Im nächsten Jahre erhielten die Utahs eine abermalige Züchtigung und ihr Häuptling, Patsowits mit Namen, wurde gefangen genommen und aufgeknüpft. Dieses summarische Verfahren aber hat einen solchen Eindruck auf sie gemacht, daß sie sich seitdem ruhig verhielten. Sie hatten im Ganzen etwa vierzig Todte, und die Kriegsbande des alten »Stick in the head,« eines berühmten Häuptlings, war so geschwächt, daß er sich um Frieden zu bitten genöthigt sah. Eine große Menge Gefangene wurden gemacht, meist Frauen und Kinder. Man brachte sie unter den Kanonen des Forts Utah in Zelten unter, bis sie unter die Familien im Thale vertheilt werden konnten. Man reichte ihnen reichliche Lebensmittel, und es war eine Freude, sie, die Halbverhungerten, schmausen zu sehen. Der Versuch aber, sie in die Familien aufzunehmen und sie dort an ein civilisirtes Leben zu gewöhnen, schlug gänzlich fehl; denn sobald der Sommer kam, verließen sie die Farmen und flohen in die schneeige Heimat im Gebirge zurück.

Nach dem Buche Mormon und der Lehre Smiths sind die Indianer Nachkommen der Lamaniten und ein zwar von Gott abgefallnes und entartetes, aber der Barmherzigkeit des Himmels noch nicht entrücktes Geschlecht, das einst durch die Apostel der wahren Kirche bekehrt und dann in sein Erbe wieder eingesetzt werden wird. In Betracht dessen ist es allerdings seltsam, daß die Mormonen, deren Mission es wäre, die Rothhäute durch das Schwert des Geistes zu bezwingen, sich so rasch genöthigt glaubten, sie mit leiblichen Waffen zu unterjochen. Aber trotzdem bleiben sie dabei, daß diese Leute einst die Weissagung des Propheten erfüllen werden, nach welcher »ein Volk in Einem Tage geboren« und die Indianer durch Gottes Gnade in eine Nation von schönem Aeußeren und weißer Hautfarbe verwandelt werden sollen.

Und in der That, ein kleiner Anfang zwar nicht der Häutung, aber der Bekehrung ist gemacht. Derjenige von den Häuptlingen der Utahs, welcher gegenwärtig das stärkste Kriegsgefolge um sich versammelt und in Folge dessen auf alle übrigen Stammesglieder den meisten Einfluß übt, ist ein Freund der Mormonen, und ein Halbbruder von ihm, Namens Walker, der sich durch fleißige Pferdediebstähle in Mexiko Vermögen und Ansehen unter seinem Volke erworben hat, ist sogar durch die Taufe ein Heiliger vom jüngsten Tage geworden. Er ist ein schmucker, kräftiger Bursche, ein vollendeter Reiter, ein trefflicher Schütz und ein ungemein guter Kenner von Pferdefleisch. Eine Menge junger Rothhäute erkennen ihn als Befehlshaber an, und sie sind ihm sogar gefolgt, als er sich entschloß, dem Herumschweifen und Rauben zu entsagen und sich in der Niederlassung von San Pete als Ackerbauer und Viehzüchter anzusiedeln. Die Mormonen betrachten ihn als Trophäe oder Erstlingsfrucht der überzeugenden Kraft ihrer Religion und thun ihm alle erdenkbare Ehre an. Allein ehe sie sich's versehen, kann er in seine alten Sünden zurückverfallen und die Absicht seiner Freunde, ihn zum Oberhaupte des ganzes Stammes zu machen, auf immer vereiteln.

