So endete die Laufbahn eines Mannes, dessen wahre Biographie noch zu schreiben ist und vielleicht nie geschrieben werden wird. Seinen Verehrern ist er der große Märtyrer des neunzehnten Jahrhunderts, seinen Gegnern ein Schurke der schwärzesten Art, dem nur allzu spät zu Theil ward, was ihm gebührte. Daß er ungewöhnliche Talente besaß, wird Niemand leugnen können. Aus allen seinen Maßregeln leuchtet eine tiefe Kenntniß der Menschen und Verhältnisse hervor. Der Muth und die Ausdauer, die er inmitten unablässiger Verfolgungen entwickelte, waren der besten Sache würdig. Wenige verstanden so gut zu organisiren. Wenige wußten so geschickt wie er mit Geistern umzugehen, die im Genusse der unbeschränktesten Freiheit aufgewachsen waren. Wenige nur möchten sich finden, die der Aufgabe gewachsen wären, ein Gemisch der widersprechendsten, allenthalben mit unreinen Trieben durchdrungenen, in irdischen Dingen von Selbstsucht, in himmlischen von wilder Phantasie bewegten Elemente in dem Grade zu bändigen und zu leiten, daß dieses Chaos Resultate gebäre, wie das Mormonenreich und seine Hauptstadt Nauvoo.

Viele von den Zügen in seinem Charakter sind für ein europäisches Auge nahezu unbegreiflich. Ein Prophet in Frack und weißer Ballweste, der sein Evangelium mit Gassenhauern und Witzen der Straße würzt und Reden in der Sprache der Lastträger mit Citaten aus den Classikern durchflicht, gehört in's Reich der Möglichkeit, wird aber immerhin zu den seltnen Erscheinungen zählen. Ein Mann, der neben den Pflichten, die ihm sein Amt als oberster Priester, als Offenbarer göttlicher Geheimnisse, als Pförtner an der Thür des Himmelreichs auferlegt, auch noch Zeit findet, die Geschäfte eines Bankdirectors, eines Bürgermeisters, eines Generals und eines Hotelwirths zu besorgen, steht unserm Gefühle nach an der Grenze des Wahrscheinlichen und schon eine Strecke jenseit derselben. Wenn aber Mormonen selbst die folgenden Anekdoten von ihrem Propheten erzählen, so weiß man in der That nicht, ob neben dem Geiste Mohamed's nicht auch ein gutes Stück des seligen Eulenspiegel in ihm wiederaufgelebt war. Mehrmals nämlich geschah es, daß Joseph plötzlich die Maske des Gottgesandten fallen ließ, auf öffentlicher Straße einen Neubekehrten zum Ringkampfe herausforderte und den verblüfften Heiligen nicht eher von dannen ließ, bis er ihn seiner ganzen Länge nach auf den Boden hingelegt und dadurch den Beweis geführt hatte, daß der Ruf athletischer Kraft, in dem er stand, nicht gelogen habe. Mehrmals auch kam es vor, daß von Neulingen, die sich bei dem Propheten meldeten, all ihr Geld als Darlehen für den Tempelbau verlangt und dann nicht die mindeste Notiz mehr von ihnen genommen wurde, sodaß der Arme genöthigt war, sich als Tagelöhner mit Schaufel und Axt sein Brot zu verdienen. Hielt er diese Prüfung seiner Treue einige Monate aus, so wurde er eines Tages plötzlich zum Propheten berufen, und dieser verlieh ihm ein entsprechendes Stück Land nebst den Mitteln, es sich darauf bequem zu machen.

