Und am Ende des tausendjährigen Reichs »wird Denen, welche nicht aufrichtigen Herzens und nicht gehorsam dem Willen des Herrn gewesen sind – den bösen Geistern nämlich – gestattet werden, eine kurze Zeit ihren aufrührerischen Geist unter der Anführung ihres Feldhauptmanns Satan, des großen Drachen, zu bethätigen. Zuletzt aber werden sie in einer ungeheuern Schlacht besiegt und hinausgeworfen werden aus dem Reiche der Gerechten.«
Und nun erfolgt die zweite Auferstehung und das jüngste Gericht. Die Erde aber wird, durch Feuer geläutert und zu himmlischer Schönheit verklärt, eine Wohnung Derer werden, die demüthig und reinen Herzens sind.
Neuntes Kapitel.
Die politischen Verhältnisse und die Zukunft des Mormonenstaates. – Die Unwahrscheinlichkeit, daß derselbe durch Anstoß von Außen zu Grunde gehen werde. – Innere Ursachen des Verfalls. – Schlußbetrachtungen.
Der vorhergehende Abschnitt hat uns in Bildern, gemalt mit dem Pinsel der Ueberschwänglichkeit, gezeigt, welche Zukunft die Mormonen erwarten. Der folgende soll sehen lassen, welche Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach die Mormonen erwartet. Dazu bedarf es zunächst einiger Nachträge zu dem, was wir bei Betrachtung des Kirchenregiments der Secte über die bürgerliche Verfassung der Gemeinde in Deseret zu bemerken hatten.
Wir sehen die Ansiedler Utahs gegenwärtig zu einem Gemeinwesen organisirt, welches alle Erfordernisse eines geordneten Staates an sich trägt. Die gesetzgebende, richterliche und ausübende Gewalt ist in Behörden ausgeprägt, welche sich der Form nach in nichts von denen unterscheiden, die in den übrigen Gliedern der nordamerikanischen Union jene Functionen ausüben. In wenigen Jahren, vielleicht schon im nächsten, wird das jetzt noch von Washington abhängige Territorium Utah dadurch, daß es die Zahl von sechzigtausend Einwohnern erreicht, zum unabhängigen Staate Deseret werden, und wenn die Anerkennung solcher Souverainetät durch den Congreß dermalen noch mangelt, so kann man sich bei dem thatsächlichen Besitze derselben, der aus der Entfernung des Landes vom Sitze der Oberbehörde des Staatenbundes und aus der Ungeneigtheit dieser Behörde zu strenger Interpretation ihrer Befugnisse erwuchs, sehr wohl über das Fehlen der Form trösten.
Das Gemeinwesen der Mormonen wird von ihnen als eine Theo-Demokratie bezeichnet. Richtiger wäre es, zu sagen, es sei eine entschiedene Theokratie, die sich nur nach Außen hin und mit Rücksicht auf einige fremde Elemente im Innern bestrebt, den Schein einer demokratischen Republik zu bewahren. Um nicht zu grün abzubrechen, hat man sich vom Präsidenten Fillmore einen Gouverneur geben lassen, hat man Gerichtshöfe nach dem Muster der im Osten bestehenden eingerichtet, hat man eine gesetzgebende Versammlung gleich denen in den übrigen Territorien gewählt. Aber die Regeln und Befehle des Herrn, die allem, was man, nothgedrungen sich accommodirend, jetzt anerkennt, vorausgingen, sind für alle Zeit gegeben, und sie erstrecken sich ebensowohl über zeitliche und weltliche Dinge, als über geistliche. Nur die, welchen Gott seinen Willen direct offenbart, können Gesetze der Wahrheit gemäß machen, und so ist den Mormonen Brigham Young nur darum berechtigter bürgerlicher Gouverneur, weil er der Seher des Herrn ist. Hätte der Präsident der Union den Bewohnern des Territoriums einen Andern gesendet, so »würde man ihn mit aller ihm als Vertreter der Centralgewalt gebührenden Achtung und Ehrerbietung empfangen, ihn aber in seiner Eigenschaft als Gouverneur und Leiter der öffentlichen Angelegenheiten als nicht vorhanden betrachtet haben.« »He would be let severely alone,« sagt ein Mormonenblatt in Hinblick auf die Möglichkeit eines solchen Falles. Hätte er eine Wahl anordnen oder eine gesetzgebende Versammlung berufen wollen, so würden keine Augen dagewesen sein, seinen Erlaß zu lesen, und er würde den Verdruß gehabt haben, entweder die alten Statuten ruhig fortgelten oder eine Legislatur tagen zu sehen, die ohne seine Mitwirkung zusammengetreten wäre und berathen hätte. Mit Einem Worte, man würde ihm einen ähnlichen passiven Widerstand entgegengesetzt haben, wie den, welcher im Jahre 1851 den drei nicht mormonischen Beamten der Vereinigten Staaten gegenüber an den Tag gelegt wurde, und »es würde ihm kein anderes Geschäft übrig gelassen worden sein, als das freilich ziemlich mühsame, seinen Gehalt aus dem zweitausend Meilen entfernten Schatze in Washington zu beziehen.«