Inzwischen gründeten die Mormonen fortwährend neue Colonien. Die erste derselben blieb indeß der Hauptsitz. Sie liegt am rechten Ufer eines schönen klaren Stromes, den die Führer der Secte, die nicht ganz ohne Ursache in ihrer Geschichte allenthalben Wiederholungen der Ereignisse und Verhältnisse im Leben des Volkes Israel zu sehen meinten, den westlichen Jordan genannt haben, und durch den sich ein Süßwassersee, von den Mormonen See Tiberias getauft, in den etwa hundert Fuß tiefer gelegenen großen Salzsee ergießt. Man nannte diese Hauptniederlassung, die zunächst nur ein Fort, umgeben von einem Zeltlager war, sich aber schnell in eine Stadt von Blockhütten und kleinen Ziegelhäusern verwandelte, Neujerusalem. Wie rasch und unverdrossen die Ansiedler arbeiteten, zeigt der Umstand, daß jenes Fort, welches ein Viereck bildete, dessen Seiten zusammen 7788 Fuß lang waren, nur sechs Monate zu seiner Vollendung bedurfte, und daß man in derselben Zeit 6000 Aecker Land umpflügte, besäete und mit einer dreizehn englische Meilen langen Fence einzäunte. Dies geschah im Jahre 1847, in welchem zugleich fünf Säge- und Mahlmühlen angelegt, mehrere Straßen gebahnt und weite Strecken der Umgebung untersucht wurden. 1849 nahmen die Mormonen das im Vorigen erwähnte Utahthal, sowie die Thäler von Tuilla und San Pete in Besitz, sendeten zahlreiche Missionaire nach Frankreich, Dänemark, Schweden und Italien und wurden durch bedeutende Zuzüge aus den Staaten im Osten und aus Großbritannien verstärkt. 1850 wurde eine Universität gestiftet, vier Schulen eröffnet, mehrere Städte gegründet, Farmen im Thale des Kleinen Salzsees angelegt, zwei Eisenbergwerke in Bearbeitung genommen, ein großes Rathhaus und zwei Magazine zur Aufnahme der eingelieferten Zehnten vollendet und die Berieselung des Landes über weite Strecken fortgesetzt.

Sehr bald nach Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten in Bezug auf die Colonisirung wurde zur Regelung des Verhältnisses der Gemeinschaft zu den Vereinigten Staaten geschritten. Man entwarf unter dem Vorsitze der Priester eine Territorialverfassung, zog dieselbe zurück und vereinigte sich hierauf zu einer andern, in welcher der in der Bildung begriffene Staat Deseret genannt, unter den Grenzen desselben ein Strich von der Küste des Stillen Oceans beansprucht, das Halten von Sclaven innerhalb des darin bezeichneten Gebiets untersagt, sonst aber nichts von den Constitutionen der übrigen Glieder der Union Abweichendes aufgestellt war. Die Centralregierung in Washington, der dieser Entwurf zur Kenntnißnahme und Beschlußfassung eingesendet wurde, sah sich nicht gemüßigt, die Wünsche der Mormonen in ihrer vollen Ausdehnung zu bewilligen. Sie ignorirte den neuägyptischen Namen Deseret, indem sie den indianischen Utah wahrscheinlich wohlklingender fand, und glaubte den Antragstellern die von ihnen zur Verbindung mit dem Meere und zu ihrer völligen Unabhängigkeit von anderen Staaten geforderte Küstenstrecke vorenthalten zu müssen. In der Bill, welche als Antwort auf jenen Vorschlag der Bewohner von Deseret 1850 im Congresse durchging, heißt es, daß das neue Territorium »im Westen vom Staate Californien, im Norden vom Gebiete Oregon und im Osten und Süden von der Wasserscheide begrenzt sein solle, welche die Flüsse, die in das große Becken (des Salzsees) strömen, von denen trennen, die in den Rio Colorado und in den mexikanischen Golf fließen.« Durch denselben Congreßbeschluß wurde eine Territorialregierung für das Gebiet eingesetzt, und im October 1850 ernannte der Präsident Fillmore die betreffenden Beamten, sieben an der Zahl, von denen außer Brigham Young, der zum Gouverneur bestimmt war, noch Drei aus der Mitte der Mormonen selbst genommen waren.

