Häufig wird gleich mit einem Wunder begonnen. So in Wales, wo 1845 aus einem Weibe zwei sehr starke und freche Teufel ausgetrieben und dabei zahlreiche Seelen gewonnen wurden. Und ebenso fing der Apostel Forsden in Schweden im Jahre 1851 seine Wirksamkeit damit an, daß er seinen Begleiter, der natürlich gleichfalls Mormone war, durch Handauflegung vom Fieber heilte. Die Sache machte Aufsehen und zog viele Leichtgläubige nach dem Hause, wo das Wunder geschehen war. Diesen erzählte Forsden in seiner einfachen Weise die Geschichte von dem großen Propheten und Märtyrer im Westen und die Wiederverleihung der übernatürlichen Gaben des Urchristenthums an seine Kirche. Die Bauern glaubten ihm zum Theil. Andere verbreiteten wenigstens die Kunde von dem neuen Evangelium aus Amerika. Forsden predigte nun an den Straßenecken. Die Behörde ließ ihn verhaften und ertheilte ihm einen Verweis. Dies aber war es gerade, was er gewollt. Es verhalf ihm zu einem wohlfeilen Märtyrerthum. Er wiederholte seine öffentlichen Vorträge und wurde abermals verhaftet, mit einer Geldstrafe belegt und ernstlich ermahnt, von solchen Ketzereien abzustehen. Er entgegnete demüthig und gelassen, daß er nichts als Jesum Christum, den Gekreuzigten gepredigt habe, und daß er, da Gott ihm dies geheißen, nicht davon ablassen, sondern Gott mehr gehorchen werde als den Menschen. Den Zuhörern erklärte er, daß ihn weder Gefängniß noch Tod abschrecken werde, den Pflichten, die der Herr ihm auferlegt habe, nachzukommen – eine Redensart, die er sehr wohl brauchen konnte, da man heutzutage Niemand mehr des Glaubens halber hinrichtet, die aber gleichwohl Eindruck auf unüberlegsame Menschen machte. Man steckte ihn auf ein paar Tage ein. Aus dem Gefängnisse entlassen, pries er den Herrn auf der Straße mit Wort und Gesang, daß er ihn gewürdigt, zu leiden um sein heiliges Wort. Man wußte ihn nicht anders los zu werden, als dadurch, daß man ihn in einen Wagen setzte, nach dem Sunde brachte und nach Dänemark hinüberspedirte. Der Samen des Unkrauts aber, den er gesäet, blieb haften, und noch jetzt verbreiten mehrere durch ihn Bekehrte als Apostel die Lehre Joseph Smiths in Schweden.
Von unglaublichem Eifer beseelt, folgen diese Straßenprediger dem Worte »Schreie laut und schone nicht« buchstäblich und taufen zu Dutzenden alle, die ihre Bereitwilligkeit bezeigen, »in diesem Namen ihre Knie zu beugen.« Viele kommen mit erschöpften Lungen und gebrochener Gesundheit von solchen Anstrengungen heim; dann aber entschädigt sie der Ruhm besonderer Frömmigkeit und die Ehre, die ihnen wird, wenn die Brüder auf sie hinweisend sagen: »Siehe, das ist der heilige Mann, der durch unermüdliche Predigt in den Straßen Londons dem Herrn so viele Seelen gewonnen hat.«
Ihre Erfolge sind verschieden gewesen. In Großbritannien hatte die Kirche der Heiligen vom jüngsten Tage im Jahre 1851 nicht weniger als 30,747 Mitglieder, und binnen vierzehn Jahren hatten die Priester derselben über 50,000 Personen auf das Neue Evangelium getauft und davon beinahe 17,000 nach Amerika gesendet – Zahlen, die erstaunlich klingen würden, wenn man nicht wüßte, daß die niedern Schichten der Bevölkerung von England und Wales in einer wahrhaft ungeheuerlichen Unwissenheit hinvegetiren, und wenn andererseits nicht auch materielle Vortheile als Magnete nach dem Thale des Salzsees hinzögen. Ein zweiter Hauptstützpunkt des Mormonenthums sind, wie bereits bemerkt, die Sandwichs- und die Freundschaftsinseln, und zwar sollen hier sich bereits 5000 Eingeborne zu dem Glauben der Latterday-Saints bekennen. Endlich haben Dänemark und Norwegen im Jahre 1853 einige Hunderte ihrer Bewohner, meist Landleute, als Beitrag zur Bevölkerung Deserets abgehen lassen. In Frankreich befinden sich unsres Wissens bis jetzt nur zwei schwache Gemeinden, in Havre und Paris, welche sich durch Verbreitung des von dem Apostel Taylor ins Französische übertragenen Buchs Mormon und durch die Zeitung »Etoile du Deseret« zu vergrößern bestrebt sind. In der Schweiz und in Rußland scheint kein Erfolg erreicht worden zu sein. Dagegen dürfte in der Uebersetzung des genannten Buchs ins Italienische vielleicht ein Beweis liegen, daß man dort Hoffnung hat, zu reussiren.
