Die Zeit, welche zur Erziehung dieser Geister nöthig war, muß jedenfalls eine sehr lange gewesen sein. Einige der ältesten müssen Millionen von Jahren in ihrem Urzustande gewesen sein, ehe sie in das Erdenleben eingingen. Während dieser Periode haben sie unzweifelhaft Gelegenheit gefunden, über alle Gesetze des geistigen Daseins sich aufs Gründlichste zu unterrichten. Indem sie bei ihrem Vater wohnten und durch ihn in die Gemeinschaft der anderen Götter, seiner Brüder, eingeführt wurden, mußte es ihnen leicht werden, sich die gediegensten Kenntnisse anzueignen. Auf dieser Hochschule des Himmels lernten sie wahrscheinlich vor Allem, woraus Welten geschaffen, wie ihre Grundstoffe zusammengesetzt und wie sie regiert werden müßten. So viel sie aber auch Weisheit sammeln mochten, gab es doch etwas, worüber sie keine Belehrung empfangen konnten: sie konnten die Gefühle und Empfindungen sich nicht aneignen, welche Geister haben, wenn sie in Leibestempeln wohnen. Keine Sprache konnte ihnen davon auch nur die entfernteste Vorstellung geben. Es wäre gerade, wie wenn man von einem Menschen, der in einem dunklen Kerker geboren und erzogen worden, verlangen wollte, zu wissen, was das Sehen, was Licht, was Grün, Blau, Roth oder Gelb sei. Diese Empfindungen konnten die Geister nur durch Erfahrung kennen lernen. So können Geister in einigen Dingen den höchsten Grad des Wissens erreichen, während sie in andern vollkommen unwissend bleiben. Nun giebt es aber viele nur durch sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung zu erreichende Wahrheiten, ohne deren Besitz ein intelligentes Wesen nicht vollkommen glücklich sein kann, und daher ist es nothwendig, daß jene Geister Fleisch und Gebein anziehen und ein Menschenleben führen. Diejenigen, welche sich in ihrem ersten Zustande gehorsam bewiesen haben, bekommen Erlaubniß dazu; die, welche die Gesetze ihres Urzustandes verletzt haben, müssen in der Unvollkommenheit bleiben.

Mit jener Rebellion im Himmel aber verhielt es sich folgendermaßen. Im Anfang der Zeiten hielten die Götter unter dem Vorsitze ihres Vaters einen Rath im Himmel. In demselben kam die Schöpfung der Erde zur Sprache, und da Gott den Sündenfall der Menschen voraussah, so fragte er im Kreise seiner Söhne unter denen sich die beiden ältesten Christus und Lucifer, der Sohn des Morgens, befanden, wie dieselben zu retten und zu erlösen sein würden. Lucifer antwortete: »Siehe, sende mich hinab, ich will als Dein Sohn erscheinen und alle Menschen erlösen, sodaß keine Seele verloren sein soll; darum gieb mir deine Ehre!« Christus aber, der Eingeborene und von Anfang Erwählte, erwiderte: »Vater, Dein Wille geschehe, und Dein sei die Herrlichkeit in Ewigkeit«[[3]]. Gott der Vater beauftragte darauf Christum mit dem Erlösungswerke, und dies verdroß den Sohn des Morgens so sehr, daß er in offener Empörung gegen den göttlichen Willen ausbrach. Dabei riß er ein Drittel der Söhne und Töchter Gottes mit sich fort. Die andern zwei Drittel aber kämpften unter der Anführung Michaels des Erzengels mit ihm und seinen Schaaren, und das Ende dieses Kriegs im Himmel war, daß Satan, wie Lucifer jetzt hieß, auf die inzwischen »von den Göttern« geschaffene Erde hinabgeworfen wurde.

