„Petschorin! schon lange hier?“
Ich wende mich um: Gruschnitzki! Wir umarmten uns. Ich hatte in einer aktiven Abtheilung seine Bekanntschaft gemacht. Er hatte eine Schußwunde am Beine, und war eine Woche später als ich ins Bad gereist. Gruschnitzki ist Fähndrich. Er dient erst seit einem Jahre und trägt aus ganz besonderer Koketterie einen dicken Soldatenmantel, auch hat er das St. Georgen Soldatenkreuzchen. Er ist wohlgebaut, hat eine dunkelbraune Gesichtsfarbe und schwarzes Haar; seinem Aeußern nach könnte man ihm fünf und zwanzig Jahre geben, ob er gleich kaum ein und zwanzig alt ist. Wenn er spricht, wirft er den Kopf hinten über und ringelt mit der linken Hand seinen Schnurrbart, denn mit der rechten stützt er sich auf die Krücke; auch spricht er schnell und hochtrabend: er ist einer von denen, die auf alle Vorfälle des Lebens schwülstige Redensarten in Bereitschaft haben, welche das einfach Schöne nicht rührt, und die sich wichtig in ungewöhnliche Passionen und ausnahmsweise Leiden hüllen. Effekt zu machen ist ihr höchster Genuß, darum gefallen sie den romantischen Damen der Provinz bis zum Wahnsinn. Im Alter werden sie theils friedliche Gutsbesitzer, theils Trunkenbolde, bisweilen das Eine und das Andere. In ihrer Seele liegen oft recht viele gute Eigenschaften, aber nicht für einen Heller Poesie. Gruschnitzki’s Leidenschaft war die des Deklamirens; er überschüttet einen mit Worten, sobald das Gespräch nur irgend den gewöhnlichen Ideenkreis verläßt; ich konnte nie mit ihm streiten. Er antwortet einem gar nicht auf das Gesagte, er hört einem gar nicht zu; kaum hält man aber etwas inne, so fängt er eine lange Tirade an, die sich scheinbar an das Gesagte anschließt, in der That aber nichts anders ist als die Fortsetzung seiner eigenen Rede.
Er ist ziemlich witzig; seine Epigramme sind oft recht unterhaltend, niemals aber sind sie treffend und bitter; er schlägt keinen mit Einem Worte nieder; er kennt nicht die Leute und ihre schwachen Seiten, denn er beschäftigte sich während seines ganzen Lebens nur mit sich selbst. Sein höchster Zweck ist — der Held eines Romans zu werden. Er war so oft bemüht die Andern davon zu überzeugen, daß er ein, nicht für diese Welt geschaffenes, einem gewissen geheimen Leiden überantwortetes Wesen sei, daß er zuletzt fast selbst daran glaubte. Darum trägt er auch mit solchem Stolze seinen dicken Soldatenmantel. Ich durchschaute ihn sogleich, deshalb liebt er mich auch nicht, obgleich wir äußerlich in den freundschaftlichsten Beziehungen stehen. Gruschnitzki steht im Rufe eines sehr tapfern Soldaten; ich sah ihn im Gefechte: er wirthschaftet mit dem Säbel herum, schreit und wirft sich mit blinzelnden Augen vorwärts. Das ist immer nicht die wahre russische Tapferkeit.
Ich mag ihn auch nicht leiden: ich fühle, daß wir einst einmal auf einem engen Wege zusammenstoßen werden, und es dem Einen von uns nicht wohl bekommen wird . . .
Seine Ankunft im Kaukasus ist ebenfalls eine Folge seines romantischen Fanatismus. Ich bin überzeugt, daß, am Vorabend seiner Abreise aus dem väterlichen Erbdorfe, er mit düsterer Miene irgend einer niedlichen Nachbarin sagte: daß er nicht Dienste nimmt, wie dies gewöhnlich geschieht, sondern, daß er den Tod sucht, weil . . . hier fährt er denn, die Hand über die Augen gehalten, fort: „Nein, Sie (oder Du) sollen das nie erfahren! Ihre reine Seele würde erbeben! Wozu das auch? Was bin ich Ihnen? Können Sie mich je verstehen? . . .“ und so fort.
So erzählte er mir selbst, daß der Grund, der ihn veranlaßte ins K. Regiment zu treten, ein ewiges Geheimniß zwischen ihm und dem Himmel bleiben würde.
Uebrigens ist Gruschnitzki in solchen Augenblicken, wo er die tragische Drappirung abwirft, recht liebenswürdig und unterhaltend. Es ist mir immer interessant, ihn mit Damen zu sehen; da kann ich mir vorstellen, wie er sich abquält.
Wir kamen uns wie alte Freunde entgegen. Ich fing an ihn über die Lebensweise im Badeort und die Hauptpersonen desselben zu befragen.
— Wir führen ein ziemlich prosaisches Leben, erwiederte er seufzend. Diejenigen, welche des Morgens Wasser trinken, sind welk, wie alle Kranken, die aber des Abends Wein trinken, sind unausstehlich wie alle Gesunden. Damengesellschaft ist wohl da; bei ihnen ist indessen wenig Trost zu holen: sie spielen Whist, kleiden sich schlecht, und sprechen schauderhaft französisch. In diesem Jahre ist aus Moskau nur die einzige Fürstin Ligoffska mit ihrer Tochter hergekommen; doch bin ich mit ihnen nicht bekannt. Mein Soldatenmantel scheint mir die allgemeine Abneigung zuzuziehen. Die Theilnahme, welche er etwa hervorruft, liegt wie ein Almosen auf mir.
In diesem Augenblicke gingen zwei Damen an uns vorbei, dem Brunnen zu; die eine ältlich, die andere jugendlich, wohlgebaut. Ihre Gesichter sah ich, der vorstehenden Hüte wegen, nicht; doch waren sie nach den strengsten Regeln des feinsten Geschmackes gekleidet: Nichts Ueberflüssiges. Die letztere trug ein hohes Kleid gris de perles; ein leichtes seidenes Fichu umwand ihren schlanken Hals. Ihre Stiefelchen couleur puce umspannten ihr dünnes Füßchen am Knöchel so reizend, daß selbst ein in den Mysterien der Schönheit Uneingeweihter unbedingt ein Ach! ausgestoßen hätte, wenn auch nur vor Verwunderung. Ihr leichter, doch sehr edler Gang hatte etwas mädchenhaftes, das jeder Erklärung entschlüpft, vom Blicke aber wohl verstanden wird. Als sie an uns vorüberging, wehte uns von ihr jener unerklärbare Duft entgegen, von welchem bisweilen der Brief eines reizenden Frauenzimmers athmet.