Daß die Latterday-Saints nichts weniger als finstere, sauertöpfische Fromme sind, ist schon wiederholentlich angedeutet. Nirgends wird unter gleichen Verhältnissen so viel musicirt, getanzt und gescherzt, als im neuen Zion, und wenn viele sich des Genusses geistiger Getränke enthalten, so geschieht dies nicht, weil man von dem Trifolium Wein, Weib, Gesang dem ersten Blatte gram wäre, sondern weil es in den Thälern der Felsengebirge schwer zu beschaffen und darum sehr theuer ist. Die »Evening-Parties« der Heiligen am Salzsee sind, allen Beschreibungen zufolge, außerordentlich heiter. Häufig werden sie durch die Anwesenheit der obersten geistlichen Würdenträger beehrt, die sie mit einem Gebete eröffnen, in welchem der Segen des Allmächtigen auf das Vergnügen seiner Kinder herabgefleht wird. Hat man sich aber dieser Pflicht entledigt, so spielt die Musik unverzüglich zu einem Walzer oder Galopp auf, an welchem sich Alle ohne Ausnahme vom Apostel und Hohenpriester bis zum niedrigsten Laien herab mit gleichem Eifer betheiligen.

Ein komischer Anblick ohne Zweifel, hier einen verehrungswürdigen Patriarchen nach dem Tacte eines Hopsers sich im Wirbel drehen zu sehen und dort ein anderes Kirchenlicht zu gewahren, welches mit schmunzelndem Munde in den Figuren eines Contretanzes herumirrlichtelirt oder den besser eingeübten »Doubleshuffle« exercirt. Noch komischer aber dürfte deutschen Oberkirchenräthen die verbürgte Nachricht erscheinen, daß diese Bälle einst, wenn der große Tempel vollendet ist, einen integrirenden Theil des mormonischen Gottesdienstes bilden sollen. Wir an unserm Theile finden dies auch komisch, aber nicht erstaunlich, da wir uns an Davids Tanz vor der Bundeslade erinnern, und da wir die Shaker, Amerikas Derwische zu wiederholten Malen nicht blos mit Zunge und Kehle, sondern auch durch taktmäßige Bewegung der Füße und planetarische Rotation der Leiber die Ehre geben sahen.

Achtes Kapitel.
Die letzten Dinge. – Die vier Zeugen der Wahrheit. – Der Beginn des tausendjährigen Reichs in der alten und neuen Welt zugleich. – Die Wiederkehr der verlorenen zehn Stämme Israels. – Die Wiedervermählung der durch das Meer getrennten Erdtheile. – Der jüngste Tag.

Alles, was im Vorhergehenden von den Lehren und Gewohnheiten der Mormonen mitgetheilt worden ist, kann in Kurzem nicht mehr ihre Lehre und nicht mehr ihre Gewohnheit sein. Wie oben gezeigt, ist ihr Glaube eine stete Revolution, ein Proteus, der heute dies und morgen das stricte Gegentheil davon ist, eine unaufhörliche Accomodation an die Umstände oder an das Belieben der Führer. Was jetzt nur Vorrecht ist, mag übers Jahr ein Gebotenes und aber übers Jahr ein Verbotenes sein, wenn es die Verhältnisse fordern. Daß sich Gemüther finden, die an solch einer Chamäleonsreligion Gefallen finden, ist nach den einleitenden Bemerkungen des ersten Kapitels wohl begreiflich, und so sollte es uns selbst nicht Wunder nehmen, wenn nächstens Young eine Offenbarung empfinge, durch welche die Gläubigen erführen, daß die Polygamie, nachdem sie ihren Zweck erfüllt, wieder aufgehoben sei, und daß man sich, um Jehovah zu gefallen, fürderhin mit einer einzigen Frau zu begnügen habe.

Ein Punkt ihrer Glaubenslehre indessen, der nämlich, nach welchem sie sich Latterday-Saints nennen, steht fest. Sie wissen, daß sie den Grundstamm des heiligen Volkes bilden werden, über welches der Herr »in diesen letzten Tagen«, nach seiner Wiederkunft zur Aufrichtung des tausendjährigen Reichs herrschen wird. Sie leben der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß sie die Sendung haben, die Welt zu revolutioniren, und daß diese Sendung sich sehr bald im größten Maßstabe bestätigen wird. Sie führen förmlich Buch und Rechnung über die Verbrechen und Thorheiten, die eigenthümlichen Naturerscheinungen und die Aufstände und Umwälzungen in der Welt, die ihnen als Anzeichen der Wiederkunft Christi, als »Wehen des Messias« gelten, und die sie sorgfältig in ihren Archiven aufbewahren. So haben sie die Geschichte der Cholera, die Umwälzung von 1848, den Streit der Secten und Kirchen aufmerksam verfolgt und gewissenhaft verzeichnet. So dringen ihre Emissäre in die schmuzigsten Schlupfwinkel des Lasters in großen Städten, um die Statistik der Verbrechen kennen zu lernen. So beobachten sie, soweit sie vermögen, die Praktiken unredlicher Gesetzgeber und Gesetzvollstrecker, namentlich in Amerika, und so spüren sie den Schwächen und Sünden der Geistlichkeit mit allen Mitteln nach. Die Bücher, welche sie über die Ergebnisse dieser Forschungen führen, werden einst am Tage des Gerichts zu denen gelegt werden, in welche die Engel Gottes die Thaten der Menschen verzeichnen und gleiche Geltung mit diesen haben.

Ist nun die Zeit erfüllet und das Evangelium »Bruder Josephs« allen Völkern und Zungen gepredigt, so hebt eine Zeit großer Wunder und Schrecken an. Dann erscheinen zunächst bei den Mormonen die »vier Zeugen der Wahrheit,« die nimmer den Tod geschmeckt haben: Sankt Johannes, der Evangelist, dem es gestattet wurde zu bleiben bis zur Wiederkunft des Herrn, und drei nephitische Heilige der Kirche, die Christus nach dem Buche Mormon in Amerika gestiftet hat. Diese wandern gegenwärtig in Gestalt von Männern mittlern Alters über die Erde, nehmen die Tracht und Sprache der Länder an, in denen sie zufällig sich befinden, und sind schon zu wiederholten Malen Einzelnen von den Brüdern erschienen. In der Zeiten Erfüllung aber werden sie ihr Incognito ablegen und den Latterday-Saints von der Kanzel herab verkünden, was sie zu thun haben. Ferner aber werden die verlorenen zehn Stämme Israels auf ihrem Durchzuge nach Palästina den Heiligen in Amerika einen Besuch abstatten. Diese Langvermißten wohnen jetzt auf einer noch unentdeckten Insel, oder, wie Andere zu wissen glauben, in einem geheimnißvollen Nordlande, welches als eine Art Planet für sich jenseit des Polareises mit der Erde um die Sonne kreist. Ihr Erscheinen wird das Signal zur plötzlichen allgemeinen Bekehrung der Lamaniten, d. h. der Ureinwohner Amerika's, »dieses Restes vom Samen Josephs« sein. »Der verachtete Sohn des Waldes,« sagt eine hierauf bezügliche Proclamation der zwölf Apostel des Propheten, die kurz nach dessen Ermordung erschien, – »der verachtete Sohn des Waldes, der seither in Kummer und Elend die Wildniß durchwanderte, wird dann seine Maske fallen lassen und mit männlicher Würde den Heiden zurufen: Ich bin Joseph, lebt mein Vater noch? Er wird dann geweiht und gewaschen und mit heiligem Oele gesalbt und in feine Linnen, nämlich in die schönen Kleider der Priesterschaft nach der Ordnung des Sohnes Gottes gehüllt werden. Herabsenken wird sich auf ihn der Geist des Herrn, gleich dem Thau, der aufs Gebirge Hermon fällt, und gleich erfrischenden Regengüssen, die auf die Blumen des Paradieses strömen, und wiedererhalten wird der Enterbte das ihm einst verheißene Theil.«

Und nun werden die Kriege des Herrn anheben. Viele Heiden werden sich bekehren, viele im Unglauben verharren. Beide Massen werden sich zum Kampfe rüsten, die einen unter dem Panier des Papstes von Rom, die anderen unter der »Fahne aller Nationen.« Die Heerschaar der Heiligen wird, von ihrem Seher geführt, der den von Joseph Smith im Hügel Cumorah gefundenen Brustharnisch trägt und das Schwert Labans schwingt, gegen die der Ungläubigen heranstürmen und sie in der großen Schlacht darniederwerfen, welche in der Schrift mystisch die Schlacht Gogs und Magogs genannt wird. Der Herr wird sein Volk dadurch unterstützen, daß er die Gegner mit Feuerregen, Pestilenz und Hungersnoth heimsucht. Sie werden vollständig ausgerottet werden, und ihre Ländereien und sonstigen Besitzthümer den Siegern zufallen, die inzwischen Jackson County, im Staate Missouri, das rechte und letzte Zion erbaut haben. Dieses Zion, von dem Joseph, der Prophet, gleich zu Anfang seiner Laufbahn so Ueberschwängliches weissagte, wird die Hauptstadt des westlichen Festlandes sein. Es wird mit seinem gewaltigen Tempel und seiner Priesterschaft wie eine Standarte sein, deren Aufrichtung allen Spaltungen religiöser und politischer Art ein schleuniges Ende machen und alle Republiken, Königreiche, Provinzen, Völker, Stämme und Sprachen Nord- und Südamerika's zu einem großen Bunde umgestalten wird.

Und während so das tausendjährige Reich Christi im Westen sich vorbereitet, ist der östliche Continent Zeuge von nicht geringeren Umwälzungen und Neubildungen. Die zehn Stämme Israels kehren gleich den Zerstreuten Juda's nach Jerusalem zurück und bauen dort den Tempel wieder auf. Dann wird die gesammte alte Welt, soweit sie nicht zu den Gläubigen gehört, sich wider sie erheben, mit Heeresmacht gegen sie heranziehen und die heilige Stadt belagern. Der Herr aber wird den Geist der Gnade und des Gebets über die Bewohner Jerusalems ausgießen, und Christus, den ihre Väter gekreuzigt, wird sich an ihre Spitze stellen. Von ihm geführt, werden sie in einer gewaltigen Schlacht am Oelberge alle Heiden darniederlegen. Diesem Triumphe der Juden folgt ein allgemeiner Umsturz der Dinge in Europa sowohl wie in Asien. Christus wird König der Kinder Israel, Jerusalem seine Hauptstadt und der Mittelpunkt der alten Welt. Die Höfe von Paris, London, Petersburg, Rom und Wien – die Berliner Großmacht scheint dem Gotte, der die Offenbarung ertheilte, nicht bekannt gewesen zu sein – müssen sich dem Messias als Oberlehnsherrn unterwerfen. Weigern sie sich dessen, so werden ihre Throne umgestoßen und ihre Reiche vernichtet.

Entsprechend dieser Vereinigung der Erdenvölker wird auch eine Vereinigung der bisher getrennten Erdtheile stattfinden. Das Meer wird sich nach anderen Gegenden unseres Planeten zurückziehen, und alle Inseln und Continente werden »Beulah«, d. h. auf Neuägyptisch: »verheirathet« werden, sodaß von dem östlichen nach dem westlichen Jerusalem (in welchem letztern Christus sein zweites großes Heiligthum und seinen zweiten Thron haben wird) jene mächtige Heerstraße erbaut werden kann, welche »der Löwe nicht betreten und des Adlers Auge nicht gesehen.« Endlich werden unter Erdbeben unzählige Heilige des Alterthums aus ihren Gräbern steigen, um an der Glückseligkeit des Millenniums theilzunehmen.