In Deutschland endlich ließen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten Mormonenemissaire von sich hören. Ihre Hoffnungen wurden indeß sehr bald durch das Einschreiten der Polizei vereitelt. 1851 kam Taylor nach Hamburg, um dort eine Zeitung zu gründen, welche den Namen »Zions Panier« führte, aber nachdem vier Nummern erschienen waren, aus Mangel an Theilnahme einging. Ihm folgte 1852 ein anderer Sendling vom Salzsee, Daniel Cairn, aber nur, um beim ersten Versuche zu öffentlichem Auftreten aus der Stadt gewiesen zu werden. Keine bessern Resultate wurden von den im Süden und Westen Deutschlands sich zeigenden Mormonen erreicht, und mit der inzwischen übersetzten Indianerbibel wird man schwerlich auf die Kosten kommen. Endlich ist noch ein Vorfall aus der neuesten Zeit zu erwähnen, welcher zeigt, bis in welche Regionen die Erwartungen der Führer sich versteigen. Die Präsidentschaft in England hatte erfahren, daß der König von Preußen sich für die Mormonen interessire und sich von seinem Gesandten in Washington Aufklärung über sie erbeten habe. Sie deuteten sich dieses Interesse als Neigung, und so erschien im Herbste 1854 eine förmliche Gesandtschaft aus der Mitte der Secte, um dem Könige eine Adresse zu überreichen. Die Herren waren aber nicht sobald im Bahnhofe ausgestiegen, als die Polizei sich einstellte und sie zu sofortiger Umkehr nöthigte.
Wir beschließen dieses Kapitel und die Geschichte des Mormonenthums überhaupt mit einem Rückblicke auf das Thal des Salzsees und die dort emporblühenden Ansiedelungen. Von einem vergleichsweise kleinen Flecken Landes haben dieselben sich allmälig über eine Strecke von mehr als fünfzig deutsche Meilen Länge, vom Box Elder Creek im Norden bis an den kleinen Salzsee im Süden und von dort bis San Diego ausgebreitet. Wo die Sierra Nevada nach Südwesten einbiegt, ist ein Rancho angekauft und in eine Station verwandelt worden, von wo aus eine Kette von Posten bis ans Ufer des Stillen Meeres eingerichtet werden soll. Neun Meilen nördlich von der Hauptstadt liegt Ogden City, auch Brownsville genannt, in einer ungemein anmuthigen Gegend in der Nähe des Zusammenflusses zweier schönen Bäche, und vierzehn Meilen nach Süden hat sich am Fuße der Timpanoga-Berge ein anderes schmuckes Städtchen erhoben. Dreißig Meilen weiter südlich steht die rasch wachsende Stadt Manti. Dabei befinden sich im Thale von San Pete zahlreiche einzelne Farmen. Paroan oder die Eisenstadt, so benannt nach den großen Lagern von Eisenstein, die hier aufgefunden worden sind, liegt im Thale des kleinen Salzsees, wo eine sehr beträchtliche Strecke fruchtbaren oder doch fruchtbar zu machenden Landes entdeckt wurde. Endlich ist noch die Niederlassung im Tuillathale zu erwähnen, welche, etwa sieben Meilen von der Metropole des Territoriums entfernt, in mehreren Farmen, zehn Sägemühlen und acht Mahlmühlen besteht.
