Ein Beispiel dazu bildet die Geschichte, die einst mit einem ihrer größten Heiligen sich ereignete. Er war in Zweifel verfallen und dachte bereits an den Austritt aus der Kirche. Da erschien eines Tages ein Bote aus der Höhe vor ihm und warnte ihn vor der Gefahr, die ihm drohte. Es stehe ihm nämlich, sagte der Engel, nichts Geringeres bevor, als ein baldiger Tod und nach diesem die Verbannung seines Geistes in einen Negerkörper. Nur durch sofortige Umkehr auf den rechten Weg könne er sich davor schützen. Der fromme Mann erschrak und ging in sich; denn ein Schwarzer kann nach ihrer Lehre, wie erwähnt, nicht zum Priester geweiht werden, muß allerwärts, auch jenseits eine dienende Stellung einnehmen und hat im Himmel nur auf einen geringen Theil von Seligkeit und Herrlichkeit Anspruch. Er stellt die tiefste Stufe der Menschheit dar. Bedeutend höher steht die kupferfarbene Race. Die Rothhäute sind nur auf Zeit zu der unschönen Farbe verdammt, und der Tag wird kommen, wo sie, in ihre Rechte wieder eingesetzt, würdig sein werden ihrer Abkunft vom Samen Abrahams. Sind diese Stufen der Erniedrigung nicht hinreichend, den rebellischen Geist zur Umkehr zu veranlassen, so wird er in ein Thier verwiesen, und so mag es nicht ungehörig sein, wenn ein tückisches Pferd, ein bissiger Hund oder eine zornige Otter Einem zu Leibe geht, sich zu erinnern, ob in der Bestie nicht vielleicht ein ungehorsamer Geist seine Straf- und Prüfungszeit verbüßt.

Mit dem Satan und seinen Engeln konnte ein solcher Reinigungsproceß nicht vorgenommen werden, da sie »nicht in der Leiblichkeit sündigten.« Der einstige Sohn des Morgens ist nach den Mormonen überhaupt nicht so schlimm, als er gemeiniglich angesehen wird. Er besitzt noch gar manche seiner früheren nobeln Eigenschaften und ist noch immer Miltons: »Archangel ruined and a perfect gentleman.« Die Anekdoten indeß, die unter den Heiligen über diesen »vollendeten Gentleman« umlaufen, wollen nicht recht zu unseren Begriffen von einer würdigen und anständigen Haltung passen, ja er beträgt sich bisweilen recht ungezogen und rüpelhaft.

Sidney Rigdon, der würdige Mitstifter der Secte, wußte davon ein nichts weniger als erbauliches Lied zu singen. Er lag eines Abends im Bette und schlief, als ihn plötzlich eine so gewaltige Hand beim Genick packte und schüttelte, daß er sofort inne wurde, wie er es mit keiner irdischen Gewalt zu thun habe. Es war kein Geringerer, als Seine höllische Majestät. Aber nicht zufrieden damit, den unseligen Rigdon so unsanft geweckt zu haben, machte er sich nun daran, seinem Opfer die Bettdecke wegzuziehen und es auf das Abscheulichste durchzuprügeln. Dann ergriff er Ehren Rigdon bei den Füßen, schleppte ihn aus der Kammer und, unbekümmert darum, daß das graue Haupt aufs Jämmerlichste auf jede Stufe aufschlug, die Treppe hinab vor das Haus, wo er ihn in den Rinnstein warf und sodann »wie ein Dampf« verschwand. In dieser Weise mishandelte er Rigdon zwei Nächte hindurch. Böse Zungen zwar wollten behaupten, es könnte eine menschliche Hand im Spiele gewesen sein, etwa ein Schabernack liebender Mormonenjüngling. Aber diese Vermuthung wurde mit spöttischem Lächeln als ungereimt abgewiesen. Hatte man sich doch nach dem ersten Male genau nach der Farbe der Haare, den Gesichtszügen und anderen Erkennungszeichen, an denen Smith seine Jünger den bösen Feind zu entdecken gelehrt, erkundigt, und stimmte doch Rigdons Beschreibung bis in die geringsten Einzelheiten.

