Dieser Abfall vom echten Christenthume begann schon bei Lebzeiten der Apostel und äußerte sich unter Anderm in dem Verbote des Heirathens, einer der wirksamsten Lehren, welche der Teufel erfinden konnte, um die Grundlagen der Gesellschaft zu entwurzeln, das Volk Gottes ihres verheißenen Erbtheils an Kindern zu berauben, die Absichten des Allmächtigen auf Bevölkerung der Erde mit ihrem vollen Maße von Bewohnern zu hindern und die Menschheit in dieselbe traurige Lage wie die gefallenen Engel selbst zu bringen, welche nicht die Macht haben, ihre Herrschaft durch Vermehrung ihrer Art zu vergrößern. Dieser arglistige Versucher und seine Engel wissen sehr wohl, was sie durch ihren einstigen Ungehorsam verscherzt haben, und könnten sie die Menschen, die sie im Besitze des Verlorenen sehen, zum Verbote des Heirathens verführen, so würde es ihnen zu großer Genugthuung gereichen; denn wir würden dann, weiblos und kinderlos wie sie, und der Mittel beraubt werden, uns Königreiche im Himmel zu gründen. So versuchten sie alles Mögliche, die Menschheit zur Abschaffung der Ehe zu bereden, und es gelang ihnen nur zu wohl, wenn auch nicht vollständig. Da sie nicht die ganze Kirche zur Aufgebung des Heirathens gewinnen konnten, so wendeten sie sich an die abgefallene Priesterschaft und bestrebten sich, sie zur Ehelosigkeit zu nöthigen. Dies gelang, und ein Gesetz wurde erlassen, welches allen Priestern das Cölibat zur Pflicht machte. Desgleichen wurden Nonnenklöster erbaut, in denen weibliche Wesen für ihre ganze Lebenszeit eingeschlossen und dadurch verhindert wurden, das große und älteste Gebot der Mehrung ihres Geschlechts zu befolgen. Der nächste Schritt, den der Teufel that, war die Vereinigung dieser abgefallenen Kirche und Priesterschaft mit der weltlichen Gewalt. Auch dies brachte er bald zu Stande, und er sah sich jetzt mit doppelten Kräften bewaffnet. Was er früher mit den geistlichen Gerichtshöfen nicht völlig durchsetzen konnte, das erreichte er nunmehr mit dem Arme der bürgerlichen Obrigkeit. Hatte er zuerst den Priestern und Nonnen das Recht, sich zu vermählen genommen, so entriß er jetzt allen Mitgliedern der Kirche das Privilegium, mehr als eine Frau zu besitzen, und zerstörte dadurch eine göttliche Einrichtung, die in allen vorhergehenden Weltaltern unter heiligen Patriarchen, Propheten und Gottesmännern so erfolgreich gewesen war, das Volk Gottes zu mehren und zahlreich zu machen wie der Sand am Meere. Hätte er die Ehe ganz ausrotten können, so würde seine Rachgier volle Sättigung gefunden haben; denn (hier nähert sich die Naivität des guten Orson Pratt dem Gipfel der Komik) er entsann sich gar wohl, wie viel Schaden Abraham, Jakob, Moses, Gideon mit seinen zweiundsiebzig Söhnen, Elkanah, David und zahlreiche andere alte Polygamisten (unter denen man sich in dieser Beziehung wohl auch die zeugungskräftigen Götter des indischen Himmels, denen diese Theorie abgelauscht zu sein scheint, den Weiberfreund Zeus und den rüstigen Bewältiger der fünfzig Töchter des Thespios denken darf) ihm angerichtet hatten. Er entsann sich, wie Gott sich einen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs genannt und den Kindern ihrer zahlreichen Weiber seinen Segen verheißen und versprochen hatte, sie zu vermehren wie den Staub auf Erden. Er entsann sich endlich, wie Christo, dem größten Feinde, den der Teufel besaß, diese göttliche Einrichtung so wohlgefallen hatte, daß er durch das Weib, von dem er sich gebären ließ, als Glied in eine lange Reihenfolge jüdischer Polygamisten eintrat.[[6]] Der Teufel gedachte darum sein Müthchen an dieser heiligen Einrichtung zu kühlen und sie wo möglich ganz auszutilgen. Die Völker, die dem entarteten Christenthum anhingen, standen ihm in diesem boshaften Beginnen bei und erließen Verordnungen, welche die Vielweiberei in ihrer Mitte untersagten. So wurde das Gesetz Gottes, durch welches die zwölf Stämme Israels begründet wurden, und nach dem der Messias seine Erscheinung im Fleische bewerkstelligte, jenes Gesetz, welches den auserwählten Samen wie die Sterne am Himmel mehrte, und in welchem alle Nationen gesegnet werden sollten, jenes Gesetz, durch das dem kinderlos Verstorbenen sein Name durch endlose Geschlechter hindurch verewigt werden konnte – so wurde dieses heilige, göttliche Gesetz durch menschliche Maßregeln und Satzungen umgestoßen und abgeschafft. Möge das entartete Christenthum erröthen über seine tempelschänderischen Thaten, möge es sich in die Seele hineinschämen über seine engherzigen bigotten Gesetze!«
Mit dieser Apostrophe möge unser Auszug aus Pratts wunderlicher Vertheidigungsschrift beschlossen sein, und wir haben nur noch einiges Thatsächliche aus anderen Quellen nachzutragen, um den Gegenstand, so weit es uns erforderlich scheint, zu erschöpfen.