»Unter den Zurückbleibenden waren viele, die während des Kampfes sich parteilos verhalten und vielleicht sogar zu Satans Partei hingeneigt hatten, deren Sünden jedoch von der Art waren, daß sie durch Glauben an das zukünftige Leiden des Eingeborenen des Vaters und durch aufrichtige Reue und Besserung Vergebung erlangen konnten. Wären alle Zurückgebliebenen gleich treu und tapfer gewesen, woher sollte denn der Unterschied zwischen den Menschen, in die sie später verwandelt wurden, kommen? Alle Geister sind, wenn sie auf Erden anlangen, um einen Leibestempel zu beziehen, unschuldig, das heißt, wenn sie im vorherigen Leben Sünde begangen haben, so haben sie dafür Buße gethan und im Glauben an das Leiden des Lamms Vergebung erlangt. Was also ihre Seelenreinheit anbetrifft, so betreten sie diese Welt völlig gleich. Aber sie betreten sie unter verschiedenen Umständen. Die eine Classe kommt in die Leiblichkeit, wenn das Priesterthum und Reich Gottes auf Erden herrscht, und hat deshalb Gelegenheit das Evangelium zu hören und anzunehmen; Andere gelangen in Zeitaltern der Finsterniß in die Welt und werden in allerlei irrthümlichen Meinungen erzogen. Einige Geister nehmen Leiber in Geschlechtern des auserwählten Samens an, durch den das Priesterthum fortgepflanzt wird; andere fahren in die Leiber afrikanischer Neger oder in das Geschlecht Kanaans, dessen Nachkommen der Fluch traf, nie unter die Priesterschaft aufgenommen werden zu können. Wie kommt dies? Woher diese Ungleichheit, bei welcher die Einen Lichter und Herrscher der Kirche werden und die Fülle der himmlischen Herrlichkeit erreichen, während die Andern in aller Art von Ruchlosigkeit und Aberglauben erzogen werden, nicht eher als im Gefängnisse nach dem Tode das Evangelium hören und es nach der Auferstehung nicht zu himmlischer, sondern nur zu irdischer Glorie bringen? Die Antwort ist, daß die verschiedenen Umstände, unter welchen die Geister diese Erde betreten, ein Ergebniß des verschiedenen Verhaltens derselben im Urzustande vor diesem Leben ist, ganz ebenso wie unser Zustand nach diesem Leben nach dem Verhalten auf Erden bemessen sein wird.«

Kehren wir aber in die Zeit vor und während der Schöpfung der Erde zurück, so war, nachdem Satan mit seinen Engeln besiegt und die Klage um ihr »Wehe, er ist gefallen, er ist gefallen, der Sohn des Morgens« verhallt war, das erste große Werk der Götter, die Geister auf die neue Erde in Leiber von Fleisch und Gebein zu pflanzen, wo sie eine zweite Reihe von Prüfungen durchmachen und sich durch erfolgreiche Bekämpfung des Bösen zu gleicher Herrlichkeit mit dem Vater emporschwingen konnten. Der erste Leibestempel wurde aus dem Staube des Erdbodens geschaffen, der erste Geist, der in einem Leibe wohnte, war derjenige, welcher die Heerschaaren der Kinder Gottes gegen Satan und die abgefallenen Geister angeführt hatte und von der Schrift »Michael, der Alte der Tage mit Haaren wie Wolle« genannt wird. Er hieß als Mensch Adam. »Drei Jahre vor dem Tode Adams,« sagt eine Offenbarung Smiths, »rief derselbe Seth, Enos, Kainan, Mahalaleel, Jared, Enoch und Methuselah zu sich, welche Hohepriester waren, um ihnen seinen letzten Segen zu ertheilen. Dies war im Thale Adam-On-Diahman. Und der Herr erschien ihm und nannte ihn Michael, den Fürsten, den Erzengel. Und der Herr sprach Adam Trost zu und sagte zu ihm: Ich habe Dich als das Haupt der Menschen gesetzt, eine große Zahl von Völkern soll aus Dir hervorgehen, und Du sollst ihr Fürst sein ewiglich.«

