»Aber« – heißt es in der Abhandlung Pratts weiter, »haben nicht einige der Heiligen in Utah mehr Weiber als wir? Ja wohl, und sie nehmen sie auch wohl in Acht und lehren ihnen und ihren Kindern die großen Grundsätze der Tugend und Heiligkeit durch ihr Beispiel sowohl wie durch ihr Wort. Aber ist es nicht Sünde, wenn Jemand mehr Frauen auf einmal hat als wir? Wofern es Sünde ist, hat uns die Bibel nichts davon gesagt. Aber ist es nicht gegen die christliche Religion? Wofern es dagegen ist, so hat die christliche Religion nichts davon offenbart. Aber glaubt ihr denn wirklich nicht, daß es dem Willen Gottes zuwider ist, wenn ein Mann in diesen Tagen mehrere Frauen nimmt? Ja es ist ihm zuwider, es wäre denn, Gott gäbe sie ihm vermittelst einer Offenbarung durch einen heiligen Propheten. Glaubt ihr, daß das Buch Mormon eine göttliche Offenbarung ist? Ja. Lehrt dieses Buch die Vielweiberei? Nein; denn der Herr verbietet sogar den alten Nephyten mehr als eine Frau zu haben, wie dies vor Alters geschehen. Er verbot dies aber allerdings nur in Betracht der Umstände, indem zu dieser Zeit die Zahl der Männer und Frauen unter diesem Volke gleich war (nicht wie gegenwärtig das weibliche Geschlecht beträchtlich überwog); indem ferner damals keine Aussicht auf eine Veränderung dieses Verhältnisses stattfand, und indem endlich der Eine ebenso gut im Stande war, eine Familie in gottwohlgefälliger Weise zu erziehen als der Andere. Und der Herr setzt hinzu: Wenn ich mir Samen erwecken will, so werde ich meinem Volke Befehl dazu geben, wo nicht, so sollen sie diesen Dingen gehorsam sein.«

Hieraus ersehen wir, daß das Buch Mormon sogar genauer in diesem Punkte ist als die Bibel, und daß es den Heiligen der letzten Tage streng verboten ist, mehr als eine Frau zu nehmen, es sei denn, daß Gott es durch einen unmittelbaren Befehl anders anordnete.

Nun gab der Herr in der ersten Zeit dieser Kirche keinem seiner Knechte einen derartigen Befehl, sondern hieß sie im Gegentheil sich an das halten, was im Buche Mormon verordnet sei. Dreizehn Jahre jedoch nach der Stiftung der Kirche ertheilte er jenen Befehl an Joseph Smith. Aber selbst dadurch wurde für das Allgemeine nichts geändert, und die Latterday-Saints sind noch jetzt auf eine Frau beschränkt, wofern es der Herr nicht für einzelne Fälle anders verfügt. »Niemand in Utah, welcher bereits eine Frau hat und welcher den Wunsch hegt, eine andere zu nehmen, ist berechtigt, einer Dame Heirathsanträge zu machen, bevor er nicht den Präsidenten um Rath gefragt und durch ihn eine Offenbarung von Gott empfangen hat, ob es in seinen Augen wohlgefällig ist. Wird es ihm durch die Offenbarung untersagt, so ist die Sache zu Ende. Wird es ihm erlaubt, so hat er noch immer kein Recht, sich über die Gefühle der jungen Dame Gewißheit zu verschaffen, sondern muß erst die Einwilligung der Aeltern einholen, vorausgesetzt, daß diese in Utah leben; kann ihre Zustimmung nicht erlangt werden, so ist die Sache damit zu Ende. Zeigen Aeltern oder Vormünder sich bereitwillig, so darf er endlich der Dame Heirathsvorschläge machen. Lehnt sie dieselben ab, so ist damit die Sache zu Ende; geht sie aber auf den Antrag ein, so wird ein Tag für die Ceremonie der Trauung festgesetzt. Ueberdem ist zu bemerken, daß ein Jeder, der sich eine zweite Gattin zu nehmen beabsichtigt, bevor er den ersten Schritt zur Ausführung seines Wunsches thut, die Pflicht hat, die Einwilligung der Frau, die er schon hat, zu erlangen.«