Daß es den Bürgern Deserets religiöse Pflicht für jeden Mann ist, wenigstens einmal zu heirathen, geht aus dem soeben Mitgetheilten hervor. Der Grund wird auch so ausgedrückt, daß es einer Frau ohne Mann überhaupt nicht möglich sei, Eintritt ins Himmelreich zu erlangen. Nun sollen aber vorsichtigen Mormoninnen hin und wieder Zweifel beigekommen sein, ob ihre Eheherren überhaupt selbst Aussicht auf den Himmel hätten, und die Folge war, wie böse Zungen behaupten, daß sie nach dem Rockzipfel eines Hohenpriesters oder Apostels haschten, der natürlich bestimmtere Aussichten hatte, im Jenseits als König aufzuerstehen. Wir bezweifeln indeß vorläufig die Wahrheit dieser Gerüchte, da fast alle Nachrichten darin übereinstimmen, daß fleischliche Vergehungen mit außergewöhnlich strengen Strafen bedroht sind, da man ferner, wenn das Territorium zum Staate gereift sein wird, jeden Ehebruch durch Enthauptung der Schuldigen zu ahnden gedenkt, und da man es schon jetzt für vollkommen gerechtfertigt, ja für Erfüllung einer Pflicht hält, wenn ein Mann, dem die Gattin, Schwester oder Tochter verführt worden ist, den Verführer tödtet. Man nennt das »common mountain law« und begründet es aus dem mosaischen Gesetze, und kein Gericht würde es wagen, den Mann, der auf diese Art die Ehre seiner weiblichen Verwandten rächte, auch nur zur leichtesten Strafe zu verurtheilen. Ein Beweis dafür war der Proceß des Mormonen Egan, welcher im Jahre 1851 in der Salzseestadt zur Verhandlung kam. Derselbe war angeklagt, einen gewissen Morgan, der ihm die Frau während seiner Abwesenheit zur Untreue verleitet, mit kaltem Blute ermordet zu haben. Das Geschwornengericht sprach ihn frei, und der vorsitzende Richter erklärte, als er das Urtheil verkündigte: »daß Geldstrafen für solche Vergehungen lediglich Zeichen der Verfaultheit anderer Regierungen seien, und daß der oberste Grundsatz, welcher durch das Herz aller Einwohner dieses Territoriums pulsire, einfach dahin laute: Der Mann, der seines Nächsten Weib verführt, muß sterben, und ihr nächster Anverwandter muß ihn tödten.«
In Betreff der »Versiegelungen«, wie die Antrauungen zweiter und dritter Frauen genannt werden, ist zu bemerken, daß der Seher sie nicht persönlich zu vollziehen braucht, sondern Andere mit der Ceremonie beauftragen kann. Ferner ist nachzutragen, das jedes unverheirathete Frauenzimmer das Recht hat, sich beim Präsidium einen Ehemann auszubitten, und derselbe darf ihr nicht verweigert werden, da ja ihre einstige Seligkeit davon abhängt. Der Präsident ist gehalten, auf Empfang einer derartigen Petition hin dem Ersten Besten, der ihm tauglich scheint, Befehl zu ertheilen, die Einsame zu seiner Frau zu nehmen. Er kann sie aber auch sich selbst »versiegeln«, d. h. ohne Euphemismus: in sein Harem aufnehmen. Hat der Betreffende keine Neigung zu dem ihm angesonnenen Ehebunde, so muß er triftige Verhinderungsgründe angeben, sonst geräth er in Gefahr, vor den hohen Rath gefordert und wegen Widersetzlichkeit gestraft zu werden. Mitunter geschieht es auch, daß Young Einspruch gegen die Absicht auf eine Versiegelung thut, die aus unwürdigen Beweggründen hervorgegangen ist.
