Criminalfälle sollen künftig nach den »Gesetzen des Herrn« abgeurtheilt werden, einem Codex, der angeblich durch Offenbarung erlangt, bis jetzt aber noch nicht veröffentlicht worden ist, da das Volk Gottes als noch nicht völlig reif dazu erkannt wurde. Derselbe soll jedoch bald in Kraft treten. Was davon verlautet, läßt an Drakons Gesetzgebung denken. Denn unter Anderm sollen nach ihm alle schwereren Verbrechen, zu denen der Ehebruch gezählt wird, mit Enthauptung geahndet werden, weil »ohne Blutvergießen keine Vergebung der Sünden ist.« Ja man sieht dies sogar als einen Act der Barmherzigkeit gegen den Missethäter an, der, wenn er in seiner Unklugheit oder vom Satan verlockt, durch Sünde seine Seligkeit verscherzt hat, dadurch, daß er sein Haupt dem Beile darbietet, seine Verschuldung sühnen und in einen Zustand eintreten kann, wo er von Neuem eine Prüfungszeit beginnt.

Man hat die Führer der Mormonen angeklagt, sich wiederholt in gehässiger und verächtlicher Weise über die Persönlichkeiten ausgesprochen zu haben, welche an der Spitze der Regierung in Washington stehen oder gestanden haben, und man hat daraus einen baldigen Zusammenstoß mit der Centralgewalt prophezeien wollen. Allein dergleichen Angriffe auf die Staatsmänner der Union sind in der amerikanischen Presse und bei den Rednern der Volksversammlungen etwas Alltägliches, und Niemandem wird es beikommen, aus dem Umstande, daß ein abolitionistisch gesinnter Gouverneur oder Senator von Massachusetts oder Rhode Island die Herren in Washington wegen des Gesetzes gegen die flüchtigen Sclaven als Verräther bezeichnete, weissagen zu wollen, der Staat Massachusetts oder Rhode Island wolle sich von der Union losreißen. Ueberdies aber haben die Mormonen in allen ihren Reden und Schriften auf das Geflissentlichste gegen den Staatenbund selbst und gegen die Constitution ihre Achtung und Anhänglichkeit an den Tag gelegt, und mag dies bei Einigen eine bloße Kundgebung der Vorsicht, ein bloßes theatralisches Gepränge gewesen sein, bei der Mehrzahl war es gewiß aufrichtig und ehrlich gemeint. Nicht ohne einen gewissen Schein des Rechtes, der Leuten ohne Kenntniß der Diplomatie leicht als das Recht selbst erscheinen konnte, hätten sich die Ansiedler von Utah im Jahre 1848 unabhängig vom Mutterlande erklären können. In Missouri und Illinois grausam und ungerecht behandelt, vom Congresse und Präsidenten nicht geschützt, wanderten sie vor ihren Verfolgern nach einer Gegend aus, die, als ihre erste Colonne dort anlangte, mexikanisches Gebiet war. Ihre junge Mannschaft half dieselbe erobern, ihr unermüdlicher Fleiß, ihre Ausdauer und ihre Umsicht schuf sie aus einer nur theilweise bewohnbaren Wüste in ein blühendes Culturland um. Schon waren sie geraume Zeit dort angesessen, als der Friedensschluß erfolgte, durch den Utah an die Vereinigten Staaten abgetreten wurde. Sie hätten sich dagegen verwahren können; denn so wenig auch das Völkerrecht dies anerkennt, würde ein solcher Protest in der Geschichte Nordamerika's nicht ohne Beispiel gewesen sein. Allein nicht sobald hatten sie die Kunde vernommen, die sie aus Exulanten in Bürger der Union verwandelte, als sie die erste Gelegenheit ergriffen, ihre Anhänglichkeit an das alte Vaterland zu erklären und dessen Verfassung als auch für sie bindend anzuerkennen.

Daß man aber auch noch jetzt so denkt oder wenigstens so zu denken sich den Anschein giebt, mag die folgende, aus Gunnisons Buche entnommene Schilderung der Feier des dritten Jahrestages ihrer Ankunft auf dem Boden Deserets zeigen. Die Feier des vierten Juli 1851, die wir nach andern Quellen an einem andern Orte beschrieben haben,[[7]] stimmt damit überein, und es bleibt kein Zweifel, daß die Mormonen Bürger der Union sein und bleiben wollen, wenn ihre Verehrung vor der Constitution auch cum grano salis zu nehmen ist. Gunnison erzählt:

»Um zehn Uhr Morgens verkündete Kanonendonner der Stadt, daß die Zeit gekommen sei, sich nach der Bowery, wo einst ihr Tempel stehen wird, zu verfügen. Die Würdenträger der Kirche und die Beamten der von den Vereinigten Staaten abgesendeten Vermessungs-Commission fanden sich in dem neuen Wohnhause des Präsidenten ein, wo sie mit der Zuvorkommenheit und Artigkeit empfangen wurden, die den Gouverneur von Utah auszeichnet. Um elf Uhr marschirte vor dem Hause ein starker, gutausgerüsteter Trupp Militair auf, geführt vom General Wells und begleitet von einem Musikchore, sowie von vierundzwanzig Bischöfen in Amtstracht, welche Fahnen trugen. Die Gäste, die Würdenträger und die Präsidentschaft ordneten sich dann zum Zuge und setzten sich hierauf unter dem Commando des Generals, seiner Adjutanten und des »Marshal of the Day«, während die Musik spielte und die Kanonen donnerten, mit wehenden Bannern nach dem großen Platze in Bewegung, wo die Hauptfeierlichleit stattfinden sollte.

Hier waren in der musterhaftesten Ordnung und Ruhe gegen sechstausend Personen versammelt, alle in sauberen Sonntagskleidern und mit freudestrahlenden Gesichtern. Als der Redner, die Präsidentschaft, die Väter oder »betagten Männer« sowie die vornehmsten Gäste auf den zahlreichen Bänken der Erhöhung Platz genommen hatten, wo die Rednerbühne stand, rief einer der zwölf Apostel betend den Segen des Himmels auf die Versammlung herab. Dann las der Marshal das Programm der Festfeier vor, und hierauf folgte ein Vortrag des Redners, in welchem er sich mit beredten Worten an den Stolz, die Vaterlandsliebe und das Gerechtigkeitsgefühl seiner aufmerksamen Zuhörer wendete. Er zählte ihre vielfältigen Prüfungen und deren glorreiche Endergebnisse auf, forderte sie auf, ihre Ehre und ihre Rechte gegen jede Beeinträchtigung aufrecht zu erhalten und erklärte in ihrem Namen, daß jeder Angriff, der aus diesem Grunde auf sie gemacht würde, auf kräftigen Widerstand stoßen solle. Dann wurden Reden vom Präsidenten und von Anderen gehalten, die alle den Zweck verfolgten, die Aufmerksamkeit auf die Wichtigkeit der Feier zu lenken und den Hörern klarer zum Bewußtsein zu bringen, warum und aus welchen Ursachen dieser Tag ein denkwürdiger sei.

Hiernach kam die Hauptsache. Es war die Ueberreichung der Verfassung der Vereinigten Staaten, sowie der von Deseret an den Gouverneur, damit er und seine Nachfolger sie als getreue Wächter hüteten. Die Urkunden wurden durch vierundzwanzig »Betagte«, silberhaarige Männer, Söhne und Nachkommen der Freiheitshelden von 1776 übergeben. In wohlgesetzter, kurzer Ansprache ermahnte ihr Sprecher den Gouverneur zur Treue gegen die Constitution. Er sagte ihm, daß diese Väter vor ihm bald von der Schaubühne dieses vielbewegten Lebens abtreten würden, und daß sie, bevor sie gingen, um nicht wiederzukehren, so lange das gegenwärtige weltliche Regiment währe, das Erbtheil, das sie von dem vergangenen Geschlechte empfangen, in sichere Hände zu legen wünschten, damit es ungeschmälert bewahrt werde bis zu der Zeiten Erfüllung. Es wäre die glorreiche, die göttliche Verfassung, die der Herr den Staatsmännern von ehedem eingegeben habe, und sie bäten, daß dieselbe in die Archive ihres aufblühenden Staates niedergelegt würde, als ein heiliges Kleinod, als das Palladium der Freiheit, als die oberste Herrschermacht unter Gott, der über die Geschicke der Vereinigten Staaten wache, als eine körperlose Gewalt, die lediglich in der Liebe und Treue ihrer Unterthanen, freigeborener Männer, existire. Sie müsse heilig gehalten werden, Jedermann in den Bergen müsse durch Eidschwur zu ihrer Vertheidigung verpflichtet werden. Denn drohende Wolken wälzen sich am östlichen Himmel empor, und die ursprünglichen Wahrer und Unterstützer würden bald von ihrer Treue gegen die stumme und doch so beredte Constitution lassen und, nach dem Willen des Himmels von Sinnen gekommen, heranstürzen, um ihre Hände mit Bruderblut zu beflecken, während droben in den Bergen die auserwählten Hüter sich des heiligen Kleinods erfreuen und endlich wie der Adler von seinem Horste herniederfliegen würden, um dem bereuenden Ueberreste jenen Frieden wiederzugeben, durch den dieses hochbegnadigte Land allein gedeihen könne; zugleich mit der weltlichen Urkunde aber würden sie Jenen die Wahrheit bringen, die allein freimachen könne.

