Wir haben aber den Vorkämpfer der Vielweiberei in Deseret, den streitfertigen Pratt noch bei Weitem nicht alle Wendungen und Finten machen sehen, mit denen er, fortwährend die Bibel als Schild vorhaltend, die Angriffe auf seinen Glauben zu pariren und zu entkräften bestrebt ist. Wir müssen darum noch auf einen Augenblick zu ihm zurückkehren. Er stellt nach jener Idylle zur Vervollständigung des Bildes zunächst in Abrede, daß man unter den Mormonen wisse, was Eifersucht sei, und hält dann die patriarchalische Unschuld und Reinheit derselben mit der furchtbaren Sittenverderbniß in den großen Städten Amerikas zusammen, wobei er findet, daß die »heidnischen Nationen«, wenn sie glauben, daß den Heiligen mit der »celestial marriage« ein Splitter in's Auge gerathen sei, besser thun würden, an den Balken zu denken, der durch einen Blick auf die Hunderte von liederlichen Häusern in Neuyork und auf die neunzigtausend Prostituirten in London sehr deutlich in ihrem Auge sichtbar würde. Dann kommt er auf die Bedeutung der Heirath als einen Bund für alle Ewigkeit zurück, und weist mit einer geschickten Verdrehung des Spruchs, nach welchem die Auferstandenen weder freien, noch sich freien lassen, nach, daß diejenigen, welche sich nicht auf Erden auf die rechte Weise, d. h. durch den allein damit beauftragten Seher der Mormonen für den Himmel versiegeln lassen, im Jenseits selbst dann allein und einsam, ohne die geliebte Gefährtin leben werden, wenn sie durch ein frommes Leben sich einen gewissen Grad von Seligkeit verdienen. Alle Heirathen sind, wofern sie nicht von einer inspirirten Person eingesegnet sind, vor Gott ungiltig, alle aus solchen Ehen hervorgegangenen Kinder Bastarde, gleichviel ob die bürgerlichen Gesetze sie so ansehen oder nicht.
Wahrhaft classisch ist es, wie Pratt daraus, daß Jemand die Vermählung der Gatten für die Ewigkeit zugiebt, die Folgerung zieht, er müsse dann auch die Vielweiberei gestatten. Er sagt: »Gesetzt den Fall, Herr A. heirathet Fräulein B. für Zeit und Ewigkeit. Nun stirbt im Laufe der Zeit seine Frau, geborne B., indem sie verschiedene Kinder hinterläßt. Der Witwer A. heirathet nun ein Fräulein C. Frage: Wie will seine Braut C. einen Mann für alle Ewigkeit bekommen? Es liegt auf der Hand, daß sie in Zukunft entweder allein existiren oder mit Herrn A. sowohl für die Ewigkeit als für die Zeit verheirathet werden muß. Entschiede sie sich für das Letztere, so würde Herr A. am Morgen der Auferstehung zwei Weiber haben. Nun kann es aber geschehen, daß Herr A. so unglücklich ist, auch seine zweite Frau, geborne C., durch den Tod zu verlieren, und daß Verhältnisse ihn nöthigen, eine dritte Heirath mit Fräulein D. einzugehen. Er würde dann nicht weniger als drei Frauen haben. Möglich aber auch, daß Herr A. vor seiner Frau, geborne B. stirbt, und daß seine Witwe einen jungen Mann Namens C. blos für dieses Leben heirathet, da sie mit ihrem verstorbenen Gatten A. für alle Ewigkeit verbunden ist. Frage: Wenn Herr A. seine Frau nach der Auferstehung beansprucht, wie wird Herr C. dann zu einer Frau gelangen? Antwort: Er muß sich entweder ohne eine solche behelfen, oder schon in diesem Leben sich mit einer andern, die keine Verpflichtung für die Ewigkeit hat, verheirathen. In diesem Falle aber würde er schon während dieses Lebens zwei Frauen haben müssen.«
In der That, bei dieser Art Sophistik wird dem Leser zu Muthe, als ob in den Mormonen nicht blos die Zeiten der Erzväter, sondern auch die Tage wiedergekommen wären, wo man in Paris die tiefsinnigen Fragen zur Entscheidung zu bringen bemüht war, ob Christus die Welt auch in Gestalt eines Kürbis hätte erlösen können? Wie dann der Kürbis gepredigt haben müßte? Wie er am Kreuze ausgesehen haben und wie er gen Himmel gefahren sein würde.
Hören wir indeß unsern mormonischen Scholastiker weiter.
»Es ist häufig der Fall, daß weiblichen Wesen niemals ein Heirathsantrag von jungen Männern gemacht wird, denen sie so viel Vertrauen erweisen, daß sie sich mit ihnen für alle Ewigkeit verbinden möchten. Frage: Müssen diese Mädchen in der Ewigkeit ohne Gatten bleiben? Würde es nicht weit besser für jede einzelne von ihnen sein, wenn sie mit einem frommen, obgleich schon verheiratheten Manne wie Abraham vermählt wäre, als wenn sie für die ganze Ewigkeit vereinsamt bliebe? Würde es nicht eine bei Weitem größere Seligkeit für sie in sich schließen, die zweite, dritte oder vierte Frau, und dadurch in der Lage zu sein, eine endlose Nachkommenschaft zu gewinnen und sich mit ihrem Gatten aller der Herrlichkeit und Glorie seiner wachsenden himmlischen Königreiche zu erfreuen, als alle Ewigkeit hindurch in Gestalt eines bloßen Engels oder einer bloßen Magd, ohne Nachkommenschaft verharren zu müssen?