Der Körper der Auferstandenen wird vollkommen derselbe sein, den sie im Leben hatten. Nur das Blut wird fehlen, wie es im Körper des auferstandenen Christus fehlte, welcher das Vorbild aller Menschen ist. Aber ganz so wie der Mensch gehen auch die Thiere und Pflanzen einer Auferstehung und Erhebung in die himmlische Herrlichkeit entgegen. »Wenn die Welt erlöst wird, so ist die Pflanzen- und Thierschöpfung in diesen Vorgang eingeschlossen; denn auch sie hatten ja eine geistige Existenz vor der leiblichen auf Erden. Wenn die Pflanze in den himmlischen Boden gesenkt wird, so zieht sie ihre Nahrung aus demselben, und das Fluidum, das sie auf diese Art einsaugt, circulirt durch die Poren und Zellen des Pflanzenleibes, bewahrt denselben vor Verwitterung und Fäulniß und erzeugt einen geistigen Samen, welcher gepflanzt zu einem geistigen Halme, Strauche oder Baume erwächst, der sich darin von der väterlichen Pflanze unterscheidet, daß er keinen Leib hat. Diese geistigen Pflanzen oder diese Pflanzengeister werden aus dem Himmel auf die Erde geschickt, wo sie Leiblichkeit gewinnen und gleich den Thieren zu Nahrung für einen Theil der animalischen Schöpfung werden. So sind denn« – schließt Orson Pratt diese treffliche Beweisführung – »die Geister sowohl der Pflanzen als der Thiere Sprößlinge männlicher und weiblicher Aeltern, welche von den Todten auferweckt und mit der Welt, auf der sie wohnten, aus einem gefallnen Zustande erlöst worden sind.«

Hiermit möge unsere Blumenlese aus der Metaphysik der Mormonen beschlossen sein. Ein Urtheil darüber ist unnöthig, und wir können uns sofort zu begreiflicheren und näherliegenden Dingen wenden.

Die Gnadengaben, in deren Besitz die Latterday-Saints zu sein sich rühmen, und deren Vorhandensein sie als eine Art Zeugniß Gottes für die Wahrheit ihrer Lehre und die Echtheit ihrer Kirche ansehen, bestehen, wie bereits bemerkt, in der Gabe der Weissagung (die indes auf den Seher und Offenbarer beschränkt ist), in Heilungen durch Handauflegung, Austreibungen von bösen Geistern aus Besessenen, von denen namentlich in Wales ganze Rudel – beinahe so viele wie in Weinsberg – spukten, im Reden in Zungen und in der Deutung dieser modernen Glossolalie. Diese Erscheinung, welche sich über alle Heiligen erstreckt, während die übrigen sich auf die Priester beschränken, und welche auch bei anderen Secten Amerikas bisweilen vorkommt, ist, wenn man die Erzählung vom Pfingstwunder in der Apostelgeschichte wörtlich nimmt, nicht dieselbe, welche die Jünger befähigte, der vor ihrem Hause versammelten vielzüngigen Menge in verschiedenen Sprachen den Wahn zu benehmen, sie seien voll süßen Weines. Es ist vielmehr im besten Falle eine Art Stammeln, Lallen oder Gurgeln ohne Sinn und Verstand, hervorgegangen aus krankhafter Gemüthsaufregung, zuweilen ähnlich dem Phantasiren von Fieberkranken, mitunter eine Folge unzusammenhängender englischer oder indianischer Worte, häufiger aber ein bloßes Ausstoßen willkürlich zusammengeworfener Vocale und Consonanten. Der in Zungen Redende selbst weiß nicht, was für Ideen er damit ausgesprochen hat. Aber Andere wissen es um so genauer, und oft erfährt die erstaunte Zuhörerschaft durch diese Dolmetscher die wundersamsten Dinge. Wie man aber zu zweifeln Grund hat, daß die Theologen der Secte in ihren Schriften und Predigten immer ehrliche Phantasten gewesen sind und nicht auch manchmal, ja häufiger absichtlich und zweckbewußt den Unsinn zusammengehäuft haben, den wir bei ihnen finden, so wird auch mit dem Reden in Zungen mancherlei Täuschung getrieben werden. Smith liebte es, seine Predigten damit zu schmücken, und das Folgende klingt fast wie eine Anweisung zum Betrügen. »Wenn Jemand sich zum Sprechen in der Gemeinde gedrungen fühlt« – sagt der Prophet – »aber keine Worte findet, die Gedanken seines Herzens auszudrücken, so muß er sich getrost auf seine Füße erheben, sich im Glauben an Christum anlehnen, seine Lippen öffnen und in irgend einer beliebigen Tonart und Weise einen Gesang hören lassen. Der Geist des Herrn wird es dann zur Rede machen und einen Dolmetscher dazu schaffen.«

Diese Verheißung erfüllte sich bei der folgenden Anekdote, wenn auch der Dolmetscher, den der Herr schaffte, nicht ganz genau das Rechte getroffen haben dürfte. In einer ihrer Versammlungen sprang ein vom heiligen Geiste ergriffnes Weiblein auf, sprach in Zungen und schrie: »Melai, Melei, Meli!« Dies wurde von einem jungen Manne, der in sich die Gabe des Dolmetschers empfand, sofort mit: »My leg, my tigh, my knee« (Mein Bein, mein Schenkel, mein Knie) übersetzt. Man forderte ihn vor den hohen Rath und klagte ihn der Sünde wider den heiligen Geist an. Er blieb aber hartnäckig bei seiner Behauptung, daß seine Deutung die richtige sei, und so mußte man ihn ohne Strafe lassen. Man ermahnte ihn indeß, auf der Hut zu sein, daß der Satan ihn nicht in seinen Schlingen fange.

