— Wo; denken Sie hin! rief ich aus, indem ich die Hände zusammenschlug: werden denn Helden jemals vorgestellt? Sie machen nicht anders Bekanntschaft, als indem sie ihr Liebchen von einem sichern Tode erretten . . .
„Also wollen Sie wirklich der jungen Fürstin die Cour machen? . . .“
— Durchaus nicht, gerade das Gegentheil! . . . Doktor, endlich trage ich den Sieg davon! Sie verstehen mich nicht! . . . Uebrigens thut mir das leid, Doktor, fuhr ich nach einem minutenlangen Schweigen fort: ich enthülle niemals meine Geheimnisse selbst, ich liebe ungemein, daß man sie erräth, weil ich in diesem Falle mich immer davon lossagen kann. Indessen müssen Sie mir noch Mutter und Tochter beschreiben . . . Was sind es für Leute?
„Zuerst also die Fürstin: sie ist eine Frau von 45 Jahren,“ entgegnete Werner; „sie hat einen guten Magen, aber verdorbenes Blut; auf den Wangen rothe Flecken. Die letzte Hälfte ihres Lebens brachte sie in Moskau zu, und wurde dort mit Gemächlichkeit recht dick. Sie liebt schlüpferige Anekdoten und spricht wohl selbst dann und wann unanständige Dinge, wenn ihre Tochter nicht im Zimmer ist. Sie erklärte mir, daß ihre Tochter so unschuldig sei wie eine Taube. Was geht das mich an? Ich hätte ihr gern geantwortet, sie könne ganz ruhig sein, ich würde es an Niemanden weiter sagen! Die Fürstin nimmt Bäder gegen den Rheumatismus, ihre Tochter nimmt sie Gott weiß weshalb. Ich befahl ihnen Beiden täglich zwei Glas Sauerbrunnen zu trinken und wöchentlich zweimal ein gemischtes Wannenbad zu nehmen. Wie es scheint, ist die Fürstin nicht gewöhnt zu befehlen: sie hat eine hohe Achtung vor dem Verstande und den Kenntnissen ihrer Tochter, welche Byron englisch gelesen hat und Algebra versteht: offenbar haben sich in Moskau die jungen Damen auf die Gelehrsamkeit geworfen, und wahrhaftig, sie thun wohl daran! Unsere Herren sind im Allgemeinen so wenig liebenswürdig, daß es für ein verständiges Frauenzimmer unerträglich sein muß, mit ihnen zu kokettiren. Die Fürstin liebt sehr die jungen Herren; ihre Tochter blickt mit einiger Verachtung auf dieselben, — eine Moskauer Gewohnheit! Die Damen werden in Moskau bloß groß gezogen, damit sie in ihrem 40sten Jahre Witzbolde seien.“
— Sie waren also in Moskau, Doktor?
„Ja, ich hatte da einige Praxis.“
— Fahren Sie fort.
„Ja, es scheint, ich habe alles gesagt . . . Doch halt, noch eins: die junge Fürstin scheint es zu lieben, über Gefühle, Leidenschaften u. s. w. zu urtheilen. Sie brachte einen Winter in Petersburg zu, wo es ihr nicht gefallen hat, besonders sprach sie die dortige Gesellschaft nicht an; wahrscheinlich hatte man sie kalt aufgenommen.“
— Sie sahen heute weiter Niemand bei ihnen?
„Im Gegentheil; es war noch ein Adjutant, ein steifer Gardeoffizier und eine Dame von den neuangekommenen dort, eine Verwandte der Fürstin von Seiten ihres Mannes, sehr hübsch, nur wie es scheint sehr krank . . . . Begegneten Sie ihr nicht am Brunnen? — sie ist von mittlerem Wuchse, Blondine, mit regelmäßigen Gesichtszügen, hat eine schwindsüchtige Gesichtsfarbe, und auf der rechten Wange ein schwarzes Muttermaal: ihr Gesicht frappirte mich wegen seines Ausdrucks.“