Und wahrlich, wahrlich ich sage Dir, was Du versiegelst auf Erden, soll im Himmel versiegelt sein, und was Du bindest auf Erden in meinem Namen und durch mein Wort, das soll auf ewig im Himmel gebunden sein, und welche Sünden Du erlässest auf Erden, die sollen ewiglich erlassen sein im Himmel, und welchem Du die Sünde behältst auf Erden, dem sollen sie im Himmel behalten sein. Wen du segnest, den will ich segnen, und wem du fluchest, dem will ich fluchen, spricht der Herr; denn ich der Herr bin Dein Gott.
Wahrlich ich sage dir, ich gebe ein Gebot meiner Magd Emma Smith, Deiner Ehefrau, welche ich Dir verliehen habe, daß sie sich enthalte und nicht genieße, was ich Dich ihr anbieten ließ. Denn ich that es, sagt der Herr, um Euch zu prüfen, wie ich mit Abraham that. Und laß meine Magd Emma Smith freundlich aufnehmen alle, die meinem Knechte Joseph verliehen sind, und welche tugendhaft und rein vor mir sind. Und die, welche sich für rein ausgegeben haben, und nicht rein sind, sollen untergehen. Und ich gebiete meiner Magd Emma Smith, bei meinem Knechte Joseph zu wohnen und ihm anzuhängen und keinem Andern. Wenn sie aber diesem Befehle nicht gehorcht, so soll sie vertilgt werden. Denn ich bin der Herr Dein Gott, und will sie wegen ihrer Uebertretung meines Gesetzes vertilgen. Wenn sie aber diesem Geheiße nicht folgen will, so soll mein Knecht Joseph alles für sie thun, wie er gesagt hat, und ich will ihn segnen und mehren, und ihm geben hundertfältig in dieser Welt, Vater und Mütter, Brüder und Schwestern, Häuser und Ländereien, Weiber und Kinder und Kronen des ewigen Lebens in jener Welt. Und wiederum, wahrlich ich sage euch, lasset meine Magd Emma Smith meinem Knechte Joseph vergeben seine Schuld, dann soll ihr ihre Schuld vergeben werden, mit der sie sich gegen mich versündigt hat, und ich der Herr dein Gott will sie segnen und sie mehren und machen daß ihr Herz jubelt.«
Die letzten Sätze gehen darauf, daß die Frau des Propheten, seiner Untreue überdrüssig, sich von ihm zu trennen und mit einem Andern zu verheirathen wünschte und bereits das Haus Smiths verlassen hatte. Der Kernpunkt der Offenbarung aber liegt in den Paragraphen 23 bis 25, welche den Schluß bilden, und wo Jehova sich folgendermaßen vernehmen läßt:
»Wahrlich, wenn Jemand von meinem Vater berufen ist, wie Aaron war, durch meine Stimme und durch die Stimme dessen, der mich gesandt hat, und ich ihn mit den Schlüsseln der Macht dieses Priesterthums belehnt habe, so mag er in meinem Namen und nach meinem Gesetze und Worte Alles thun, er wird keine Sünde begehen, und ich werde ihn rechtfertigen. Greife darum Niemand meinen Knecht Joseph an. Denn ich will ihn rechtfertigen, denn er soll das Opfer, das ihm möglich ist, für seine Uebertretung darbringen, sagt der Herr, euer Gott.
Und abermals, was das Gesetz des Priesterthums betrifft, wenn Jemand eine Jungfrau heirathet und begehrt eine andere zu freien, und die erste giebt ihr Einwilligung, und wenn er die zweite heirathet und sie Jungfrauen sind und haben sich keinem Andern verlobt, so ist er gerechtfertigt. Er kann keinen Ehebruch begehen; denn sie sind ihm gegeben. Denn er kann nicht Ehe brechen mit dem, das ihm gehört und keinem Andern. Und wenn ihm durch dieses Gesetz auch zehn Jungfrauen verliehen würden, so kann er doch keinen Ehebruch begehen; denn sie gehören ihm und sind ihm gegeben, und darum ist er gerechtfertigt. Wenn aber eine oder die andere von den zehn Jungfrauen, nachdem sie ihm vermählt ist, mit einem andern Manne Umgang pflegt, so hat sie die Ehe gebrochen und soll vertilgt werden. Denn sie sind ihm gegeben, daß er sich mehre und die Erde fülle nach meinem Gebote, und die Verheißung wahr mache, welche von meinem Vater vor Erschaffung der Welt gegeben wurde, und zu ihrer Erhöhung in der ewigen Welt, auf daß sie die Seelen der Menschen unterm Herzen tragen; denn hierin wird das Werk meines Vaters fortgesetzt, daß er verherrlicht werde.
