Die reizende junge Fürstin wandte sich um und beschenkte den Redner mit einem langen, neugierigen Blicke. Der Ausdruck dieses Blickes war ungemein unbestimmt, doch nicht ironisch, weshalb ich ihm im Innern der Seele dazu gratulirte.
— Diese Fürstin Mary ist das reizendste Wesen von der Welt, sagte ich zu ihm. Sie hat ein Paar sammetne Augen — absolute Sammetaugen: ich würde Dir rathen, Dir diesen Ausdruck anzueignen, wenn Du von ihren Augen sprichst; die unteren und oberen Augenwimpern sind so lang, daß die Sonnenstrahlen ihr nie den Augapfel berühren können. Ich liebe diese glanzlosen Augen: sie sind so weich, sie thun einem so wohl . . . Uebrigens däucht mir, drückt ihr Gesicht nur Gutes aus . . . Aber was ich sagen wollte . . hat sie auch weiße Zähne? Das ist sehr wichtig! Es ist Schade, daß sie auf Deine stattliche Phrase nicht lächelte.
„Du sprichst ja von einem schönen Frauenzimmer wie von einem englischen Pferde,“ sagte Gruschnitzki unwillig.
— Mon cher, entgegnete ich ihm, indem ich mich bemühte seinen Ton nachzuahmen: je méprise les femmes pour ne pas les aimer, car autrement la vie serait un mélodrame trop ridicule.
Ich wandte mich um und verließ ihn. Während einer halben Stunde ging ich in den Rebenalleen über die Kalkfelsen und durch die zwischen ihnen hängenden Büsche spazieren. — Allmälig wurde es aber heiß, so daß ich den Rückweg nach Hause antrat. Als ich an dem Sauerbrunnen vorüberging, hielt ich an der steilen Gallerie still, um in ihrem Schatten mich etwas abzukühlen; dies gewährte mir die Gelegenheit Zeuge einer ziemlich interessanten Scene zu sein. Die handelnden Personen derselben befanden sich in folgender Position: Die Fürstin saß mit dem Moskauer Stutzer auf einer Bank der bedeckten Gallerie, beide, wie es schien, in ein wichtiges Gespräch vertieft. Die junge Fürstin, die wahrscheinlich ihr letztes Glas bereits getrunken hatte, ging gedankenvoll vor dem Brunnen auf und ab. Gruschnitzki stand am Brunnen selbst; sonst war Niemand auf dem ganzen Plätzchen.
Ich schritt näher hinzu und versteckte mich hinter die Ecke der Gallerie. In diesem Augenblicke ließ Gruschnitzki sein Glas auf den Sand fallen und strengte sich an, sich niederzubeugen, um es wieder aufzuheben: der kranke Fuß verhinderte ihn daran! Der Arme! wie er sich auf seine Krücke gestützt, abquälte, und so ganz umsonst. Sein ausdrucksvolles Gesicht drückte in der That Leiden aus.
Die junge Fürstin Mary sah alles dies besser als ich selbst. Leichter als ein Vögelchen hüpfte sie an ihn heran, bückte sich, hob das Glas auf und reichte es ihm mit einer unaussprechlich reizenden Bewegung, des Körpers: hierauf erröthete sie ungemein, blickte nach der Gallerie zurück und nachdem sie die Ueberzeugung erlangt hatte, daß ihre Mutter nichts davon gesehen, schien sie sich sofort zu beruhigen. Als Gruschnitzki den Mund öffnete, um ihr zu danken, war sie schon weit entfernt. Nach einer Minute kam sie mit ihrer Mutter und dem Stutzer aus der Gallerie heraus, nahm aber, als sie an Gruschnitzki vorüberging, eine sehr vornehme und strenge Miene an — wandte sich selbst nicht um, bemerkte nicht einmal den leidenschaftlichen Blick, mit dem er sie lange begleitete, bis sie endlich beim Hinuntersteigen vom Berge hinter den Linden des Boulevards verschwand . . . Noch einmal tauchte ihr Hütchen in der Straße auf; dann eilte sie in die Thüre eines der besten Häuser von Pätigorsk; hinter ihr ging die Fürstin hinein, die an der Thüre von Rajéwitsch Abschied nahm.
Erst jetzt bemerkte der arme leidenschaftliche Junker meine Gegenwart.
„Sahest Du?“ sagte er, indem er mit die Hand stark drückte: „sie ist geradezu ein Engel!“
— Warum? fragte ich mit der alleraufrichtigsten Miene.