Die Festlichkeit wurde durch ein glänzendes Bankett beschlossen, welches in der Wohnung des Präsidenten für diejenigen veranstaltet wurde, die von dem Militair und den Bischöfen nach der Bowery geleitet worden waren. Trinksprüche, Reden, Musik und Gesang wechselten mit einander bis zum Abend, wo die freudeberauschte Menge, ohne daß ein Zwischenfall den Einklang der Feier gestört hätte, auseinanderging und unzweifelhaft den Glauben mit heimnahm, daß die Mormonen das größte Volk der Erde und ihre Regenten die weisesten Männer unter der Sonne seien. Ihr Seher hatte ihnen gesagt, daß sie keine irdische Macht zu fürchten hätten, und daß man entschlossen sei, sich als Staat zu behaupten, was auch Congreß oder Präsident in Washington reden oder thun möge, und das Volk hatte wie mit einem Munde darauf geantwortet: Amen, so soll es sein, es ist der Wille der himmlischen Gerechtigkeit.«

Ein Blick auf diese Reden zeigt, daß die Mormonen die Verfassung für eine heilige, ja von Gott eingegebene Urkunde halten und daß sie Bürger der Vereinigten Staaten sein, daß sie es aber auf ihre eigene Weise sein wollen. Dagegen wird sich, sobald das Territorium zum Staate geworden ist, nichts Triftiges einwenden lassen. Die Constitution verbürgt die unbeschränkteste Gewissensfreiheit, indem sie durch einen Zusatzartikel von 1794 bestimmt: der Congreß soll kein Gesetz erlassen, welches sich auf die Einführung irgend einer Religion bezieht oder die freie Ausübung einer solchen verbietet. Sie schreibt den einzelnen Gliedern der Union in Bezug auf ihre Verfassung nichts vor, was in dem Mormonenstaate nicht erfüllt wäre. Sie verleiht endlich der Centralgewalt nicht das Recht, sich in die inneren Angelegenheiten der von ihr zu einem Ganzen verknüpften »souverainen« Republiken zu mischen.

Etwas Anderes ist es aber, so lange Utah noch Territorium ist. In dieser Eigenschaft ist es als unmündig zu betrachten. Sein gesetzlicher Vormund ist der Präsident in Washington, in dessen Belieben es gestellt ist, wie viel Freiheit er – natürlich mit steter Rücksicht auf die Constitution – dem Mündel gestatten, wie viel Rücksicht er auf seine eigenthümlichen Verhältnisse nehmen will. So möchte es den Mormonen, wenn der Präsident ihnen Beamte gegen ihren Willen geben wollte, schwer fallen, darin einen verfassungswidrigen Act nachzuweisen. Eine Unbilligkeit aber würden in solchem Verfahren selbst die Gegner der Secte erkennen müssen.

Die Ansiedler von Deseret vergleichen ihre Stellung nicht unpassend mit der Lage, in welcher sich die amerikanischen Colonien vor Ausbruch des Unabhängigkeitskriegs befanden. Sie sehen den einzigen Unterschied darin, daß letztere sich darüber zu beschweren hatten, daß man ihnen Steuern zumuthete, ohne ihren Interessen Vertretung im Parlamente des Mutterlandes zu gewähren, während sie, die Mormonen, eine Ungerechtigkeit darin finden, wenn von auswärts gekommene Regierungsbeamte, die ihren Glauben und ihre eigenthümlichen Gewohnheiten nicht kennen, ihnen Gesetze aufnöthigen sollten. Bei allem Widerwillen, den uns ihr Aberglaube und die Verkehrtheit mancher ihrer gesellschaftlichen Einrichtungen einflößt, können wir diese Klage und das damit zusammenhängende Verlangen, sie nach ihrer Façon selig und auf Erden glücklich werden zu lassen, nur billigen. Einige amerikanische Zeitungen haben andere Ansichten ausgesprochen. Der Präsident Fillmore ist auf jenen Wunsch nur theilweise eingegangen, indem er dem Territorium wenigstens drei nicht zu den Latterday-Saints gehörende Beamte gab. Pierce, sein demokratischer Nachfolger, hat eine richtigere Politik eingeschlagen und dem Territorium in Bezug auf die Wahl seiner Beamten nichts Unliebsames zugemuthet, ein Verfahren, wodurch der bedrohte Friede bis auf Weiteres gesichert scheint.