Ist der Tag gekommen, der für die Trauung bestimmt worden, so versammeln sich der Bräutigam, die Frau und die Braut nebst ihren Angehörigen und den übrigen Hochzeitsgästen an dem Orte, welcher dazu ausgesucht worden ist. Der Schreiber nimmt die Namen, das Alter, den Geburtsort, die Grafschaft, den Staat und das Vaterland der zu Verheirathenden auf und trägt sie sorgfältig in ein Buch ein. Der Präsident, welcher der Prophet, Seher und Offenbarer über die ganze Kirche in aller Welt ist, und welcher allein die Schlüssel der Macht in Betreff dieser göttlichen Anordnung hat, gebietet dem Bräutigam, seiner Frau und der Braut, sich zu erheben und ihm gegenüberzutreten. Die Frau steht zur Linken ihres Mannes, die Braut ihr zur Linken. Der Präsident legt dann der Frau die Frage vor: »Sind Sie Willens, dieses Weib Ihrem Ehemanne zu geben, auf daß sie sein gesetzlich vermähltes Eheweib sei für Zeit und Ewigkeit? Wofern Sie dazu gewillt sind, so wollen Sie es dadurch kundgeben, daß Sie deren rechte Hand in die rechte Hand Ihres Ehemannes legen.« Sind beide Hände, die des Bräutigams und der Braut in dieser Weise mit einander verbunden, so nimmt die Frau den linken Arm ihres Mannes, wie wenn sie mit ihm einen Gang machen wollte. Dann fährt der Präsident fort, indem er den Bräutigam fragt: »Nehmen Sie, Bruder N. N. Schwester N. N. (die Braut) bei der rechten Hand, um sie zu Ihrem gesetzlichen Eheweibe zu nehmen und ihr gesetzlicher Ehemann zu sein für Zeit und Ewigkeit, und versprechen Sie Ihrerseits, daß Sie alle Gesetze, Gebräuche und Anordnungen, die zu dieser heiligen Ehe in diesem neuen und ewigen Bunde gehören, zu erfüllen, indem Sie dies in Gegenwart Gottes, der Engel und dieser Zeugen Ihrem eignen freien Willen und Ihrer Wahl nach thun?« Der Bräutigam antwortet mit: Ja. Der Präsident legt dann dieselbe Frage, den Verhältnissen der Braut angepaßt, der letzteren vor, welche gleichfalls mit Ja zu antworten hat. Der Präsident sagt dann: »Nun so verkünde ich im Namen des Herrn Jesu Christi und kraft des Amts des heiligen Priesterthums Euch als gesetzlich verbundene Ehegatten für Zeit und Ewigkeit, und ich siegle auf Euch die Segnungen der heiligen Auferstehung mit der Macht, am Morgen der ersten Auferstehung, bekleidet mit Herrlichkeit, Unsterblichkeit und ewigem Leben hervorzugehen. Und ich siegle auf Euch die Segnungen der Throne und Herrschaften und Fürstenthümer und Gewalten und Erhöhungen, zugleich mit dem Segen Abrahams, Isaaks und Jakobs, und sage zu Euch: seid fruchtbar und mehret Euch und füllt die Erde, auf daß Ihr Freude und Jubel durch Eure Nachkommenschaft habt in den Tagen des Herrn Jesus. Alle diese Segnungen und gleichermaßen alle andern Segnungen, die zu dem neuen und ewigen Bunde gehören, siegle ich auf Eure Häupter durch Eure Treue bis ans Ende, kraft des heiligen Priesterthums im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.«

Der Schreiber trägt dann in sein Buch Ort und Datum der Trauung und einige von den Namen der Zeugen ein. »Lehrt ein Mann seiner Frau das Gesetz Gottes, wie es von den alten Patriarchen gehalten und durch neuere Offenbarung bestätigt worden ist, und verweigert sie ihm ihre Einwilligung zur Verheirathung mit einer zweiten, so muß sie vor dem Präsidenten die Gründe für ihre Weigerung angeben. Erscheinen dieselben genügend und wird der Mann schuldig befunden, so erhält er die Erlaubniß zur zweiten Ehe nicht. Kann die Frau aber keinen vernünftigen Grund vorbringen, weshalb sie sich dem Gesetze, das einst Sarah gegeben worden, wiedersetzt, so kann der Mann, wenn ihm auf dem Wege der Offenbarung durch den Propheten Erlaubniß wird, andere Frauen auch ohne Zustimmung der ersten nehmen, und diese wird sich die Verdammniß zuziehen, weil sie ihm jene nicht gab, wie Sarah dem Abraham die Hagar und wie Rahel und Leah ihrem Manne Jakob die Bilha und die Zilpah gaben.«

