Die Priesterschaft des aaronischen Ordens dagegen hat auf so hohe Dinge keinen Anspruch; sie ist nur mit Besorgung der weltlichen Angelegenheiten der Kirche betraut. Ursprünglich hieß es (wahrscheinlich um die Juden zum Eintritte in die Gemeinschaft der Latterday-Saints geneigt zu machen), die Mitglieder dieser Classe müßten vom Stamme Levi sein. Da sich jedoch keine echten Leviten finden wollten, so begnügte man sich bis auf Weiteres mit Besetzung der Stellen durch Nichtjuden. Wenn der Tempel fertig ist, werden aber zahlreiche Leviten den Mormonen beitreten, und dann werden dieselben außer den jetzt von der aaronischen Priesterschaft besorgten Geschäften wieder Auftrag erhalten, für die täglichen Sünden des Volkes Thieropfer zu bringen.

Jede dieser beiden Classen der Mormonenpriesterschaft zerfällt nun wieder in verschiedene Grade, die ihrerseits wiederum jeder seine leitende Behörde oder seinen Vorsitzenden haben. Die Oberleitung der gesammten Kirche liegt in den Händen der Präsidentschaft. Diese besteht aus dem Seher und zwei anderen Präsidenten, von denen gegenwärtig nur der eine (Heber Kimball) in Deseret, der andere aber (Francis Richards) die große englische Zweigkirche leitend, in Liverpool sich aufhält. Dieses geistliche Triumvirat wird ein Abbild der himmlischen Dreieinigkeit genannt, bisweilen auch als Nachahmung des Regiments der christlichen Urkirche durch Petrus, Jakobus und Johannes bezeichnet. Nach ihnen nimmt das Apostelcollegium (auch schlechthin »die Zwölfe« geheißen) die vornehmste Stelle ein, welches ebenfalls dem Orden Melchisedek angehört und das Recht oder die Pflicht hat, Inspectionsreisen nach den neugegründeten Gemeinden im Auslande zu machen und über dieselben den Vorsitz zu führen. Unter ihnen stehen die Hohenpriester, die Priester, die Aeltesten, die Bischöfe, die Lehrer und die Helfer oder Diakonen, sowie die drei Siebzigercollegien, eine Erinnerung an die siebzig Sendboten, die Jesus außer seinen zwölf Jüngern zur Verbreitung der frohen Botschaft wählte. Jeder Grad bildet ein vollständiges »Quorum« oder Collegium, um die Disciplin unter seinen Mitgliedern aufrecht zu erhalten und die in seine Sphäre fallenden Geschäfte zu besorgen. Bei auseinandergehenden Meinungen appellirt man an die nächst höhere Classe, während die Gesammtheit der Kirchenglieder, in ein Generalconcilium versammelt, die letzte Instanz bilden soll.

So wenigstens liest man im Buch der Lehre und der Bündnisse. In der Wirklichkeit verhält es sich damit anders, indem der Seher und seine nächsten Vertrauten das Volk so kurzgefaßt am Gängelbande halten, daß von der Entscheidung einer streitigen Frage durch die Gemeinde ebenso wenig als von einer Wahl der einflußreichen Beamten die Rede sein kann. Aus zwölf Hohenpriestern zusammengesetzt, steht der Präsidentschaft ein hoher Rath zur Seite, in welchem jedes Mitglied das Recht hat, seine Meinung hören zu lassen. Der Seher, welcher präsidirt, nimmt davon an, was ihm gutdünkt, faßt am Schlusse jeder Sitzung das Vorgebrachte zusammen und giebt dann seine Entscheidung ohne Rücksicht auf die Ansicht der Mehrheit des Rathes. Ein derartiges Verfahren verstößt in schroffster Weise gegen alles Herkommen unter Engländern und Amerikanern. Dennoch hat es sich unter der jetzigen Präsidentschaft noch nie ereignet, daß Jemand es gewagt hätte, sein Misvergnügen laut werden zu lassen, wenn der Willensausdruck des Sehers anders ausfiel, als man gewünscht und gerathen hatte.

