bedecken, tauchte dann und wann das bunte Hütchen einer Liebhaberin der Einsamkeit zu Zweien hervor, denn stets bemerkte ich hinter einem solchen Hute eine Militairmütze, oder einen formlosen runden Hut. Auf dem steilen Felsen, wo ein Pavillon steht welcher den Namen Aeols-Harfe führt, standen einige Liebhaber von Aussichten, welche ihre Telescope nach dem Elborus richteten; unter ihnen befanden sich zwei Gouverneure mit ihren Zöglingen, die hierher gekommen waren, um sich von den Skrofeln heilen zu lassen.

Ich blieb erschöpft am Rande des Berges stehen und begann, an die Ecke des Häuschens gelehnt, die malerische Umgegend zu betrachten, als ich plötzlich hinter mir eine bekannte Stimme höre: