Das Glaubensbekenntniß der Mormonen, wie es der Frontier Guardian, eine von dem Apostel Orson Hyde in Kanesville herausgegebene Zeitung, mittheilt, weicht nicht sehr erheblich von den Bestimmungen unserer Dogmatik ab. Es lautet:
»Wir glauben an Gott, den ewigen Vater, und seinen Sohn Jesus Christus und an den heiligen Geist. Wir glauben, daß die Menschen für ihre eigenen Sünden und nicht für Adams Uebertretung Strafe empfangen werden. Wir glauben, daß vermöge des Sühnopfers Christi durch Gehorsam gegen die Gebote und Verordnungen des Evangeliums alle Menschen selig werden können. Wir glauben, daß diese Verordnungen folgende sind: 1. Glaube an den Herrn Jesum Christum, 2. Buße, 3. Taufe durch Untertauchen in Wasser zur Vergebung der Sünden, 4. Handauflegung durch die Gabe des heiligen Geistes, 5. das Mahl des Herrn. Wir glauben, daß die Berufung der Menschen zum Heile durch Inspiration und durch Handauflegung derer erfolgen muß, welche in rechter Weise Auftrag erhalten haben, das Evangelium zu predigen und seine Gnadengaben auszuspenden. Wir glauben, daß die Organisation der Urkirche in Apostel, Propheten, Pastoren, Lehrer und Evangelisten wiederhergestellt werden muß. Wir glauben an die Kräfte und Gaben des ewigen Evangeliums, als die Gaben des Glaubens, des Erkennens von guten und bösen Geistern, der Weissagung, der Offenbarung, der Gesichte, der Heilungen, des Redens in Zungen und des Verständnisses der Zungen, der Weisheit, Barmherzigkeit und Bruderliebe. Wir glauben, daß das Wort Gottes in der Bibel aufgezeichnet ist, glauben aber, daß es auch im Buche Mormon und allen andern guten Büchern sich findet. Wir glauben alles, was Gott offenbart hat, und jetzt offenbart, und wir glauben, daß er in Betreff des göttlichen Reichs und der Wiederkunft des Messias noch viele und große Dinge offenbaren wird. Wir glauben, daß Israel buchstäblich gesammelt werden wird, wir glauben an die Wiederbringung der verlorenen zehn Stämme, an die Aufrichtung Zions auf dem westlichen Festlande, an die tausendjährige Herrschaft Christi auf Erden und an die Verneuerung der Erde zu paradiesischer Herrlichkeit. Wir glauben an die Auferstehung des Leibes und daß Gott die Todten nach Verlauf der tausend Jahre wieder ins Leben rufen wird. Wir nehmen das Recht in Anspruch, Gott nach den Eingebungen unsers Gewissens anzubeten und gestehen allen Menschen das gleiche Recht zu. Wir glauben, den Königen, Fürsten, Herrschern und Obrigkeiten Gehorsam und Ehrerbietung, den Gesetzen Folgeleistung schuldig zu sein. Wir folgen der Ermahnung Pauli, wir glauben Alles, wir hoffen Alles, wir haben sehr Vieles erduldet und hoffen Alles erdulden zu können. Alles was lieblich ist, was wohllautet, dem streben wir nach, indem wir unsern Blick auf den Tag der Vergeltung richten. Aber ein Träger oder Fauler – schließt das curiose Symbolum plötzlich – kann kein Christ sein und selig werden. Er ist eine Drohne und bestimmt todtgestochen und aus dem Bienenkorbe geworfen zu werden.« –
Das sind nun die Umrisse der Mormonenlehre. Die Hauptsache kommt erst zu Tage, wenn man die Interpretation derselben hört. Leute von schwachem Verstande und geringem Glauben erfahren nur diese im Ganzen wenig anstößigen Sätze. Die Starken im Glauben aber entfernen sich vom Christenthume beinahe vollständig. Diesen wird in Bezug auf die Bibel gelehrt, daß die englische Uebersetzung, welche durch König Jacob beschafft worden »im Allgemeinen« den richtigen Sinn der vom heiligen Geiste dictirten Urschrift getroffen habe, aber mehrere Verfälschungen und Misverständnisse enthalte. Diese sind nach den Mormonen von Joseph dem Seher, dem »der Schlüssel zu allen Sprachen« verliehen war, berichtigt worden, und wir haben in Kurzem eine Ausgabe der auf diesem Wege emendirten und vermehrten Bibel zu erwarten. Eine Probe davon giebt Orson Hyde in jener Zeitung. Sie betrifft gleich das erste Kapitel der Genesis, wo es (an die Kabbalah anklingend) zu Anfang der Schöpfungsgeschichte heißen muß: »der Obergott brachte die Götter hervor. Er berief sie dann zu einem Rathe zusammen, der im Himmel gehalten wurde und wo sie sich über die Erschaffung der Welt besprachen.«
