Möglich, daß die hier angedeuteten Manuscripte aus der Bibliothek des Mormonengottes wirklich noch einmal in Deseret zum Vorschein kommen. Jetzt hält man sich an menschliche Bücher, und so nahm man es mit großem Danke an, als im Jahre 1851 die Freigebigkeit des Congresses den Delegaten von Utah, Dr. Bernhisel mit den Mitteln versah, für die neue Colonie eine gute Bibliothek auszuwählen. Trotz jenes vornehmen Herabsehens auf die Resultate der Wissenschaft und trotz der abgeschmackten Einfälle, womit man sie corrigiren zu wollen sich den Anschein giebt, weiß man sie sehr wohl zu schätzen. Dies beweist schon die Errichtung der Universität an sich, es wird aber auch durch verschiedene andere Maßnahmen und Kundgebungen dargethan.
Ein eigenthümlicher Zug in dem Erziehungswesen der Mormonen ist die Errichtung einer Schule zur Bildung von Familienhäuptern. Brigham Young, der Präsident und Seher, achtete es nicht für seiner unwürdig, diese Schule selbst als Zögling zu besuchen, und war dies auch nur eine Demonstration, bestimmt, die Vorurtheile des Volks gegen Schulanstalten für Erwachsene zu zerstreuen, so zeugte es nichtsdestoweniger von einem richtigen Verständnisse der Dinge und von einer gewissen Achtung vor der Bildung. Wenn man anderwärts eine herrschsüchtige Priesterkaste bestrebt sieht, die ihr Unterworfenen in Dunkelheit und Unwissenheit zu erhalten, so befolgt man hier allenthalben eine andere Politik.
Daß man freilich die Wissenschaft um ihrer selbst willen liebe, ist von Leuten dieses Schlags nicht zu verlangen. Man will Bildung, weil Bildung Macht ist und Ruhm giebt. Daß man sich mit ihr einen Feind erzieht, der das ganze Kartenhaus über kurz oder lang umstürzen wird, scheint man im Vertrauen auf die bisherigen Erfolge und schon aus dem Grunde nicht zu ahnen, weil (nach ihren Schriften zu urtheilen) auch die kenntnißreichsten und klügsten unter den Häuptern der Secte lediglich dilettantisirende Autodidacten sind, keiner von ihnen im eigentlichen Sinne des Wortes ein Mann von Bildung ist. Man will die Wissenschaften ins Land ziehen, wie man sich um tüchtige Töpfer, Schlosser und Uhrmacher bemüht. So ist es zu verstehen, wenn es in der vorletzten »Proclamation der Präsidentschaft an die Gläubigen in aller Welt« heißt:
»Es ist höchst wünschenswerth, daß die Brüder, die uns zuziehen, jede Gelegenheit benutzen, wenigstens ein Exemplar von jeder werthvollen Abhandlung über Erziehung und jedes Buch, welches nützliche oder anziehende Gegenstände enthält, mitzubringen, um den Kindern Lust und Liebe zum Lernen einzuflößen. Wir haben eine Druckerpresse, und Alle, die gutes Druck- und Schreibepapier nach dem Thale mitnehmen wollen, werden sich und der Kirche einen Dienst leisten. Desgleichen wünschen wir allerlei mechanische und mathematische Instrumente, sowie Alles, was von Kunstwerken und Naturseltenheiten herbeigeschafft werden kann, und wenn die Heiligen in dieser Angelegenheit Eifer zeigen, so werden wir hier bald das beste, nützlichste und anregendste Museum auf Erden haben.«
Auf einem freigelassenen Platze im Centrum der Stadt wird ein Tempel errichtet werden, schöner und größer als bisher irgend einer auf Erden stand und nur dem nachstehend, den das Volk Gottes am Ende der Tage erbauen wird, wenn der Herr es heimgeführt hat nach Missouri, dem Lande der Verheißung. Schon ist eine vier englische Meilen lange Holzbahn oder Riegelstraße nach den Steinbrüchen am Red Butte vollendet, um von dort das Material zu jenem mächtigen Baue, einen schönen rothen Sandstein, herbeizuschaffen, und schon sammeln, von Young beauftragt, die Missionaire der Secte in Europa, Asien und Polynesien seltene Bäume, Blumen und Samenkerne für den Garten, der den Riesentempel umgeben soll. Im Norden des Tempelplatzes aber erhebt sich über der Stadt der »Hügel des Paniers.« Mit ihm endigt der vorhin erwähnte Ausläufer der Wasatch-Berge, und er ist auf weite Strecken hin in der ganzen Nachbarschaft sichtbar. Auf diesem Berggipfel nun wird demnächst »die prächtigste Fahne entfaltet werden, die je in den Lüften flatterte, eine Fahne, gemacht aus den Nationalfarben aller Völker, zum Zeichen der einst sich vollendenden Einheit der Menschheit in Glauben und Liebe.