Mit dieser vorläufigen Ordnung der Dinge war man in Deseret zwar nicht zufrieden, indeß fügte man sich dem Unvermeidlichen und bezeugte dies dadurch, daß man den Congreß, wie die Verfassung dies vorschreibt, durch Delegaten beschickte und die im Jahre 1851 anlangenden nichtmormonischen Territorialbeamten höflich aufnahm. Bald jedoch brachen Zwistigkeiten zwischen diesen und den Führern der Secte aus. Der Oberrichter Brandebury und der Richter Brochus fanden nichts zu thun, indem die Mormonen sich zur Schlichtung ihrer Rechtsstreitigkeiten an ihre Bischöfe wendeten, welche oft anders entschieden, als es das gewöhnliche Recht verlangte. Young verwendete die Einnahmen des Territoriums, nach der Berechtigung, die ihm durch sein Amt als geistliches Oberhaupt verliehen war, zu andern Zwecken, als wozu ihn sein Amt als Gouverneur verpflichtete. Wiederholentlich wurde den Herren aus dem Osten zu verstehen gegeben, daß man sich nur der Nothwendigkeit füge, wenn man sich den Beschlüssen in Washington unterwerfe; wiederholentlich ließ man ihnen merken, daß sie als »Heiden« in der Gemeinschaft der von Gott regierten Kirche, die zugleich der wahre Staat sei, nur geduldet und überhaupt überflüssig seien. Sie sahen dies ein und kehrten nach Hause zurück, worauf ihre Stellen vorläufig durch Mitglieder der Secte besetzt wurden.

Damit war der Zwiespalt zwischen der Priesterherrschaft in Deseret und der Regierung in Washington offenkundig geworden. Young indeß wußte einen Bruch noch zu vermeiden. Um aber derartige Conflicte für die Zukunft unmöglich zu machen, und so rasch als thunlich die möglichste Selbstständigkeit für die wachsende Theokratie herbeizuführen, setzte man alle Hebel in Bewegung, um die über die ganze Erde zerstreuten Gläubigen zur Einwanderung in das Gebiet zu gewinnen und dadurch die Zahl der Bewohner desselben bis zu der Höhe zu steigern, welche die Constitution der Vereinigten Staaten vorschreibt, wenn ein Territorium den Charakter und Namen eines Staates annehmen will. Dringende Aufrufe ergingen von Seiten des Apostelcollegiums an die Heiligen in aller Welt, sich der religiösen Pflicht des Hinzugs nach dem Neuen Zion im Westen ferner nicht zu entziehen. Bedeutende Summen wurden verwendet, um den Aermeren die Erfüllung dieser Obliegenheit durch Vorschüsse zu erleichtern. In Liverpool wurde das schon seit längerer Zeit bestehende Auswanderungsbureau, dem einer der Apostel präsidirte, zu erweitern und zu kräftigerer Wirksamkeit zu befähigen gesucht. Endlich wurden allenthalben auf der Straße durch die Vereinigten Staaten und durch die westliche Wüste Stationen mit Bevollmächtigten zur Unterstützung und Beförderung der Pilger errichtet.

Der Erfolg entsprach den Erwartungen. Schaarenweise gehorchten die Gläubigen in England, Schottland und Wales dem Rufe ihrer Oberpriester in Amerika. Schiff auf Schiff mit zukünftigen Bürgern von Deseret verließ die Rhede von Liverpool, und Karawane auf Karawane dieser gehorsamen Söhne der Kirche überstieg die Felsengebirge, um sich den Brüdern im Thale der Verheißung anzuschließen.