Die gegenwärtige Haupt- und Centralstadt[[2]], von den Mormonen Neujerusalem, von den Profanen schlechthin Saltlake-City, d. i. die Salzseestadt genannt, liegt, wie erwähnt, auf derselben Stelle, wo die Vorhut der Auswanderer von Nauvoo am 24. Juli 1847 von den Bergen in das Thal herabsteigend, zuerst Halt gemacht hatte. Der untere Theil bedeckt einen kaum bemerkbaren sanften Abhang, der nördliche dagegen streckt sich über eine Art Terrasse hin, welche im Winkel der von Süd nach Nord sich hinziehenden Hauptkette der Wasatch-Berge und einem mächtigen Ausläufer derselben liegt, der gerade nach Westen hinstrebt und eine halbe englische Meile vom Jordan endigt. Der Raum, den die Stadt bedeckt, beträgt genau vier Quadratmeilen (englisch), eine Ausdehnung, die sich im Vergleich mit der Einwohnerschaft nur dadurch erklärt, daß jedem Bürger bei der Anlage eine Baustelle von drei Viertel Acre Land zugetheilt wurde, daß in Folge dessen die einzelnen Häuser durch beträchtliche Zwischenräume getrennt sind, und daß die schnurgeraden, sich in rechten Winkeln durchschneidenden und hundertzweiunddreißig Fuß breiten Straßen sich in kurzen Entfernungen folgen. Die Häuser, meist einstöckig und von Adobes, an der Sonne getrockneten Ziegeln von bläulichem Lehm erbaut, haben ein gefälliges Aeußere, welches dadurch noch gehoben wird, daß sie von Gärten umgeben sind. An den zwanzig Fuß breiten Fußwegen zu beiden Seiten der Straßen laufen in Canälen die klaren Fluthen eines Gebirgsbaches, welche neugepflanzte Alleen bewässern und auch in die Gärten geleitet werden können. Im Westen berührt die Stadt das Flußufer. Oeffentliche Gebäude von Bedeutung hat das neue Jerusalem begreiflicherweise noch nicht. Das Staatshaus, wo die Regierung des Territoriums ihren Sitz hat, das Bethaus und die zur Aufnahme der Naturalsteuern bestimmten Speicher sind geräumige Bauten, die indeß keinen Anspruch auf Schönheit machen. Aber für die Zukunft tragen sich die Leiter der Gemeinde mit den großartigsten Plänen, auch in Betreff der Verschönerung ihrer Stadt. Die jetzige Universität, für welche der Staat jährlich 5000 Dollars aussetzte, ist nur ein schwacher Anfang zu dem, was die Anstalt einst sein wird. Sobald man dazu Zeit gewinnt, wird man ein großartiges Gebäude für Lehrer und Lernende errichten. Dasselbe wird auf der ersten breiten Terrasse stehen, welche sich im nördlichen Theile der Stadt erhebt. Der Stadtbach hat durch dieses Tafelland einen tiefen Canal gewühlt, und seine Wasser sollen an der geeigneten Stelle gefaßt und nach dem Platze vor der Universität geleitet werden, um denselben durch Springbrunnen zu verschönern, die Haine, Blumenbeete und botanischen Gärten zu bewässern und die Bassins ausgedehnter Bade- und Schwimmanstalten zu speisen. Ein großes Viereck ferner soll zu einem Turn- und Fechtplatze sowie zur Reitschule eingerichtet werden. Sodann wird man eine Sternwarte, zu der bereits die nöthigen Instrumente beisammen sind, eine Anstalt zur Ausbildung von Ingenieuren und Landvermessern und eine Bergschule mit dieser Universität verbinden, und schließlich werden an ihr auch Landwirthe ausgebildet werden.
