Schließlich verwahren wir noch das sächsische Obergebirge und insbesondere die häufig angeführten Ortschaften, bezüglich der ersten Abtheilung unserer Abhandlung, gegen die Folgerung, als ob dort der Aberglaube heimischer sei wie anderwärts. Er ist überall zu Hause: man muß ihn nur in der rechten Weise und bei den rechten Leuten zu suchen wissen. Damit ist aber nicht, so wenig wie durch vorliegende Abhandlung bezüglich des Gebirges, behauptet, daß, wo ein Aberglaube vorhanden ist, derselbe auch wirklich überall geglaubt werde, sondern er wird vielfach nur als alte Gewohnheit bewahrt, wohl auch in Erwägung gezogen, ohne ihm in den meisten Fällen große Tragweite beizumessen. Es ist daher aber auch hohe Zeit, diese Nachklänge aus dem Heidenthum unserer Urväter zu sammeln, so lange sie noch ihr Scheinleben fristen.

Bei der zweiten Abtheilung hat uns nebenbei die Absicht geleitet, dem oder jenem Vorurtheil, das, in Bezug auf das Obergebirge, noch verbreitet ist, durch die selbst redende Anführung der bestehenden Verhältnisse und Gewohnheiten entgegenzutreten. Mögen hierin, wie in der ganzen Arbeit, die Leser, welche der in Rede stehenden Gegend angehören, ein Zeugniß erkennen, daß der Verfasser dem Obergebirge fort und fort ein treues Gedächtniß bewahrt.

Pirna, den 31. März 1862.

Erste Abtheilung.
Aberglauben.

Bei Anordnung dieser Abtheilung sind wir meist der Schrift von Dr. Adolf Wuttke, Professor der Theologie zu Berlin: „der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart“ (Hamburg, 1860) gefolgt, weil dieselbe auf diesem Gebiet der Literatur vor der Hand als maßgebend gilt und wir unsere Arbeit nur als einen kleinen Beitrag zur Vervollständigung des bereits dort angesammelten reichen Materials halten. Nur bei den Festzeiten (siehe unter „Schicksalszeiten“) haben wir, um Alles das, was dieselben in abergläubischer Beziehung charakterisirt, nicht zu sehr zu zersplittern, Vieles vorausgenommen, was nach logischer Ordnung unter das Kapitel der Zauberei gehören würde. Abgesehen von dieser, wie wir glauben, gerechtfertigten Inconsequenz liegt vorliegender Abtheilung folgender logischer Plan zu Grunde. Im ersten Kapitel ist zusammengestellt, wann und woraus der Aberglaube das künftige Schicksal zu erkennen sucht. Hier kommen die Schicksalszeiten und Schicksalszeichen zur Sprache. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem, was der Aberglaube thut, um Unglück von sich ab- oder Glück sich zuzuwenden, behandelt also die Zauberei und zwar deren Mittel und deren Zweck. Im Uebrigen müssen wir sowohl, was die Rechtfertigung dieser Eintheilung, als die weitere Ausführung und Begründung des Einzelnen anbelangt, auf das Wuttke’sche Buch selbst verweisen.

Bemerkung. Die bei einzelnen Paragraphen in Parenthese beigefügten Zahlen sind die Paragraphenziffern von Wuttke, der deutsche Volksaberglaube. Die mit Sternchen *) bezeichneten Sätze finden sich bei Wuttke nicht, die mit Kreuz †) weichen von dem von ihm Mitgetheilten mehr oder weniger ab.

Erstes Kapitel.
Das Erkennen des künftigen Schicksals.

I. Die Schicksalszeiten.

§ 1 (6 ff.). Schicksalszeiten nennen wir solche, die nach dem Volksaberglauben an und für sich einen glücklichen oder unglücklichen Einfluß auf Schicksal und Thun des Menschen ausüben und die ihm daher im Voraus einen Blick in den Ausgang eines in solch eine Zeit fallenden Ereignisses gestatten, sowie durch klügliche Benutzung solcher Weisheit es ihm ermöglichen, Glück sich zuzuwenden oder Unglück von sich abzuwehren.

§ 2. Bezüglich des einzelnen Tages hat der Vormittag den Vorzug vor dem Nachmittag.