Dieser hohe Rath ist aber dem Präsidenten der Kirche – wir sagen, dem Präsidenten, da die beiden anderen der Energie Young's gegenüber bloße Scheinregenten sind – Auge, Ohr und Hand. Seine Mitglieder kundschaften alles, was auf dem Felde oder in der Werkstatt, im Bethause oder im Familienkreise gesprochen wird oder geschieht, mit dem Eifer und der Schlauheit von Spionen aus. So wie irgend eine neue Meinung auftaucht, so wie irgendwo ein verdächtiger Plan laut wird, bringt ihn sicher eines der Mitglieder jenes Rathes in der Versammlung vor, und es werden sofort die geeigneten Maßregeln zur Unterdrückung der misliebigen Neuerung getroffen. Der Urheber derselben wird als unruhiger Kopf vorgemerkt, und ehe er sichs versieht, verliert er den Boden unter den Füßen. Kein Wunder daher, daß viele unter den Bewohnern Deserets, welche die Canäle nicht kennen, durch welche dem Oberhaupte der Kirche Kunde von allen Vorgängen zuströmt, dem »Bruder Brigham« eine Art Allwissenheit zuschreiben und in Folge dessen mit scheuer Ehrfurcht zu ihm aufblicken.

Die Propheten der Mormonen gehen aus allen Graden der Priesterschaft hervor. Im Hauptquartier der Secte residirt ein Patriarch, der besondern Kirchengliedern den Segen »nach der Weise Jakob's und seiner zwölf Söhne und nach der Israels auf dem Krankenbette« zu ertheilen hat. Der Bischofstitel hat bei den Mormonen nicht die hohe Bedeutung wie in anderen Kirchen. Die Bischöfe gehören zu der aaronischen Priesterschaft oder den Leviten. Jeder Nachkomme Levi's, der den Latterday-Saints beitritt, hat gesetzlichen Anspruch auf dieses Amt, und zwar kann derselbe dann unabhängig, ohne beigesetzte Räthe fungiren. Findet sich kein solcher, so kann einer der Priester mit den bischöflichen Geschäften beauftragt werden. Diese bestehen vornehmlich in der Beaufsichtigung der Zehnten-Arbeit, in Einsammlung des Zehnten, mag er nun in Naturallieferungen oder in einem Geldäquivalent eingeliefert werden, in der Verwaltung der Magazine und – so war es wenigstens während der ersten Jahre der Ansiedelung in Deseret – in der Schlichtung von Rechtsstreitigkeiten untergeordneter Art.

»Der Beruf eines Apostels besteht außer der Stiftung und Beaufsichtigung der auswärtigen Gemeinden in der Taufe, in der Weihe anderer Priester, in der Confirmation der Getauften durch Handauflegung, in Lehre, Schriftdeutung und Ermahnung und in der Leitung gottesdienstlicher Versammlungen. Wofern kein Apostel da ist, fallen diese Befugnisse dem Hohenpriester zu. Fehlt auch dieser, so übernimmt sie ein Aeltester. Ist auch kein Aeltester vorhanden, so vertritt ihn als Führer der Gemeinde ein Priester, dem, wenn der Aelteste zugegen ist, lediglich das Taufen und Predigen sowie der Besuch bei den einzelnen Gemeindegliedern zum Behufe häuslicher Erbauung obliegt. Die Pflicht der Lehrer ist stete Wachsamkeit, damit keine Ungerechtigkeit, keine Härte, kein Lügen und Verleumden überhand nimmt und die Gemeinde sich fleißig vor Gott versammelt, sowie den gebührenden Zehnten entrichtet von allem, was sie hat. Der Lehrer darf in Abwesenheit von Mitgliedern höherer Grade auch die Leitung frommer Versammlungen übernehmen und ist in Erfüllung seiner Obliegenheiten von den Diakonen zu unterstützen; doch ist weder er noch einer der letzteren befugt zur Ausspendung der Sacramente oder zur Handauflegung.«