Man wird aber nicht allein vielerlei, sondern auch viel lernen an dieser Hochschule. Die Mormonenphilosophen werden eine Unzahl von Geheimnissen aufthun und eine Menge von Räthseln lösen, wie sie die Welt bisher noch nicht gesehen hat. Sie werden »das Reich der Wissenschaften vollständig revolutioniren und die größten Gelehrten namentlich in der Mathematik und in den physikalischen Wissenschaften des Irrthums überführen. Der Geolog und der Chemiker wird von ihnen die tiefsten und merkwürdigsten Aufschlüsse über die Wunder der Tiefe erhalten, der Botaniker und Zoolog bei ihnen Belehrung über die Principien des Lebens in Thier und Pflanze empfangen.« Denn nachdem sie zuerst nach dem Reiche Gottes getrachtet haben, erwarten sie jetzt Erfüllung der Verheißung, daß ihnen alles andere Wissen von selbst zufallen solle; doch fügen sie sehr verständig hinzu, daß der Herr denen hilft, die sich selbst helfen, und daß der Geist nur durch eisernen Fleiß fähig gemacht werde, die Weisheit aus der Höhe aufzunehmen.
Die größte Umwälzung wird auf dem Gebiete der Astronomie hervorgerufen werden. Hier wird das ganze bisherige Weltsystem durch Aufschlüsse über die Zahl, die Ordnung und das Verhältniß der Planeten, Fixsterne und Kometen durchaus modificirt werden. Was für Belehrung wir in diesem Kreise zu erwarten haben, findet der Wahrheitsfreund in dem Buche Abraham angedeutet, welches einst nebst einigen ägyptischen Mumien nach Nauvoo gebracht wurde, wo der Prophet Joseph einen Theil der Schrift (die von dem glaubensreichen Erzvater während seines Aufenthalts am Nil verfaßt worden) übersetzte. Eine andere Probe dessen, was der Wissenschaft von den Gelehrten Deserets bevorsteht, haben wir in dem Aufsatz eines ihrer Mathematiker, in welchem derselbe während seines Aufenthalts in England allen Ernstes den Versuch machte, die Newton'schen Theorien von der Schwerkraft, der Attraction und Repulsion umzustoßen und an ihre Stelle eine »Intelligenz des Grundstoffes« oder eine »Eingießung und Gegenwart des heiligen Geistes in der Atomenmasse« zu setzen. Wir haben nicht Raum, die Gründe dafür anzuführen, und können nur bemerken, daß man aus ihnen gewahr werden würde, wie außerordentlich viel wir noch aus der Bibel lernen können.
Ein wunderlicher Gedanke ist es, wenn man vorhat, an der zukünftigen Hochschule den »altsächsischen und celtischen Classikern« eine Stelle unmittelbar neben den griechischen und römischen anzuweisen. Die altsächsischen hätten vielleicht ein Recht dazu, aber woher man altceltische Classiker bekommen wird, läßt sich vorläufig nicht absehen; man müßte den Macphersons Ossian meinen, der bekanntlich so echt ist wie das Buch Mormon.
Was die Häupter der Kirche von dieser Universität denken, spricht sich sehr deutlich in der Rede aus, mit welcher einer der Regenten, der Apostel Phelps bei der Feier des 24. Juli im Jahre 1851 dieses Instituts gedachte. Die Stelle ist so charakteristisch, daß wir sie im Auszuge mittheilen müssen. Der Redner sagte unter Anderm mit der ihm eignen Salbung: »Wir bitten die ganze Kirche, zum Herrn unserm himmlischen Vater zu flehen, daß er uns einige der Vorsteher der großen Universität im Himmel droben herabsende, gleichwie er sie zu Noah, Moses und Andern sendete, um seinen Knechten die innersten Gründe und Anfänge der Weisheit und Wissenschaft zu eröffnen. Was werden alle die Herrlichkeiten der Zeit, die Erfindungen des Menschen, die geschichtlichen Urkunden von Japhet in der Arche bis auf Jonathan im Congresse, was werden der gesammte Witz und Geist, die gesammten Errungenschaften des Verstandes mit aller ihrer Methode dem Heiligen des jüngsten Tages werth sein, wenn unser Vater im Himmel seine Regenten herabsendet, seine Engel aus der großen Bibliothek des himmlischen Zion, wenn er sie herniederschickt mit einer Abschrift der Geschichte des ewigen Lebens, den Urkunden der Welten, dem Stammbaum der Götter, der Philosophie der Wahrheit, dem Verzeichnisse unserer Namen aus dem Buche des Lebens auf dem Schooße des Lamms, und den Gesängen der seligen Geister?«