Ein schwerempfundener Mangel ist der an Holz. In der Ebene wächst nur das strauchartige Cottonwood und auch dieses lediglich am Ufer der Flüsse. In den Bergen trifft man auf kleine Wälder von Fichten und Cedern, mitunter auch auf Zwergahorne und Eichen; aber Mancher hat zur Beschaffung des nöthigen Bau- und Feuerholzes Reisen von zehn bis zwölf Meilen zu unternehmen. Die offeneren Striche des Landes sind den Feuern ausgesetzt, welche die Indianer anzünden, um die Grillen zu tödten und zu braten, die sie im Sommer sammeln, um sie im Winter zu verspeisen. Die Mormonen haben ihnen dieses Verfahren, wo sie konnten, gewehrt, und so steht zu hoffen, daß die Ebenen, welche jetzt blos mit Gras bewachsen sind, allmälig auch Büsche und Wälder tragen werden.

Die Luft des Thales ist sehr gesund, und »so rein, daß das Athemholen geradezu ein Vergnügen ist.« In der Wüste kommen namentlich im Sommer häufige Luftspiegelungen vor, welche einen einfachen Spazierstock in einen thurmhohen Balken, einzelne Wanderer in ganze Heere verwandeln und auf die kahle Steppe Terrassen herrlicher Gärten hinzaubern. Die Moskitos sind blos in der Nähe der Salzsümpfe beschwerlich, in der Nähe der Schluchten vertreibt sie der kalte Zug, der fortwährend von Thal zu Thale streicht und die Sommerhitze in erquickendster Weise mäßigt.

Damit haben wir eine Skizze der Natur des zukünftigen Staates Deseret gegeben. »Deseret heißt neuägyptisch: die Honigbiene,« und das Verfahren der Mormonen bei der Gründung von Dörfern und Städten in diesem Lande ist von der Art gewesen, daß es diesen Namen durchaus rechtfertigte. In fünf Tagen war ein gewaltiges Stück Wiesenboden umgepflügt und mit Kartoffeln bepflanzt und der Bach eingedämmt, der mit Hilfe von Gräben das Feld bewässern sollte. Drei Wochen später hatte sich ein starkes Fort, bestehend aus Blockhäusern, die mit Pallissaden versehen waren, erhoben, und im folgenden Jahre stand auf der Stelle, wo die Kundschafter am 24. Juli »hier lasset uns Hütten bauen!« gerufen, eine Stadt, welche über 6000 Einwohner hatte.

Wie aller Anfang schwer ist, so auch hier. Der Winter von 1847 zu 1848 allerdings war so mild, daß er den Ansiedlern gestattete, ihre Feldarbeiten fortzusetzen, aber die Lebensmittel, die man mitgebracht hatte, waren fast alle aufgezehrt, und um nicht zu verhungern, aß man die Häute der geschlachteten Thiere und grub mit den Ureinwohnern des Landes nach Wurzeln.

Eine noch schrecklichere Heimsuchung kam über das Volk Gottes im nächsten Frühlinge. Als die unter so traurigen Umständen bestellte Saat aufging und zu den schönsten Hoffnungen berechtigend fett und kräftig emporwuchs, stiegen von den Timpanogabergen Heere gefräßiger Heuschrecken, um sie zu vertilgen. Es war ein gräßlich gestaltetes Thier: flügellos, plumpleibig, schwarzfarbig, mit einem dicken Kopfe und ungeheuren Augen, einer »gräulichen Riesenwanze gleich«, wie ein Mormone aus Liverpool sich ausdrückte, stieg es auf drathartigen Beinen in das Thal herab, und Strich auf Strich des jugendlichen Korns verschwand unter den Zähnen dieser Saatmörder wie mit der Sichel abgemäht. Umsonst umgaben die unglücklichen Farmer ihre Felder mit Wassergräben. Umsonst versuchten ganze Familien das schwarze Heer mit Zweigen und Bränden zurückzuschlagen. Die Thiere schwammen über das Wasser, umgingen die Vertheidiger ihres Besitzthums und richteten unermeßlichen Schaden an. Vergeblich wurde das Zerstörte an einigen Stellen drei- und viermal durch neues Aussäen und Pflanzen ersetzt.

Es blieb nichts übrig, als die Kraft des Gebets. Man versuchte es mit ihr, und siehe da, der große Jehova that ein Wunder. In zahllosen Schwärmen kamen von den Inseln des Salzsees weiße Vögel mit rothen Schnäbeln und Füßen den Bekämpfern des schwarzen Gog und Magog zu Hilfe, und schneller als die Heuschrecken das Korn, verzehrten die Möven die Heuschrecken. Vom grauenden Morgen tafelten sie bis zum sinkenden Abend. War der Magen gefüllt, so entleerten sie ihn wie einst Vitellius durch Vomiren, und kehrten gleich diesem rüstigen Esser zu der Arbeit des Verschlingens zurück, bis der Tisch, den die Natur so reichlich gedeckt hatte, völlig abgeräumt war.

Dieses Wunder, welches den größten Theil der Ernte rettete, wiederholte sich seitdem alle Jahre, und es wird deshalb erlaubt sein, es für ein natürliches Ereigniß zu halten, welches schon vor der Ankunft des neuen Israel in dieser Gegend alljährlich stattfand. Die von diesen Bundesgenossen beschützten Felder aber gaben einen so reichlichen Ertrag, daß die Auswanderer, welche im nächsten Jahre vom Golde Californiens angezogen, in Masse durch Deseret passirten, ihr Korn hier billiger kauften, als in dem Fort Laramie, welches der Civilisation um vierhundert Meilen näher liegt.