Die Uebersetzung der Bibel, die wir gebrauchen, ist nach Smiths Erklärung ungenau. Erstens wurden Pflanzen und Thiere in der Schöpfungsperiode der sechs Tage nicht geschaffen, sondern nur vorbereitet oder wie die Mormonen sich ausdrücken, »geistig geschaffen.« Zweitens ruhte Gott am siebenten Tage nicht, sondern schuf den Menschen leiblich, dann Eva und die Thiere. Drittens sind unter den Tagen nicht unsere vierundzwanzigstündigen, sondern Gottestage, die nach den Umdrehungen des Planeten Kolob gemessen waren und tausend Jahre umfaßten, zu verstehen. Als die Erde, die Thiere und Pflanzen und alle Dinge vollendet waren, nannte der Herr das Ganze »sehr gut.« Und so war es in der That. Das trockene Land war eine einzige ungeheure Insel inmitten eines einzigen ungeheuren Meeres. Es war eine schöne Ebene mit sanft anschwellenden Hügeln und lieblichen Thälern. Der Wechsel von Hitze und Kälte, Trockenheit und Nässe war regelmäßig und durchaus angenehm. Auf blumigen Auen schwebte ein süßer Duft und die ganze Schöpfung hauchte Gesundheit, Frieden und Freude. Der Mensch sprach Angesicht zu Angesicht mit Gott und kannte gleich allen Thieren den Tod nicht. Ein Fluidum strömte wie jetzt das Blut durch seine Adern, wodurch sein Leib vor dem Vergehen bewahrt wurde.

Nun wuchs aber im Garten Eden ein Baum, dessen Früchte die Eigenschaft hatten, dieses Fluidum zu verderben, es in sterbliches Blut zu verwandeln. Adam, der bei seinem Eingehen ins Fleisch alles sein früheres Wissen von Gut und Böse verloren hatte, ließ sich vom Satan verführen, von dieser giftigen Frucht zu essen, und so verlor er die Unsterblichkeit, tauschte aber durch seinen Fall ein Wissen für den Verlust ein, das Wissen nämlich von Schmerz, Leiden und Tod, welches zu seiner Vollkommenheit nothwendig war, sodaß man sagen kann, der Fall sei zugleich ein Steigen, der Verlust zugleich ein Gewinn gewesen. Die Folgen allerdings waren zunächst trauriger Art, und zwar nicht blos für den Menschen, sondern auch für die Erde. Dieselbe seufzte mit dem ungehorsamen Paare unter ihrer Bürde von Disteln und Dornen, und die Sünde zeugte andere Sünde, bis der Herr als Rächer und Reiniger auftrat, und allen Unrath mit Wasser von der Erde schwemmte. Als Merk- und Denkmal dieser Katastrophe blieb die Erde nach der noahischen Fluth in verschiedene Theile zerrissen, zwischen die sich der Ocean drängte. Durch Christus wurde ein Versuch gemacht, die Menschen und die Erde in ihre Ursprünglichkeit zurückzuführen. Das verlorene Priesterthum wurde wiederhergestellt und zwar zunächst auf dem östlichen und hiernach auf dem westlichen Continente. Eine Fülle göttlicher Kräfte ward ausgegossen über die Menschheit. Allein dieser gottselige Zustand erhielt sich weder hier noch dort. In Amerika kamen große Strafgerichte, Erdbeben, Pestilenz und Krieg über die Abtrünnigen. In Asien und Europa gingen wenigstens alle Charismata der urchristlichen Zeit verloren. Da endlich, im Jahre 1827 erbarmte es den Herrn, und er verlieh dem von ihm erweckten Propheten das Priesterthum der Ordnung Melchisedek aufs Neue und beauftragte ihn, die rechte Kirche wieder aufzurichten und die Welt dadurch vorzubereiten auf die Wiederkehr Jesu Christi und sein tausendjähriges Reich, dessen Eintritt nahe bevorsteht.

