— Ein Muttermaal! brummte ich durch die Zähne vor mich hin. Wäre es möglich?

Der Doktor blickte mich an und sagte siegreich, indem er mir die Hand ans Herz legte: „Sie ist Ihnen bekannt! . .“ Mein Herz schlug in der That stärker als gewöhnlich.

— Jetzt ist es Ihre Reihe zu siegen! sagte ich: indessen verlasse ich mich auf Sie; Sie werden mich nicht täuschen. Ich habe sie noch nicht gesehen, bin aber überzeugt in Ihrem Portrait eine Dame zu erkennen, die ich in früherer Zeit liebte . . . Sprechen Sie ihr kein Wort von mir; frägt sie, so berichten Sie Schlechtes von mir.

„Wie’s beliebt!“ sagte Werner, die Achseln zuckend.

Als er fortgegangen war, schnürte ein furchtbarer Kummer mein Herz zusammen. Führte uns das Geschick wieder im Kaukasus zusammen, oder war sie absichtlich hierher gekommen, wohl wissend, daß sie mich hier wiederfinden würde? . . . Und wie sehen wir uns wieder? . . . und dann, ist sie es auch? . . . Meine Ahnungen haben mich nie getäuscht. Auf der Welt ist kein Mensch, über den das Vergangene eine solche Macht erlangt hätte, wie über mich. Jede Erinnerung an vergangenes Leid oder entschwundenes Entzücken, schlägt krankhaft in meine Seele und entlockt ihr stets dieselben Töne . . . Ich bin dumm organisirt: nichts vergesse ich — nichts!

Nachmittags gegen sechs Uhr ging ich auf den Boulevard; eine Menge Leute waren dort: die Fürstin saß mit ihrer Tochter auf einer Bank, umringt von jungen Herren, welche ihr um die Wette den Hof machten. Ich nahm in einiger Entfernung auf einer andern Bank Platz, hielt zwei bekannte Offiziere fest und fing an ihnen einiges zu erzählen; — offenbar war das Erzählte lächerlich, denn sie fingen an zu lachen wie die Wahnsinnigen. Bald zog die Neugierde noch einige aus der Umgebung der jungen Fürstin zu mir herüber; nach und nach verließen sie auch die übrigen und schlossen sich meinem kleinen Kreise an. Ich war unerschöpflich; meine Anekdoten waren witzig bis zum Unsinn, meine Ausfälle auf die vorübergehenden Originale beißend zum Rasendwerden . . . Ich fuhr fort das Publikum bis gegen Sonnenuntergang zu belustigen. Einige Male war die junge Fürstin am Arme ihrer Mutter an mir vorübergegangen, von einem lahmen Greise begleitet; einige Male hatte ihr Blick, wenn er auf mich fiel, Aerger ausgedrückt, obwohl er gleichgültig scheinen sollte . . .

„Was erzählte er Ihnen denn?“ fragte sie einen der jungen Herren, der aus Artigkeit zu ihr zurückgekehrt war: „wahrscheinlich eine sehr interessante Geschichte — seine Siege in den Schlachten? . . .“ Sie sagte dies ziemlich laut und wahrscheinlich in der Absicht, mich zu stechen. „Aha!“ dachte ich: „Sie werden nicht umsonst böse, meine schöne junge Fürstin; warten Sie nur, es wird schon noch besser kommen!“

Gruschnitzki folgte hinter ihr wie ein wildes Thier, und ließ sie nicht aus dem Auge: ich mache eine Wette, daß er morgen Jemand bitten wird, ihn der Fürstin vorzustellen. Es wird ihr sehr angenehm sein, denn sie hat Langeweile.

16. Mai.

Im Verlauf zweier Tage ist meine Angelegenheit ungemein vorgerückt. Die junge Fürstin haßt mich aufs Bestimmteste; man hat mir schon zwei bis drei Epigramme wiedererzählt, die auf meine Rechnung gemacht wurden, und die, obgleich ziemlich beißend, mir zu gleicher Zeit sehr schmeichelhaft sind. Es kommt ihr ungemein seltsam vor, daß ich, der ich an gute Gesellschaft gewöhnt bin, und gegen ihre Petersburger Cousinen und Tanten so artig war, mich nicht bemühe mit ihr bekannt zu werden. Wir begegnen uns jeden Tag am Brunnen und auf dem Boulevard; ich wende alle meine Kräfte auf, ihre Verehrer, die glänzenden Adjutanten sowohl wie die blassen Moskowiter und alle anderen von ihr abspenstig zu machen, — und fast immer gelingt es mir. Ich haßte es bisher immer, Gäste bei mir zu haben; jetzt ist jeden Tag mein Haus voll, man dinirt, soupirt, spielt — und, o weh, mein Champagner siegt über die magnetische Kraft ihrer Aeugelein!