Jenes californische Gold aber brachte über die junge Colonie eine Prüfung, die sehr leicht mit ihrem Untergange hätte endigen können. Die Mormonen, die unter General Kearney den Feldzug gegen Mexiko mitgemacht hatten, waren gerade zu der Zeit und selbst in der Gegend, wo man die ersten Körner des kostbaren gelben Staubes fand, entlassen worden, und es wird sogar behauptet, daß die Arbeiter Sutters, welche diese folgenschwere Entdeckung machten, abgedankte Soldaten des Mormonenbataillons gewesen seien. Mag dem sein wie ihm wolle, viele Mitglieder der Secte hatten Gelegenheit gehabt, in Californien fleißig Gold zu graben, und als sie nun beladen mit dem Ergebnisse ihrer Arbeit zu ihren armgebliebenen Brüdern in den Bergen kamen und ihnen die Schätze zeigten, die keine hundertfunfzig Meilen vom Thale des Salzsees mit bloßen Händen aufzulesen waren, müßte es wunderlich zugegangen sein, wenn das »gelbe Fieber,« das in ganz Amerika wüthete, nicht auch hier die Gemüther ergriffen und zum Abzuge nach Ophir gedrängt hätte. Dies geschah in der That. Allein die Führer waren zu klug und zu einflußreich, um die Begier zur That merken zu lassen. Sie warnten in einer Proclamation vor einem sofortigen Aufbruche nach den Diggings, welcher einer Auflösung der ganzen Gemeinschaft gleichgekommen sein würde, und siehe da, ihre Ansprache wirkte, so stark auch die Versuchung und so wenig klar auch dem Auge des gemeinen Mannes die Gefahr war, welche sich hinter der Lockspeise barg. Nur einige Hundert gingen, und diesen ertheilte man den freundschaftlichen Rath, sich auf Nimmerwiederkehr zu verabschieden. Später aber gebot der Mormonengott durch den Mund seines Propheten Young den Heiligen, von Zeit zu Zeit auf einige Monate Trupps nach den Minen zu senden, von wo sie mit reicher Beute zurückkehrten.

Mit ihren Nachbarn, den Utahs und anderen Stämmen des Gebirgs, vertragen sich die Mormonen gegenwärtig ziemlich gut. Anfangs indeß war dem nicht so. Der Punkt, wo sie sich zuerst ansiedelten, liegt auf den »Kriegsgründen« der Schlangengräber und der Utah-Indianer, also auf neutralem oder Niemand gehörigem Boden. Als die Mormonen sich aber nach Süden und Norden ausbreiteten, kamen sie auf Stellen, welche die Indianer als ihr Eigenthum betrachten, wo sie allein fischen und jagen zu dürfen glauben. Sie klagten, daß man ihnen ihre Winterlagerplätze wegnähme und ihnen das Wild verscheuche. Die Schoschones drohten mit einem Angriffe, überlegten sich's aber eines Bessern und hielten Frieden. Nicht so die Utahs. Im Winter 1849 begannen sie allerlei Neckereien, erschossen mehrere Stücke Vieh, welche den Mormonen gehörten, und rühmten sich dessen, drangen in einzeln gelegene Farmhäuser, um die Frauen zu erschrecken und Lebensmittel zu rauben und zwangen endlich die Colonisten, sich in das Fort des Utahthales zurückzuziehen. Im Hauptquartiere der Secte versuchte man zuerst gütliche Mittel, und als diese bei den Rothhäuten nicht anschlugen, wurde der Krieg beschlossen.

Zu der waffenfähigen Mannschaft des Utahthales stießen zwei Compagnien der Legion von Zion, und sofort wurden die Indianer angegriffen. Sie hatten sich in den ausgetrockneten Canälen des Timpanogaflusses aufgestellt, wo sie von den Cottonwoodbüschen und Weidenstümpfen, die dort wuchsen, gedeckt waren. Nichtsdestoweniger wurden sie nach einem dreitägigen Scharmützel, bei welchem die Angreifer sich des Abends immer in das Fort zurückzogen, durch die Büchsen und die Kanone, welche die Mormonen bei sich hatten, aus ihrem Verstecke verjagt. Die Mormonen hatten dabei nur einen Todten und mehrere Verwundete. Die Rothhäute dagegen verloren, da gerade die Masern unter ihnen grassirten, während ihres Rückzugs nach den kalten Schluchten des höhern Berglandes sehr viele Leute und unter andern auch den »Alten Riesenhirsch«, einen Häuptling, der lange Zeit der Schrecken des Utahthales gewesen war. Ein Theil der Geschlagenen wurde den Tafelberg hinaufgetrieben. Man vermochte sie aber durch Zureden, herabzukommen und sich zu ergeben. Man bewachte sie die Nacht über und befahl ihnen am Morgen die Waffen niederzulegen. Sie weigerten sich dessen, und stießen Drohungen aus. Da gaben die Mormonen Feuer auf sie, und beinahe alle wurden getödtet. Der Rest versuchte, nachdem er die Vorpostenkette durchbrochen, sich über die Eisdecke des Sees zu retten. Sie wurden jedoch von Reitern verfolgt und sämmtlich niedergemacht.