Werner war von kleinem Wuchse und mager und schwach wie ein Kind; eins seiner Beine war kleiner als das andere, wie bei Byron; im Vergleich zum Rumpfe schien sein Kopf ungemein groß; er hielt sein Haar unter einem Kamme zurückgestrichen, so daß die Unebenheiten seines Schädels jeden Phrenologen durch die seltsame Verflechtung der widersprechendsten Neigungen überrascht haben würden. Seine kleinen schwarzen, fortwährend unruhigen Augen waren bemüht, die Gedanken der andern zu durchdringen. In seiner Kleidung herrschte Geschmack und Sauberkeit; seine mageren, geäderten, kleinen Hände brüsteten sich stets in hellgelben Handschuhen. Sein Ueberrock, sein Halstuch und seine Weste waren beständig schwarzer Farbe. Die jungen Leute nannten ihn einen Mephistopheles; er that als nehme er diesen Beinamen übel, in der That aber schmeichelte derselbe seiner Eigenliebe. Wir verstanden uns bald und wurden Bekannte, denn der Freundschaft bin ich unfähig; von zwei Freunden ist der eine immer der Sklave des andern, obgleich keiner von ihnen dies eingestehen will. Sklave mag ich nicht sein, und in solchem Falle zu befehlen ist eine lästige Mühe, denn man muß zugleich auch betrügen; dann habe ich ja auch Bedienten und Geld! Bekannte wurden wir auf folgende Weise: ich begegnete Werner in S. inmitten eines zahlreichen, lauten Kreises von jungen Leuten; das Gespräch nahm gegen das Ende des Abends eine philosophisch-metaphysische Richtung; man sprach von den Ueberzeugungen: jeder war überzeugt von den verschiedenartigsten Dingen. —
„Was mich betrifft, so bin ich nur von Einem überzeugt . . .“ sagte der Doktor.
— Und wovon das? fragte ich, begierig, die Meinung eines Mannes zu erfahren, der bisher geschwiegen hatte.
„Davon,“ antwortete er, „daß ich früh oder spät an einem schönen Morgen sterben werde.“
— So bin ich reicher als Sie, sagte ich: ich habe, außer jener, noch eine Ueberzeugung, nämlich die, daß ich an einem sehr häßlichen Abende das Unglück hatte, geboren zu werden.
Alle fanden, daß wir Unsinn sprächen, doch hat wahrhaftig keiner von ihnen etwas Vernünftigeres gesagt. Seit jenem Augenblicke unterschieden wir uns von der Menge. Wir gingen oft miteinander, und sprachen zu Zweien sehr ernsthaft über abstrakte Dinge, bis wir endlich bemerkten, daß wir uns gegenseitig hintergingen. Dann sahen wir einander bedeutungsvoll in die Augen, wie die römischen Auguren nach den Worten Cicero’s, fingen an recht herzlich zu lachen, und lachend gingen wir auseinander, zufrieden mit unserem Abende.
Ich lag auf dem Divan, die Augen an die Decke geheftet, die Hände unter dem Nacken gekreuzt, als Werner in mein Zimmer trat. Er setzte sich in einen Lehnstuhl, stellte seinen Rohrstock in eine Ecke, gähnte und erklärte, daß es draußen sehr heiß sei. Ich erwiederte ihm, daß mich die Fliegen beunruhigten — und wir schwiegen Beide.
— Bemerken Sie, lieber Doktor, sagte ich, daß es ohne Thoren auf der Welt recht langweilig sein würde . . . Sehen Sie uns zwei vernünftige Leute an; wir wissen im Voraus, daß man über alles bis in die Unendlichkeit streiten kann, und deshalb streiten wir nicht; wir kennen fast alle geheime Gedanken des Andern; ein Wort ist uns eine ganze Geschichte; wir sehen den Keim jedes unserer Gefühle selbst inmitten einer dreifachen Schale. Das Traurige ist uns lächerlich, das Lächerliche traurig; im Allgemeinen aber, um die Wahrheit zu sagen, sind wir gegen Alles ziemlich gleichgültig, außer gegen uns selbst. So kann also ein Austausch der Gefühle und Gedanken zwischen uns nicht Statt finden: wir wissen der eine von dem andern alles, was wir wissen wollen, und mehr wissen wollen wir nicht; so bleibt uns denn noch ein Mittel übrig: Neuigkeiten mitzutheilen. Erzählen Sie mir irgend eine Neuigkeit.
Von der langen Rede ermüdet, schloß ich die Augen und gähnte . . .
Er antwortete nach einigem Nachdenken: „In unserm Gallimatias ist indessen doch noch eine Idee —“