Die Zurückbleibenden rüsteten sich nun für den Winter und verwandelten ihre Zeltlager in hölzerne Städtchen, von denen das größte, auf den Ländereien der Pottowattamies gelegen, nach dem Freunde und Begleiter der Mormonen während ihres Auszugs, Oberst Kane von Philadelphia, Kanesville genannt wurde. Der Winter kam, um die Wanderer in der Wüste von den Plagen des Sommers, Wechselfiebern und scorbutartigen Krankheiten zu erlösen, brachte ihnen aber andere Leiden und Beschwerden in Menge. Er war die schwerste ihrer Prüfungen und zugleich der Wendepunkt ihres Geschicks.
Ganz früh im Jahre 1847, ehe die Prairie zu grünen begann, brach eine Vorhut von 143 Mann mit 70 Wagen, geführt von Brigham Young und mehreren Gliedern des hohen Rathes von den Winterquartieren im Lande der Omaha-Indianer auf, um weiter nach Westen vorzudringen. Sie beeilten sich so sehr, als es das schwierige Terrain gestattete, setzten über den Loup-, den Horn-, den Platte-, den Bären- und den Weberfluß und stiegen endlich, sehr erschöpft zwar, aber ohne einen Mann verloren zu haben, über die wildzerklüfteten Felsenberge des Utahlandes in das Becken des großen Salzsees hinab. Der Vortrab traf hier am 21., die Präsidentschaft der Kirche am 24. Juli ein, und der letztere Tag sah das Haupt der Mormonen den Boden segnen, wo nun der Grund zu einem dritten »Neujerusalem im Westen« gelegt wurde. Er ist in der Folge zum größten Festtage der Secte geworden, und einer der Apostel erklärte ihn bei Gelegenheit der dritten Jahresfeier sogar »für den wichtigsten Tag in der Geschichte der Menschheit, mit alleiniger Ausnahme der Tage, da Adam geschaffen und Jesus Christus geboren worden.«
Die Kundschafter waren zeitig genug in der neuen Heimat angelangt, um für eine den nächsten Herbst zu haltende Ernte ihr Wälschkorn pflanzen zu können. Ihnen folgte aus dem Hauptlager am Missouri einen Monat später ein Heer von ziemlich 4000 Mann mit 566 Wagen, auf welchen sie große Massen von Mais und Weizen mit sich führten, die sie, gleichfalls glücklich im Thale des Salzsees eingetroffen, noch im Stande waren, auszusäen, ehe der Winterfrost eintrat. Im Herbste stießen zu ihnen ein Theil des Mormonenbataillons und andere Kirchenglieder, die aus Californien und von den Sandwichsinseln kamen, und im Frühling und Sommer von 1848 zogen beinahe alle noch auf den Prairien verweilenden Heiligen in einer Aufeinanderfolge bald kleinerer, bald größerer Karawanen ihren Brüdern nach, sodaß zu Ende dieses Jahres bereits 8000 Ladderday-Saints in den verschiedenen Niederlassungen der Thäler am Großen Salzsee angesiedelt waren.
Viertes Kapitel.
Die Geschichte der Niederlassung am Salzsee. – Das Land Utah. – Die Heuschreckenplage. – Heimsuchung durch das Goldfieber. – Der Krieg mit den Rothhäuten. – Die Erfolge der Mormonen in Europa. – Neujerusalem. – Der große Tempel und die Fahne aller Nationen.
Seit dem Eintreffen der ersten Heerhaufen am Salzsee ist die Geschichte des Volkes Joseph Smiths eine fast ununterbrochene Kette glücklicher Ereignisse, ein stetes Wachsen und Wohlbefinden gewesen.
Ehe wir diese Geschichte aber weiter betrachten, werfen wir einen Blick auf das Land, das die Mormonen jetzt bewohnen. Dieses, von den Mitgliedern der Secte meist schlechthin »das Thal« genannt, liegt ungefähr in der Mitte zwischen der Westgrenze von Missouri und dem neuen Staate Californien. Es ist, rings von unbewohnbaren Wildnissen umgeben, gleichsam eine Oase in der Wüste. Im Westen streckt sich gegen hundertachtzig deutsche Meilen weit ein baumloses Prairieland, welches mit den riesigen Felsketten der Rocky Mountains endigt, im Osten befinden sich, zuweilen von steilen Höhenzügen durchschnitten, dürre Salzsteppen, und im Süden wie im Norden ragen wildzerrissene schroffe Gebirge. Die Mormonenansiedelungen liegen in einer Einbiegung des Beckens, dessen Grund im Norden der große Salzsee bedeckt, ungefähr in der Mitte der Rocky Mountains, einer über sechzehn Längegrade sich ausbreitenden Kette mehrerer von Norden nach Süden parallel laufender Höhenzüge, die von durchschnittlich fünf Meilen breiten Thälern von einander geschieden und hin und wieder von schroff abfallenden Schluchten, sogenannten Kanyons, in der Quere durchschnitten sind. Diese Kanyons bilden die einzigen Straßen durch das Gebirge. Die bekanntesten sind der Südpaß, welcher nach dem großen Kohlenbecken führt, durch das der Greenriver strömt, und der Paß am Bärenflusse. Letzterer wurde von den Mormonen benutzt und ist die gewöhnliche Straße der Auswanderer vom Osten nach Californien.