Um den Abgang der Auswanderer in der Heimat zu ersetzen und fortwährend neue Zuzugsquellen zu eröffnen, wurde die Bekehrung der europäischen Heiden noch eifriger betrieben, als seither. Ueberall suchten die Missionaire Brigham Youngs sich festzusetzen und Proselyten zu machen, und wenn ihnen dies nicht überall gelang, so liegt die Schuld nicht an ihrem Mangel an Eifer und Geschick. Sie pilgerten nach Frankreich, nach Norwegen, nach Rußland, selbst nach Italien, wo die Revolution ihnen Thor und Riegel geöffnet. Sie erschienen in Palästina, um die Juden zu belehren, daß der Messias und sein Reich nahe sei. Sie riethen auf den Märkten von Kairo und Alexandria, auf den Plätzen von Calcutta und Bombay der Welt zur Flucht vor dem Zorne Gottes. Sie wußten sich selbst das Reich der Mitte zu öffnen. Sie thaten alles Dieses, ohne zu Anfange etwas von den betreffenden Sprachen zu verstehen, ohne die Verhältnisse zu kennen, und ohne diesen doppelten Mangel durch einen wohlgefüllten Beutel ausgleichen zu können.

Die Missionaire der Mormonen wenden sich bei ihren Zuhörern ebensowohl an die Begier nach Reichthum als an die Sehnsucht nach himmlischen Gütern, stellen ihnen neben Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse auch irdisches Wohlbefinden in Aussicht. Unverdrossen und unabgeschreckt durch schroffe Abweisung, durch Spott und Hohn, wandern sie von Ort zu Ort, sprechen in einzelnen Häusern ein, knüpfen mit Leuten auf der Straße ein Gespräch an, arbeiten bisweilen als Handwerker in einer Werkstätte und bringen auf diese Art das, was ihnen auf dem Herzen liegt, an den Mann. So ungebildet sie meist sind, besitzen doch fast alle eine große Uebung in sophistischen Fragstellungen und Schlüssen, und eine nicht geringere Kenntniß der Bibel. Wer ihnen zugiebt, daß die letztere Norm der Wahrheit sei, wird unausbleiblich in ihrem Netze gefangen und kann sich nur durch gewaltsamen Durchbruch befreien. Gewöhnlich beginnen sie ihren Anlauf zur Eroberung der Herzen mit der Frage, ob die christliche Urkirche nicht gewisse Gnadengaben gehabt habe, welche das heutige Christenthum nicht mehr besitze, dann setzen sie auseinander, wie die Heiligen vom jüngsten Tage mit allen diesen Gaben als Heilung durch Handauflegen, Weissagung, Teufelaustreibung, Reden in Zungen u. s. w. von Neuem beschenkt worden, und nachdem damit Grund gelegt ist, entwickeln sie die am Wenigsten auffälligen Lehren der Secte, beweisen sie mit einer Fülle von Sprüchen vorzüglich aus den alttestamentlichen Propheten und der Offenbarung Johannis, und nehmen für ihr amerikanisches Zion sämmtliche Verheißungen in Anspruch. Ist der Zuhörer kein Mann von Vermögen, so erfährt er, daß an ihn wie an alle Menschen der Ruf ergangen ist, sich nach Zion in den Bergen zu begeben, wo Milch und Honig fließen und wo das schönste Land um einen Spottpreis zu haben ist, der noch überdies nicht sogleich bezahlt zu werden braucht und durch Arbeit abverdient werden kann. Hat der Mann das Reisegeld nicht, so bedarf es nur einer Erklärung zum Beitritt, und es wird ihm aus dem »Ewigen Wohlthätigkeits-Fonds« vorgestreckt. So sind Hunderte und Tausende verlockt worden. Die Lehre, daß drüben im heiligen Lande jedes Weib einen Mann hat, jede Magdalena durch die Taufe rein gewaschen wird, sichert den Beifall des schönen Geschlechts. Mit Leuten von überlegener Bildung hüten sich die Propheten und Apostel zu sprechen. Werden sie dazu genöthigt, und wird ihnen dann die Abgeschmacktheit ihrer Behauptungen nachgewiesen, so klagen sie über gelehrte Sophisten, die den Geist Gottes nicht haben und ihn darum auch nicht begreifen, und schweigen, wenn sie nicht mehr zu antworten wissen.