Sie warf mir einen Blick der Liebe und Dankbarkeit zu. Ich bin an solche Blicke gewöhnt, doch gewährten sie mir einstmals die reinste Seligkeit. Die Fürstin ließ ihre Tochter ans Piano gehen: alle bestürmten sie mit Bitten, ein Liedchen vorzutragen; — ich schwieg und begab mich, dies augenblickliche Durcheinander benutzend, an’s Fenster zu Wära, die mir etwas für uns beide ganz besonders Wichtiges mitzutheilen hatte . . . Was kam heraus? Unsinn.
Unterdessen war der Fürstin meine Gleichgültigkeit sehr empfindlich, wie ich das an einem erzürnten, strahlenden Blicke leicht errathen konnte . . . O, ich verstehe wunderbar diese stumme aber ausdrucksvolle, kurze aber kräftige Sprache! . .
Sie sang. Ihre Stimme ist nicht übel, es fehlt ihr aber an Schule . . . übrigens habe ich kaum hingehört. Dahingegen verschlang sie Gruschnitzki, der sich völlig auf das Royal legte, mit den Augen, und rief ein Mal über das andere mit halber Stimme: charmant! délicieux!
„Höre,“ sagte Wära zu mir, „ich will nicht, daß Du mit meinem Manne Bekanntschaft machst, dahingegen verlange ich unbedingt, daß Du der Fürstin zu gefallen strebst; das ist Dir ein Leichtes, Du kannst alles, was Du nur willst. Wir können uns nur hier sehen . . .“
— Nur? . . .
Sie erröthete und fuhr fort: „Du weißt, daß ich Deine Sklavin bin, daß ich Dir niemals zu widerstreben vermochte . . . und ich werde meinen Lohn dafür schon erhalten: Du wirst aufhören mich zu lieben. Aber meinen Ruf muß ich doch zu erhalten suchen — Du weißt recht gut, daß es nicht meinetwegen geschieht! O, ich flehe Dich an, quäle mich nicht wieder, wie früher, mit leeren Zweifeln und einer erzwungenen Kälte: ich sterbe wohl bald, denn ich fühle, wie ich von Tag zu Tage abnehme . . . und doch kann ich an das künftige Leben nicht denken, sondern meine Gedanken weilen immer bei Dir. Ihr Männer könnt den Genuß eines Blickes, eines Händedruckes nicht verstehen . . . während ich — ich schwöre es Dir — wenn ich Deine Stimme höre, eine tiefergreifende, seltsame Seligkeit empfinde, welche selbst die glühendsten Küsse nicht ersetzen können.“
Unterdessen hatte die Fürstin Mary aufgehört zu singen. Laute Lobeserhebungen ertönten rund um sie; ich war der letzte, der zu ihr heranging und ihr etwas über ihre Stimme sagte. Ich that es ziemlich gleichgültig.
Sie machte eine kleine Grimasse, indem sie die Unterlippe etwas nach vorn bewegte, und nahm sich überhaupt sehr lächerlich aus.
„Es ist mir dies um so schmeichelhafter,“ sagte sie, „als Sie mich gar nicht gehört haben; aber vielleicht lieben Sie die Musik gar nicht.“
— Im Gegentheil . . . besonders nach Tische.