„So hast Du nicht gesehen?“
— Doch, ich sah: sie hob Dein Glas auf. Wäre dort ein Wächter gewesen, so hätte er dasselbe gethan, und noch viel eiliger, indem er hoffen konnte ein Trinkgeld zu erhaschen. Uebrigens ist es sehr begreiflich, daß Du ihr leid thatest: Du machtest eine so fürchterliche Grimasse, als Du auf Dein durchschossenes Bein tratest . . .
„Und Du warst nicht im Mindesten gerührt, indem Du sie in dieser Minute sahst, wo ihre ganze Seele auf ihrem Antlitz glänzte?“
— Nein.
Ich log; ich hatte aber Lust ihn zu peinigen. Mir ist die Leidenschaft des Widersprechens angeboren; mein ganzes Leben war nur eine Kette trauriger und unglückseliger Widersprüche gegen mein Herz oder meinen Verstand. Die Gegenwart eines Enthusiasten ergreift mich jedesmal mit furchtbarer Kälte, ebenso glaube ich, daß häufige Beziehungen zu einem abgestorbenen Phlegmatiker einen leidenschaftlichen Schwärmer aus mir gemacht haben würden. Ich gestehe ferner: ein unangenehmes aber wohlbekanntes Gefühl lief in diesem Augenblicke über mein Herz; dieses Gefühl war — der Neid; ich sage dreist „der Neid“, denn ich habe mich daran gewöhnt mir alles zu gestehen; und schwerlich möchte sich ein junger Mann finden lassen, der beim Anblicke eines schönen Frauenzimmers, die seine müßige Aufmerksamkeit auf sich zieht und vor ihm offenbar einen Anderen, ihr nicht minder Unbekannten, auszeichnete — schwerlich, sage ich, möchte sich ein solcher junger Mann finden lassen (der, versteht sich, in der großen Welt gelebt hat und gewöhnt ist seine Eigenliebe zu hätscheln), welcher hierdurch nicht unangenehm berührt worden wäre.
Schweigend stiegen wir, Gruschnitzki und ich, vom Berg hinab und gingen auf dem Boulevard spazieren, an den Fenstern des Hauses vorbei, wo unsere Schöne versteckt war. Sie saß am Fenster. Gruschnitzki stieß mich an den Arm, und warf ihr einen jener aufbrausenden, zärtlichen Blicke zu, welche auf die Damen so geringe Wirkung haben. Ich richtete meine Lorgnette auf sie und bemerkte, daß sie in Folge seines Blickes lächelte, daß sie hingegen über meine dreiste Lorgnette sich außerordentlich ärgerte. Und wie, in der That, wagt es ein kaukasischer Armeeoffizier eine Moskauer Fürstin zu lorgnettiren? . . .
Den 13. Mai.
Heute Morgen kam der Doktor zu mir: sein Name ist Werner, er ist aber Russe. Was wäre da Außerordentliches? Ich kannte einen Iwánow, der ein Deutscher war.
Werner ist ein merkwürdiger Mann in vielfacher Beziehung. — Er ist Skeptiker und Materialist wie fast alle Aerzte, zu gleicher Zeit aber ist er auch Poet, und das in vollem Ernste, — ein Poet in der That immer, und oft in seinen Worten, ob er gleich in seinem ganzen Leben nicht zwei Verse geschrieben. Er studirte alle lebendigen Saiten des menschlichen Herzens, wie man die Adern an einem Leichnam studirt, doch wußte er seine Wissenschaft niemals zu benutzen: so kann bisweilen ein ausgezeichneter Anatomiker das Fieber nicht vertreiben. Gewöhnlich lächelt Werner im Geheimen über seine Kranken, doch sah ich einst, wie er vor einem sterbenden Soldaten weinte . . . Er war arm, träumte von Millionen, that aber für’s Geld keinen unnützen Schritt. Einst sagte er zu mir, daß er eher einem Feinde eine Gefälligkeit erweisen wolle, als einem Freunde, weil das seine Dienstfertigkeit verkaufen hieße, während der Haß nur im Verhältniß der Großmuth des Gegners zunimmt. Er hatte eine böse Zunge. Unter dem Aushängeschilde seiner Epigramme wurde mehr als ein Gimpel für einen gemeinen Narren ausgeschrieen; seine Nebenbuhler, die neidischen Brunnenärzte, verbreiteten das Gerücht, als ob er nach seinen Kranken Karrikaturen zeichne, — die Kranken erbleichten, und fast alle fielen von ihm ab. Seine Freunde, das heißt, alle wahrhaft anständigen Leute, die im Kaukasus dienen, bemühten sich umsonst, seinen gefallenen Kredit wieder zu heben.
Sein Aeußeres war von jenen, welche beim ersten Anblick unangenehm berühren, welche aber in der Folge ansprechen, wenn das Auge erst gewöhnt ist in den unregelmäßigen Zügen den Ausdruck eines erfahrenen, hohen Geistes zu lesen. Es gab Beispiele, daß Damen sich bis zum Wahnsinn in solche Leute verliebten und deren Häßlichkeit nicht für die Schönheit der frischesten, rosigsten Endymione vertauscht haben würden. Man muß den Damen Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie haben das angeborene Gefühl für die geistige Schönheit; daher kommt es vielleicht, auch, daß Männer, wie Werner, so leidenschaftlich die Weiber lieben.