Und abermals, wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn Jemand, der die Schlüssel dieses Priesterthums hat, ein Weib besitzt, und er lehrt ihr das Gesetz meines Priesterthums in Betreff dieser Dinge, so soll sie ihm glauben und ihm dienen, oder sie soll vertilgt werden, sagt der Herr euer Gott. Denn ich will sie vertilgen und meinen Namen verherrlichen an allen, welche mein Gesetz annehmen und ihm gehorsam sind. Darum so soll es Gesetz sein, wenn sie dieses Gebot nicht annimmt, soll er es annehmen, alles, was ich, der Herr, ihm geben werde. Und sie wird dann zur Uebertreterin und ist ausgeschlossen vom Gesetze Sarahs, welche Abraham diente nach dem Gesetze, als ich Abraham gebot Hagar zum Weibe zu nehmen. Und nun, was dieses Gesetz anbelangt, wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ich will euch später mehr noch offenbaren; darum möge dies für jetzt genug sein. Siehe ich bin Alpha und Omega. Amen!«
Dieses von schmachvollster Heuchelei dictirte Document blieb, wie gesagt, bis auf das Jahr 1853 geheim, und alle Mormonen mit denen wir in den Vereinigten Staaten über den der Secte gemachten Vorwurf der Vielweiberei zu sprechen Gelegenheit hatten, stellten denselben mit Entrüstung in Abrede. Einige gewiß mit Recht, da sie, uneingeweiht in die Mysterien der Priesterschaft und Hunderte von Meilen entfernt von dem Centralsitze derselben, nicht wissen konnten, was sich dort vorbereitete und zum Theil schon geübt wurde; Andere mit weniger Recht deshalb, weil ihnen die Polygamie in Deseret nur als Gebrauch, noch nicht als kirchliche Lehre bekannt war. Gegenwärtig wird kein Mormone mehr die Stirn haben, die Sache zu leugnen. Ja man rühmt sich sogar der Vielweiberei, betrachtet sie als heiliges Institut und stellt das, was, aus der Befriedigung gemeiner Sinnenlust hervorgegangen, in jener Offenbarung Smiths mehr als Zulassung Gottes, mehr als ein Vorrecht der Priester erscheint, als religiöse Pflicht dar, deren Umgehung Sünde sei.
Hören wir die Beweise, welche Orson Pratt für diese Behauptung vorbringt. Sie sind, wenn auch keine Beweise, doch sehr lehrreich für Den, der sich über die Art, wie die Vertheidiger der Secte denken und schließen, zu unterrichten wünscht, und so mag ein etwas ausführlicher Auszug aus der betreffenden Abhandlung im »Seer« willkommen sein.
Pratt beginnt damit, daß er zeigt, wie vier Fünftel der Erdbewohner der Vielweiberei huldigen, und weist dann nach, daß die Verfassung der Vereinigten Staaten der Centralgewalt das Recht nicht gebe, gegen die Polygamie in Deseret, die eine Gewissenssache sei, irgendwie einzuschreiten. Sie sei den Mormonen aber eine Gewissenssache zunächst schon darum, weil Gott sie durch jene Offenbarung vom 12. Juli 1843 eingesetzt habe, und die Bibel nirgends ein Verbot derselben enthalte, ja sogar an vielen Stellen sie ausdrücklich billige und als göttliches Institut auffasse. Dahin wird zuvörderst der Umstand gezählt, daß Abraham, obwohl er mehrere Frauen gehabt, des nähern Umgangs mit dem Herrn gewürdigt worden sei. Sodann wird angeführt, daß Gott thatsächlich mitgewirkt habe, als David, der bereits mit mehreren Frauen Vermählte, auch noch die Weiber Sauls sich angeeignet. Dann geht der Vertheidiger der Sache auf den Zweck der Ehe zurück, den er in dem Gottesgeheiße: »Seid fruchtbar und mehret euch« findet.
»Der oberste Zweck also,« fährt Pratt fort, »war die Erfüllung der Schöpfung mit Myriaden intelligenter und mit Willen begabter Wesen, nach seinem Bilde geschaffen, beschenkt mit Gottähnlichkeit und fähig, fortzuschreiten auf der großen Leiter der Erkenntniß und des Glücks bis zur Vollkommenheit, wo sie wie Gott werden, eins mit ihm an Macht, Herrlichkeit und Herrschaft. Hierdurch werden die Reiche des Allmächtigen vermehrt, indem neue Welten hinzukommen, bewohnt von Wesen seiner Gestalt und Art; und hierdurch wächst die Freude und Seligkeit im Busen des Schöpfers zur Vollkommenheit.« – Wenn also die Vermehrung menschlicher Wesen die Herrschaft des Allmächtigen vergrößert, seinen Namen verherrlicht und seine Seligkeit erhöht, so müssen wir vernünftiger Weise annehmen, daß er einen so wichtigen Gegenstand durch ein Gesetz geregelt haben wird. Dies ist in der That geschehen. Aller willkürliche Verkehr der Geschlechter mit einander ist untersagt, und die Ehe ist eingesetzt als alleiniges Mittel, durch welches die Menschheit sich mehren und die Erde füllen kann. Daher die vielfachen Verbote, welche die Bibel sowohl als das Buch Mormon in Betreff der Unzucht und des Ehebruchs enthalten, Verbote, welche vom Herrn auch in neuern Offenbarungen an Joseph Smith mehrmals wieder eingeschärft worden sind. Hieraus ist zu ersehen, daß die Latterday-Saints noch mehr Ursache als andere Menschen haben, sich aller fleischlichen Lust, aller unreinen, untugendsamen Begehren, aller unerlaubten Befriedigung ihrer Sinnlichkeit zu enthalten. Sie sind gewarnt durch die heilige Schrift, durch die alten Propheten Amerikas und durch jenen großen Propheten und Offenbarer der Neuzeit Joseph Smith. Und sie sind diesen Warnungen und Verboten gehorsam gewesen, wie ein Blick auf das Gebiet zeigt, wo die Kirche dermalen ihren Hauptsitz hat. Es giebt dort keine unehelichen Kinder, kein Haus von üblem Rufe, keine Klage wegen Verführung vor den Gerichten und keinen Fall von Ehebruch.