Ein solcher Fall tritt aber nur bei sehr schwachen Gemeinden ein, da die Häupter der Secte, der maßlosen Titelsucht der Amerikaner Rechnung tragend, mit der Verleihung von Graden und Beförderungen äußerst freigebig sind. In Cincinnati z. B. war ein hoher Priester, der, irren wir nicht, seines Zeichens Schneidergesell war. Sein College, der sich Bischof nannte, nährte sich im profanen Leben durch einen Handel mit Hausmitteln und Wunderpillen. Unter der dreißig bis vierzig Köpfe starken Gemeinde waren also, die bloßen Priester und Aeltesten ungerechnet, zwei hohe Würdenträger, und ein ähnliches Verhältniß fand in St. Louis statt, wo wir eine Gemeinde von über tausend Seelen trafen.

Ein eigenthümlicher und ziemlich bezeichnender Zug ist die Verbindung, in welche Smith seine Priesterschaft mit der Freimaurerei setzte. Er lehrte, daß die »königliche Kunst« ursprünglich ein kirchliches Institut gewesen sei, bestimmt, die tiefer liegenden Geheimnisse des Evangeliums, seine esoterische Lehre fortzupflanzen und zu deuten. Er behauptete ferner, daß dieses Institut mit der Abnahme wahrer Frömmigkeit in der christlichen Kirche ebenfalls in Verfall gerathen sei, und gab endlich vor, daß ein Engel ihm die im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangenen wahren Zeichen, Griffe und Worte der verschiedenen Grade des Bundes wieder mitgetheilt habe, und daß er deshalb, als er in die Logen von Illinois getreten, mit der rechten Art zu arbeiten vertrauter gewesen sei als die am Weitesten Vorgeschrittenen. Die Großloge des Staates freilich war darüber anderer Ansicht und untersagte ihm wegen ungebührender Anmaßung und Ignoranz das Betreten der unter ihr stehenden Bauhütten. Aber Smith erklärte dies für eine Handlung des Neides und stiftete nun selbst in Nauvoo eine Loge, die in Neujerusalem fortgesetzt wurde und einst ihre Werkstätte im Tempel selbst haben wird. Die Priester gehören verschiedenen masonischen Graden an. Den besonders Gläubigen wird raschere Beförderung zu Theil. Laue und Solche, die in Entrichtung des Zehnten lässig sind, müssen zurückstehen. Bei der Grundsteinlegung zum Tempel sowie bei seiner dereinstigen Einweihung wird die Freimaurerbrüderschaft eine hervorragende Rolle spielen.

Als Nachtrag sei noch bemerkt, daß es einst auch Priesterinnen geben wird, daß ferner dieselben zugleich in gewisse Grade der Freimaurerei eingeweiht werden sollen, und daß endlich die Berichte, als würde die gesammte Priesterschaft der Mormonen von den Laien ernährt, auf einem Misverständnisse beruhen, indem nur ein Theil der obersten Grade von dem Zehnten des Vermögens neueintretender Kirchenglieder und dem von allem Verdienst erhobenen Zehnten Antheile empfangen, dafür aber mit Geschäften aller Art überhäuft sind, von denen viele der Gemeinschaft wirklichen Nutzen schaffen. Die Zukunft der mormonischen Priesterschaft aber ist eine ungeheure. Außer den Orden Melchisedek und Aaron »giebt es (das stimmt allerdings nicht recht mit dem oben mitgetheilten Glaubensbekenntnisse) durchaus keine von Gott anerkannte Gewalt auf Erden, und Könige, Fürsten, Herrscher, Präsidenten, Gouverneure, Obrigkeiten sind, wofern sie nicht gesetzlich geweiht, und mit der Vollmacht jenes Priesterthums des Sohnes Gottes bekleidet sind, als Usurpatoren zu betrachten« – und, dürfen wir hinzusetzen, nur so lange auf Thron oder Tribune zu dulden, als sie die Uebermacht für sich haben.

Siebentes Kapitel.
Die Vielweiberei der Mormonen, ihre Rechtfertigung und ihre Ausübung. – Auch Christus war mit drei Frauen vermählt. – Verheirathete und Versiegelte. – Die Adoptivsöhne Brigham Youngs.