Alle diese Tage über bin ich nicht ein einziges Mal von meinem System abgewichen. Die Fürstin fängt an Gefallen an meiner Unterhaltung zu finden; ich erzählte ihr einige der seltsamen Begebenheiten meines Lebens und sie beginnt in mir einen ungewöhnlichen Menschen zu sehen. Ich lache über alles auf der Welt, besonders über die Gefühle: dies fängt an sie zu erschrecken. Sie wagt es nicht mehr, sich in meiner Gegenwart mit Gruschnitzki in sentimentale Debatten einzulassen und antwortete schon mehrmals auf seine Ausfälle mit einem spöttischen Lächeln; so oft sich Gruschnitzki ihr nur nähert, nehme ich ein ehrerbietiges, diskretes Wesen an und ziehe mich von ihnen zurück; das erste Mal war sie erfreut darüber, oder bemühte sich wenigstens so zu scheinen; das zweite Mal aber ärgerte sie sich über mich; das dritte Mal über Gruschnitzki.
„Sie haben außerordentlich wenig Selbstliebe!“ sagte sie gestern zu mir. Warum glauben Sie denn, daß ich mich mit Gruschnitzki lieber unterhalte?“
Ich entgegnete ihr, daß ich dem Glücke meines Freundes mein eigenes Vergnügen gern aufopfere . . .
„Und das meinige auch,“ fügte sie hinzu.
Ich blickte sie starr an und machte eine sehr ernste Miene. Hierauf sprach ich den ganzen Tag kein Wort mit ihr . . . Am Abende war sie sehr nachdenklich, und heute morgen am Brunnen noch viel nachdenklicher. Als ich mich ihr näherte, hörte sie nur zerstreut auf Gruschnitzki, der sich, wie es schien, in Entzückungen über die Natur erging; kaum bemerkte sie mich, so begann sie laut zu lachen (und zwar durchaus mal à propos), um damit zu zeigen, als habe sie mich gar nicht bemerkt. Ich ging an ihr vorüber und beobachtete sie unbemerkt aus der Ferne: sie wandte sich von ihrem Gesellschafter ab und gähnte zweimal. Gruschnitzki langweilt sie also ganz bestimmt. Noch während zweier Tagen werde ich nicht mit ihr sprechen.
Den 10. Juni.
Ich frage mich öfter, woher es kommt, daß ich mit solcher Hartnäckigkeit der Liebe eines jungen Mädchens nachjage, die ich weder verführen will noch jemals zu heirathen beabsichtige. Wozu diese weibische Koketterie? Wära liebt mich besser, als die Fürstin Mary mich jemals lieben wird; hätte sie mir nun noch wenigstens eine unüberwindliche Schöne geschienen, so wäre ich vielleicht von der Schwierigkeit des Unternehmens angestachelt worden . . . .
Dem ist aber nicht so! Folglich ist es nicht jenes, unruhige Bedürfniß nach Liebe, welches uns in den ersten Jünglingsjahren so martert, und uns von dem einen Weibe zum andern wirft, bis wir auf eine solche stoßen, die uns nicht ausstehen kann: nun beginnt unsere Beständigkeit — die wahre, unendliche Leidenschaft, welche man mathematisch mit einer Linie vergleichen kann, die von einem gegebenen Punkte sich in die Unendlichkeit erstreckt; das Geheimniß dieser Unendlichkeit ruht nur in der Unmöglichkeit, das Ziel, nämlich das Ende, erreichen zu können.
Warum aber mache ich mir so viel damit zu thun? Aus Neid gegen Gruschnitzki? Der Schlucker! er ist dessen gar nicht werth. Oder ist es in Folge jenes garstigen, aber unüberwindlichen Gefühles, welches uns die süßen Verirrungen unseres Nächsten zu vernichten antreibt, damit wir, wenn er uns verzweiflungsvoll frägt, wem man nun noch trauen könne, die niedrige Genugthuung haben mögen, ihm zu antworten:
— Mein Freund, es ist mir grade so ergangen, und doch siehst Du, daß ich zu Mittag und zu Abend speise, wunderschön schlafe und hoffe, dereinst ohne Klagen und Thränen zu versterben.