»Diese Einmischungen in die Regierung Cupido's,« sagt Gunnison, »erfordern überhaupt große Vorsicht. Denn die Richtersprüche mögen hier noch so sehr vom Verstande dictirt sein, die Leidenschaft wird immer etwas daran auszusetzen finden. Allein wie der Präsident der Kirche die Macht zu binden hat, so ist ihm auch die Macht zu lösen verliehen. Er kann die Verheiratheten oder Versiegelten trennen, nachdem er sie zur Eintracht und Geduld ermahnt und ihnen eine Probezeit gesetzt hat, sie aber dabei die Unmöglichkeit eingesehen zu haben glauben, mit einander zu existiren. Aus dieser Gewalt zu binden und zu lösen, erwächst ihm ein ungemeines Ansehen und eine genaue Kenntniß der gesammten häuslichen Verhältnisse der Colonie. Das Vertrauen, daß man ihm in solchen delicaten Angelegenheiten zu erweisen genöthigt ist, erzeugt Ehrerbietung und Furcht, und wo das Ehebündniß zum Guten ausschlägt, Liebe und Dankbarkeit gegen den Berather und Freund, und da der Frieden in der Gemeinde wesentlich auf dem der Familie beruht, so wacht Young mit eifersüchtiger Sorgfalt über seine Prärogative und nöthigt die Betheiligten, soviel an ihm ist, ihren Verpflichtungen nachzukommen.
Daß auch die Leviratsehe in Deseret eingeführt ist, scheint aus folgender Anekdote bei Gunnison hervorzugehen.
»Bischof J. fügte seinem ziemlich geräumigen Hause noch ein Seitengemach an, und da er keine starke Familie besaß, so fragten wir verwundert nach dem Grunde dieser Vergrößerung seines Domicils. ›Ach!‹ war die Antwort, ›wissen Sie denn nicht, daß er seines Bruders Witwe zur Frau nehmen muß, und daß die Zeit dazu nahe ist?‹ Wir besannen uns auf die Geschichte des jüdischen Weibes, das sieben Brüder nach einander heirathete, doch da wir nur unwissende Laien waren, so getrauten wir uns nicht, uns genauer nach den Absichten und Ansichten eines Priesters der Ordnung Melchisedeks zu erkundigen.«
Daß die höhere Priesterschaft der Mormonen die ihnen im Punkte des Heirathens auferlegte Pflicht in einer ihrer Vorbilder, der Erzväter, vollkommen würdigen Weise erfüllt und zahlreiche Weiber und Kinder hat, ist bekannt.
Eine andere Methode, vermöge welcher die Häupter der Kirche ihren Haushalt mehren, ist die Annahme mehrerer Personen an Kindesstatt. Sehr häufig nämlich geschieht es, daß Apostel oder Hohepriester ganze Familien als Glieder der ihrigen einverleiben. Die Häupter dieser Familie finden eine Ehre darin »Kinder des Sehers« oder »angenommene Söhne des Präsidenten« zu heißen. Sie wohnen entweder bei ihrem Adoptivvater oder doch in seiner Nähe, arbeiten für ihn, empfangen Nahrung und Kleidung von ihm, und verhalten sich überhaupt, obwohl sie häufig schon Männer reiferen Alters sind, vollständig als Kinder gegen ihn. Der eigentliche Zweck dieser Einrichtung, die etwas nach Sclaverei aussieht, mag wohl der gewesen sein, daß die Führer der Secte sich durch Heranbildung einer starken, durch Dankbarkeit an ihr Interesse gefesselten Clientel für alle Fälle ihre Macht zu sichern bestrebt waren. Sie haben aber diesen Zweck, der so wenig mit der Liebe zur Unabhängigkeit und allen damit zusammenhängenden Reminiscenzen eines Amerikaners und Engländers übereinstimmt, gut verborgen, dem Ganzen einen patriarchalischen Anstrich verliehen und demselben dadurch, daß sie lehren, das Verhältniß werde sich in jener Welt fortsetzen, eine religiöse Weihe zu geben verstanden, über welcher der Fanatismus ihrer Anhänger wie so manches Andere auch seine Liebe zur Freiheit und Gleichheit vergißt.
Das gesellschaftliche Leben in Deseret scheint nach den Schilderungen aller Berichterstatter ebenso herzlicher als lustiger Art zu sein. »Die heiteren, zufriedenen Mienen,« sagt Gunnison, »die herzliche Anrede mit Bruder und Schwester, die Gesänge Zions, die einem aus dem Munde der mit ihrer Hausarbeit beschäftigten Frauen entgegenschallen, machen den Eindruck, als ob man in den Thälern Deserets sich eines nicht gewöhnlichen Wohlbefindens erfreue.« Alle Reisende rühmen die Gastfreundschaft der Mormonen, die nur durch ihre noch immer beschränkten Räumlichkeiten begrenzt ist. Die Auswanderer nach Californien haben sich vielfacher Gefälligkeiten von ihnen zu erfreuen gehabt, und mancher kranke und in seinen Mitteln erschöpfte Goldsucher hat hier barmherzige Samariter gefunden, wo er sie nicht erwarten konnte, wenn er an die Vergangenheit der Jünger Joseph Smiths sich erinnerte.