Die Mehrzahl der Mormonen war auf die Nachricht von Smith's Ermordung für sofortige Eröffnung des Vertilgungskriegs gegen die »Heiden«. Dumpf rollte die Lärmtrommel durch die Straßen, allenthalben sammelten sich drohende Gesichter, selbst die Weiber riefen zur Rache auf. Die Führer aber wußten das Volk für den ersten Tag zu beschwichtigen, um ihm am nächsten, wo die Hitze sich durch Ueberlegung gemäßigt, zu beweisen, daß man nicht stark genug sei, um das Schwert der Strafe selbst zu schwingen, und so begnügte man sich mit der Hoffnung, daß die Zeit nahe sei, wo Gott den Mord seines Knechtes rächen werde. Als Gouverneur Ford sich versichert hatte, daß die Mormonen keine Ungesetzlichkeit begehen würden, so entließ er die Miliz, die sich rasch gesammelt hatte, und der Kriegszustand wurde aufgehoben.

Nauvoo fuhr fort zu blühen, und die Zahl seiner Einwohner stieg bis auf 20,000. Zwar erhoben sich Streitigkeiten über den Nachfolger Smith's, dieselben wurden aber durch die Energie Brigham Youngs, des Vorstehers der zwölf Apostel, sehr bald beigelegt. Rigdon, der die letzten Jahre dem Namen nach mit Joseph und Hyrum die Präsidentschaft über die gesammte »Kirche« getheilt, von dem Propheten aber seit geraumer Zeit schon mit Mistrauen betrachtet und hintangesetzt worden war, kam von Pittsburgh herbei geeilt und berief eine Versammlung, in welcher er seine Ansprüche auf den erledigten ersten Platz geltend machte. Er theilte zugleich eine Offenbarung mit, nach welcher die Heiligen nach Pennsylvanien ausziehen sollten, während er sich nach England zu begeben, dort die Königin zur Bekehrung aufzufordern und wenn sie sich der Taufe weigerte, vom Throne zu stoßen habe. Seine Zeit war indeß vorüber, und es gelang Young, nicht blos seine Pläne zu vereiteln, sondern auch seine Ausstoßung aus der Gemeinde zu bewirken. Getäuscht in seinen Erwartungen und von Young feierlich dem Teufel und seinen Engeln überantwortet, kehrte er nach der Stadt zurück, wo er Spaldings Roman in eine Bibel verwandelt hatte, und dort ist er seitdem verschollen. Ein andrer Schismatiker war der Aelteste Bishop, der ganze Bände von Gesprächen mit himmlischen Geistern aufzuweisen hatte, aber trotz dieser Testimonia seiner Beliebtheit bei Jehova ebenfalls beseitigt wurde. Einem dritten Bewerber um die Stelle des Propheten, William Smith, erging es nicht besser; auch er verschwand spurlos.

Etwas mehr Erfolg fand der Apostel Lyman Wight, welcher in Texas eine Colonie gründete. Die bedeutendste Stelle endlich nimmt unter diesen Abtrünnigen James Strang, ein junger Advocat aus dem Staate Neuyork, ein, welcher, 1843 der Secte beigetreten, kraft einer besiegelten Offenbarung, die Joseph Smith ihm kurz vor seinem Tode mitgetheilt haben sollte, zu Voree, auf den Prairien von Wisconsin die Heiligen als »König« um sich sammeln wollte. Auch ihn traf der Bannstrahl der Zwölfe, er jedoch fuhr fort zu predigen und zu weissagen, und es gelang ihm, eine ziemlich zahlreiche Gemeinde um sich zu bilden, deren Hauptsitz gegenwärtig Beaver-Island, eine Insel des Michigansees nicht weit von Mackinaw ist, wo die Unterthanen dieses geistlichen Zaunkönigs im Jahre 1852 in mehrfache, zum Theil blutig endende Conflicte mit den Nachbarn geriethen.