Das große Becken liegt mehr als viertausend Fuß über dem Meeresspiegel, zwischen den Wahsatsch- und Nevadabergen. Es trägt den Charakter einer Wüste. Nur hart am Fuße der Höhen, die sich gegen dreitausend Fuß über die Umgebung erheben, ziehen sich Streifen fruchtbaren Landes hin. In der Mitte des Bassins ist durchaus kein Wasser; denn der Schnee, der sich auf den Bergen im Winter sammelt, reicht nicht hin, um Bäche und Flüsse auf die Dauer zu nähren. Das Becken hat ungefähr hundert deutsche Meilen Durchmesser, und im Nordosten desselben ist es, wo die Mormonen sich angesiedelt haben. Hier boten verschiedene Flüsse Gelegenheit, den von Natur nur eine Meile breiten Streifen fruchtbaren Bodens durch Drainirung zu erweitern. Das Land ist in der unmittelbaren Nachbarschaft des Salzsees flach und steigt gegen Süden und Westen unmerklich mehrere Meilen an, bis die Ausläufer des Gebirgs sich hereindrängen. Es ist hier durchweg sandig und nirgends für die Zwecke des Ackerbaues zu verwenden. Im Norden zieht sich nur ein schmaler Streifen brauchbaren Landes zwischen dem See und dem Gebirge hin. Im Osten ist die Gelegenheit zum Anbau etwas besser. Im Süden endlich strecken sich über der unfruchtbaren Wüste, getrennt durch das Oquirrh Gebirge und geschieden von der Sandebene darunter durch den Kamm des Traverse Mountain, die schönen Thäler des Jordan und des Tuilla. Die Sohle derselben ist von zahlreichen Bächen durchströmt und fortwährend mit fettem Grase bedeckt. An den Bergwänden dagegen wächst nur das sogenannte Bunchgras und auch dieses nur in den warmen Monaten des Jahres. Es besämt sich im Sommer, keimt während der herbstlichen Regenzeit und wächst im Winter unter dem Schnee. Wenn sich im Frühling die Schneelinie nach den Gipfeln zurückzieht, folgen ihr die Heerden und die Antilopen, um das nahrhafte Futter abzuweiden, bis der Schnee (etwa um die Tag- und Nachtgleiche) wieder zu fallen beginnt. Regnet es in den Thälern, so schneit es auf den Bergen, und während der Winterszeit liegt der Schnee in den Schluchten oft mehrere hundert Fuß hoch. Das Weideland auf dem Grunde der Thäler eignet sich aber auch vortrefflich zum Ackerbau. Die Kartoffel gedeiht außerordentlich gut, und die Zuckerrübe erreicht eine unglaubliche Größe. Rechnet man nun, daß der Acre unter den Pflug genommenes Land zweitausend Pfund Weizenmehl giebt, so kann man annehmen, daß die Quadratmeile ungefähr viertausend Menschen ernähren kann, wobei die eine Hälfte als Weideland abgezogen ist und das Bedürfniß an Fleisch deckt. Eine so große Zahl von Bewohnern wird sich indeß schwerlich jemals hier zusammenfinden. Doch kann das Territorium auf alle Fälle eine Million Menschen ernähren. Bedenkt man dazu, daß dasselbe sich nach Süden über den Strand des großen Beckens in eine Gegend erstreckt, wo die Baumwollenstaude und das Zuckerrohr gedeiht, daß es allenthalben eine Fülle von Eisenstein und unerschöpfliche Steinkohlenlager in seinem Schooße birgt, daß es die trefflichsten Weiden zur Schafzucht hat, und daß sich aller Orten Wasserkraft zur Anlegung von Fabriken findet, so ist kein Zweifel, daß sich hier ein reicher und mächtiger Staat entwickeln kann.
In Central-Utah liegen drei Salzseen, von denen der größte so stark mit Salz geschwängert ist, daß die in seinem Wasser Badenden nur bis an die Schultern einsinken. Die Ufer seiner Buchten sind im Sommer mit den Gerippen der Insecten und Fische bestreut, welche sich aus den Flüssen in ihn hinunter wagen; denn kein lebendes Wesen dauert in seiner Fluth aus. Die Salzsieder behaupten, daß sie aus drei Maß Wasser zwei Maß Salz gewinnen. Der See ist achtzehn deutsche Meilen lang und umschließt mehrere sehr anmuthige Eilande, von denen das größte von Bergen durchzogen ist, die an zweitausend Fuß Höhe haben. Wahrscheinlich bedeckte der See einst den ganzen Boden des Kessels, und ein Naturereigniß vulkanischer Art, welches das Land terrassenartig emporhob, beschränkte das Wasser auf seine jetzigen Grenzen. Rings um den See entspringen zahlreiche warme Quellen, die sich in Pfuhle und Teiche sammeln. Hier tummeln sich unzählbare Schwärme von Wasservögeln, die, da in der Umgebung kein Schnee liegen bleibt, auch den Winter über hier verweilen. An einigen Stellen befinden sich Quellen von verschiedener Temperatur dicht bei einander, einige so heiß, daß man die Hand nicht ohne Schmerz hineinstecken kann, andere eiskalt, einige salzig, andere mit starkem Schwefel- oder Stahlgehalt, während noch andere die Umwohnenden mit dem herrlichsten Trinkwasser versehen.
Die Berge und Thäler haben Ueberfluß an Wild, Bären, Panthern, Antilopen, Hirschen und Hasen. In den rasch strömenden Flüssen der Kanyons schwimmen die köstlichsten Forellen, in den langsamer fließenden Gewässern der Ebene wimmelt es von Hechten und anderen guten Fischen. In dem Röhrichte der Salzmarschen nisten zahllose Enten und Gänse, und von den Inseln der Seen holen die Hirtenbuben ganze Kähne voll Eier, welche die Möven, die Pelikane, die Reiher und die Kraniche dort legen.