Das heilige Abendmahl wird »zur Erinnerung an den Leib und das Blut des Sohnes« genossen, auf das die Heiligen »allezeit seiner eingedenk seien und seine Gebote halten, und damit sie stets seinen Geist bei sich haben.« So wenigstens drückt sich das Buch Mormons aus. Brot und Wein sind als Symbole zu gebrauchen wie in der reformirten Kirche. Durch eine Offenbarung jedoch wurde es verboten, sich des von den »Heiden« gebauten und gekelterten Weines zu bedienen (dies geschah aber erst in Deseret und zwar zu einer Zeit, wo Wein, wie alle anderen Luxusartikel, selbst Kaffee und Zucker, kaum zu bekommen war, und die »Offenbarung« war nur ein Hilfsmittel, gewissenhafte Leute, die es mit der Form der kirchlichen Ceremonien bis aufs Pünktchen genau zu nehmen gewohnt waren, zu beschwichtigen), und so trinken die Mormonen »bis sie sich Wein von selbstgebauten Reben verschaffen können,« Wasser statt des Saftes der Traube. Denn »es ist gleichgiltig, was ihr essen und was ihr trinken werdet, wenn ihr das Sacrament genießet; wenn ihr es nur so genießet, daß ihr die Augen blos auf meine Herrlichkeit richtet; darum so sollt ihr keinen Wein trinken, es sei denn, er wäre von euch selbst gekeltert«, sagt jene Offenbarung. Man feiert in Folge dessen die Communion in der Art, daß die Bischöfe unter den Sonntags im Bethause Versammelten mit Brot und einem Wasserkruge, woran ein Glas oder Blechbecher hängt, herumgehen und Jedem auf seinem Sitze das Sacrament anbieten. Es ist Sitte, dieses Anerbieten nicht abzulehnen, und so genießen die Mormonen das Abendmahl alle Sonntage.
Nachdem hinreichende Zeit verflossen ist, um den Tempel in Zion zu vollenden, können Taufen für die Todten nur noch hier und in Jerusalem (dem in Palästina) stattfinden. Im Hause des Herrn wird ein gewaltiges Taufbecken aufgestellt werden; »denn diese Taufe wurde vor der Erschaffung der Welt eingesetzt, und anderswo, sagt der Lord unser Gott, kann sie mir nicht wohlgefällig sein; denn in ihr sind die Schlüssel des heiligen Priesterthums verordnet, auf daß ihr empfanget Ehre und Herrlichkeit« (Book of Doctrine and Covenants). Der Tempel hat überhaupt in gewisser Beziehung sacramentale Bedeutung, ja man kann nach der gewöhnlichen Definition des Begriffs Sacrament selbst das Wohnen in Deseret als eine Art Sacrament betrachten. Die sechste allgemeine Epistel der Präsidentschaft an die Heiligen in aller Welt fordert dieselben auf das Dringendste zur Einwanderung nach ihrer wahren Heimat, zur Entrichtung des Zehnten und zum Baue des Tempels auf. Es heißt darin: »Um für einen himmlischen Himmel vorbereitet zu sein, bedürfen sie eines irdischen Himmels, und wenn Einige die Gnadenmittel sich verschaffen, ohne alle die gebührenden Zehnten entrichtet zu haben, so wird ihnen Jesus einst erklären, daß sie Diebe und Räuber sind, die einen anderen als den verordneten Weg herangestiegen sind. Die Errichtung des Tempels ist so nothwendig für das allgemeine Heil, als die Taufe für das Heil des Einzelnen nothwendig ist. Die Stimme des guten Hirten aber ruft fortwährend: Kommt heim, alle ihr Heiligen!«
Die Offenbarungen, welche der »Seher« von Gott durch seine Engel empfängt, betreffen gegenwärtig nur die allgemeinen Angelegenheiten, beziehen sich aber auf Weltliches sowohl wie auf Geistliches. Sie werden aufgezeichnet, um im rechten Augenblicke der Kirche verkündet zu werden, wenn die Brüder fähig sind, sie zu ertragen; denn »Viele würden sich verletzt fühlen und der Wahrheit den Rücken kehren, wenn sie ihnen plötzlich auf ein Mal mitgetheilt würde.« Einzelne empfangen Offenbarungen in Bezug auf ihre Privatangelegenheiten. Diese sind durch »Gebet in mächtigem Glauben« zu erlangen, jedoch nur »wenn natürlicher Scharfsinn, verstärkt durch Fleiß und Nachdenken nicht im Stande gewesen ist, die erforderliche Auskunft zu gewinnen; denn wo Gott auf natürlichem Wege wirken kann, thut er kein Wunder.«
Die Art, wie die Mormonen des Sonntags ihren Gottesdienst abhalten, unterscheidet sich nicht sehr von der Weise der übrigen Secten Amerikas. Man findet sich zu bestimmter Stunde im Bethause ein. Der vorsitzende Priester – in Deseret gewöhnlich der Seher – eröffnet die Feier mit einem Segensspruche über die Versammlung und ihr frommes Beginnen. Dann wird ein Lied aus ihrem Hymnenbuche, und zwar meist nach einer sehr lebhaften und heitern Melodie, gesungen. Dann spricht irgend ein Priester ein Gebet, worauf wieder ein Gesang folgt. Sodann predigt einer von den Priestern, der vorher damit beauftragt worden ist, und hierauf lassen gewöhnlich das eine und das andere Gemeindeglied, »vom Geiste zum Reden angeregt«, allerlei kürzere Ermahnungen und Belehrungen hören. Den Schluß bilden Vorlesungen von Verordnungen und Ankündigungen allgemein interessanter Anordnungen in Betreff der öffentlichen Bauten, der Steuerzahlungen, der Militairübungen u. a. m., welche der Schreiber des hohen Raths vorträgt, wornach die Versammlung mit einem Segensspruche entlassen wird.
