315. Eine verbreitete Art der Wahrsagerei ist das Aufschlagen von Büchern. Man schlägt am Sylvester das Gesangbuch (oder auch die Bibel) nach Zufall auf und sucht aus dem ersten Liede der aufgeschlagenen Seite die Zukunft zu deuten. — 316. Hierher gehören auch das Erforschen der Zukunft durch Punktiren mit Hilfe der sogenannten „Punktirbüchlein“, sowie die am Andreasabend gebräuchlichen Arten des Wahrsagens, vgl. [159]–[170].
2. Die Zauberwahrsagekunst.
§ 32 (86 ff.). Hierbei sucht man durch gewisse den Schein des Geheimnißvollen und Magischen an sich tragende Mittel und Wege die Zukunft zu enthüllen. — Die folgenden Anführungen machen auf Vollständigkeit um so weniger Anspruch, als gerade derartige Dinge von den sogenannten Wissenden möglichst verborgen gehalten werden.
317. Die Zauberspiegel, die hie und da bei Jahrmärkten aufgestellt sind, finden immer noch Gläubige. Vgl. [499].
† 318. Am Weihnachtsabend oder am Sylvester sieht man in die Esse; erblickt man dort einen Sarg, so stirbt im folgenden Jahre Jemand aus der Familie (allg.), vgl. [530].
An das Gebiet der Zauberei streift die Wahrsagerei, zu deren Ausführung man sich auf das geheimnißvolle Gebiet der Kreuzwege begiebt, deren Bedeutung wohl aus dem unheimlichen Gefühl der Rathlosigkeit stammt, welches den der Gegend unkundigen Wanderer, besonders in der Nacht, an einem Kreuzwege befällt (Wuttke § 102). Dort halten Abends die Hexen ihre Sitzungen (Annaberg), man tritt also damit unter den Einfluß dieser Dienerinnen des Teufels, ähnlich wie bei dem Horchen an einem Astloch, vgl. [163].
319. Am Sylvester, Nachts 12 Uhr, stelle man sich auf einen Kreuzweg, um aus irgend einem Zeichen, z. B. einem vorüberfliegenden Vogel, die Zukunft zu errathen (Dittersdorf); sieht man aus einem Hause Lichter herausfahren, so wird dort im Laufe des Jahres Jemand sterben (Lauter), oder nach der Gegend zu, wo Leuchtkugeln (?) fallen, wird Feuer ausbrechen (Zwönitz). — * 320. Oder man beschreibt auf dem Kreuzweg einen Kreis, murmelt Zauberformeln und ruft einen Verstorbenen beim Namen. Der Geist erscheint und sagt auf Verlangen Alles, was in dem neuen Jahre vorfällt. Steht der Geist nicht, so stirbt der Beschwörer (Grünstädtel, Schwarzbach). — * 321. Minder gefährlich, aber auch weniger zuverlässig ist, wenn man sich blos horchend aufstellt, ohne einen besonderen Geist zu citiren. Zuweilen hört man dann auch (wahrscheinlich, wenn einer der Geister gerade Zeit oder Lust hat), was im neuen Jahre geschieht. In Ermangelung eines Kreuzweges thut ein Kreuzbalken, an dem man horcht, dieselben Dienste (Zwickau).
* 322. Hierher gehört auch das geheimnißvolle „Kornhorchengehen.“ Man lege sich am Sylvester Mitternachts an einen Feldrand, namentlich wo Winterkorn gesäet ist, dann hört man, was in dem neuen Jahre sich zutragen wird (Raschau). Vgl. auch [160] ff.
Zu den Zauberwahrsagereien gehören auch alle, die mit Erbsachen — vom Vater und Großvater ererbt — vorgenommen werden. Es liegt diesem Aberglauben der ächt deutsche Sinn zu Grunde, daß solch ein Erbstück Liebe und Interesse für das Haus habe, gleichsam Träger oder Organ der das Haus schützenden Ahnengeister sei. Der Erbschlüssel vertritt das Recht des Hausbesitzes, der Erbzaun den Besitz des ganzen Gehöftes. Daher das erfolgreichere Bleigießen durch einen Erbschlüssel und das Rütteln eines Erbzaunes am Andreasabend, vgl. [162], [303], [305 a], [326], [430] u. [442].
Der Wahrsagereien durch klopfende Tische und durch vermeintliche Somnambulen (vgl. [458]) gedenken wir nur beiläufig. Jene spielten namentlich 1853 und folgende Jahre eine nicht unwichtige Rolle auch im Gebirge und diese tauchen von Zeit zu Zeit mit mehr oder weniger Zulauf je nach ihrer Geschicklichkeit hie und da auf.