Die bei Weitem überwiegende Mehrheit der Latterday-Saints aber blieb in Nauvoo, wo sie unter Brigham Young an der orthodoxen Lehre festhielten und fleißig am Tempel fortbauten. Der neue »Prophet, Seher und Offenbarer« war ganz der Mann dazu, das Werk, das Smith begonnen, weiterzuführen. Er hatte durchaus keine Anlage zum Märtyrer, aber er war ein ungemein kluger, weitschauender, durch und durch politischer Kopf, und eines solchen bedurfte die Secte gerade jetzt, wenn sie nicht untergehen sollte. Die Leidenschaften waren ringsum gegen sie aufgeregt, und nur mit der größten Mäßigung und Nachgiebigkeit waren Angriffe der Nachbarn auf Nauvoo fernzuhalten. Auf die Dauer aber wollte auch dies nicht gelingen. Schon im Herbste 1845 fingen Feindseligkeiten an auszubrechen. Dieselben steigerten sich, und endlich verstanden die Führer der Mormonen sich im Namen der Gesammtheit zu dem Versprechen, im Laufe des nächsten Jahres über die Westgrenze des angesiedelten Theils der Union auszuwandern. Im Frühlinge 1846, besagte dieses Uebereinkommen, sollte eine auserwählte Schaar aus der Mitte der Heiligen aufbrechen, um jenseit der Felsengebirge eine neue Heimat für ihre Brüder zu suchen. Dagegen machte der andere contrahirende Theil sich anheischig, die Zurückbleibenden so lange unbehelligt in Nauvoo zu lassen, bis die Vorausgehenden ihre Wahl getroffen und die Uebrigen Gelegenheit gefunden hätten, ihr Eigenthum in Illinois nach seinem wahren Werthe zu veräußern. Der Pöbel von Hancock-County respectirte jedoch den Vertrag nicht. Bald zeigten sich Symptome eines abermaligen Sturmes, und so mußten jene Kundschafter, unter denen sich die Häupter der Secte befanden, schon am letzten Februar sich auf den Weg machen, wiewohl die Kälte noch so groß war, daß den Mississippi eine Eisdecke überzog, über welche sie mit Wagen und Pferden gehen konnten. Die Leiden, die sie in Folge dessen erduldeten, waren unsäglich, ja um so furchtbarer, als sie sich in der Hast nur unvollkommen mit den Bedürfnissen zu einem Marsche durch die winterliche Wüste hatten versehen können, und als es bald an Lebensmitteln und Futter für das Vieh zu mangeln anfing. Nach Nauvoo umzukehren war schlechterdings unmöglich, und so pilgerten sie weiter durch die Schneestürme der Wildniß von Iowa, sehnsüchtig dem Frühling entgegenschauend, Trost in den Verheißungen ihres Glaubens suchend und »die Lieder Zions singend, während ihnen der Athem an die Augenlider gefror.«

Der ersehnte Frühling kam endlich, aber er brachte nur neue Beschwerden. Regengüsse verwandelten den fetten Boden der Prairie in einen unermeßlichen Morast, durch den die Karawane nur langsam vorwärts kam, und die Winde trugen von den schlammigen Ufern des Plattestroms und des obern Missouri Krankheitsstoffe herzu, denen die von Mühen und Entbehrungen erschöpften Wanderer schaarenweise erlagen. Die Lager wurden zu Spitälern, und als man das Gebiet der Sack- und Fuchsindianer erreicht hatte, mußte Halt gemacht werden, um sich für die weitere Reise zu erholen.