Die Bibel gilt demnach als Grundbuch, nur muß sie einige wesentliche Aenderungen erleiden. Niemand aber darf sie im bildlichen Sinne auffassen. Der Inhalt ist allenthalben buchstäblich zu nehmen; denn »Gott ist ehrlich, wenn er mit den Menschen redet und fern von aller Wortspielerei und Doppelsinnigkeit.« Allein das Wort Gottes findet sich nach der Meinung der Mormonen nicht blos in der Bibel, sondern unter andern heiligen Schriften vornehmlich auch im Buche Mormon und dem Buche der Lehre und der Bündnisse, welches letztere aus einer Abhandlung über den Begriff Glauben von Sidney Rigdon und einer Anzahl sogenannter Offenbarungen Gottes an Joseph Smith besteht. Diese Bücher bilden mit der Bibel eine »dreifache Schnur« der Kundgebungen Gottes auf Erden, eine Schnur, die noch fortgesponnen wird, indem Smiths Nachfolger im Mittleramte noch von Tage zu Tage je nach dem Bedürfnisse der Kirche Belehrungen und Gebote vom Himmel empfängt. Dies ist nach der Behauptung der Mormonen die Ursache, daß sie der »heidnischen« Welt so weit an Kenntniß und Verständniß der göttlichen Dinge voraus sind. Eure Professoren und Doctoren, sagen sie, können Euch nichts Neues von Bedeutung mehr lehren, uns dagegen leitet der Herr durch seinen Offenbarer unaufhörlich zu höherer Erkenntniß. So kann man als unterscheidendes Merkmal ihrer Kirche das setzen, daß ihre Dogmatik stets eine nur provisorische, daß ihr Princip, wenn das Wort hier überhaupt eine Stelle hat, ein stetes Imaginiren ins Blaue hinein, und daß der »Fels, auf den Joseph Smith seine Kirche gebaut,« jene angebliche Offenbarungsthätigkeit Gottes ist, die unaufhörlich neue Sinnlosigkeit an die Stelle der alten schiebt. Daß dabei von einem Felsen nicht die Rede sein kann, und daß die Offenbarungen sich häufig widersprechen, ficht sie nicht an, indem es sich ihnen aus den verschiedenen Umständen erklärt, unter welchen der Herr zu den Seinen redet.
Einem solchen Proteus läßt sich nun schwer die rechte Gestalt ablauschen, und daraus mag es sich der Leser erklären, wenn im Folgenden Manches schwankt und in verschiedenen Farben schillert.
Wir betrachten zuvörderst die Lehre der Mormonen von Gott. Die Gottheit ist nach den uns vorliegenden Quellen eine Dreieinigkeit oder richtiger eine Einheit von zwei Personen. »Gott Vater ist ein vollkommener Mensch, aber in den Attributen seiner Natur, seinem Glauben, seinem Wissen und seiner Kraft in Vergleich mit uns so erhaben, daß man ihn den Unendlichen nennen kann.« Die Philosophen unter den Mormonen wissen aber noch mehr. Sie kennen seinen Anfang, und zwar nennen sie diesen Urgrund alles Seins »das ewige Evangelium.« Die Art ihres Speculirens klingt hier bald an die Schelling'sche Identitätsphilosophie, bald an die Aeonenlehre der Gnostiker an. Vor dem Anfang aller Dinge, sagen sie, gab es zwei durch sich selbst existirende Principien: Verstand und Grundstoff, Intelligenz und Leiblichkeit. Das Zusammenwirken derselben war »das Gesetz«, durch welches die Urgötter entstanden. Wie der Obergott wurde, läßt der Prophet selbst dahingestellt. Er sagt darüber blos, daß er sich nicht selbst habe schaffen können. Seine Nachfolger drücken sich über diesen schwierigen Punkt dahin aus, daß in der fernen Ewigkeit »zwei Grundtheilchen der Materie ihre Intelligenz mit einander verglichen und dann ein drittes Atom zur Berathung riefen, worauf sie zu Einem Willen zusammengingen, der die erste Kraft war. Als solche vereinigten sie mehr und mehr Atome mit einander, und daraus erwuchs eine Fülle von Kraft, die alle andern Atome in ihr Gesetz zwang. Aus dieser Intelligenz (wir übersetzen die betreffende Stelle wörtlich) wurde nach dem Gesetze ein Gott erzeugt, nicht gemacht, und die übrigen Götter gingen aus ihm als Kinder hervor. Durch das Gesetz der allgemeinen Ordnung wurde die Geschlechtlichkeit als gleich ewig mit allem sittlichen Dasein und Leben gesetzt, und so entstanden nicht nur Könige des Himmels, sondern auch Königinnen. Letztere wurden, mit den ersteren vermählt, die Mütter anderer Götter und Geister, von denen jeder seine bestimmte Sphäre im Universum hat.