Während die Gemeinde sich versammelt und ebenso während sie das Gotteshaus verläßt, spielt das Musikchor, welches sehr zahlreich und, wie es heißt, sehr gut eingeübt ist, allerlei lustige Weisen, Märsche und Tänze, wodurch alle düsteren Gedanken vertrieben und die Gemüther heiter gestimmt werden. Da in Deseret sehr viele Waliser sind, von denen die meisten nur unvollkommen, einige gar nicht englisch verstehen, so wird die Hauptrede gemeiniglich von einem Dolmetscher in wälscher Sprache wiederholt; auch erheitert in der Regel ein wälsches Chor die Versammlung durch den Vortrag einer ihrer wildromantischen seltsamen Melodien.
Daß es bei ihren gottesdienstlichen Zusammenkünften nicht immer vollkommen geordnet zugeht, darf uns nicht Wunder nehmen. Das Reden in Zungen läßt sich nun einmal nicht zurückdrängen, und nicht selten wird der Prediger durch ein derartiges verzücktes Geplapper unterbrochen. Aehnliches kommt jedoch auch bei anderen Secten, namentlich bei den Methodisten häufig vor. Daß die Redner meist sehr lange, nur bisweilen gut, höchst selten gewählt sprechen, muß man ihrer Bildungsstufe (die meisten waren ursprünglich Bauern oder Handwerker) zu Gute halten. Eines aber verdient mit Recht Tadel – die Mormonenprediger fluchen und verdammen von der Kanzel herab wie die Landsknechte, und selbst Brigham Young würzt seine Reden, wenn er in's Feuer geräth, mit den gewaltigsten Flüchen und Schwüren.
Die Gemeinden außerhalb Deseret halten ihren Gottesdienst, wie sich von selbst versteht in einfacherer Weise, auch kommen die kleineren von ihnen selten regelmäßig zu Gebet und Predigt zusammen. In Cincinnati, wo sich im Jahre 1851 eine Mormonengemeinde von etwa zwölf Familien befand, wurde in den Monaten October bis December nur drei Mal Gottesdienst gehalten, und die Zweiggemeinde in Dayton, aus zwei Männern und drei Frauen bestehend, war bei unserem Besuche seit einem halben Jahre nicht versammelt gewesen. Dieser unser Besuch aber wurde für den Vorsteher, den wackeren Schuster Winthrop Graves, Veranlassung, seine Heerde wieder einmal zusammenzurufen und auf die himmlische Weide zu führen.
Wir trafen uns im Hause eines der Gläubigen. Derselbe war Pächter einer Farm und wohnte am Rande des Waldes in einem großen, schwarzverräucherten Ziegelgebäude, das mit einem unordentlichen moosbewachsenen Zaune umgeben war. Die alten Eichen und Ahornbäume, welche das Haus umstanden und deren entlaubte Zweige fortwährend aufs Kläglichste im Winde ächzten, die Verfallenheit des Dachs und der Mauern, der Charakter der Leere und Kälte, den das Innere dieser einsamen Wohnung trug, machten einen trübseligen, unbehaglichen, fast unheimlichen Eindruck. Dem ärmlichen, düsteren, grämlichen Wesen des Hauses entsprach das Wesen seiner Bewohner. Der Mann war eine jener hagern, schlotterigen Gestalten, wie sie in den Hinterwäldern häufig sind. Die Frau schien am Fieber zu leiden. Die Tochter, ein Mädchen in den Jahren, wo Frauen sich in ihren Geburtstagen zu verrechnen anfangen, schaute mit ihren gelben verwelkten Wangen und ihren graugrünen Augen so theilnahmlos und so sauertöpfisch in die Welt, als habe sie Holzäpfel gefrühstückt. Die einzige freundliche Erscheinung war eine junge Witwe, die mit ihren feinen Manieren und ihrer schönen Stimme einen eigenthümlichen Gegensatz zu dem Geschilderten bildete. Wir hielten den Gottesdienst in der Küche, die, wie beim gemeinen Mann in Amerika gewöhnlich, zugleich Wohnstube war. Der Schuhmacher schlug das Buch Mormon auf, legte es auf ein Tischchen vor sich, sprach ein Gebet und hielt hierauf aus dem Stegreif eine Rede, in welcher er die Grundzüge des Glaubens der Latterday-Saints auseinandersetzte, und die so wohlgefügt und an einzelnen Stellen so schwungreich war, daß mancher unsrer Pastoren dabei hätte lernen können. Die verdrießlichen Mienen der vorhin beschriebenen Drei begannen einen anderen Ausdruck zu gewinnen. Der Mann schien seine Sorgen, die Frau ihr Fieber vergessen zu haben. Die grünen Augen der Tochter blitzten von einem seltsamen Feuer, und als nun ein Lied – zu unserm Erstaunen nach der altbekannten Melodie: »Du, Du liegst mir am Herzen« – gesungen wurde, welches den Tod des Propheten beklagte und die Leiden der Brüder in der Wüste schilderte, hatte sich der ganzen Versammlung eine Aufregung bemächtigt, mit der sie wie umgewandelt schien.
»Weep, weep not for me, Zion,
Rejoice now and sing ye aloud.