Inzwischen hatten die Feinde der Mormonen in Illinois ihre Angriffe auf Nauvoo erneuert. Die Farmen außerhalb der Stadt mußten geräumt werden. Im Innern aber hielt man tapfer Stand; denn noch immer stand der Tempel unvollendet, den Gott zu bauen geboten. Dieses Werk des Glaubens und der Liebe jedes Einzelnen mußte zu Ende geführt werden trotz aller Bedränger und Verfolger, und es ward vollendet. Der Tag der Einweihung war ein hohes Fest. Von allen Seiten, aus der Nähe und aus der Ferne kamen Priester, Aelteste und Bischöfe als bestaubte Wanderer herbei, um sich, in ihre Talare gekleidet, an der Feier zu betheiligen. Vom Hochmittag bis tief in die Nacht hinein war ganz Nauvoo eitel Frohlocken und Lobgesang. Da stand es, das Haus des Herrn, der Stolz des Mississippithales. Hell blinkte auf der Thurmspitze der goldne Engel mit der Posaune. Die innern Räume strahlten von Lampen und Fackeln, der große Altar und die Kanzeln der Priester waren mit Blumengewinden und Laub geschmückt. Gesänge erschallten, Gebete und Segenssprüche stiegen empor. Dann wurden alle Heiligthümer von beweglicher Art weggeschafft, um Tags nachher, wo die letzten der Führer mit einer mehrere tausend Mann starken Heersäule von Gläubigen den vorausgegangenen Brüdern folgten, nach der neuen Heimat abgeführt zu werden.

Der Rest der Mormonen wurde einige Wochen später von dem Pöbel der Nachbarschaft nach hartnäckiger Gegenwehr mit Waffengewalt zum Abzuge gezwungen. Seitdem hat die Stadt der Heiligen halb wüste gelegen. Cabets Icarier, die sich später hier niederließen, haben sie nicht wieder zu der alten Herrlichkeit zu erheben vermocht. Der Tempel wurde, nachdem die Jesuiten von St. Louis in Verhandlungen getreten waren, um ihn zu einem Seminar anzukaufen, 1848 von einem Nichtswürdigen in Brand gesteckt. Ein Tornado warf im nächsten Jahre den größten Theil des stehengebliebenen Gemäuers um, sodaß jetzt von dem stattlichen Baue nur die eine Wand und ein Haufen Ruinen noch übrig ist. Der Engel mit der Posaune aber wird gegenwärtig in Barnums Museum gezeigt, – eine seltsame Fügung des Schicksals, welche die Spitze dieses Triumphs des Mormonenthums in das Raritätencabinet des »Napoleons der Windbeutelei« führte!

Kehren wir zu dem Vortrab der Auswanderer in dem Indianerlande zurück, so treffen wir sie am obern Missouri bei Council Bluffs, wo sie in der ersten Hälfte des Juni angelangt waren, und wo sich zwei Monate später die Tausende des Hauptheeres allmälig mit ihnen vereinigten. Da der Herbst sich näherte, so mußte die Weiterreise bis zum nächsten Frühjahre aufgeschoben werden. Um diese Zeit brach der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko aus, und General Kearney erhielt den Auftrag, unter den Mormonen ein Bataillon von 520 Mann zur Theilnahme am Kampfe zu werben. Die Regierung wußte von ihrer Absicht, nach Californien zu ziehen und glaubte (wie die Vertheidiger der Maßregel sagen) ihnen einen Gefallen zu thun, wenn sie auf diese Art einen Theil der Kosten ihres Abzuges übernähme und ihnen nebenbei Gelegenheit gäbe, sich als gute Patrioten zu zeigen. Die Mormonen aber sahen die Sache anders an und meinten, man wolle die waffentüchtigsten Leute von ihnen nehmen, um den Rest den Angriffen der Indianer erliegen zu lassen. Es wäre eben nicht zu verwundern gewesen, wenn man dem General eines Staates, der ihnen gegen ihre Feinde niemals Recht verschafft hatte, eine abschlägige Antwort ertheilt hätte. Aber die Vaterlandsliebe trug den Sieg über die erlittene Unbill und über die Sorge um die Zukunft davon. Die Aeltesten beriefen eine Versammlung, in welcher zunächst die Unverheiratheten zu Rekruten ausgeschieden, und dann die jüngeren Familienväter hinzugefügt wurden. Innerhalb drei Tagen war das Bataillon vollzählig, bewaffnet, eingesegnet, und nachdem zum Abschiede ein fröhlicher Ball stattgefunden, marschirten die Truppen »im Namen des Herrn« aus dem Lager.