« Ein solcher Gott ist nun auch der, den wir zunächst verehren. Die zweite Person der Gottheit ist der Sohn, Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria. »Der ewige Vater stieg auf die Erde herab, freiete sie durch seinen Heroldsengel Gabriel, Bräutigam und Braut trafen sich auf den Gefilden von Palästina, und das heilige Kind, welches geboren wurde, war der Leibestempel (tabernacle) für den geistigen Sohn, und daraus wurde ein Gott.« Der heilige Geist ist »der einig gehende Wille von Vater und Sohn, welcher allgemeine Harmonie des Gedankens, Wissens und Seins durch ihr ganzes Reich wirkt. Er unterscheidet sich von Gott dem Vater und Gott dem Sohne dadurch, daß er nur eine geistige Existenz hat, nie leiblich geworden ist wie die anderen Götter.«
Wir könnten dieses Thema hiermit erledigt zu haben glauben, wenn das Weitere nicht in genauem Zusammenhange mit den übrigen Lehren der Secte stünde, und wenn diese Lehren nicht dadurch an Wichtigkeit gewännen, daß sich bereits Hunderttausende zu ihnen bekennen. So fahren wir denn in der peinlichen Aufgabe möglichster Sichtung dieses Wustes von Hirngespinnsten fort.
Wir haben gesehen, daß es mehrere Götter giebt, und daß jeder derselben vermählt ist und Kinder ebenfalls göttlicher Art besitzt. Wir haben ebenfalls gesehen, daß jedem Gotte eine bestimmte Sphäre im Universum angewiesen ist. Hat derselbe nun diese Sphäre, oder um deutlicher zu sprechen, diesen Weltkörper mit seinen Kindern in dem Grade bevölkert, daß sein himmlisches Erbtheil zu klein wird, um sie alle zu bewegen und zu nähren, so schafft er, um den Ueberschuß unterzubringen, einen neuen Stern, nach welchem die Geister der jungen Götter als Bewohner gesendet werden. Diese verehren dann ihren Vater als Gott, gerade sowie dieser mit seinen Brüdern im Universum seinen Vater als Gott ehrt, und so fort zurück bis zum Ur- und Hauptgotte, der im Centrum der Welt auf seinem Sterne Kolob thront. So ist der Gott, den wir zunächst verehren, der Vater unserer Geister.
Um diese Materie oder vielmehr, um die Art, wie die Mormonen über diese Materie phantasiren, deutlicher zu machen, müssen wir dem Leser zumuthen, dem folgenden Auszuge aus Orson Pratts Abhandlung über die Präexistenz des Menschen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Es heißt da:
»Die Zahl der Söhne und Töchter Gottes, welche vor der Schöpfung dieser Erde im Himmel geboren wurden, ist uns nicht bekannt. Sie muß indeß außerordentlich groß gewesen sein, wenn wir die ungeheure Menge von Menschen betrachten, welche während der vergangenen sechs- oder siebentausend Jahre vom Himmel gekommen sind, um unsern Planeten zu bevölkern. Nehmen wir an, daß während eines Jahrhunderts etwa tausend Millionen Menschen auf Erden geboren werden und sterben, so würde das in sieben Jahrtausenden siebzigtausend Millionen geben. In der Urzeit gab es nun zwar bedeutend weniger Menschen, während des tausendjährigen Reiches aber werden unzweifelhaft weit mehr als gegenwärtig die Erde bewohnen. Siebzigtausend Millionen wäre demnach ungefähr die Zahl der Söhne und Töchter Gottes, welche im Himmel geboren und, weil sie sich in reinem Zustande erhielten, vom Vater würdig erfunden wurden, eine neue Welt zu bewohnen und dort, in fleischlichen Leibestempeln, in einen zweiten Zustand einzugehen. Man muß jedoch wissen, daß diese siebzigtausend Millionen nur zwei Drittel der großen gotterzeugten Geisterfamilie sind. Das letzte Drittel verblieb nicht im Stande der Unschuld, sondern lehnte sich auf und ward aus dem Familienkreise verstoßen. Sie blieben aber immerhin Gottes Kinder, und so beläuft sich die Gesammtmenge der letztern auf nicht weniger als hundertundfünftausend Millionen.