Sechstes Kapitel.
Noch ein Wort über die Natur des Menschen. – Seelenwanderung und Auferstehung. – Die Gnadengaben und Gnadenmittel der erneuerten Kirche. – Die Art des Gottesdienstes in Deseret. – Ein Mormonenconventikel in Dayton. – Die Priesterschaft Aarons und Melchisedeks.

Wir sind im Vorhergehenden vorzüglich den Abhandlungen Orson Pratts gefolgt, der als Hauptdogmatiker der Secte gilt und in der That nicht ohne eine gewisse Begabung ist, auch ziemlich gute Kenntnisse in verschiedenen Zweigen des Wissens zu besitzen scheint. Das schließt indeß nicht aus, daß hin und wieder andere Mormonen abweichenden Meinungen huldigen. So heißt es denn z. B. in der letzten Predigt Smiths, daß der Mensch nicht geschaffen, sondern erzeugt sei, daß jeder Einzelne als Geist oder Gott im Himmel die Wahl habe, auf die Erde herabzusteigen und durch Annahme eines Leibes sich größere Herrlichkeit zu erwerben, als die himmlische. Wenn der Geist Besitz von seinem Leibestempel nimmt, so entsteht ein Mensch oder eine lebendige Seele. Diese ist eine Dualität, zusammengesetzt aus gröberer Materie oder Leiblichkeit, und feinerer oder Geist. Letzterer durchdringt und belebt die erstere. Er ist sterblichen Augen nur durch ein Wunder sichtbar, der Schwerkraft nicht unterworfen, und dennoch Materie. Er geht durch den Körper wie das elektrische Fluidum durch die Erde. Er ist trotz seiner feineren Natur doch substantieller und dauerhafter als der Leib, ja er ist unsterblich wie Gott selbst. Der Tod »scheidet ihn vom Körper nur zu einem nützlichen Zwecke; dann aber wacht der Geist über jedes Theilchen seines geliebten einstigen Wohnsitzes, bis das Werde der Auferstehung ertönt, den Geist wieder mit dem Leibe bekleidet und den Menschen auf diese Weise zum Gotte erhebt.« Diese Götter, in welche die auferstandenen Frommen verwandelt werden, haben die Macht, für sich einen neuen Planeten zu schaffen und denselben zu bevölkern. Dies wird als »die Gewalt endloser Lebensspendung« bezeichnet. Die Ungehorsamen und Ungläubigen dagegen werden im Himmel »nur einer geringen Herrlichkeit theilhaft werden,« sie werden den himmlischen Königinnen die Schleppe tragen, Holzhacker, Schuhputzer, Küchenjungen u. s. w. sein; denn die zukünftige Welt ist nur die verklärte Wiederholung der jetzigen.

Ferner heißt es im Widerspruche mit dem Obigen, Adam sei nach einer Voraussehung Gottes oder nach einer nothwendigen Bestimmung der Heilsökonomie gefallen und habe den Apfel mit vollem Bewußtsein der daraus sich ergebenden Folgen gegessen. Es soll dies geschehen sein, auf daß künftighin sterbliche Leiber von Weibern geboren würden, um Wohnungen für die Geister zu sein. Entspricht ein solcher vom Himmel gestiegener Geist seiner Bestimmung nicht, kommt er den von ihm gehegten Erwartungen nicht nach, besteht er die Prüfungszeit nicht, verscherzt er, wie der Kunstausdruck lautet, sein Erbe durch üble Aufführung, so wird ihm nach seinem Ableben ein geringerer Leibestempel und eine niedrigere Daseinsstufe angewiesen. Ist er auch auf dieser nicht gehorsam, so verbannt ihn Gott auf eine noch niedrigere, und so fort, bis er sich fügt und zur Unterwerfung unter das Gebot des Herrn zurückkehrt, worauf ihm gestattet wird, Grad für Grad wieder emporzuwachsen in die Herrlichkeit der Kinder Gottes.