»Es ist aber die Pflicht des Mannes, der eine zweite Frau nimmt, für ihre Wohlfahrt und ihr Glück zu sorgen und ihr das Leben so behaglich zu machen, als der ersten, wie dies die Schrift 2. Mose 21, 10. gebietet. Ueber den Aufenthaltsort der verschiedenen Zweige einer Familie ist keine besondere Regel festgestellt. Bisweilen baut der Gatte für seine Frauen verschiedene Wohnungen, wie Jakob für seine vier Weiber verschiedene Zelte aufstellte. Es ist jedoch sehr häufig der Fall, daß sie alle in demselben Hause wohnen und vereint und mit der größten Heiterkeit sich der Geschäfte der Haushaltung widmen, an demselben Tische essen und sich gegenseitig Alles zu Gefallen thun, während der holdeste Friede und die herzlichste Eintracht Jahr auf Jahr unter ihnen herrschen. Ihre Kinder spielen mit einander in Liebe als Brüder und Schwestern, während jede Mutter für die Kinder der Andern so viel liebreiches Wesen und zärtliche Aufmerksamkeit an den Tag legt, als für ihre eigenen. Und Morgens und Abends, wenn der Gatte seine Familie zusammenruft, um dem Herrn zu dienen und seinen Namen anzurufen, so beugen sie alle gemeinsam ihre Kniee und bringen dem Allerhöchsten das Opfer ihrer Andacht dar.«

Zu dieser idyllisch anmuthigen Schilderung der Folgen, welche die Vielweiberei in Deseret gehabt haben soll, paßt schon der Nachsatz: »Wo alle Weiber gleich glaubenstreu sind, bestrebt sich der Mann gemeiniglich, sie alle gleich gut zu behandeln« nicht recht, indem es darnach scheint, daß dieses Bestreben nicht überall vorhanden und nicht überall mit Erfolg gekrönt ist. Noch weniger aber stimmt es damit überein, wenn der Ingenieur Gunnison, der mehrere Monate in Deseret lebte und sonst nichts weniger als ungünstig über die dortigen Heiligen urtheilt, die Fälle, wo die Frauen nach der Art der vier Weiber Jakobs »in verschiedenen Zelten« untergebracht werden müssen, als die gewöhnlicheren bezeichnet und hinzusetzt, dieselben müßten durch Nähen und andere weibliche Arbeiten selbst für ihren Unterhalt sorgen.

»Gewiß ist,« fährt Gunnison fort, »daß die Weiber das Verhältniß häufig unbehaglich und lästig finden, wenn auch gewöhnlich die Oberfläche der Gesellschaft eine lächelnde Miene trägt und das Joch für alle, die aus Pflichtgefühl und Schwärmerei einwilligen, ein leichtes ist. Wenn solche Frauen sich auflehnen, so verfährt man sehr summarisch mit ihnen, und die öffentliche Meinung nimmt gegen sie zu Gunsten des Mannes Partei. Eine sehr achtungswerthe Dame im »Thale« gilt, weil sie den ihr Versiegelten (der, mit der einen Frau nicht zufrieden, eine zweite genommen) verlassen und einen Andern geheirathet hat, als Ehebrecherin und wird deshalb nicht in Gesellschaft geladen.

Ein Beispiel summarischen Verfahrens erlebten wir am Bärenflusse. Ein aus Monsieur Cabets Gemeinde in Nauvoo ausgewanderter Socialist hatte den Winter in der Salzseestadt zugebracht, und war im Frühjahr weiter nach Californien aufgebrochen. Er hatte eine Frau mit einem ungefähr zwei Jahre alten Kinde bei sich, die ihn gebeten hatte, sie mit nach dem Goldlande zu nehmen, indem sie ihm vorgestellt, wie der geistliche Würdenträger, mit dem sie »versiegelt« worden, ihr drei Jahre lang weder einen Besuch gemacht, noch etwas zu ihrem Unterhalte beigetragen habe; daß ferner ein junger Mann, dem sie sich verlobt, jetzt in Californien sei, und daß sie sich, wenn sie zu ihm gelangen könnte, nach den Gesetzen des Landes heirathen wollten. Das Herz des Socialisten war dadurch gerührt worden und er hatte ihr freundlich die Mittel zur Reise angeboten. So hatten sie etwa hundert Meilen zurückgelegt, als eine Schaar von Häschern aus Neujerusalem sie einholte und an sie die Forderung stellte, die junge Frau solle zu ihrem gesetzlichen oder angesiegelten Gemahl zurückkehren. Der Socialist fragte uns um Rath, was zu thun sei; aber die Uebermacht verbot jede Weigerung, und so mußte die Dame mit Widerstreben ihre Schritte zurücklenken.

Mehrmals wurden uns ähnliche Fälle bekannt, und so müssen wir den Schluß ziehen, daß die Regelung des neuen »Pluralitätsgesetzes« noch nicht vollendet ist, und daß die Tugenden, die man ihm zuschreibt, noch nicht in voller Blüthe stehen. Wir können indeß hinzusetzen, daß die Gemeinde durchaus den Anschein guter Sitten hat, so daß in den Vereinigten Staaten eine gleiche Anzahl Menschen schwerlich das Decorum besser bewahrt.«