Und wiederum giebt es viele Witwen, deren Männer in Unglauben sterben. Diese Witwen können möglicherweise keinen Antrag auf Heirath von einzeln lebenden Männern erhalten. Soll für sie nicht Fürsorge getroffen werden? Und welches tugendhafte Weib würde es nicht vorziehen, die sechste oder siebente Frau eines Gläubigen zu werden, als in der zukünftigen Welt in alle Ewigkeit ohne die Segnungen der Ehe zu leben?
Und weiter: wenn (in diesen letzten Tagen vor dem Beginne des tausendjährigen Reichs) Volk gegen Volk und Reich gegen Reich sich erhebt und das Schwert vertilgend von einem Ende der Erde zum andern daherfährt, so werden viele Millionen von Vätern und Brüdern auf der Wahlstatt fallen, während die Mütter, Schwestern und Töchter zurückbleiben werden, um ihren Verlust zu betrauern. Was wird aus diesen Frauen werden? Antwort: Das Evangelium wird ihnen gepredigt werden und sie werden aus allen Völkern fliehen und zu den Heiligen Zions versammelt werden. Dann wird die Zahl der Frauen bei Weitem größer sein als die der Männer. Aber wie werden dann alle mit Männern für die Ewigkeit zu versorgen sein? Wir wollen diese Frage mit den Worten Jesaias beantworten. In jenen Tagen werden sieben Weiber einen Mann ergreifen und sagen: Wir wollen unser eigen Brot essen und uns von unserm Eignen kleiden, nur laß uns deinen Namen tragen, auf daß unsere Schande hinweg genommen werde. So sehen wir denn, daß die Schande, keinen Mann zu haben, größer sein wird, als die Schande von sieben Weibern, die zusammen einen Mann haben. Ja das letztere wird überhaupt kein Vorwurf, vielmehr ein Mittel sein, einem Vorwurfe zu entgehen. Als göttliche Einrichtung wird es mit Begier gesucht werden, gesucht sogar auf die Gefahr hin, daß die Frauen selbst für ihre Nahrung und Kleidung sorgen müssen.
Wie aber Ehelosigkeit für jedes weibliche Wesen eine Schande ist, so gereicht es auch einer Frau zum Vorwurfe, kinderlos zu sein. Auf alle Fälle ist es ein Unglück, da auf diese Art der Zweck der Ehe, das Menschengeschlecht zu mehren, nicht erreicht wird. Unfruchtbare Frauen aber können ihrer Unvollkommenheit abhelfen, wenn sie dem Beispiele der ebenfalls verschlossenen Leah folgen, welche Jakob ihre Magd Zilpah zum Weibe gab, worauf der Herr ihr Gebet erhörte und ihr einen Sohn schenkte. Ganz so wird der Herr auch noch heute thun den Frauen, die seinem Gesetze gehorchen.«
Wir übergehen die Beweise, die für diese Wahrheit aus der Bibel beigebracht werden, ebenso die Ausführung des Satzes, daß es Weibern nicht erlaubt ist, ihrerseits mehrere Männer zu haben, ebenso einige andere Behauptungen, die nur für den überaus gründlichen Pratt von Wichtigkeit sind, und kommen wieder auf den Text zurück, wo unser Dogmatiker nach weitläufiger Untersuchung der Leviratsehe, aus der ihm unwiderlegliche, aber bekanntlich unnöthige Beweise für das häufige Vorkommen der Vielweiberei unter den Juden hervorgehen, seinen Scharfsinn an der nicht weniger überflüssigen Frage übt, ob die ersten Christen nicht ebenfalls Polygamisten gewesen wären. Er zeigt, daß dem so gewesen, an einer Fülle von Sprüchen aus den Briefen Pauli, namentlich an dem, wo der Apostel dem Timotheus schreibt, ein Bischof müsse eines Weibes Mann sein. Wo dies nur von Bischöfen gefordert wurde, raisonnirt Pratt, war es den Laien und niederen Kirchendienern gestattet, mehrere Frauen zu haben. Den Bischöfen aber war es damals nur untersagt, weil die Zeitumstände nicht günstig dazu waren, und weil die Vorsteher der Kirche möglichst befreit sein mußten von der Sorge für eine starke Familie; durchaus nicht deshalb, weil es Sünde gewesen wäre, in Vielweiberei zu leben.
»Aber warum ist der Gebrauch, mehrere Frauen zu nehmen, von der christlichen Kirche nicht beibehalten worden?« fragt Pratt. »Wir antworten, es giebt kaum einen einzigen Zug des Urchristenthums, der die dunkle Zeit der Verderbniß überdauert und sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Wo sind jetzt die vom heiligen Geiste erfüllten Apostel der alten Christenheit? Wo ist die Fülle von Propheten hin, die einst so zahlreich in der christlichen Kirche aufstanden? Wo sind die Visionen, Offenbarungen, Weissagungen, die Erscheinungen dienender Engel, die Heilungen, die Wunder und die göttliche Gewalt hin, die ehemals die Kirche Christi auf Erden so verherrlichten? Ja, wo ist diese Kirche Christi selbst hin gerathen? Sie ist seit Jahrhunderten schon nirgends mehr auf der Erde zu finden. Und wenn alle die großen und glorreichen Grundzüge der christlichen Religion abhanden gekommen sind, wenn die Kirche selbst nicht bis auf unsere Tage fortgepflanzt worden, sondern in eine Menge von Secten zerfahren ist, von denen keine mehr Berechtigung zur Existenz hat, als die götzendienerischen Hindus, wie wäre da zu erwarten, daß das Gesetz der Vielweiberei, das in jener Urkirche galt, sich erhalten haben sollte. Kein Wunder, daß, wenn die wichtigsten Aemter, Gnadengaben und Segnungen des Evangeliums verschwunden sind, auch die Gebräuche der alten Christen untergingen!