Wie die Kirche, so steht auch der Staat der Latterday-Saints in allen Beziehungen unter dem Triumvirate der Präsidentschaft, das, wie oben gezeigt, zwar aus drei Personen zusammengesetzt ist, aber nur einen einzigen Willen hat. Selbst die sogenannten »Stakes of Zion« oder Zweiggemeinden, die über die ganze Erde verbreitet sind, haben dem Präsidenten und Seher zu gehorchen, und zwar in geistlichen Angelegenheiten durchaus, in weltlichen soweit, als die betreffenden Verordnungen der mormonischen Oberbehörde den Gesetzen des Staates, in dem die Gemeinde sich befindet, nicht widersprechen. Alle Streitigkeiten sind von der Kirche zu entscheiden: die über Gegenstände der Lehre vom Seher, die über Gegenstände des Rechts von Friedensrichtern, Obergerichten und in letzter Instanz vom Gouverneur. Allein der Friedensrichter ist der Bischof des in Frage stehenden Stadt- oder Grafschaftsbezirks, die Herren auf der Richterbank des Superior-Court sind ohne Ausnahme aus der Mitte der Hohenpriester, der Siebziger oder der Apostel gewählt, und Seine Excellenz der Gouverneur ist der Seher und Offenbarer. Selbst die gesetzgebende Versammlung, die überdies unter dem Einflusse der Priesterschaft gewählt ist, kann keinerlei Anordnungen treffen, welche gegen die Aussprüche des Kirchenhaupts verstoßen. Sie hat letztere lediglich mit den Verhältnissen in Einklang zu bringen und dadurch anwendbar zu machen.
Die Gerechtigkeitspflege ist von der einfachsten Art. Sie ist auf den Grundsatz allgemeiner Gleichheit basirt und lehnt sich in vielen Punkten an die Vorschriften des mosaischen Gesetzes an, dessen Strafen verhängt werden, so weit dies ausführbar ist. Amerikanische Berichterstatter loben, daß bei den Untergerichten die Zeugen selten vereidet werden, und daß man auf die Hinterpförtchen und Schlupflöcher des Rechts, die den Sachwaltern im Osten so reichliche Gelegenheit zu Winkelzügen und zu Hinausschleppung der Entscheidung bieten, wenig giebt, sondern mehr dem gesunden Menschenverstande und dem einfachen Rechtsgefühle vertraut.
Ein eigenthümlicher Zug in der Gesetzgebung von Deseret ist der, daß die Trägheit mit Strafen bedroht ist. Die Arbeit gilt als heilig. Faule werden von den Bischöfen notirt und zunächst vermahnt, dann öffentlich nach dem Sonntagsgottesdienste getadelt, endlich mit dem Fluche belegt. Es giebt in dem Bienenstocke, der das Wappenbild Deserets ist, keine Drohnen. Wer nicht die Hände regt, muß hungern. Der Prophet Joseph zwar wurde von Gott durch eine Offenbarung von der Verpflichtung zu physischer Arbeit befreit, da er zu sehr vom Regieren in Anspruch genommen war. Brigham Young dagegen beansprucht keine solche eximirte Stellung, sondern geht, so weit es seine anderen Geschäfte zulassen, den Brüdern mit gutem Beispiele voran, indem er, seines Handwerks ein Zimmermann, aufs Rüstigste in seinen Sägemühlen arbeitet. Priester und Bischöfe thun desgleichen, und die Apostel und Oberpriester können sich ohne Ausnahme rühmen, wie Paulus der Teppichweber ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts zu verdienen und an Werkeltagen durch die That zu lehren, was sie des Sonntags von der Kanzel in Betreff der Tugend des Fleißes vorgetragen haben. Das hat aber seine guten Folgen nach verschiedenen Seiten. Es läßt den Unterschied zwischen Priester und Laie nicht so schroff erscheinen, als er der Doctrin nach ist, es verschmilzt die einzelnen Classen miteinander, es macht die Führer der Heerde mit den Wünschen und der Denkweise der letztern bekannt, und es bereichert den öffentlichen Schatz; denn je fleißiger die Arbeiter, desto größer die Resultate, und je größer die Resultate, desto stärker die Zehnten. Die letzteren gehen aber, wie oben erwähnt, nicht lediglich in den Säckel der Priesterschaft, sondern werden auf öffentliche Unternehmungen, auf Straßen- und Brückenbau, auf Schulen, kirchliche Anstalten, auf die Unterhaltung der Familien von Missionairen und auf den Tempel verwendet, sodaß sie den Steuernden wieder zu Gute kommen und das ganze System im Grunde nur als eine Art gemäßigter Communismus erscheint.