Von den Gnadenmitteln oder Sacramenten kennen die Mormonen nur Taufe und Abendmahl. Die erstere muß durch Untertauchung des Täuflings vollzogen und durch Handauflegung vollendet werden, sonst ist sie eine leere Ceremonie. Sie hat ferner zu dem Zwecke der Vergebung der Sünden stattzufinden, ein Zweck, der bei der Handlung zu nennen ist. Sodann hat nur die aus der Hand von Mormonenpriestern der Ordnung Melchisedek empfangene Taufe die Wirkung eines Sacraments. Die Kindertaufe wird verworfen. Man nimmt an, daß der Mensch im achten Lebensjahre zurechnungsfähig werde. Dann müssen die Eltern das Kind taufen lassen.

Ein seltsames Seitenstück zu den Seelenmessen der katholischen Kirche ist das mormonische Institut der »Taufe für die Verstorbenen.« Die Berechtigung zu dieser Ceremonie entnehmen sie aus einer Bibelstelle, wo der Apostel nach der Auffassung der Mormonen die Frage aufwirft: »Was anders sollen die thun, welche für die Todten getauft sind, wofern die Todten nicht auferstehen? Warum dann sind sie für die Todten getauft?« Joseph Smith behauptet darauf hin: »Jedermann, der einen Freund in der ewigen Welt hat, kann ihn erlösen, es wäre denn, daß er die eine Sünde begangen hätte, die nicht vergeben wird. So könnt Ihr sehen, wiefern Ihr Erlöser sein könnt: denn der Apostel sagt: Sie ohne uns vermögen nicht zur Vollkommenheit zu gelangen.«

Das Nähere der Sache aber ist Folgendes: Die Mormonen glauben, daß Niemand ohne in gebührender Weise getauft zu sein, in's Himmelreich eingehen könne. Nun kann aber ein Heiliger den Wunsch hegen, auch diejenigen seiner Freunde und Verwandten einst bei sich zu sehen, welche entweder durch Ungunst der Umstände oder weil sie das Sacrament misachteten, ohne echte und wahre Taufe aus der Welt gegangen sind. Dies wird dadurch erreicht, daß sie sich stellvertretend für jene taufen lassen. Die Jenseitigen befinden sich in einem Prüfungszustande, ähnlich dem Fegefeuer der Katholiken. Sie haben bereut und Buße gethan und sehnen sich nach dem unerläßlichen Ritus der Untertauchung in Wasser zur Vergebung der Sünden. Daher erwächst die Pflicht ihrer Verwandten auf Erden, sich dieser Ceremonie für sie zu unterziehen. Sie befriedigen damit den Wunsch der Abgeschiedenen und erwerben sich zugleich das Verdienst, Mehrer des Reichs Gottes zu sein. So geschieht es, daß Einzelne wohl ein Dutzend Mal getauft sind, einmal für den Vater, dann für die Mutter, dann für die Großältern, dann für die unbekannten Vorfahren bis hinauf zu dem Urahn, von dem man annimmt, daß er noch in heiliger priesterlicher Zeit gelebt habe. Andere wieder werden dabei von dem Hinblicke auf die Macht geleitet, welche sie sich dadurch erwerben, und so lassen sie sich auch für Todte taufen, welche nicht zu ihrem Geschlechte gehört haben. Es heißt nämlich, daß alle die, welche von dem Stellvertretend-Getauften auf diese Weise erlöst worden sind, künftig bei der Auferstehung zu dem Haushalte und Gefolge desselben gehören werden. Derselbe, der auch als »Pathe« (sponsor) bezeichnet wird, wird zuerst aus seinem Grabe steigen und dann thun wie Christus vor der Gruft des Lazarus that, d. h. er wird jene aus dem Todesschlafe rufen. Dann aber wird er als der Vornehmste unter ihnen über sie als Patriarch herrschen, und sein Rang unter den Göttern und königlichen Heiligen wird sich nach der Zahl derer richten, welche er erlöst hat.