« Wenn dann dieses Symbol der Verbrüderung aller Nationen über dem heiligen Tempel flattern wird, dann ist die Erfüllung des Prophetenwortes, Jesaia 18, 25. gekommen, und die Zeit ist da, von der es dort heißt: »Alle, die ihr auf Erden wohnt, und die im Lande sitzen, werdet sehen, wie man das Panier auf den Bergen aufwerfen wird und hören, wie man die Trompete blasen wird, und es wird sich begeben in den letzten Tagen, daß der Berg des Hauses des Herrn auf den Gipfeln der Gebirge aufgerichtet und über die Hügel erhoben werden wird, und alle Völker sollen hineinströmen.«
Sehen wir ab von dieser phantastisch ausgemalten Zukunft, so findet sich schon in der Gegenwart ein Umstand, der als sehr erfreulicher Schluß der Geschichte dieses seltsamen Volkes, wie wir sie in diesem und den vorhergehenden Kapiteln verfolgten, dienen kann. Im Jahre 1852 sendeten die Häupter der Gemeinde durch alle Zweigcolonien im Gebirge Boten, um sich zu erkundigen, wie viele von den Heiligen etwa geneigt sein würden, sich zur Aufnahme in ein etwa zu erbauendes Armenhaus zu melden, und siehe da, man fand deren unter mehr als dreißigtausend Menschen, welche zum bei Weitem größten Theile erst vor wenigen Monaten und meist arm in das Thal eingewandert waren, nur zwei, und so konnte sich die Präsidentschaft begnügen, ein Armenfeld von vierzig Aeckern für eine zukünftige Aenderung der Zustände zu reserviren.
Fünftes Kapitel.
Der Glaube der Mormonen. – Die Quellen und das Princip. – Die Metaphysik der Secte. – Der große Hauptgott und Göttervater im Centrum des Universums. – Die Schöpfung und der Sündenfall. – Krieg im Himmel. – Die Existenz der Menschengeister vor dem Leben auf Erden.
Wie die äußeren Verhältnisse der Secte sich im Verlaufe der vierundzwanzig Jahre seit ihrem Entstehen völlig geändert haben, so auch und noch mehr die Glaubenslehren derselben. Von Jahr zu Jahr wurden neue Ingredienzien in den Teig hineingewirkt, aus dem die Präsidentschaft ihren Gläubigen das Brot des Lebens buck. Alle christlichen Secten der Gegenwart, die Neuplatoniker und die Gnostiker, der Islam und der Parsismus, das Bramanenthum sogar mußten Beiträge liefern, die Phantasie der Propheten und Offenbarer that von dem Ihrigen hinzu, und so ist ein Pudding entstanden, der an Unverdaulichkeit Alles überbietet, was bis heute dem Magen der Menschheit auf religiösem Gebiete geboten worden ist. Wir bedauern, durch den Zweck dieser Schrift und den uns zugemessenen Raum verhindert zu sein, auf eine gründliche Analyse der wunderlichen Mixtur einzugehen, und geben im Folgenden nur einige Hauptzüge, wobei wir bemerken, daß die allmälige Umbildung der Grundlehren des Mormonenthums – welche von den Gläubigen dem heiligen Geiste zugeschrieben wird, der ihnen fortwährend neue Wahrheiten offenbare – in der Hauptsache von Orson Pratt herrührt, der in seinem Eklekticismus es nicht verschmäht, selbst Ergebnisse der neuern Philosophie in seinen Topf zu werfen. Smith scheint dazu nur den Namen hergegeben zu haben, und das Tollste und Kühnste ist erst lange nach seinem Tode ans Licht gefördert worden.
Als Hauptquellen ihres Glaubens sind folgende anzusehen: das Buch Mormon, das Buch der Lehre und der Bündnisse, die Warnungsstimme (von Peter Parley Pratt), der Spiegel des Evangeliums, das Buch Abraham (soll von Smith auf Grund göttlicher Offenbarung verfaßt worden sein, ist jedoch, da es erst in den neuesten Schriften der Secte erwähnt wird, wahrscheinlich spätern Ursprungs), Spencers Briefe, die Zeitungen »Times and Seasons« (von Taylor während der Jahre 1839 bis 1844 in Nauvoo herausgegeben), »Millennial Star« (in England erschienen), »The Seer« (seit 1853 von Orson Pratt in Washington veröffentlicht), endlich die Generalepisteln der Präsidentschaft in Deseret. Die folgenden Mittheilungen sind eine Blumenlese aus diesem Garten der Willkür und des Unsinns.